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Du hörst ständig von Angriffen, Übergriffen und Anschlägen dieser Leute. Letzte Woche hat einer wieder einen Messerangriff verübt. Du hältst sie für die größte Bedrohung unseres Landes. Doch an wen du gerade denkst, hängt völlig davon ab, welcher politischen Glaubensrichtung du angehörst.

Ich habe es satt, dieses ewig gleiche politische Spiel mitzuspielen. Täglich passieren Überfälle, Angriffe oder Morde in unserem Land. Das ist eine statistische Realität, das ist normal. Das ist nicht schön und sollte nicht so sein, aber das ist halt so. Aber wenn ein Fall in eine politische Narrative passt, wird er von der jeweiligen Gruppe ausgeschlachtet – Und die andere Gruppe ignoriert das oder regt sich eben darüber auf, dass „die anderen“ sich darüber aufregen, aber nicht über die Gruppe, von der sie wissen, dass sie viel schlimmer ist.

Ok, das war vielleicht abstrakt. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: In Altena wurde der Bürgermeister mit einem Messer angegriffen, was dieser zum Glück leicht verletzt überlebte. Das „Besondere“: Der Täter griff den Bürgermeister aufgrund dessen toleranter Flüchtlingspolitik an. Für ein politisches Lager – nennen wir es „asylbewerbertolerantes Lager“ – war dies ein (weiterer) Beweis: Der erklärte politische Gegner, das erklärte Feindbild – nennen wir ihn den „Asylgegner“ – ist radikal, unmenschlich und kriminell und ein politisches Klima des Hasses bringt solche Taten hervor.

Achtung! Ob dem so ist oder nicht möchte ich an dieser Stelle noch nicht kommentieren!

Doch für die „anderen“ – die „Asylgegner“ – war dies ebenfalls ein Beweis ihrer Weltsicht: Die Medien und ihr politischer Gegner – die „Asylbefürworter“ – bauschen diesen einen Einzelfall auf, während sie gleichzeitig angeblich alle anderen Fälle, die wiederum von ihrem jeweiligen Feindbild begangen werden, verschweigen und ignorieren.

„Das ist nur ein Einzelfall, aber was ist mit…!“

Was haben die „Asylgegner“ hier gemacht? Erstens haben sie diesen Vorfall als (vergleichsweise) irrelevanten Vorfall (= Einzelfall) bezeichnet. Dann haben sie in ihren Posts das Augenmerk wieder auf ihren präferierten politischen Gegner gelenkt – Und das Ganze in die Empörung darüber verpackt, wieso sich die politische „Gegenseite“ an diesem Einzelfall aufhängt und gleichzeitig das aus ihrer Sicht wahre Problem ignoriert.

Das war jetzt das eine Beispiel. Wenn die Rollen jedoch vertauscht sind und der Täter sich auf das Feindbild des „Asylgegner“ münzen lässt – Hat er dunkle Haut, einen Migrationshintergrund oder gar einen Asylstatus und davon gibt es selbstverständlich auch Täter – dann passiert genau das Gleiche, nur anders herum:

In den Kreisen der „Asylgegner“ wird dies als (weiterer) Beweis hergenommen, dass das designierte Feindbild radikal, gefährlich und kriminell ist. Die „andere“ Seite jedoch regt sich darüber auf, wie man jetzt diesen Einzelfall missbrauchen kann und verweist auf Straftaten der „Asylgegner“ – wie das obige Beispiel – Und empört sich darüber, dass sich die „andere“ Seite über den falschen Gegner empört.

Ok ok! Worauf will ich hinaus? Wer ist schlimmer: Rechtsextreme oder Asylbewerber?

Achtung! Nochmal der Hinweis: Das politische Spektrum ist viel komplexer als „für Asyl“ und „gegen Asyl“ und auch weitaus komplexer als „links“ und „rechts“, weswegen ich diese Begriffe hier vermeide. Das ist nur eine Vereinfachung, um die Mechanismen zu erklären.

