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Zeichen vom Himmel? Oder nur ein Wetterphänomen?

Rüdiger | ZDDK | MIMIKAMA, 5. Juli 2018
Zeichen vom Himmel? Oder nur ein Wetterphänomen?
Zeichen vom Himmel? Oder nur ein Wetterphänomen?

Momentan macht ein Video die Runde, in dem man an einem bewölkten Himmel eine seltsame Erscheinung beobachten kann, die in den Kommentaren in verschiedene Richtungen gedeutet wird.

Um dieses Video geht es:

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Man kann innerhalb der ersten 10 Sekunden beobachten, wie sich im Lichthof der Sonne eine Erscheinung von links nach rechts bewegt. Dies wird auf der Seite, die dieses Video geteilt hat, nicht weiter kommentiert oder gedeutet. Umso abenteuerlicher fallen jedoch die Deutungen aus, die in den Kommentaren zu lesen sind.

Gotteserscheinung und Project Blue Beam

Jemand spaziere da durch die Wolken, heißt es dort. Es sei eine Gotteserscheinung, meinen andere Kommentatoren. Wieder andere reden von „Project Blue Beam“, man solle sich nicht täuschen lassen. Selbst die SUN behandelt das Thema und zitiert unkommentiert die waghalsigen Deutungen unter dem Video.

Project Blue Beam? Was ist denn das nun wieder? Dies in aller Detailliertheit hier auszuführen, würde den Rahmen sprengen, aber grob gesagt handelt es sich um eine Verschwörungstheorie in Zusammenhang mit der „Neuen Weltordnung“ (NWO), bei der die Menschen durch das Auftreten von religiösen Symbolen am Himmel oder auch UFOs beeinflusst werden sollen, um diese für den Tag gefügig zu machen, wo besagte „Neue Weltordnung“ eintreten soll.

Nun klingt das Ganze ja schon sehr abenteuerlich – was ist es denn nun wirklich?

Die Wahrheit

Um es vorweg zu nehmen: Es lässt sich mit der vorhandenen Beweislage (Video) nicht eindeutig sagen, weil schlicht und einfach die Faktenbasis fehlt und das Video von der Qualität her nicht all zu gut ist.

Was man aber machen kann: Sich eines heuristischen Prinzips aus der Scholastik bedienen, welches in der Wissenschaftstheorie und wissenschaftlichen Methodik Anwendung findet:

Ockhams Rasiermesser

Rasiermesser? Ja. Allerdings natürlich nur metaphorisch. Es geht im Prinzip darum, dass die einfachste Erklärung für ein Phänomen meistens die richtige ist. Je mehr Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Erklärung valide ist, desto unwahrscheinlicher ist die Erklärung, oder auch „Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“ – „Wesenheiten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden.“

Benannt nach Wilhelm von Ockham, einem im 13. und 14. Jahrhundert lebenden Philosophen und Schriftsteller, beschreibt dieses Prinzip eine Herangehensweise an eine Fragestellung, bei der die unlogischen und unwahrscheinlichen Antworten wie mit einem Rasiermesser entfernt werden – was dann übrig bleibt, ist wahrscheinlich die richtige Erklärung.

Ein Beispiel

Wenn man sich ein Frühstücksei kocht und dieses am Ende zu hart ist, dann könnte man als Erklärung behaupten, dass ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum dafür gesorgt hat, dass die Zeit für das Ei schneller vergeht, was dann zur Folge hat, dass dieses viel zu lange gekocht wurde, es also deshalb hart ist.

Man könnte jedoch auch einfach behaupten, dass man vergessen hat, auf die Uhr zu schauen, und das Ei deshalb so hart geworden ist.

Beides würde das Phänomen erklären. Allerdings wären für die erste Variante mit dem Kontinuum eine ganze Menge an Voraussetzungen zu erfüllen, damit die Hypothese bestätigt würde. Beispielsweise allein die Tatsache, dass es sowas wie einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum wirklich gibt, und dass dieser tatsächlich Einfluss auf das Frühstücksei gehabt hat.

Übertragen auf das Video hieße das dann, dass die Erscheinung entweder ein Zeichen Gottes ist, eine holografische Projektion im Rahmen von „Project Blue Beam“…

…oder einfach nur ein Wetterphänomen. Oder der Überrest einer Turbulenz, die Bereiche der Wolken bedeckt?

„Aber man sieht da doch was…“

Ja, natürlich. Und wenn man weiß, was es nach gewissen Theorien eventuell sein könnte, sieht man auch genau das, was man sehen will. Daran ist unser Gehirn schuld: Dieses ist bestrebt, in allen Formen bekannte Muster zu entdecken. In diesem Fall eben Gott oder wen auch immer. Dieses Phänomen nennt sich Pareidolie und ist allgemein bekannt: So erkannte man auf ersten Aufnahmen der Marsoberfläche, die die Sonde Viking 1 am 25.07.1976 gemacht hat, „eindeutig“ ein Gesicht:

Bild: NASA/JPL
Bild: NASA/JPL

Bei genauerer Betrachtung weiß man heute allerdings, dass dieses Gesicht nur eine optische Täuschung war:

Bild: ESA/DLR/FU Berlin (G. Neukum), MOC (Malin Space Science Systems)
Bild: ESA/DLR/FU Berlin (G. Neukum), MOC (Malin Space Science Systems)

Man erkennt klar den Berg, der durch ein Licht- und Schattenspiel wie ein Gesicht aussah.

Die Fakten

Was wir wissen ist, dass das Video in der Nähe von Tuscaloosa, Alabama, USA aufgenommen wurde und dass dort zu der Zeit ein Sturm aktiv war.

Wir wissen, dass es verschiedene Wetterphänomene gibt, die so aussehen können.

Wir können also davon ausgehen, dass wir bei dieser einfachen und plausiblen „Wetterphänomen-Lösung“ schon mal nicht falsch liegen.

Und nun?

Theoretisch könnte sich nun jeder ein komplettes Bild machen, dieses Phänomen bewerten und dabei mit einbeziehen, ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Weltverschwörungs-Elite mithilfe von riesigen Hologramm-Projektoren so etwas an den Himmel zaubert, oder ob es gar Gott selbst ist, der dort durch die Wolken läuft, oder ob es nur eine Turbulenz oder eine Regenfahne ist, die im geeigneten Licht wie ein Spaziergänger anmutet.

Wir können jedenfalls aufgrund der Faktenlage nicht genau erklären, was es ist, wohl aber können wir unnötige Annahmen aussondern, besonders in diesem Fall, wo die alternativen Erklärungen schon recht weit hergeholt sind. Zumal sich das Phänomen recht einfach erklären lässt und die „natürliche“ Erklärung immer noch die plausibelste ist.

Autor: Rüdiger

 


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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