Ukraine Krise / Ukraine Krieg: Faktenchecks

Vorsicht: Kriegspropaganda über Telegram

Der Messengerdienst Telegram ist im Krieg gegen die Ukraine ein relevantes Medium. Die App wird auch zur Verbreitung von Fake News eingesetzt. Maßnahmen gegen die Desinformation sind vom Unternehmen nicht geplant. Diese Haltung sei „unverantwortlich“.

Nicole Mühl, 11. März 2022
Telegram und seine Rolle im Krieg in der Ukraine
Telegram und seine Rolle im Krieg in der Ukraine

Kriegspropaganda über Telegram: Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Informationskrieg. Regierungskritische Sender wurden in Russland abgeschaltet, die staatliche Kontrolle der Medien führt dazu, dass es in Russland kaum mehr möglich ist, an Informationen zu kommen, die nicht von der Regierung abgesegnet sind. Bereits zu Beginn des Krieges hat Russlands Medienaufsichtbehörde Roskomnadsor verboten, dass in der Berichterstattung Begriffe wie „Angriff“, „Invasion“ und „Kriegserklärung“ gegen die Ukraine verwendet werden. Wir haben hier darüber berichtet.

Auch nicht-russische Medien sind inzwischen, wie berichtet, gefährdet – seit 5. März 2022 gilt das neue russische Mediengesetz, das die Verbreitung angeblicher Falschinformationen über die russischen Streitkräfte mit hohen Geldstrafen und bis zu 15 Jahre Haft bestraft. Nicht allein Journalisten sind betroffen. Das Auswärtige Amt warnt auch vor privaten Äußerungen in sozialen Medien. 

Telegram und seine Rolle im Krieg in der Ukraine

Der Messengerdienst Telegram hat seit der Invasion Russlands in die Ukraine an Bedeutung gewonnen. Die App ist in Russland viel wichtiger als Twitter und Facebook. Schätzungsweise jeder vierte russische Einwohner verfügt über einen Account. Hier können die russische Regierung und die Staatsmedien ungestört ihre Propaganda verteilen, ohne Faktenchecks oder Löschungen befürchten zu müssen. Mit der Gruppenfunktion können Nutzerinnen und Nutzer öffentlich miteinander kommunizieren – und auch gezielt Fake News verbreiten. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird nicht nur mit Waffen ausgetragen, sondern auch mit Informationen und Falsch-Informationen. Selbst Telegram-Gründer Pavel Durov hat in einem Statement davor gewarnt, dass Telegram-Kanäle zunehmend zu einer Quelle für nicht verifizierte Informationen über ukrainische Ereignisse werden. (HIER) und (HIER)

Dabei werden immer wieder auch Fehlinformation über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gezielt von russischer Seite verbreitet. 

So war etwa die Behauptung des russischen Parlamentspräsidenten Wjatscheslaw Wolodin am 4. März, dass Selenskyj das Land verlassen habe und sich in Polen aufhalte, ein Fake. Auch hier wurde die Nachricht unkontrolliert über Telegram verbreitet.

Und auch ein Nutzer, der sich zwei Tage nach Einmarsch der Russen in der Ukraine als ukrainischer Präsident ausgab und die ukrainischen Soldaten via Telegram aufforderte, sich zu ergeben, war ein Fake, wie der echte Selenskyi auf seinem offiziellen Telegram-Kanal klarstellte. Über den gefälschten Account wurden jedoch bereits 20.000 Nutzer erreicht, bevor er abgedreht wurde. Dies ist ein weiteres Beispiel, wie schnell und unkontrolliert sich Fake-News über Telegram verbreiten. 

