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Die Wahl Trumps zum Präsidenten der USA scheint besiegelt zu haben, was Brexit, Pegida und AFD bereits ankündigten: die Menschheit ist in einem neuen Zeitalter angekommen: Dem „postfaktischen“. Der sich ausbreitende Begriff nimmt das Unbehagen über die gegenwärtigen politischen Geschehnisse in sich auf und bietet zugleich eine Erklärung. Eine scheinbare. Eine wohlfeile. Eine, die keine ist.

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Das „postfaktische Zeitalter“ ist sozusagen der Gegenkampfbegriff des in meinem letzten Artikel beschrieben Begriffs der „Lügenpresse“. Was dem Einen die Lüge ist, ist dem Anderen die Ignoranz und in beiden Fällen ist es die jeweilige Letztbegründung dessen, dass man Recht habe oder besser, der Andere gar nicht richtig liegen kann. Grund genug, sich auch diesem Begriff einmal zu widmen. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass Kritik sich nicht allein am Anderen abarbeiten darf, nicht beim Anderen halt machen darf, sondern allererst auch sich selbst in den Blick nehmen muss.




Dieses neue oder zumindest scheinbar neue Zeitalter wird nun verkündet, weil sich viele Leute, besonders gern jene, die auch „Lügenpresse“ schreien, scheinbar einen Dreck um Dinge wie Wahrheit und Fakten scheren. Oder wie im entsprechenden Wikipedia-Artikel zu lesen: „Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“ Anschlussfähigkeit an das bereits Gedachte, Gewollte, Gefühlte oder Gemeinte ist also das Merkmal und nicht das davon unabhängige „Faktische“.

Nun ist es, wie bereits im Artikel zur „Lügenpresse“ zu sehen war, so eine Sache mit der Wahrheit und damit auch mit den Fakten oder besser der Faktenorientierung, die der Gegenseite abgesprochen wird. Aber der Reihe nach.

Im Grunde beschreibt der Begriff des „postfaktischen Zeitalters“ nun erst einmal nichts anderes, als eine doch sehr wohlfeile Positionierung, zumindest in all den Fällen, wo es um banale Lügen oder die totale Ignoranz hinaus geht. Der Sprecher verortet sich damit auf der Seite der „Guten“, der „Vernünftigen“, also auf Seiten derjenigen, die die „Wahrheit erkennen“ können, die doch in den „Fakten“ zu lesen sei. Damit arbeitet diese Positionierung mit dem altbekannten Begriff der „Rationalität“, des „rationalen“, also an Fakten orientieren Menschen, dem eben jener nicht-rationale Mensch gegenüber stehe. Diese Gegenüberstellung als Mittel der Legitimierung der eigenen Position und als Mittel der Delegitimierung des Gegenübers, besonders auch politisch, ist dabei nicht neu. Sie findet sich u.a. im Rahmen der sich verstärkenden Entwicklung klarer binärer Geschlechtermodelle am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Dem Mann wird nun nicht mehr einfach über religiöse Begründungen, sondern mittels der Rationalität das Recht zu herrschen zugesprochen. Er sei rational und damit fähig zum Politischen, während die Frau es eben nicht sei. Dem Gegenüber wird die Fähigkeit zum Denken oder zumindest zu der „richtigen“ Form des Denkens abgesprochen. Die Person wird vorgestellt als jemand, der allenfalls von seinen Trieben, Bedürfnissen, Emotionen gesteuert sei und somit die pure Faktizität des Tatsächlichen nicht sehen könne. Im Bezug auf die binäre Geschlechtertrennung sollte diese Gegenüberstellung mittlerweile zumindest prinzipiell überwunden sein, auf jeden Fall aber wenigstens in der Gruppe derer, die vom „postfaktischen Zeitalter“ reden, um sich damit eben auch nicht selten von einer rassistischen und sexistischen Politik abzugrenzen.

Allerdings wird auf diese Weise nicht das Modell der „Rationalität“ infrage gestellt, sondern nur die Aufteilung dieser.

Die „Rationalen“ sind jene, die eben nicht das glauben, was ihrer Gefühlswelt am nächsten sei, sondern, was der Realität entspreche. Der Glaube an die eigenen Überlegenheit als die größere Unmittelbarkeit zur Realität. Wie falsch diese Sichtweise ist, zeigen eine Vielzahl an neuen Forschungen, die dabei jedoch nicht viel anderes tun, als zu bestätigen, was schon lange vor Marsilio Ficono (1433-1499) philosophisch erarbeitet worden war, dieser aber so treffend ausdrückt, wenn er schreibt: „Das Urteil folgt der Form und Natur des Urteilenden, nicht des beurteilten Gegenstands.“ (Tipp: Paul Watzlawick: Wir wirklich ist die Wirklichkeit?) Die Idee des rationalen Denkens ist eine Legitimationsstrategie. Im Gegensatz zu dieser, glauben wir alle lieber das, was uns gefällt, was unseren eigenen Bedürfnissen und Glaubenssätzen oder denen unserer peer group entspricht. Neben vielen anderen Faktoren sind Emotionen als an allen Denkprozessen beteiligt anzusehen (Tipp: Christian von Scheve: Emotionen und soziale Strukturen), wie selbst die Auswahl der Sprache, mit der wir die vermeintlichen Fakten beschreiben, das Gesehene und das Urteil beeinflussen, ganz unbemerkt und ganz im Sinne der Denk- und Wahrnehmungsmuster, die wir ausgebildet haben. (Tipp: Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht.) Wir sind in unserer eigenen Matrix.

