Die Manipulation der Menschen durch „die Medien“, die „Lügen der Presse“, die „Einflussnahme“ durch „dunkle Kräfte“ oder „die da oben“ sind mittlerweile weit verbreitete Vorstellungen, die im Begriff der „Lügenpresse“ ihren quasi endgültigen sprachlichen Endpunkt erreicht haben. Die Vorstellung manipuliert worden zu sein, entbindet von der eigenen Schuld.

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Zwar gibt es diese Kampfbegriffe nun nicht erst seit Pegida und AfD, aber sie haben in deren Zuge an Popularität gewonnen und werden durch die Wahl Trumps weiter befeuert. Irgendjemand muss ja Schuld sein. Und im Zweifel sind es „die Medien“, die „uns alle“ in einer Informations- und Glaubensblase zurückließen und so erst die Wahl Trumps ermöglichten.




„Die Medien“ haben also ihre Objektivität und Wahrheit verloren. Ein Skandal. Rette uns wer kann. Und wer kann, steht fest. Das Internet und seine Blogger und Youtube-Stars, solange die nur nicht auch gekauft oder gehirngewaschen sind. Die Waffe gegen Medien und Presse sind also „andere“ Medien und eine andere Presse. Also das gleiche nochmal, nur eben ohne Lügen.

Schaut man sich die Sache aber genauer an, wird schnell klar, dass die Vorstellung, davon, dass „die Presse“ und „die Medien“ auch „Unwahrheiten“ verbreiten, interessengeleitet und subjektiv gefärbt sind, nicht der eigentliche Skandal ist.

Der eigentliche Skandal ist die Masse an Menschen, die bis quasi gerade eben dachten, es gäbe eine ultimative, objektive Wahrheit, die die Medien und die Presse nur abbilden würden

Eine Wahrheit, die man eben nur zu finden braucht. Stell dich an die richtige Stelle und guck nur richtig hin. Die Wahrheit ist da draußen. The truth is out there. Beim zweiten Blick wird aber klar, es sind eher die „Truther“, die da draußen sind, die mit einer ziemlich einfachen Rhetorik ein Schwarz-Weiß-Bild malen und alle diskreditieren, die eben nicht auf ihrer Seite „der Wahrheit“ sind.

Und genau hier liegt der eigentliche Fehler: Nicht im System der Medien, sondern im Denken jener Menschen. Dieser Fehler ist allerdings in der Tat ein Ausdruck auch des Versagens der Medien in der lange Zeit übergangenen selbstkritischen Vermittlung von Medienkompetenz.

Kein Medium ist frei von Einflussnahme, von Beeinflussung durch den Zeitgeist, dem begrenzten Wissen und den Glaubenssätzen der Reporter und Autoren, deren Emotionen und Erlebnissen, deren Bedürfnissen, Sehnsüchten und Wahrnehmungsfiltern, deren Geldnöten und Erwartungen seitens der Kollegen oder sich selbst, kurz, deren Biografie und Historizität. Hinzu kommen die Blickwinkel der Kameras, die Auswahl der Themen durch begrenzten Platz, die Logiken der einzelnen Medien, den Einflüssen, Wahrnehmungen und Glaubenssätzen der Interviewten, Informanten und Vorgesetzten. Und der Einflussnahme durch den Rezipienten. Denn dessen Sehgewohnheiten, Interessen, Wissens- und Glaubenssätze, dessen Meinung und sein ganzes Rezeptionsverhalten bestimmen maßgeblich mit, was „die Medien“ schaffen.

Die Einflussnahme ist also in der Tat enorm aber sie ist dies lange bevor wir zur Spitze des Eisbergs der „Lüge“ kommen, die, verglichen mit allem anderen, selten und dann auch noch vergleichsweise einfach zu entlarven ist, zumindest mit ein wenig Medienkompetenz und Innehalten, bevor man teilt.

Der Skandal geht sogar noch weiter. Denn jene „Lügenpresse“ schreienden Menschen begehen den selben Fehler völlig selbstverständlich erneut. Der Fingerzeig auf den Anderen, ignoriert den nötigen Fingerzeig auf sich selbst. So glauben sie, sie hätten eine höhere, eine neue Ebene der Reflektion erreicht, der Kritik, der Medienkompetenz, der Wahrheit. Dabei geht der Verweis auf die „Lügenpresse“ einher mit dem Verweis auf „alternative Medien“. Zur Lüge gehört die Wahrheit. Wer „Lügner“ schreit, hat den Messias der „Wahrheit“ schon in der Tasche parat.

Die Wahrheit, die Möglichkeit einer absoluten Objektivität wird nicht infrage gestellt, sie wird nur einem Anderen zugesprochen.

Dieser andere nun nicht nur nicht mit der Lüge behaftet wird, sondern auch gleich noch von all jenen Einflüssen, Interessen, von seiner Biografie, ja von allem Beeinflussenden befreit ist, denn darauf zielte nie der Blick. Diese Zuwendung zu neuen medialen Göttern auf facebook, youtube oder sonstwo ist so nichts anderes, als der Austausch einer Wahrheit durch eine andere. In aller Regel mit einer, die der eigenen Meinung besser anschlussfähig ist und mit der nun selbst die Deutungshoheit beansprucht wird. Auf halber Strecke wird also kehrt gemacht, um dann mit Vollgas in die falsche Richtung loszubrettern.

