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Winnetou und Karl May nicht verboten!

Phantomdiskussion um Winnetou und Karl May: Auf Social Media wird häufig behauptet, dass die Werke des Schriftstellers Karl May in Deutschland verboten werden. Allem voran die Bücher, in denen die Kunstfigur Winnetou auftaucht. Doch das ist komplett falsch!

Andre Wolf, 29. August 2022

„Winnetou darf nicht sterben“ titelt eine große deutsche Boulevardzeitung. Ein Titel, mit dem diese Zeitung enorm viele Emotionen entfacht und auch in die Traditions- und Verlustangstkerbe schlägt. Es geht um die seit Tagen ausgefochtene Diskussion, dass Winnetou „kolonialistisch“ und „rassistisch“ sei, und somit verboten werde.

Auf die Vorwürfe werden wir hier nicht eingehen, sondern die Behauptungen an sich betrachten und einen weiterführenden Blick auf das Phänomen der „Phantomdiskussion“ werfen. Dieses Phänomen ist nicht neu, aber komplett auf die Diskussion zu Winnetou und Karl May übertragbar und lässt verstehen, warum derzeit so viel Falschbehauptungen rund um die Bücher und Filme unterwegs sind.

Es gibt kein „Winnetou-Verbot“

Doch beginnen wir mit den Basics. Beginnen wir mit der Frage, ob „Winnetou“ verboten worden ist, Karl May-Bücher einer Zensur unterliegen oder die ARD aus vorauseilendem Gehorsam die Filme aus dem Programm genommen hat.

Wurden die Winnetou-Bücher von Karl May verboten oder zensiert?
Nein. Es gibt keinerlei Verbote um diese Bücher. Mehr sogar: Die fiktiven Werke von Karl May sind nicht ansatzweise betroffen. Es geht im Kern lediglich um die Winnetou-Kinderbücher mit dem Titel „Der junge Häuptling Winnetou“ sowie dazu gehörendem Merchandising. Ein Verlag hat diese zurückgezogen. Der Spiegel schreibt hierzu, dass es sich bei den gestoppten Artikeln den Angaben zufolge um Lizenztitel handle. Es seien ein Kinderbuch ab acht Jahren, ein Erstleserbuch, ein Puzzle sowie ein Stickerbuch.

Hat die ARD Winnetou-Filme daraufhin aus dem Programm geworfen?
Nein. Die Winnetou-Filme aus der Karl May-Reihe sind nicht von der ARD aus dem Programm geworfen worden. Kann die ARD auch gar nicht, denn sie hat diese Filme aufgrund abgelaufener Lizenzen seit 2020 gar nicht mehr im Programm. Stattdessen verfügt das ZDF weiterhin über Lizenzen und strahlt die Filme auch aus. Die Website von T-Online hat genauer recherchiert und herausgefunden, dass im Zweiten Deutschen Fernsehen sogar häufig verschiedene Filme aus dem „Winnetou“-Kosmos gezeigt werden.

Zuletzt liefen im Juni gleich zwei Karl-May-Klassiker: „Der Ölprinz“ und „Der Schatz im Silbersee“. Für den 3. Oktober steht bereits die nächste Ausstrahlung im Programmkalender: „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ ist ab 11.30 Uhr von dem öffentlich-rechtlichen Sender aus Mainz eingeplant.

Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_100044368/-winnetou-verbot-bei-der-ard-das-steckt-dahinter.html

Woher kommen diese Behauptungen zu Winnetou?

Bei genauem Hinschauen wird recht schnell klar, dass hier ein Skandal erschaffen wurde, der nur um seiner selbst existiert. Denn weder Karl May-Bücher, noch Winnetou oder irgendwelche Darsteller aus den bestehenden Filmen werden „sterben“ oder verboten werden. Nein, dieser Skandal ist auf Schlagzeilen aus dem Boulevardbereich zurückzuführen, den diverse Blätter durchaus auch mit gewinnbringender Absicht führen dürften.

Denn eine Sache steht definitiv fest: Dieses Thema schürt Emotionen, dieses Thema bringt Klicks, das Thema zerrt ein gern genutztes Feindbild ins Fadenkreuz und vor allem bringt das Thema etwas ganz Wichtiges: Es bringt Geld in die Kassen! Führen wir uns nochmals vor Augen:

Im Ursprung ging es um ein Kinderbuch. Stattdessen wurde von Boulevardmedien suggeriert, es wären die original Karl May-Bücher betroffen und es gäbe ein „Winnetou Verbot“. Genau damit werden bei älteren Generationen Emotionen erschaffen und gleichzeitig das Feindbild der sogenannten „Political Correctness“ errichtet, welches der älteren Generation ihre Kindheit und Jugend, ja gar ihre Identität rauben wolle.

Um dieses Winnetou Verbot zu manifestieren, wurden in diversen Boulevardmedien daraufhin zum einen auf Basis der Falschinformiertheit Multiplikatoren (Promis/Politiker) suggestiv zu einem Winnetou-Verbot befragt. Diese Promis oder Politiker haben aus mangelndem Wissen über die Situation teilweise Unsinn geplappert, der dann abgedruckt oder gesendet wurde.

