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In Themar fanden gleich zwei „Veranstaltungen“ von Rechtsextremen statt. Die meisten Kommentatoren sehen das zum Glück kritisch. Die, die das nicht tun, hat sich Friedemann Kipp in seiner Kolumne vorgeknöpft.

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Hallo und willkommen zum neuen Eintrag. Nachdem wir uns beim letzten Mal mit politischen Problemen in der Türkei beschäftigt haben, kehren wir heute thematisch wieder in die heimatlichen Gefilde zurück. Genau genommen schauen wir heute nach Südthüringen, in die kleine Gemeinde Themar. Das beschauliche Dörfchen hatte in den letzten Wochen nämlich gleich zweimal unangenehmen Besuch.

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Am 15.07.2017 fand dort die Veranstaltung „Rock gegen Überfremdung“ statt. Jemand aus der Szene besitzt da eine Wiese, die hat er jemand anderem aus der Szene verpachtet, nun hat das arme Themar den Salat. Wie dem Titel des Events vielleicht schon entnommen werden kann, handelt es sich um ein sogenanntes „Rechtsrock-Konzert“. Ach nein, Moment. Doch kein Konzert. Eine Versammlung war es. Okay, es kostete Eintritt, es spielten Bands, zwischendurch quatschte jemand. Aber „das Versammlungsrecht überwiegt“, hieß es vom OVG Weimar, welches damit eine Beschwerde des Landratsamts Hildburghausen abschmetterte und die Veranstaltung somit als vom Grundgesetz geschützte Versammlung deklarierte. Bodo Ramelow (Die Linke), der amtierende Ministerpräsident von Thüringen, hatte unlängst angekündigt, ggf. eine Anpassung des Versammlungsrechts auf Landesebene zu prüfen.




Nun reisten also ca. 6000 rassistische Deoroller in ein Dorf mit 3000 Einwohnern.

Und als wäre das nicht genug, fand am 29.07.2017 direkt die zweite Runde statt, diesmal unter dem Namen „Rock für Identität“. Das muss man sich auch mal vor Augen führen. Ein Haufen eigenschaftsloser Menschen, die sich komplett darüber definieren, dass sie zufällig in Deutschland geboren wurden, nennen ihr Konzert „Rock für Identität“. Da müssten die aber eine ganze Weile rocken, bis es auch nur bei einem der versammelten Nazis mal für eine eigene Persönlichkeit reichen würde.

Stattgefunden hat es dennoch. Etwa 1000 Rechtsradikale trafen sich auf derselben Wiese bei Themar, um gemeinsam ordentlich abzuhitlern. Es läuft ab, wie so etwas eben abläuft. Es spielen rechtsradikale Rockbands, deren Namen irgendwie alle gleich klingen. Krafthoden, Stahlfront oder Stahlwehr, etwas mit „Sturm“ im Namen oder was weiß ich. Irgendwas, das stark und mächtig klingt eben. Dazwischen gibt es Redner, die wahrscheinlich danach ausgewählt wurden, wie viele Vorstrafen wegen Volksverhetzung sie schon vorweisen können – je mehr, desto besser natürlich. Die Gäste trugen ihre Gesinnung in Form von Tattoos und Motiv-Shirts zur Schau (z. B. ein Pärchen mit Partnershirts: Auf seinem stand „Adolf“, auf ihrem „Eva“). Bands und Gäste pflegten wieder einmal, sich… sagen wir, „sehr deutsch zu grüßen“.

Die Polizei stellte mehrere Straftaten fest. Ein bisschen Körperverletzung war dabei, vorwiegend ging es aber um das Tragen und Verbreiten verfassungsfeindlicher Symbole und Inhalte.

„Rock für Identität“

Und damit wollen wir uns den heutigen Kommentaren widmen, die ich diesmal alle unter dem Artikel der Süddeutschen zu „Rock für Identität“ gefunden habe, der weiter oben verlinkt ist.

Hierzu ein kurzer Überblick: Die meisten Kommentare enthielten nichts als Verachtung für die versammelten Nazis. Das trug durchaus zu meiner Beruhigung bei. Schön, dass doch noch einige bei Verstand sind.

