Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt

Im Zuge der #metoo-Debatte kursieren viele Tipps, wie sich Frauen verhalten sollten, um nicht Opfer von sexueller Belästigung und Vergewaltigungen zu werden. Doch das impliziert, dass Frauen, die sich nicht so verhalten, eine Schuld tragen würden. Nicht die Opfer sollen ihr Verhalten ändern, sondern die Täter, sagt FrauMaja.

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Womöglich hatte ich bisher einfach Glück. Mir ist noch nie ein Mann gegen meinen Willen körperlich zu Nahe getreten. Das heißt, ich wurde noch nie begrabscht oder schlimmeres. Zumindest nicht so, dass ich mich total unwohl gefühlt hätte.

Okay, es haben sich schon Typen vor mir in der Öffentlichkeit entblößt. Und spätestens seit 2015 ist es irgendwie zum Alltag geworden, dass ich als Frau mit politischer Meinung, als Antirassistin und Feministin, im Internet die schlimmsten sexistischen Beschimpfungen gegen mich lesen muss. Da bin ich halt wahlweise ne ‚untervögelte Schlampe‘ oder ’niemand will mich ficken‘ oder es wird mir gewünscht, dass mich auch mal ‚ein Asylant vergewaltigt‘. Sowas kommt immer in Wellen und irgendwann ist man schon dran gewöhnt und blockt solche Personen einfach weg.


Ist es nicht traurig, dass man sich daran gewöhnen kann, dass einem Menschen wünschen, vergewaltigt zu werden?

Aber wie gesagt. Bisher ist zumindest noch nie jemand körperlich ernstlich übergriffig geworden. Jetzt könnte die Frage natürlich lauten was ich richtiger mache als andere Frauen, denen solche Übergriffe passiert sind. Aber das ist die völlig falsche Herangehensweise!

Als Teenager beispielsweise war ich eher unscheinbar und pummelig. Unser Sportlehrer im Schwimmunterricht der 7. Klasse hat aber immer nur die auffällig hübschen und schlanken Mädchen angefasst. Und heute wo ich gewissermaßen als ‚furchterregende Feministin‘ verschrien bin, überlegen sich Männer auch eher zweimal, ob sie mir zu nahe kommen. Aber Freundinnen und Kolleginnen passieren körperliche Übergriffe trotzdem noch.

Haben die Mädchen in der Schule also etwas falsch gemacht? Oder die Freundinnen und Kolleginnen? Oder habe ich etwas richtig gemacht, weil mir ’sowas‘ noch nie passiert ist? Reicht es, sich einfach mal nicht so auffällig anzuziehen oder halt etwas selbstbewusster aufzutreten? Ich sage es mal ganz klar: Nein! NEIN NEIN UND NEIN!

Es ist völlig egal, wie sich das Opfer verhalten hat, Schuld hat allein der Täter!

Ganz oft wird in Diskussionen über Sexismus, Belästigungen oder auch Mobbing danach gefragt, ob sich das Opfer richtig oder falsch verhalten halt. Aber wer fragt nach den Tätern? Denn diese sind es, die sich sexistisch äußern, die andere Menschen belästigen oder mobben. Niemand zwingt sie dazu, so etwas zu tun. Sie sind es, die sich falsch verhalten.

Ein kurzer Rock ist kein Grund jemanden zu begrabschen. Ein hübsches Gesicht auch nicht. Und Unsicherheit schon mal gar nicht. Eine politische Meinung, die nicht die eigene ist, ist auch kein Grund jemandem Vergewaltigungen zu wünschen. Und jemand kann in seiner Art noch so seltsam sein, es gibt keine Gründe, ihn aktiv auszugrenzen, zu mobben, belästigen oder zu vergewaltigen.

Victim Blaming ist immer schnell ausgesprochen. Und es führt dazu, dass sich viele Opfer von sexuellen Übergriffen oder Mobbing später selber fragen, ob sie nicht irgendetwas falsch gemacht haben. So schämen sie sich am Ende – und nicht die Täter. Diese Schuldumkehr ist toxisch, sie fügt den Opfern noch mehr Schaden zu und traumatisiert sie womöglich noch zusätzlich zu dem Übergriff.

Was könnt ihr also tun um Opfern von Übergriffen zu helfen?

Das Schweigen brechen – wenn ihr Zeugen werdet, dann mischt euch ein!

Ich habe es mehrfach erlebt, dass mir jemand in einer größeren Runde sexistische Sprüche gedrückt hat. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und oft reicht es ja, wenn man dann was kontert und derjenige hält den Rand. Aber wenn eine saftige Erwiderung eben nicht reicht, und jemand immer weiter macht mit doofen Sprüchen, dann wird es irgendwann unschön. Und hier war es dann meist so, dass der Rest der Runde geschwiegen hat und ich mich irgendwann ziemlich hilflos gefühlt habe.