So angenehm „Rationalität“ und „Faktenorientierung“ als Letztbegründung auch sein mögen – denn sie legen einfach fest, wer Recht habe und wer nicht – so wenig lösen sie damit das Problem jener „postfaktischen“ Menschen. Denn was in diesem Spiel ignoriert wird, sind nämlich die Prozesse, die dazu führen, dass Menschen bestimmte Einstellungen entwickeln, zugunsten einer primitiven Gegenüberstellung von „wahr“ und „unwahr“, der letztlich ein naiver Realismus, eine naive Erkenntnistheorie zugrunde liegt. Was entsteht, ist eine normative Kraft des vermeintlich Faktischen, das nicht interpretiert wird, sondern mit dem Blick des wahrhaft Wahrheitsuchenden erfasst werden könne. Das aber könnte ebenso „postfaktisch“ genannt werden. Oder, um es mit den Worten Elisabeth Wehlings zu sagen:

„Wer glaubt, wir Menschen würden nur auf Basis von Fakten entscheiden, unterliegt einer Illusion.“

Wir alle sind also letztlich „postfaktisch“ im positiven Sinne, denn die Wissenschaften haben gezeigt, dass Fakten etwas sind, das mindestens zu einem gewissen Maß gemacht wird, denn alles was ist, kann nur wahrgenommen werden und alles was wahrgenommen wird, muss und wird interpretiert werden. Die Wahrheit ist also nicht einfach „dort draußen“.

Die Lösung kann also nicht in einem naiven Glauben an einer bloßen Erkenntnis der Fakten, gepaart mit der überheblichen Arroganz gegenüber den Prozessen der Urteilsbildung bestehen, die den Sprecher doch nur über sein Gegenüber erheben. Eine solche Sichtweise muss scheitern.

Denn es reicht eben nicht, auf den „Fakt“ zu zeigen und zu sagen „Sieh doch!“, denn alles Sehen ist Interpretieren.

Eine Lösung kann nur darin bestehen, sich dieser Prozesse bewusst zu werden, die dahinter stehen, der Einflussnahmen oder besser der Bedingtheiten des Denkens eines Organismus, der unfähig ist, eine Wahrheit einfach zu erkennen, sondern darauf angewiesen ist, sie selbst zu schaffen, indem vermeintliche Fakten immer schon interpretiert werden, weil es sie andernfalls gar nicht gibt. Denn nichts außerhalb unserer Wahrnehmung, also eines Interpretationsapparates, ist uns zugänglich. Und alle Wahrnehmung ist beeinflussend und beeinflusst. Nur wenn wir das verstehen lernen, können wir anfangen, uns den Problemen bestimmter Einstellungen wirklich anzunehmen. Die Lösung kann nicht in einem solch falschen Faktizismus bestehen oder in dem Schrei nach „Rationalität“, die viele Ebenen der Urteilsbildung oftmals ideologisch motiviert ignoriert, deklassiert und negiert.




Und wie sieht die Lösung aus?

Die Lösung besteht in dem Ruf nach einem kritischen, einem selbst- und weltreflexiven Denken, das alle Prozesse der Urteilsbildung ebenso in den Blick nimmt, wie auch einer zeitgenössischen Erkenntnistheorie gerecht wird, statt sich in dichotomen Positionierungen zu verlieren, die nur dem Ego dienen. Ein solches kritisch-reflexives Denken sagt nicht nur „Denke auf jene Weise!“ oder „Sieh nur richtig hin!“, sondern vor allem: „Betrachte dich selbst beim Hinsehen und im Denken!“. Kritisch-reflexives Denken ist also immer auch ein Denken über den Denker und damit ein Denken über das Sehen und Schaffen von Fakten als Letztbegründung.

Statt einem falschen Ideal des Denkens das Wort zu reden, das seine eigenen Einflussfaktoren übersieht, gilt es das Denken und den Denkenden, als Wahrnehmenden, Fühlenden und mit einer Biografie ausgestatteten Menschen zu erkennen. „Was wir sehen ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind!“ sagte Fernando Pessoa (1888-1935). Statt also also so zu tun, als hätte unser Gegenüber nur etwas an den Augen, sollten wir alle uns darum bemühen zu ergründen, wer wir und der Andere sind und warum beispielsweise bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht wahrgenommen, anders wahrgenommen oder nicht akzeptiert werden. Erst wenn wir die daran gekoppelten Wahrnehmungsmuster aufbrechen, können wir auch das Sehen korrigieren. Dann ist es möglich, sich auf Fakten, auf Sichtweisen zu einigen, die eine erträgliche Welt für alle bedeuten.

Sebastian Ernst, Gastredakteur Volksverpetzer Sebastian ist Historiker und Philosoph. Er lebt seit etlichen Jahren vegetarisch und vegan. Seine Kernthemen sind Fragen der Ethik und der Tierrechte, des Veganismus als Bewegung sowie Rezensionen und Kritiken. Hier könnt ihr den Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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