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Für islamistische Anschläge werden oft alle Muslime verantwortlich gemacht. So können wir das stoppen.

Für islamistische Terroranschläge werden oft sämtliche Muslime mitverantwortlich gemacht. Doch Vorurteile können wir nicht mit der Nazi-Keule bekämpfen. Studien zeigen, dass eine andere Strategie besser funktioniert.

Von den Kommentarspalten in Facebook bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gibt es viele Menschen, die die Vorstellung verbreiten, dass alle Muslime, als Kollektiv, unsere westliche Zivilisation bedrohen würden. Unzählige Einzelfälle werden exemplarisch als Beweise aufgezählt (Hier Fakten und Zahlen zum Thema), die meisten davon aus dem Kontext gerissen oder völlig erfunden, um ein Feindbild in den Köpfen der Menschen zu zementieren.

Diese kollektive Schuldzuschreibung, wenn wir eine ganze, manchmal willkürlich definierte Gruppe für die Handlungen einzelner Individuen verantwortlich machen, führt dazu, dass die gängigen Accounts bei Meldungen zu echten oder lediglich vermeintlichen Anschlägen oder Vorfällen schon den Schuldigen zu kennen glauben, bevor man überhaupt weiß, was passiert ist, da ein Täter ja schließlich aus dem „feindlichen Kollektiv“ stammen muss.

Islamophobie hat nichts mit Fakten zu tun

Es ist nichts Logisches daran, eine Milliarde Menschen zu beschuldigen, welche überall auf der Erde leben und teilweise nichts miteinander gemeinsam haben bis auf ein paar religiöse Traditionen. Man würde ja auch nicht alle Weißen für die Taten Dylann Roofs verantwortlich machen, der in den USA neun Afro-Amerikaner in einer Kirche niederschoß, in der Hoffnung, einen Krieg zwischen Schwarzen und Weißen auszulösen, [Quelle] oder alle Deutschen wegen dem NSU.



Aber kollektive Schuldzuschreibungen sind allgegenwärtig. Psychologen erforschen das Phänomen und auch wie man es bekämpfen kann. Eine Reihe an Experimenten, die im Magazin Personality and Social Psychology Bulletin erscheinen [Quelle], zeigen auf, wie Menschen, die solchen Vorurteilen anheim fallen, mit zweierlei Maß messen. Die Wissenschaftler Emile Bruneau und seine Kollegen Nour Kteily und Emily Falk zeigen in den Studien, wie man dem am effektivsten entgegenwirken kann.

Die Nazi-Keule ist völlig nutzlos

Kollektive Schuldzuschreibungen existieren in keinem Vakuum: Sie korrelieren mit vielen anderen Ideen und Verhaltensweisen, welche die feindseligen Einstellungen gegenüber Muslimen verstärken. Die Studie zeigt, dieses Verhalten korreliert mit der Fähigkeit, jemanden Dehumanisieren zu können – Der Vorstellung, dass andere weniger menschlich sein können.

Des Weiteren korreliert es mit der Unterstützung für anti-muslimische politische Maßnahmen und Vorurteilen ihnen gegenüber. Menschen, die dieses Verhalten zeigen, neigen eher dazu, Aussagen wie „Wir sollten die Burka verbieten“ oder „Wir sollten es verbieten, neue Moscheen zu bauen“ zuzustimmen. Sie würden eher mehr Überwachung in Vierteln mit hohem Anteil an Muslimen fordern, als den Bau von Bibliotheken in diesen Gegenden.

„Wenn du eine ganze Gruppe für die Taten eines Individuums verantwortlich machst, ist es völlig verständlich, deine Rache an irgendeiner Person aus dieser Gruppe auszulassen“, sagt Bruneau, ein Neurowissenschafter an der Universität in Pennsylvania. „Man beginnt einen Kreislauf, in welchem immer neue Gewalt gegen völlig unschuldige Mitglieder der anderen Gruppe verübt wird.“

Bruneau sieht in der kollektiven Schuldzuschreibung den richtigen Ort, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Die Fakten sind klar – Doch wie erreicht man diejenigen, die man erreichen möchte?

In einem anderen Artikel (Hier) habe ich bereits erklärt, dass viele Bemühungen, Fake- News und Mythen aufzuklären, nicht diejenigen erreichen, die man erreichen will, sondern nur diejenigen, die sowieso nicht so denken. In einer Konfrontation jemanden als „Nazi“, „Rassist“ oder dergleichen zu beschimpfen, ist nicht nur wirkungslos, sondern hat sogar den gegenteiligen Effekt. In Betroffenen wird das Bedürfnis geweckt, sich zu verteidigen, anstatt zu verstehen. Das gleiche gilt für’s Anprangern. Und oft machen wir einen entscheidenden Fehler: Die Argumente, die wir für die überzeugendsten halten, sind oft nicht diejenigen, die funktionieren.

Das Aufzeigen von Doppelmoral kann helfen

Bruneau und seine Kollegen machten etwas ungewöhnliches: Sie fragten Organisationen und Gruppen, welche Videos sie nutzen, um anti-muslimische Vorurteile zu bekämpfen. Sie sammelten 60 Videos, von welchen einige darum bemüht waren, Muslime als menschlich und nahbar darzustellen, um zu zeigen, dass sie hart arbeitende und wohl gesinnte Mitglieder ihrer Gesellschaften sind, andere zeigten, dass in muslimischen Kulturen die Menschen dem Westen und den USA mehrheitlich wohlwollend gegenüberstehen.