Diese zwei vereinfacht dargestellten Lager führen also – unabhängig voneinander! – eine politische Diskussion darüber, wessen Feindbild schlimmer ist.

Also, konkret: Wer ist schlimmer: Rechtsextreme oder Asylbewerber*? Rechtsextreme begehen Straftaten und greifen Menschen an, Asylbewerber begehen Straftaten und greifen Menschen an. Wer eines von beiden leugnet, redet nicht mehr über Fakten. Doch das tun die wenigsten – trotz gegenteiliger Behauptungen von der jeweiligen Gegenseite. Die Diskussion dreht sich viel eher darum, wer mehr Straftaten begeht.

Und ich könnte offizielle Zahlen und Statistiken herausholen, aber nicht hier. Ich möchte, dass wir uns alle zuerst gemeinsam darüber klar werden, wie pervers dieser Diskurs geworden ist. Ob man heutzutage „links“ oder „rechts“ ist, zeigt sich darin, welche (mehr oder weniger willkürlich definierte!) Gruppe an Kriminellen man schlimmer findet als die jeweils andere.

Und diese Diskussion an sich ist bereits grundlegend falsch!

Wir sollten diejenigen verurteilen, die ein Verbrechen begehen unabhängig davon, ob sie eine bestimmte Hautfarbe oder einen bestimmten Asylstatus haben oder was ihre politische Ausrichtung ist. (Und nur eine Klarstellung: Deine Hautfarbe hat nichts damit zu tun, wie wahrscheinlich es ist, dass du kriminell wirst. Aber eine politische Ausrichtung / eine Ideologie schon. Doch hier habe ich nicht den Platz, näher darauf einzugehen).

* Eine grundsätzliche Kritik an diesem gefühlten Feindbild ist, dass damit teilweise auch Muslime, Afrikaner, Deutsche mit Migrationshintergrund oder einfach nur Menschen mit dunkler Hautfarbe gemeint sind. Es ist äußerst schwierig, mit diesem teilweise widersprüchlichen und wandelbaren Feindbild etwas anzufangen, um ehrlich zu sein.

Aber ja, eine von beiden Gruppen ist doch schlimmer als die andere?

Abgesehen davon, dass ich persönlich und wir alle jeden Überfall und jede Form von strafrechtlich relevanter Gewalt gleichermaßen verurteilen sollten, unabhängig von willkürlich unterschiedenen Tätern: Der Untertitel dieses Artikels lautet „Warum Gefühlte Wahrheiten Mist sind“. Kommen wir jetzt mal darauf zu sprechen. Egal um welchen konkreten Fall es sich handelt: Beide Seiten haben damit Recht, wenn sie jeweils sagen, dass es sich hier um Einzelfälle handelt.

JEDER von uns sollte aufhören, aus einzelnen, aktuellen Fällen irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Einzelfälle sind nutzlos und ohne Aussagekraft. Warum? In Deutschland leben 82 Millionen Menschen und es wurden 2016 6,3 Millionen Straftaten verübt. Um dir ein realistisches Bild von den Verhältnissen machen zu können, müsstest du jeden Tag von 17.500 Straftaten lesen. In die Medien kommen nur besonders brisante oder interessante Einzelfälle – Also ja, jede Meldung über jede Straftat von jedem Täter ist ein Einzelfall.

Und wenn du in einer bestimmten Filterblase steckst – Nur mit Leuten befreundet bist, die deine politische Einstellung teilen und Seiten abonniert hast, die eh schon deine Meinung widergeben – Dann wirst du tendenziell auch wie oben beschrieben nur von den Straftaten erfahren, die das „beweisen“, was du sowieso schon glaubst. Es klingt selbstverständlich, aber die allerwenigsten von uns schauen sich die echten Statistiken an und fällen davon ausgehend ihre Meinung, sondern andersrum: Sie bilden sich über willkürlich ausgewählte Beispiele eine Meinung und glauben oder lesen nur die Statistik, die ihnen gefällt.