Die Gefahr 

Wie gefährlich der Ablauf bei Telegram sein kann, zeigt Olexandra Zechanowska von der Organisation Ukraine Crisis Media Center in Kiew auf. Die Haftung sei für Telegram schon immer ein Problem gewesen, weshalb es schon vor dem Krieg bei Rechtsextremisten und Terroristen in aller Welt so beliebt war.  So kann beispielsweise jemand, der sich als Ukrainer ausgibt, über Telegram nicht nur Falschinformationen verbreiten, sondern den Kanal auch zur Spionage nutzen und Daten sammeln. Beispielsweise über die Lage von Schutzräumen. So sind Ukrainer über Telegram aufgefordert worden, ihre Handys zu bestimmten Zeiten, als Cybersicherheitsmaßnahme auszuschalten. Die Menschen konnten in dieser Zeit vor Luftangriffen über ihre Smartphones nicht gewarnt werden und wurden durch diese Fehlinformation in Lebensgefahr gebracht. (Quelle)

Maßnahmen gegen russische Kriegspropaganda

Wie nun bereits erwähnt, hat auch Telegram-Gründer Pavel Durov zugegeben, dass seine Plattform nicht alle Kanäle überprüfen könne. Er hat auch angekündigt, dass es möglich ist, einige einzuschränken. Passiert ist dies allerdings nicht, da sich Nutzer beschwerten. Andere Plattformen wie Facebook und Twitter oder die Messaging-Plattform WhatsApp versuchen die Falschinformationen stärker zu bekämpfen und setzen Maßnahmen.

Twitter markiert nun auch Tweets und Accounts, die Links zu Inhalten staatsnaher belarussischer Medien verbreiten. Da Belarus ein Russland-Verbündeter ist, bestehen Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Informationen staatlich gesteuerter Medien. Wie zuvor im Fall russischer staatlich gesteuerter Medien ist der Schritt dazu gedacht, die Sichtbarkeit unglaubwürdiger Inhalte gering zu halten. (HIER)

Auch Facebook hat am 9. März 2022 seine Maßnahmen im Rahmen der russischen Invasion der Ukraine erweitert und veröffentlicht:

  • Wir haben den Zugang zu RT und Sputnik in der EU und Großbritannien blockiert sowie die Inhalte von Facebook-Seiten und Instagram-Konten staatlich kontrollierter russischer Medien heruntergestuft und ihre Auffindbarkeit auf unseren Plattformen erschwert.
  • Wir aktualisieren Community Help als zentrale Ressource auf Facebook, um Ukrainer*innen und anderen Menschen in der Region verlässliche Informationen von lokalen UN-Organisationen und Rotkreuz-Organisationen zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören Informationen darüber, wo es medizinische Hilfe gibt, wie sie sich in Sicherheit bringen und wie sie Unterstützung finden können.
  • Wir haben ein Special Operation Center eingerichtet, um laufend auf Aktivitäten auf unseren Plattformen reagieren zu können. Es ist mit Expert*innen, darunter auch russische und ukrainische Muttersprachler*innen, besetzt, um unsere Plattformen rund um die Uhr genau zu beobachten und so schnell wie möglich handeln zu können.
  • Wir beobachten die Situation vor Ort laufend und werden unsere Maßnahmen entsprechend anpassen. Wir haben hier darüber berichtet. 

Auch WhatsApp setzt Maßnahmen. Die Messaging-Plattform begann bereits im Zuge der Corona-Pandemie, Falschinformationen stärker zu bekämpfen. So beschränkte WhatsApp beispielsweise die Zahl der Weiterleitungen und entwickelte Algorithmen, um anstößige Inhalte zu erkennen. (Quelle)

Und Telegram?

Hier wären kontrollierende Maßnahmen dringend notwendig. Bereits vor dem Krieg ist Telegram bei Rechtsextremisten und Terroristen in aller Welt so beliebt gewesen, sagt Oleksandra Zechanowska. Der Messengerdienst wird als einseitiger Kanal zur Verbreitung von Nachrichten genutzt, ohne dass Fake News widersprochen wird.

Rund 500 Millionen Nutzerinnen und Nutzer hat Telegram. Diese können hier ihre Meinung kundtun, egal wie absurd oder gefährlich diese sein mag. Hassbotschaften inklusive. Es gibt keinen äußeren Faktencheck und kaum Moderation. Maßnahmen gegen Desinformation zu setzen, sind nicht in Sicht. Vielmehr sei es laut Telegram-Sprecher Remi Vaughn in der Eigenverantwortung der Nutzerinnen und Nutzer, dass diese selbst doppelt überprüfen, was sie lesen. Oleksandra Matwijitschuk, Leiterin der Organisation Center for Civil Liberties, hält diese Haltung für „unverantwortlich“. (Quelle)

Quelle: Standard.atn-tvReuters


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