Wir haben mit der Veganerin aus Limburg gesprochen, die verlangt haben soll, dass das Glockenspiel des Rathauses geändert werden soll. Sie bekommt inzwischen Gewalt- und Morddrohungen und musste inzwischen aufgrund des Drucks ärztliche Hilfe aufsuchen. Dabei soll es nur ein Scherz gewesen sein.

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Vor ein paar Tagen schrieb ich schon über den Fall der Veganerin, die sich an den tierfeindlichen Inhalten des Lieds „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ störte, das im Glockenspiel des Limburger Rathauses gespielt wurde und daraufhin den Bürgermeister darum bat, es aus dem Repertoire zu entfernen, was dieser auch tat.

Das Medienecho war enorm. Die Süddeutsche schrieb darüber, die Augsburger Allgemeine („Veganer Wahnsinn“), der Spiegel, die BILD („Vegansinn“), der Stern uvm. Sogar die New York Times schrieb darüber.




Die Hetzjagd gegen Veganer*innen

In den Kommentarspalten war man fuchsteufelswild, besonders die Nur-Überschriftenleser gaben Aussagen zu besten, die davon reichten, alle Veganer*innen basierend auf dieser Schlagzeile als für verrückt zu erklären bis hin zu Gewalt- und Morddrohungen gegen die betreffende Veganerin selbst.

Die Meldung und die Empörung ging um die Welt und überall war man sich nun sicher: Veganer*innen haben einen an der Klatsche. Abgesehen davon, dass einzelne Forderungen von Veganer*innen nicht für die sehr heterogene Community oder die dahinterstehenden Lebenseinstellungen verallgemeinert werden sollten und dürfen (Wie ich in meinem Artikel bereits schrieb, wollen die wenigsten irgendwelche Kinderlieder verbieten. Davon schrumpft schließlich auch kein Prozentteil der Massentierhaltung am Klimawandel oder entkommt kein Tier der Schlachtbank und das sind die Dinge, die Veganer*innen in der Regel wollen.)




Die betreffende Veganerin, die anonym bleiben möchte, lebt jetzt in Angst:

Sie erhält Morddrohungen, angeblich sollen einige Jäger es auf sie abgesehen haben. Wahlweise will man sie „totschießen“ oder bestenfalls in eine Psychiatrie stecken. Sie selbst schildert, dass sie im privaten Umfeld plötzlich von ihren Arbeitskollegen gemieden wird, als wäre sie eine Geächtete. Sie musste inzwischen aufgrund des Drucks ärztliche Hilfe aufsuchen.

Am absurdesten wirken diese Reaktionen aber, wenn man erfährt, dass die ganze Forderung von ihr eigentlich ein Scherz gewesen sein soll: Wie sie mir berichtete, habe sie die Melodie, die sie jeden Tag zur Mittagspause hörte, genervt, woraufhin sie den Bürgermeister Hahn, mit dem sie auf Facebook befreundet ist, angeschrieben und scherzhaft gefragt, ob er die Melodie nicht aus dem Repertoire des Glockenspiels entfernen könnte. Sie erzählte mir, dass ihre Anfrage nicht so ernst gemeint gewesen war.

Hahn habe gefragt, ob der Fuchs denn vegan werden solle, worauf die Veganerin erwiderte, dass der Fuchs nur nicht erschossen werden solle und das war’s auch schon. Daraufhin änderte Hahn das Lied des Glockenspiels, weil das sowieso turnusmäßig alle paar Tage wechselt. Es ist auch niemandem aufgefallen, denn das neue Lied lief bereits fast eine Woche, als Hahn die Geschichte bei einer Büttenrede als scherzhafte Anekdote erwähnte.

Völlig überzogene Reaktionen – Der Öffentlichkeit

Und dafür bekommt sie jetzt Morddrohungen? Man sieht jetzt deutsches Kulturgut vor Veganer*innen in Gefahr? Ernsthaft? Weil eine Frau meinte, sie möge ein Lied nicht und der Bürgermeister halt einfach das nächste Lied der Playlist spielte?

Diese Geschichte geht um die Welt, geifernd sind die Kommentare voller Hass und Morddrohungen gegen diese Frau (und gegen alle Menschen, die sich zufällig genauso ernähren wie sie). Ich frage mich viel eher, ob nicht die Veganer, sondern die anderen alle verrückt geworden sind. Es soll sogar ein Kopfgeld auf sie aufgesetzt worden sein.

Das, meine lieben Leser und Leserinnen, sind Fake-News:

Eine harmlose, ja schreiend bedeutungslose Tatsache, die zur Propagandastory aufgeblasen wird, um das eigene Weltbild zu bestätigen und ein einfach zu hassendes Feindbild zu kreieren.

Wer ist fanatischer? Eine Frau, die angeblich im Scherz fragt, ob man nicht vielleicht das nächste Lied spielen könne oder die tausenden Menschen, die ihr deswegen den Tod wünschen und ihrem Hass ungezügelten Lauf lassen?

Was ist schlimmer? Kinderpornographie oder ein Scherz einer Veganerin?

Ganz besonders, wenn genau am gleichen Tag in der gleichen Stadt im Bistum Limburg Kinderpornos auf dem Rechner einer der Mitarbeiter gefunden wurden (Link)! Hat das jemand erfahren? Geht das durch die Medien? Was ist schlimmer? Kinderpornographie (ob in der Kirche oder nicht) oder ein vermeintlicher Scherz einer Veganerin über eine Banalität? Ganz ehrlich, selbst wenn sie eine Demo gegen das Spielen dieses Kinderlieds angehalten hätte und es ihr voller Ernst gewesen wäre: Wen interessiert das?