Und warum rückst du nicht mit Zahlen raus? Hast du Angst, dass deine politische Einstellung widerlegt wird?

Vielleicht hat man bis jetzt aus meinen Artikel herausgelesen, dass mit einem Blick auf die Zahlen alles geklärt sein müsste. Doch so einfach ist es natürlich nicht. Erstens geht es in dieser Diskussion doch in Wirklichkeit gar nicht um Zahlen. Wie oben erklärt, will man nur klären, welches Feindbild moralisch verwerflicher ist. Wenn man irgendwelchen Zahlen bekommt, dann fungieren sie nur als Rechtfertigung, nicht als Begründung.

Zweitens sind Zahlen nicht gleich Zahlen. Jede Zahl braucht Kontext und zugrundeliegende Definitionen. Wann ist jemand rechts(extrem), wann ist eine Tat rechtsextrem motiviert? Wollen wir Zahlen über Nicht-Deutsche (ohne deutschen Pass)? Wollen wir Zahlen über Asylbewerber? Mit oder ohne subsidär Geschützte? Geduldete? Hier kann jeder die Definition hernehmen, die am besten sein Weltbild erklärt.

Drittens: Wie viel ist zu viel? Vergleichen wir absolute Zahlen? Vergleichen wir Prozentzahlen? Prozente von was? Willkürliche Gegenüberstellungen von Gruppen und Zahlen bringen uns nirgendwo hin und fungieren für beide Seiten doch auch nur wieder als Rechtfertigung.

Und zu guter Letzt:

Ich habe hier nicht mehr den Platz dem Thema, den Zahlen, im Detail die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Wie gesagt, ich könnte die Gruppen definieren, die Zahlen kontextualisieren und Referenzrahmen aufstellen, aber dann kommt der erste Kritiker, nimmt eine andere Definition, die für ihn bessere Ergebnisse liefert und glaubt auch nur wieder das, was er glauben will.

Wenn ihr vom Volksverpetzer diese Analyse sehen wollt, lasst es uns in den Kommentaren oder unter redaktion@volksverpetzer.de wissen, aber ich denke, hier habe ich meinen Punkt deutlich gemacht: Eigentlich sollten wir nicht mal darüber reden, welches Feindbild schlimmer ist als das andere. Das ist dämlich und kontraproduktiv. Und um einmal Partei zu ergreifen: Die „Asylbefürworter“ wollen in der Regel nicht Straftaten von – welches auch immer das rechte Feindbild ist – verharmlosen oder leugnen. Sondern kontextualisieren.

Nur auf eine Sache hinweisen, über die wir hier noch gar nicht gesprochen haben, weil wir in falschen binären Oppositionen denken: Straftaten von nicht-rechtsextremen Deutschen, machen die absolute Mehrheit aus. Diese führen wir dort nicht auf politische Einstellung oder Hautfarbe zurück, sondern sehen sie im jeweiligen Kontext, in dem sie entstanden sind. Wie es sein sollte. Als Einzelfälle, die sie sind.*

*meistens zumindest…

Und nochmal: Eine Sache ist klar und sollte nicht zur Debatte stehen: Nationalität, Asylstatus und Herkunft machen niemanden krimineller oder weniger kriminell. Aber der Glauben, dass dem so wäre, schon.

Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider und nicht die Ansicht Mimikamas oder des Volksverpetzers als Ganzes. Auch wenn die Volksverpetzer-Kommentare ebenfalls auf überprüfbaren Fakten basieren, so stellt dieser Artikel die Meinung des Autors dar.

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Thomas_LThomas Laschyk, Kolumne Volksverpetzer Blogger und Onlineaktivist aus Augsburg. In der Mimikama-Kolumne Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Unterstützt den Volksverpetzer doch mit einem kleinen monatlichen Beitrag!
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