Natürlich gab es aber auch andere Stimmen. Und mit denen wollen wir uns jetzt mal beschäftigen. Ich versuche dabei, die Kommentare entlang einer Art Skala abzuhandeln, die in etwa bei „besorgter Bürger“ beginnt und bei jemandem endet, der zum Binden seiner Schuhe einen Zivi benötigt, weil er den rechten Arm nicht herunterbekommt.

Level 1 – Thema verfehlt, oder: „Danke, Merkel!“

Klassiker. „Danke, Merkel!“ Nachdem es zu einem Volkssport geworden ist, Angela Merkel an allem die Schuld zu geben und von ihr PERSÖNLICH dafür Wiedergutmachung – oder wenigstens den Rücktritt – zu fordern, durfte sowas natürlich auch hier nicht fehlen. Wahrscheinlich wäre Lidia der Meinung, dass Merkel persönlich noch die Einladungskärtchen für alle 1000 Nazis unterschrieben hat. Ich habe bewusst „wäre“ geschrieben, weil ich vermute, dass Lidia den Artikel gar nicht gelesen hat. Wenn man sich den rundgelutschten Kommentar mal ansieht, merkt man schnell, dass er eigentlich unter alles passt, was in Deutschland so passiert. Es kommt in den Nachrichten und es ist schlecht? Merkel muss schuld sein. Immerhin scheint Lidia einem Nazikonzert aber nichts Positives abgewinnen zu können. Aber wir sind ja auch erst auf Level 1.

Level 2 – „Die Linken sind viel schlimmer!“

Und da haben wir auch schon die ersten Relativierungsversuche. Ja, Ferris, du hast Recht, es wurden keine Plünderungen festgestellt. Mag daran gelegen haben, dass sich das rechte Gezücht in seinem Gehege ja nur gegenseitig hätte plündern und vermöbeln können, aber das ist zugegebenermaßen spekulativ. Es war schon ein friedliches Bild, dass sich da abzeichnete. 1000 glückliche Nazis, alle vereint in ihrer Weltanschauung, die Arme zu einem Gruß erhoben, der auf das Andenken von Toten in zweistelliger Millionenhöhe spuckt.

Wer meinen Text zu den Ausschreitungen in Hamburg gelesen hat, weiß, dass ich die dortigen Krawalle zum G20-Gipfel ebenfalls verachte. Doch ist das kein Grund, in einer Veranstaltung wie diesem Nazikonzert keine Gefahr zu sehen, nur weil es nicht unmittelbar zu Gewalt kam. Hier wird Völkermord verherrlicht. Das ist alles andere als harmlos.

Level 3 – „Die Ausländer sind viel schlimmer!“

„Hitlergruß vs. Hamburg“ klingt nicht nur wie ein sehr schlechter Film, sondern zeigt auch sehr schön die Mentalität hinter dem Kommentar auf. Jaja, die Einzelfälle. Niemand stellt die Existenz von islamistischen Gewalttätern (auch potentiellen islamistischen Gewalttätern) in Deutschland in Frage. Und ja, der Umgang der Justiz mit selbigen ist teilweise nicht zufriedenstellend. Aber darauf nun die Argumentation aufzubauen, dass es, während in Deutschland Terroranschläge begangen werden, ja eigentlich nicht ins Gewicht falle, wenn man sich mal ein wenig extradeutsch verhält, ist schon eine harte Aussage. §86 StGB und §86a StGB verbieten derlei Symbolik. Jeder, der das Verherrlichen des Nationalsozialismus als Lappalie abtut, besitzt nicht einen Funken Geschichtsverständnis.

Level 4 – Staatsverschwörung, die Erste: „Das Volk ablenken!“

Und da haben wir auch endlich den klassischen Vorwurf, dass hier nur deshalb über das Konzert berichtet wird, weil man von den Ereignissen in Hamburg abgelenkt werden muss. Jaah, Frank, klappt prima. Okay, irgendwie hat sich die Süddeutsche da intern schlecht abgesprochen, denn irgendjemand dort hat – offenbar aus Versehen – diesen Artikel zum Messerstecher in Hamburg geschrieben. Und dann gab es auch noch den hier. Achja, und diesen hier auch noch. Ohje, die sind ja wirklich nicht gerade gut im Ablenken, nicht wahr? Auch für dich nochmal, Frank: Keine Verschwörung. Mehrere Mitarbeiter. Mehrere Themen.