Ein Video zeigte einen jungen, weißen Konservativen, der seine Meinung über Muslime geändert hatte, nachdem er in eine Moschee eingeladen worden war. Ein weiteres Video war ein Clip aus John Oliver’s Last Week Tonight, in welchem dieser Fox News, einen konservativen TV-Kanal, wegen seiner vorurteilsbehafteten Berichterstattung kritisierte.

Das einzige Video, das negative Einstellungen gegenüber Muslimen verbesserte, war jenes, welches erklärte, wie heuchlerisch es sei, alle Muslime für die Taten Einzelner verantwortlich zu machen. Im Video wird gezeigt, wie eine Muslima erklärt, dass der rassistische Ku Klux Klan und andere Hassgruppen christlichen Glaubens sind und man gleichzeitig nicht alle anderen Christen dazu auffordert, sich von deren terroristischen Gewalttaten zu distanzieren.

“The Westboro Baptist Church, they were Christians. The KKK was lynching people in this country — they were also Christians. This fixation and obsession with asking Muslims to condemn all acts of terrorism … is ridiculous, and it wears me out.”

Diejenigen, die dieses Video gesehen hatten, neigten weniger dazu, Muslime kollektiv schuldig zu sprechen. Die Kontrollgruppe, die ein Video gezeigt bekam, in welchem eine arabische Frau sich dafür aussprach, allen Muslimen die Schuld für globale Konflikte zu geben, neigten hingegen mehr dazu.

Und wie bringen wir Menschen dazu, die Doppelmoral zu sehen?

Die Wissenschaftler erstellten einen Fragebogen, der zunächst fragte, wie sehr man Weißen oder Christen als Kollektiv für die Taten von Dylann Roof oder Anders Breivik, der 2011 77 Menschen tötete, die Schuld zuspricht, um anschließend zu fragen, ob ein Moslem, welcher eine kleine Bäckerei in Südfrankreich besitzt oder ein Moslem, welcher in einer Bank in Jordanien arbeitet, Mitverantwortung für die Pariser Terroranschläge trägt.

Probanden, die diesen Fragebogen ausfüllten, neigten fast halb so oft dazu, kollektive Schuld auszusprechen wie eine Kontrollgruppe. Diese Personen waren darüber hinaus auch weniger geneigt dazu, Muslime zu dehumanisieren oder zeigten weniger Unterstützung für politische Forderungen, die sich vornehmlich gegen Muslime richten.

Warum? Weil es unangenehm ist, sich widersprechende Ansichten zu glauben, sobald man sich dessen bewusst geworden ist. Wenn du denkst, Heuchelei sei etwas schlechtes und islamophobe Ansichten seien heuchlerisch, dann musst du daran etwas ändern.

Du darfst jedoch niemanden einfach als Heuchler beschimpfen

Nach einer Reihe von verschiedenen ähnlichen Experimenten kamen die WissenchaftlerInnen zum Schluss, dass der effektivste Weg, um solche Vorurteile zu bekämpfen, darin liegt, die Menschen dahin zu führen, selbst zu realisieren, dass sie mit zweierlei Maß messen. Vorwürfe der Heuchelei bringen hingegen nichts.

Das heißt natürlich nicht, dass andere Herangehensweisen unter Umständen hoffnungslos oder sinnlos sind. Nur braucht man in verschiedenen Kontexten die richtigen Ansätze. Interessant hierbei war auch, dass Probanden in der Regel völlig daneben liegen, wenn man sie vorher fragt, welche Videos ihrer Meinung nach am effektivsten seien, um diese Vorurteile zu bekämpfen.

John Oliver’s Video war ein heißer Kandidat, verschlimmerte die Vorurteile jedoch eher noch. Diese Ergebnisse sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir wütende, anklagende oder sich-lustig-machende Videos, Memes oder Texte posten, in der Hoffnung, jemanden dadurch zu überzeugen.

Sei kritisch mit deiner Intuition darüber, was du denkst, was funktioniert und was nicht. Es mag sich gut anfühlen, Heuchler als solche zu bezeichnen und sie anzuklagen, oder ein Video der Anstalt oder der Heute Show zu teilen, doch oftmals sollten wir vorher nachdenken: Wird das wirklich dabei helfen, irgendjemanden zu überzeugen?

Dieser Artikel wurde inspiriert durch Brian Resnicks Artikel auf vox.com – Danke!

Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider und nicht die Ansicht Mimikamas oder des Volksverpetzers als Ganzes. Auch wenn die Volksverpetzer-Kommentare ebenfalls auf überprüfbaren Fakten basieren, so stellt dieser Artikel die Meinung des Autors dar.

Thomas Laschyk, Kolumne Volksverpetzer Blogger und Onlineaktivist aus Augsburg. In der Mimikama-Kolumne Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Unterstützt den Volksverpetzer doch mit einem kleinen monatlichen Beitrag!