Wer fordert, dass Menschen sich für eine nationale Identität entscheiden müssen, übersieht die zunehmende gesellschaftliche Mobilität, die zwangsläufig dazu führt, dass es immer mehr Personen gibt, die zwischen den starren Grenzen nationaler Leitkulturen stehen und die notwendig größer werdende Vielfalt dessen, was es heißt „deutsch“ zu sein.

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Wenn man Menschen fragt, wo sie hingehören, haben viele eine sehr konkrete Vorstellung davon, was für sie „Heimat“ ist: Der Ort an dem sie aufgewachsen sind. Heimat ist da, wo die Familie wohnt, wo man Freunde gefunden hat, die eigene Sprache gesprochen wird.

Wo wir uns daheim fühlen, ist dabei zwar individuell unterschiedlich und stark an unsere Biographie geknüpft, aber ein Gefühl dafür wo wir hingehören haben wir meist schon – so schwer das Gefühl der Verwurzelung an diesem einen Ort auch in Worte zu fassen ist.

Es gibt aber auch Biographien, in denen sich die Zugehörigkeit nicht so einfach gestaltet: Kinder von Einwanderern leben beispielsweise ebenso häufig mit und zwischen zwei Kulturen, wie Personen, die sich dafür entschieden haben auszuwandern. Manch einer bleibt der Deutsche, der deutsch spricht, denkt und fühlt, andere wiederum sprechen ihre frühere Muttersprache nach ein paar Jahren nur noch mit dem Akzent der neuen Heimat.




Nationalität ist nicht mehr das, was es früher war

Menschen sind mobiler geworden: Wir alle kennen jemanden, der ausgewandert ist, einen bei dem nur noch der Nachname auf die Herkunft der Vorfahren hinweist und auch jemanden, der zwischen zwei Kulturen balanciert. Biographien sind komplex und kulturelle Einflüsse prasseln unser ganzes Leben auf uns hernieder, weswegen sollten wir also nicht liebgewonnene Bräuche behalten und uns trotzdem neuen Einflüssen öffnen? Und wünschen sich nicht alle Eltern ihre liebsten Kindheitserinnerungen und -traditionen an den eigenen Nachwuchs weitergeben zu können?

Weniger flexibel als Menschen und ihre Biographien sind dagegen Staatsbürgerschaften: Wer sich in mehreren Ländern und Kulturen zuhause fühlt, muss trotzdem meist entscheiden wohin er mehr gehört und welche Staatsbürgerschaft seine biographischen Identitäten besser deckelt. Wer zwischen zwei Kulturen, in einer Art länderübergreifender Patchworkfamilie lebt, muss sich entscheiden: Was bin ich und wo gehöre ich hin. Es ist aber nicht nur eine Entscheidung für, sondern zwangsläufig auch gegen einen Teil der eigenen Identität. Auch aus diesem Grund wurde die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt – die die CDU nun in Frage stellt.

Wer fordert, dass Menschen sich entscheiden müssen und ein Bekenntnis zu einer nationalen Identität ablegen, übersieht Entscheidendes: Die zunehmende gesellschaftliche Mobilität, die zwangsläufig dazu führt, dass es immer mehr Personen gibt, die zwischen den starren Grenzen nationaler Leitkulturen stehen und die notwendig größer werdende Vielfalt dessen, was es heißt „deutsch“ zu sein. Wer nur sich selbst zum Maßstab dessen macht, was Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft bedeutet, leugnet, dass es auch heute keine eindeutige deutsche Leitkultur und deutsche Identität gibt. Wir werden niemals müde zu betonen, dass Bayern nicht den Rest Deutschlands abbildet und Nord- und Süddeutschland insgesamt auseinanderklaffen. Es gibt zwar ein deutsches Kulturkonglomerat, aber das ist weder Deutschen exklusiv vorbehalten, noch ist es eindeutig nach außen abgrenzbar. Und so wenig wie es eine einheitliche deutsche Kultur gibt, gibt es eine Pflicht diese zu leben. Nicht für Ausländer, Einbürgerungswillige oder Deutsche.Doppelte Staatsbürgerschaft

Wir brauchen die Doppelte Staatsbürgerschaft!

Hinter der Forderung die doppelte Staatsbürgerschaft abzuschaffen, steht eine Haltung die nur das als deutsch akzeptiert, was jeden anderen kulturellen Einfluss abschneidet oder abzuschneiden bereit ist. Zu uns gehören soll nur, wer sich zu keinem anderen Land, zu keiner anderen Kultur bekennt. Diese Haltung transportiert eine Vorstellung, die den Verhältnissen heute nicht mehr gerecht wird: Wir leben nicht mehr in einer Welt, deren Radius nicht größer als 50km ist und in dem sich alle relevanten Entscheidungen von Job- über Partnersuche bis hin zum Kinderkriegen abspielen. Auch wenn Traditionalisten es bedauern: Die Welt ist für viele größer und komplexer geworden – diese Mobilität muss auch in den rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. In unserem Gewürzschrank steht Safran aus Indien, in der Tiefkühltruhe liegt Gemüse aus Südamerika und die Schnittblumen im Wohnzimmer wurden in Afrika angebaut – für Menschen gelten physikalische Grenzen, die unsere Warenströme schon lange hinter sich gelassen haben.

Aus einer kosmopolitischen Perspektive könnte man fast einwenden, dass es ja eigentlich egal sei: Wer sich in zwei Kulturen zuhause fühlt, den wird ein fehlender Pass nicht davon abhalten seine Feste zu feiern, mit der jeweiligen Nationalmannschaft mitzufiebern und zwei Sprachen zu sprechen. Mit der Staatsbürgerschaft gehen aber auch immer Rechte einher: In „mein“ Land kann ich reisen, ich kann mich dort unbefristet aufhalten und nicht zuletzt die politischen Geschicke mitbestimmen – durch Wahlen oder indem ich mich selber wählen lasse.

Wer heute das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaft fordert, verkennt nicht nur die Lebensrealität seiner Mitbürger, er hält an Prinzipien fest, die wir nicht nur aufgrund moderner Technik schon lange hinter uns gelassen haben: Wir fliegen in wenigen Stunden um den Globus und brauchen nur unseren Laptop aufzuklappen, um unsere Lieben am anderen Ende der Welt zu sehen. Diese Möglichkeiten eröffnen ganz neue Perspektiven zu lieben, zu leben, sich zu vernetzen und zu arbeiten. Mit einem Staatsbürgerrecht, das Prinzipien aus Zeiten heranzieht, in denen eine Postkutsche die schnellstmögliche Fortbewegungsmethode waren, werden wir dem nicht mehr gerecht.

Annette Greca, Autorin Volksverpetzer Annette studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Jura, Sinologie und Philosophie. Für den Volksverpetzer schreibt sie über politische und gesellschaftliche Themen auch auf Twitter ist sie zu finden. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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