Level 5 – Staatsverschwörung, die Zweite: „Das Volk umkrempeln“!

Ich muss ja zugeben, dass mich die unlängst in Mode gekommene Verschwörungstheorie, dass „das deutsche Volk ausgetauscht“ werden soll (so habe ich den Begriff „umkrempeln“ hier zumindest verstanden), durchaus belustigt. Als hätte die Regierung irgendwas davon, wenn hier am Ende nur noch Muslime leben. Und wie sieht der Plan denn eigentlich konkret aus? Werden dann von der Regierung Arbeitsgruppen unter den Flüchtlingen gegründet, die dann zusammensitzen und sich überlegen, wie sie das nervige deutsche Volk hier wegbekommen?

„Ok, wie werden wir die Deutschen los?“

„Alle umbringen?“

„Nee, zu offensichtlich. Dann kucken die Nachbarländer so kritisch rüber.“

„Ach ja, kacke. Sonst wer ’ne Idee?“

„Ok, passt auf: Wir züchten die raus. Wir verwässern ihren Genpool. Dauert ein paar Jahre, könnte aber klappen.“

„Coole Idee. Ich geh‘ mal Angie fragen, ob das klargeht. Hat eigentlich irgendwer verstanden, WARUM die die Deutschen austauschen will?“

„Nee, nicht wirklich.“

Ernsthaft, selten so eine Scheiße gehört. Das Krönchen wird dem Kommentar aber dadurch aufgesetzt, dass Christoph behauptet, dass man sich dann „ja nicht zu wundern brauche“. Genau, Christoph. Der aufrechte Deutsche hat ja gar keine andere Wahl, als sich eine Pläte zu scheren, sich die Haut mit Swastikas zu tapezieren und für sein gottgegebenes Recht auf eine lupenreine Bevölkerung nach arischem Reinheitsgebot zu kämpfen. Versuchst du hier ernsthaft, Neonazis mit einer erbärmlichen, lächerlichen Verschwörungstheorie zu rechtfertigen?

Level 6 – „Das sind die guten Jungs!“

Nach Marcos Meinung sind die Nazis also die „guten Jungs“. Wahnsinn. Da gibt sich wirklich einer unter einem Artikel der Süddeutschen als Nazi zu erkennen. Hätte ich ja nicht gedacht.

Na, vielleicht meint Marco das ja auch sarkastisch. Der wird doch wohl nicht wirklich Rechtsradikalismus verherrlichen, oder? Nun, dankbarerweise hat Marco weiter unten noch an einem kurzen Dialog teilgenommen, der uns einen Einblick in seine Gedankenwelt gibt.

Ich lasse das mal so stehen. Ich wüsste nicht einmal, wie ich diese herrliche Argumentation noch effektiver durch den Kakao ziehen könnte, als sie es von alleine bereits tut.

Kommen wir zur letzten Stufe: Level 7.

Level 7 – „Lieber braun als rot!“

Max hat unter diesem Artikel viel kommentiert. Der hier aufgeführte Kommentar von ihm fasst jedoch im Grunde alles zusammen, was er so von sich gegeben hat. Der Kerl ist ein waschechter Neonazi. Auf seiner Facebookseite teilt Max bevorzugt Bilder von Wehrmachtssoldaten und Bismarck-Zitate. Er gratuliert verstorbenen deutschen Kriegsverbrechern wie Rochus Misch oder Erich Priebke posthum zum Geburtstag und schwelgt in Erinnerungen an ihre Taten. Und er teilt außerdem Dinge wie das hier:

Achja, Max ist außerdem der Meinung, dass die NSU-Morde keinen rechtsradikalen Hintergrund haben, sondern… naja. Seht selbst.

Nun alles klar? Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos waren also ausländische Mafiosi.

Ich glaube, damit haben wir den Zenit erreicht. Wie die nächste Stufe des Neonazitums aussieht, kann sich wahrscheinlich jeder denken.