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Zum anderen wurden auf der Interpretationsebene (bewusst?) falsche Rückschlüsse gezogen. Denn aus diesen Interpretationen heraus tauchten weitere Suggestivschlagzeilen auf, die bei unsauberer Beachtung die Sachlage (nicht vergessen: Es geht eigentlich um die Winnetou-Kinderbücher mit dem Titel „Der junge Häuptling Winnetou“) noch weiter ins Absurde kippten. Ein Beispiel: „„Cowboy und Indianer“-Sänger Olaf Henning: Wird sein größter Hit verboten?“ können wir in diesem Kontext als Schlagzeile lesen. Dieses Lied war, wie so viele andere Spekulationen in diesem Rahmen, in keiner Weise von dem freiwilligen Rückzug des Kinderbuchs betroffen. Es handelt sich auch hier um eine Phantomdiskussion um ihrer selbst willen. Daraus resultiert natürlich Aufmerksamkeit und daraufhin können Klicks und Werbeeinnahmen generiert werden.

Genau aus dieser Situation heraus entstand auch die bereits angeführte unsinnige Darstellung, dass die ARD aufgrund der Thematik Karl May-Filme aus dem Programm genommen hätte. In diesem Zusammenhang muss auch die jüngst mit einer Paywall veröffentlichten Schlagzeile „Witwe von Pierre Brice fleht in Bild – Winnetou darf nicht sterben“ gesehen werden. Niemand hat vor, den 2015 verstorbenen Winnetou-Schauspieler ein weiteres Mal sterben zu lassen.

Kommunikationsstrategien und Medienversagen

Doch diese Schlagzeile wirkt, denn sie erschafft einerseits Emotionen, baut gleichzeitig ein einfach zu konsumierendes Schwarz-Weiß Bild auf und birgt ein Feindbild in sich. Sicherlich, niemand wünscht Hella Brice ein erneutes leidvolles Sterben von Pierre Brice. Das Problem jedoch: Bis auf die Medien, die selbst diese Schlagzeilen produzieren, lässt niemand Pierre Brice literarisch erneut sterben. Hier werden lediglich Emotionen erschaffen. Positivemotionen gegenüber Hella Brice, Negativemotionen gegenüber dem Feindbild der sogenannten Political Correctness.

Was hier geschieht, ist eine mehr oder weniger strategisch angelegte „Volksdesinformation“, um mal einen Begriff in Teilen zuadaptieren, welcher von der federführenden deutschen Boulevardzeitung ebenso gern genutzt wird. Es handelt sich um eine reine Phantomdiskussion, die mit stetig neu verbreiteter anekdotischer Evidenz, suggestiven Formulierungen und bewussten Falschinterpretationen vorangetrieben wird.

Mirko Lange, Strategieberater für Content und Online-Marketing, beschreibt diese Medienstrategie in seinem Artikel „Der erfundene Shitstorm: Chronologie eines Medienversagens“ und bringt es mit dem Satz „Unser Mediensystem ist kaputt.“ genau auf den Punkt. Im Grunde wurden von Beginn an zum Thema Winnetou irreführende und teils falsche Schlagzeilen erschaffen. Mithilfe dieser falschen Schlagzeilen wurde (bewusst?) ein falsches Bild der Situation gezeichnet. An dieser Stelle daher eine deutliche Leseempfehlung für den genannten Artikel, der chronologisch den Ablauf darstellt und zudem zeigt, wie (auch wirtschaftlich) äußerst erfolgreich eine irreführende Berichterstattung ablaufen kann.

Phantomdiskussionen

Bei Phantomdiskussionen handelt es sich um bewusst erschaffene Themen und Zusammenhänge, um eine bestimmte Diskussion und die dazugehörigen Ängste zu fördern. Dieses Phänomen ist nicht neu und haben wir in der Vergangenheit bereits häufig beobachten können. Thematisch drehten sich diese Diskussionen zumeist um Verlustängste. Im Zentrum standen dabei Verlustängste in Bezug auf Traditionen und Identität.

Ob Abschaffung von St. Martin (vergleiche) oder Umbenennung des Osterhasen: All diese Themen existieren lediglich aufgrund ihrer Gesprächswertigkeit auf Social Media. Und auch in der Diskussion um ein vermeintliches Winnetou-Verbot sehen viele Menschen einen Zusammenhang zu den Ängsten um die Verluste von Tradition und Identität.

Der Fernseh- und Radiomoderator Nils Bokelberg spitzt in einem Thread auf Twitter seine Aussage auf die Formulierung „Es geht nur um Nostalgie und die Unmöglichkeit, die eigene Kindheit loszulassen.“ zu. Er vertritt darin die Ansicht, dass es bei dem vermeintlichen Winnetou-Verbot lediglich um Ängste einer älteren Generation handle, jüngere Generationen würden kaum Interesse an Karl May und seinen Büchern haben und somit auch gar nicht an Verbote dieser Bücher denken. Es tangiert sie schlichtweg nicht.

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Daher gilt es, sachlich auf das Thema zu schauen. Niemand will die fiktiven Werke von Karl May verbieten, zensieren oder gar verbrennen. Die mediale Phantomdiskussion beruht lediglich auf Suggestivdarstellungen, gezielten und tendenziösen Interpretationen und einem Haufen unsinniger Aussagen von Menschen, die das Thema nur über die Phantomdiskussion selbst reflektieren.

Titelbild: Bild von Sam Williams auf Pixabay 


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