Was aber ist die Ursache? Eine Antwort könnte in der Fülle an verfügbaren Informationen einerseits und der Komplexität dieser andererseits gesehen werden. Letztere ergibt sich bereits aus der Fülle an Perspektiven. Wo früher im Wirtshaus des Dorfes Nachrichten allenfalls durch ein paar Flugblätter oder Reisende verbreitet worden sind, da blieb die jeweils gegenwärtige Zahl der Perspektiven schon deswegen begrenzt, weil die Anzahl der Menschen, die an solch einem lokalen Nachrichtenaustausch beteiligt waren, ebenso begrenzt war. Und im Zweifel stand die Dorfgemeinschaft gegen die Wahrheit von Außen. Das ist heute anders. Das Problem daran ist aber eben nicht diese Multiperspektivität und Komplexität. Ganz im Gegenteil. Denn diese ist wichtig, um tatsächlich nicht nur Medienkompetenz zu entwickeln, um dieser Vielheit gerecht zu werden, sondern generell, um die Welt kritischer betrachten zu können. Das Problem ist also der Umgang damit.

Eine komplexe Welt, mit ihren vielen Perspektiven, Ereignissen, Nachrichten und Möglichkeiten kann die liebgewonnenen Gewissheiten der eigenen Welt ins Wanken bringen, ihr die Sicherheit nehmen. Wenn andere Menschen, Gruppen, Kulturen die Welt ganz anders denken, dann fällt die Zwangsläufigkeit meiner eigenen Welt, denn was ist, könnte auch anders sein. Kategorien können beginnen sich aufzulösen. Die Sicherheit der Zwangsläufigkeit weicht der Kreativität des Schaffens. Damit aber geht eine fundamentale Sicherheit verloren, eine sozial abgesicherte Sicherheit, eine Sicherheit im und zum Handeln. Zurück bleibt allzu oft ein Gefühl der Ohnmacht, durch den Wegfall von Orientierung, von einfachen Lösungen, von „Mann“ und „Frau“, „gut“ und „böse“, „Mensch“ und „Tier“, „Volk“ und „Völker“, usw.




Ein Weg mit solch „schlechten“ Nachrichten umzugehen, war nun schon immer, sich den Überbringer vorzuknöpfen.

Wenn dieser lügt, falsch spielt oder einfach keine Ahnung hat, dann lässt sich das eigene Bild retten und ein Sündenbock ist gewonnen. Hier wird nun den Medien etwas zur Last gelegt, was sie nie hätten erfüllen können. Das Problem ist also die eigene Vorstellung. Und diese neue Wahrheit wird ebenso wieder abgesichert. Eine neue Autorität muss her, eine, die das Weltbild rettet, indem sie den Verdacht bestätigt. Eine Presse also, die „Lügenpresse“ schreit und vorgibt, selbst gar nicht Teil des „korrumpierten“ Mediums zu sein.

Die richtige Frage nach den Interessen und Einflussnahmen im Bereich von Presse und Medien wird so erneut abgegeben an andere Medien, die selbst nur wieder einfache Lösungen liefern. Eine Perspektive gegen die andere.

Der Begriff der Lügenpresse ist nichts weiter als das kollektive ad hominem, um sich in der Illusion der Kritik nur wohlfeil anderen medialen Göttern hinwenden zu können.

Um in den Worten eines populären Films zu enden:

Man schluckt nicht die rote Kapsel, sondern nur einer andere blaue. Die Matrix wird umprogrammiert und nicht verlassen. Wer „Lügenpresse“ schreit, ist nicht Neo, sondern Cypher und auf dem Weg zurück in die Matrix.

Die Lösung des Problems und die Folge der Erkenntnis nicht nur der Spitze des Eisbergs, sondern des Eisbergs selbst, besteht schließlich nicht im Austausch eines vermeintlichen Messias der Wahrheit durch einen anderen, sondern in der Entwicklung tatsächlicher Medienkompetenz. Und diese weiß sehr wohl, dass alle Menschen, ob Reporter oder Leser, eine Geschichte haben, Interessen, Bedürfnisse und Mechanismen, die sie prägen und in die sie eingebunden sind. Medienkompetenz bedeutet all dies zu berücksichtigen. Sie bedeutet auch, statt der Multiperspektivität die eine Wahrheit entgegenzusetzen, sie als Gewinn zu sehen, denn nur so können sich die unterschiedlichen Deutungen zeigen.

Eine fundierte Meinung ist dann nichts weiter als das Schlagen einer Schneise durch dieses Dickicht an Deutungen, vermeintlichen Fakten und Perspektiven. Die geeignete Machete dafür aber kann nur ein kritischer und auf wissenschaftlichen Methoden basierender Blick sein, der auch sich selbst auf diese Weise betrachtet.

Denn wir alle glauben nur allzu gern den Quellen und Fakten, die uns selbst bestätigen, die uns helfen das zu erreichen, was wir wollen. Ein kritischer Blick auch in die Medienlandschaft muss also in erster Linie auch ein kritischer Blick auf uns selbst sein.

Sebastian Ernst, Gastredakteur Volksverpetzer Sebastian ist Historiker und Philosoph. Er lebt seit etlichen Jahren vegetarisch und vegan. Seine Kernthemen sind Fragen der Ethik und der Tierrechte, des Veganismus als Bewegung sowie Rezensionen und Kritiken. Hier könnt ihr den Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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