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Faktencheck: Der Bericht des Whistleblowers aus dem Berliner Pflegeheim

Kathrin Helmreich, 19. Februar 2021
Impfungen auch in einem Berliner Pflegeheim - Artikelbild: Shutterstock / Von lev.studio
Impfungen auch in einem Berliner Pflegeheim - Artikelbild: Shutterstock / Von lev.studio

In einem Berliner Pflegeheim sollen nach einer Covid-19-Impfung acht Personen gestorben sein. Die Agaplesion Bethanien Diakonie bezieht Stellung zu diesen Vorwürfen.

Aktuell erhalten wir einige Anfragen zu einem Artikel, der mit dem Titel „Whistleblower aus Berliner Altenheim: Das schreckliche Sterben nach der Impfung“ für Aufregung sorgt. Dazu gibt es ein Video der „Stiftung Corona-Ausschuss“ mit der Frage „Impftod in Berliner Altenheim?“.

Es wird behauptet, dass acht Personen in dem Berliner Pflegeheim „Agaplesion Bethanien Havelgarten“ gestorben seien, nachdem sie mit dem Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer geimpft wurden. Zudem soll das Heim die Bewohner und Angehörigen unzureichend aufgeklärt und die Impfung durch Einschüchterung von der Anwesenheit der Bundeswehr durchgesetzt haben.

Der Faktencheck

Laut den Kollegen von Correctiv starben sechs Menschen, nicht acht, in dem Heim in Zusammenhang mit dem Coronavirus und nicht, wie behauptet wird, an der Corona-Impfung. Der Betreiber der Einrichtung dementiert die Behauptungen, zudem sind die Anschuldigungen in dem angefragten Artikel unbelegt.

Die Faktenchecker von Correctiv haben bei den Betreibern des Pflegeheims der Agaplesion Bethanien Diakonie nachgefragt und erhielten ein umfangreiches Antwortschreiben, welches hier eingesehen werden kann. Dem Pflegeheim zufolge, starben sechs Bewohnerinnen und Bewohner nach einer Covid-19-Infektion.

Der Ablauf im Detail:
Wie die Agaplesion Bethanien Diakonie erklärt, wurden am 27. und 29. Dezember alle Bewohnerinnen und Bewohner negativ auf das Coronavirus getestet. Die erste Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer erhielten dann 32 von 35 Bewohnern des Wohnbereichs für Menschen mit Demenz am 3. Januar.

Im Zeitraum des 4. und 9. Januar seien dann bei erneuten Schnelltests und „zeitgleich mit dem Erkennen von möglichen Corona-Symptomen“ 13 Personen in diesem Demenz-Wohnbereich positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die ersten Symptome sind also nach Aussagen der Agaplesion Bethanien Diakonie am 4. Januar aufgetreten. Im Laufe des Januars starben dann sechs Personen, sieben seien wieder genesen.

Am 24. Januar wurde dann die zweite Impfung im Wohnbereich für Demenz durchgeführt, bei der 24 Menschen geimpft wurden. Aufgrund des Gesundheitszustands wurde die Impfung bei zwei Personen nicht durchgeführt.

Laut dem Betreiber sei es „zu keiner Zeit zu übergriffigen Handlungen oder Zwängen“ gekommen und auch die Bewohner bzw. die Angehörigen und Betreuer hätten noch vor Weihnachten einen Aufklärungsbogen und ein Einwilligungsformular erhalten. So wurden nur jene auch wirklich geimpft, die ihre Einwilligung erteilten. Anders als behauptet, seien keine „alten Unterlagen“ zur Aufklärung verwendet worden.

Weiters war bei der ersten Impfung ein Bundeswehrsoldat in einem Einwegkittel bekleidet anwesend. Die Anwesenheit dessen sei bei mobilen Impfteams üblich. Der Soldat habe „zu keiner Zeit direkten Kontakt zu Bewohnerinnen und Bewohnern“ gehabt, sondern nur dokumentiert. Bei der zweiten Impfung war hingegen kein Soldat mehr anwesend. Die Bundeswehr berichtet darüber auf ihrer eigenen Webseite.

In Bezug auf die zweite Impfung, sei diese auch nicht „ohne Vorwarnung“ passiert, sondern war laut Agaplesion Bethanien Diakonie geplant und bekannt. („konkret 21 Tage nach der Erstimpfung“)

Die Symptome nach der Impfung entsprächen den „im Aufklärungsmerkblatt angegeben typischen Impfreaktionen“. Zum Beispiel „leichte Symptome von Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schmerzen an der Einstichstell“ und widersprechen der in den angefragten Berichten aufgestellten Behauptungen.

Dass ein Zusammenhang zwischen den positiven Tests und den Impfungen besteht, ist laut den Betreibern „extrem unwahrscheinlich“. Denn der Impfstoff von Biontech/Pfizer enthält selbst keine Viren. Weder „lebend“ noch abgeschwächt. Es handelt sich um einen mRNA-Impfstoff, der die genetische Information für ein Oberflächenprotein des Coronavirus enthält. Mehr zur mRNA-Impfung und wie diese funktioniert, findest du in diesem Artikel..

Antigen-Schnelltests reagieren zwar tatsächlich auf Virus-Proteine, aber die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) erklärt, dass die meisten in Deutschland verwendeten Antigen-Schnelltests nicht das S-Protein, sondern das Nucleocapsid-Protein (N-Protein) verwenden.

Weiters tritt die Schutzwirkung der Covid-19-Impfung nicht sofort ein. Es ist möglich, sich mit dem Virus zu infizieren und zu erkranken, obwohl man bereits die erste Impfdosis erhalten hat. (Siehe hierzu den Artikel von Correctiv) Zudem benötigt der Biontech/Pfizer-Impstoff zwei Impfdosen im Abstand von mindestens drei Wochen, um einen kompletten Schutz zu bieten.

„Der Impfschutz beginnt frühestens 14 Tage nach der ersten Impfung und die hohe Effizienz von 94% bzw. 95% wurde erst ab Tag 7 bzw. 14 nach der zweiten Impfung dokumentiert“,

heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Im Fall des Berliner Pflegeheims lag zwischen der ersten Impfung (3. Januar) und den ersten Corona-Symptomen (4. Januar) nur ein Tag. Der letzte negative Corona-Test aller Bewohner lag zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens fünf Tage zurück (getestet wurde am 27. und 29. Dezember 2020). Es sei also möglich, dass sich jemand in der Zwischenzeit infiziert hat.

Der angebliche „Whistleblower“ ist nach Angaben des Pressesprechers der Agaplesion Bethanien Diakonie bisher noch nicht identifiziert.

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Quelle: Correctiv
Artikelbild: Shutterstock / Von lev.studio


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