Achja, hier noch der übliche WTF-Kommentar zum Ende, den ich heute wieder unkommentiert lasse:

Fazit: Tja, was gibt es zu diesem Thema zu sagen?

Ich möchte an dieser Stelle den Vertretern aller Level der heutigen Skala gegenüber meine tiefempfundene und aufrichtige Verachtung ausdrücken. Ob ihr Neonazis bewusst ignoriert, verharmlost, relativiert oder sogar selbst welche seid, ihr alle seid der Beweis dafür, dass Deutschlands Geschichtsbewältigung noch lange nicht abgeschlossen ist.

Ich bin unter 30, ich habe die NS-Zeit nicht erlebt. Meine Eltern haben die NS-Zeit auch nicht erlebt. Zwei Generationen ist es nun also her. Vier Halbjahre lang haben wir in der Schule im Geschichtsunterricht intensiv dieses Kapitel der deutschen Geschichte behandelt. Vom Aufstieg Hitlers bis zum Ende des zweiten Weltkriegs und darüber hinaus. Und nicht nur in Geschichte, auch im Ethikunterricht. „Wieso so oft?“, habe ich mich damals noch gefragt, „Wieso kauen wir dieses Thema immer und immer wieder durch? Es ist zwei Generationen her.“ Heute weiß ich, dass es bei einigen immer noch nicht gereicht hat. Ich würde auch nicht mehr so argumentieren wie damals. Solange die Neonaziszene eine solche Anhängerschaft um sich schart, kann es gar nicht genug Aufklärung über die Geschichte Deutschlands geben.

Es geht um Gestalten wie Max, die einem der grausamsten Kapitel der Weltgeschichte ernsthaft nachtrauern.

Die in geradezu melancholischer Sehnsucht an eine Zeit schwelgen, in der Millionen unschuldiger Menschen systematisch umgebracht wurden.

Die Welt hat sich weiterentwickelt. Deutschland hat sich weiterentwickelt. Die Gesellschaft ist offener und toleranter. Und ihr, Max und Konsorten, seid hängengeblieben. Ihr feiert euch dafür, deutsch zu sein. Das ist eure einzige „Leistung“, eure Existenzberechtigung. Und weil es alles ist, was euch definiert, hängt ihr einer Zeit nach, in der ein Wahnsinniger versucht hat, „deutsch“ mit „allen anderen überlegen“ gleichzusetzen. Weil ihr überlegen sein wollt. Weil ihr euch überlegen fühlt. Doch ihr seid so weit davon entfernt, wie man es nur sein kann.




Ihr seid eine Schande für Deutschland und für die deutsche Gesellschaft.

Wir leben in einer Demokratie und es gilt die Meinungsfreiheit. Ihr dürft eure Meinung also haben. Dennoch wünsche ich mir, dass Deutschland auf jeder politischen Ebene, von der Kommune bis hin zur Bundesregierung, jeden rechtlich möglichen Schritt ergreift, um euch, eure Anhängerschaft, eure Veranstaltungen und eure Parteien zu unterbinden, zu verbieten und es euch so schwer wie möglich zu machen, eure widerliche, menschenverachtende Ideologie auszuleben und zu verbreiten, auf dass ihr in der Bedeutungslosigkeit verkümmert, die ihr verdient.

So, das war’s für heute. Da ich in zwei Wochen im Urlaub bin, wird es da keinen Eintrag geben. Ob ich dann eine Woche schiebe, oder einfach einen Termin ausfallen lasse, habe ich noch nicht entschieden. Weiter geht es also in drei oder vier Wochen. Bis dahin.


Friedemanns bisherige Artikel findet ihr hier. Er betreibt auch einen eigenen Blog, auf dem ihr diesen und weitere Texte sowie alle Einträge von „Kleiner Mann, große Worte“ findet. Schaut doch mal auf Kippfenster rein.

Artikelbild: Shutterstock

Friedemann Kipp, Kolumnist Volksverpetzer Ende 20, Wahlruhrpottler, Naturwissenschaftler auf Abwegen und angehender Blogger. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.