Klar, man versucht dann die Situation irgendwie ins Lächerliche zu ziehen, Hauptsache der Mensch hält endlich die Klappe. Aber in Wirklichkeit hätte ich mir gewünscht, dass dann von den anderen anwesenden Personen auch mal ein „Jetzt ist aber gut“ oder ein „Langsam bist du echt nicht mehr lustig“ gekommen wäre. Dann hätte ich mich später auch womöglich nicht so schlecht und überfordert gefühlt.

Spart euch wohlmeinende Tipps!

Nein, keine Ratschläge für die Opfer. Ratet Menschen nicht, sich das nächste Mal souveräner zu verhalten oder gar anders anzuziehen oder ähnliches.

Erstens: Man weiß nie, wie man sich verhält, bis man selber in die Situation kommt. Ich habe selbst immer gedacht, ich würde Situationen in denen mir jemand miese Sprüche drückt, locker nehmen und solche Sexisten zum Frühstück verspeisen. Aber das stimmt nicht. Ich hab mich jedes Mal wieder hilflos gefühlt und mich hinterher gefragt, ob ich was falsch gemacht hab. Man kann sich Situationen tausendmal ausmalen, aber in der Realität fühlt es sich trotzdem immer beschissen an.

Und zweitens: Die Täter haben etwas falsch gemacht und zwar nur sie. Punkt.

Solidarität bedeutet, die Komfortzone verlassen

Wenn Menschen von Übergriffen berichten, dann höre ich oft „Solidarität mit….!“, aber habe den Eindruck, dass Menschen dann glauben, ihre Schuldigkeit getan zu haben und danach nicht mehr behelligt werden möchten. Oder unbeteiligte Männer kriechen „im Namen ihres gesamten Geschlechtes“ zu Kreuze und zerfließen vor Mitleid.

Ich merke, dass mir das letztere echt unangenehm ist. Ich möchte kein Mitleid, weil mir Menschen böse Dinge sagen. Ich möchte nicht noch zusätzlich klein gemacht werden, wenn ich mich eh schon schlecht fühle. Ich möchte nicht erzählt bekommen, dass ich ein Opfer bin. Ich wünsche mir, dass ich auf andere Menschen, und insbesondere auch Männer, zählen kann.

Dass sie mir den Rücken stärken, wenn es mir schlecht geht. Dass sie mich nicht mit der Situation alleine lassen. Dass sie den Mund aufmachen, wenn sich andere Geschlechtsgenossen schlecht verhalten. Dass sie an meiner Seite stehen und dass sie mich nicht in die Rolle eines hilflosen Opfers drängen, sondern mich aufrichten und mir Hilfe anbieten – aber nicht böse sind, wenn ich diese nicht gleich annehme.

Solidarität ist kein Selbstzweck, um sich selber besser zu fühlen. Solidarität ist auch nicht immer kuschelig, vor allem wenn man selbst in die Schusslinie gerät. Aber sie hilft, wenn sie ernst gemeint ist. Also raus aus der Komfortzone!

Fassen wir zusammen:

In der ganzen Diskussion über #metoo und sexuelle Übergriffe wird so viel über Allgemeinplätze diskutiert. Ob es nicht mehr erlaubt ist, mit einer Frau zu flirten, ob man Frauen nicht mehr die Tür aufhalten darf oder ob man eine hübsch zurecht gemachte Frau nicht mehr angucken darf.

All das lenkt davon ab, wie groß das Stigma für Opfer von Übergriffen und Belästigungen wirklich ist und wie gut die Täter oftmals wegkommen. Und davon wie oft Übergriffe immer noch mit dem Verhalten des Opfers erklärt werden.

Ich wünsche mir, dass wir mehr auf die Täter schauen. Und Männer, wenn ihr euch jetzt verunsichert fühlt, was das richtige Verhalten ist – Empathie hilft meist schon weiter.

Vor allem aber: Traut euch den Mund aufzumachen, wenn ihr mitbekommt, dass ein Geschlechtsgenosse sich blöd verhält. Das kostet Mut, das kostet Überwindung, ich weiß. Denn oft genug wird man dafür als „Schwächling“ oder „Pantoffelheld“ abgestempelt. Aber nur durch Mut und echte Solidarität lassen sich solche Muster durchbrechen. Nur so ändert sich wirklich was. Bitte habt diesen Mut! Danke.

Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider und nicht die Ansicht Mimikamas oder des Volksverpetzers als Ganzes. Auch wenn die Volksverpetzer-Kommentare ebenfalls auf überprüfbaren Fakten basieren, so stellt dieser Artikel die Meinung des Autors dar.

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Maja_TFrauMaja, Redakteurin Volksverpetzer FrauMaja ist 31 Jahre alt, Bloggerin aus der Ruhrpottperipherie und hat ein Herz für das Bedingungslose Grundeinkommen und soziale Themen. Hier schreibt sie über ihren Traum von progressiver Politik. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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