Also vielleicht beruhigen wir uns alle mal, lassen die arme Frau endlich in Ruhe, hören mit den Verallgemeinerungen auf und regen uns über Dinge auf, die es auch wirklich wert sind. Und bitte, fangt an, die Artikel auch zu lesen und nicht nur eure Meinung in die Kommentarspalten zu klatschen, nachdem ihr eine Überschrift gelesen habt.

Info!

Für Rückfragen zu diesem Artikel bitte die Adresse des Autors nutzen: redaktion@volksverpetzer.de


Ergänzung (17.02.2017): Ein Missverständnis, das die Medien ausschlachten

Bei diesem Artikel handelt es sich lediglich um die Darstellung der betroffenen Veganerin, die verständlicherweise anonym bleiben will. Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden, ob die Veganerin sich falsch verhalten hat oder der Bürgermeister. Das wahre Problem liegt darin, dass die Medien diese wirklich irrelevante Lappalie zu so einem Monster werden ließen und da eine Sensation daraus machen, die eigentlich nicht der Rede wert ist. Die Situation um diese kleine Bitte hat sich zu einer beängstigenden Sache entwickelt, dass die Veganerin und der Bürgermeister selbst (Link) Drohungen erhalten. Natürlich ist es für die Veganerin sowie den Bürgermeister belastend, wenn man überall zu lesen bekommt, dass der Bürgermeister wohl den „Verstand verloren haben sollte“, weil er auf die Forderungen der „Veganer-Mafia“ eingegangen sei. (Link) Oder dass die Veganerin, die „dumme Bitch“, „aus der Stadt gejagt“ werden soll und „hoffentlich mal von einem tollwütigen Fuchs gebissen“ wird.

aus der stadt jagen dummebitch vomg fuchs geholt gebissen jäger geholt jäger auf m enschen schießenKeiner von beiden hat mit diesem Medienecho gerechnet, beziehungsweise sogar überhaupt mit irgendeinem Medienecho. Beide sind davon überrumpelt und werden jetzt Opfer der Aufruhrs. Aber weder Bürgermeister Hahn noch die Veganerin nehmen sich gegenseitig etwas übel. Er bezeichnete es als eine „sehr nette Anfrage“ (Link) und sie sagte ebenfalls, dass bei Hahn kein Fehler liegt.

Auch im ursprünglichen Interview mit der FAZ betonte Bürgermeister Hahn, dass es eine „freundschaftliche Anfrage“ gewesen sei, und dass er sich auch nicht sicher gewesen sei, ob es sich nicht um einen Scherz handele. Im schlimmsten Fall handelt es sich um ein Missverständnis, doch das interessiert niemanden. Es war nie etwas anderes gewesen und jedes Medium, dass diese Meldung verkürzt oder anders dargestellt hat, hat zu dieser Hysterie beigetragen.

Und nun bekommen die Veganerin, sowie der Bürgermeister Drohungen aller Art, auch Morddrohungen. Das hat sie uns und auch der Stadt gegenüber bestätigt, wie Johannes Laubach, Sprecher der Stadt, bestätigt: „Wir waren heute morgen mit der Frau in Kontakt. Auch uns gegenüber hat sie die Drohungen eingeräumt.“ (Link) Sie selbst ist selbstverständlich enormen psychischem und sozialem Druck ausgesetzt und ihr geht es auch gesundheitlich sehr schlecht dadurch. Selbstverständlich will sie nicht ihre Anonymität aufgeben und sich dem Hass der gesamten Öffentlichkeit stellen. Und das alles nur wegen einer nicht so ernst gemeinten Anfrage an ihren Bürgermeister auf Facebook.

VVP LimburgZu sehen, wie sich die gesamte Presselandschaft auf diese lächerliche Geschichte stürzt, wie viel sich die Menschen über die Sache aufregen, während die zeitgleich herausgekommene Meldung, dass im Bistum Limburg auf dem Rechner eines Mitarbeiters Kinderpornos gefunden worden sind, ist irrwitzig. Die unterschiedlichen Reaktionen auf diese Ereignisse stehen in keinem Verhältnis zueinander. Die deutschsprachige Medienlandschaft sollte sich wirklich überlegen, welche Nachrichten denn Relevanz besitzen und ob eine harmlose, folgenlose und höchstens amüsante Anekdote wirklich so viel oder überhaupt eine Reaktion verdient. Dieser ganze Rummel ist völlig absurd und nichts anderes wollte dieser Artikel zeigen.

Diese Reaktionen und dieses Presseecho sind der falsche Weg!

Interview mit Bürgermeister (Originalmeldung)

Bestätigung der Stadt, dass sie Drohungen bekommt. (Link)

Update (22.02.): In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass laut der Veganerin ganze Jagdverbände Drohungen ausgesprochen hätten. Dies ist nicht der Fall. Dies war missverständlich formuliert und hatte nicht beabsichtigte Implikationen.

Thomas_LThomas Laschyk, Chefredakteur Volksverpetzer Journalist, Blogger, und Tierrechtsaktivist aus Augsburg. Auf seinem Blog Der Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und ethischen Fragestellungen. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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