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Nutzen AfD-Sympathisanten häufiger alternative Medien um sich zu informieren und falls ja, weshalb? Dieser hochrelevanten Frage bin ich in einer wissenschaftlichen Arbeit nachgegangen, in der ich das Mediennutzungsverhalten von AfD-Sympathisanten untersucht und dieses mithilfe der Kognitiven Dissonanztheorie und Selective Exposure erklärt habe.

Dieser Artikel ist ein stark gekürzter Auszug. Der Volltext kann hier nachgelesen werden.

Einleitung

Es ist das Unwort des Jahres 2014 (Spiegel 2015): Der Vorwurf der „Lügenpresse“ hat, ausgehend von den ersten PEGIA-Veranstaltungen, Karriere gemacht und ist nun ein von weiten Teilen der AfD-Sympathisanten geteiltes und oft genutztes Schlagwort, das eine generelle Skepsis und diffuse Kritik am Mediensystem ausdrückt. Es scheint, dass Personen, die mit der AfD sympathisieren, oftmals stark geschlossene Weltbilder aufweisen, welche von populistischen Ansichten geprägt sind, die sich in einem deutlichen Misstrauen gegenüber den sogenannten Eliten niederschlagen (vgl. Niedermayer & Hofrichter, 2016; Kopke, 2017; Kroh & Fetz, 2016; Brähler, Kiess, Decker, 2016; Reinemann, 2017).

 

Journalisten und Medien werden aus dieser Perspektive heraus tendenziell abgelehnt. Die heutigen kommunikationstechnischen Mittel und die stetig wachsende Anzahl an Informationsangeboten, offerieren stärker als je zuvor die Möglichkeit, sich vermeintlich diesem Mediensystem zu entziehen und selektiv nur die Informationen zu suchen, die der eigenen Meinung entsprechen (Stroud, 2008, S.342). Von logischer Konsequenz wäre es deshalb, dass sich dieser Personenkreis häufiger alternativen Medien im Internet zuwendet, worunter auch soziale Netzwerke fallen. Dieser These bin ich in meiner Arbeit nachgegangen. Interessanterweise hat die Mediennutzungs- und -wirkungsforschung in Deutschland diesem Bereich bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.


Kognitive Dissonanz und Selective Exposure

Die Theorie der Kognitiven Dissonanz basiert auf der Annahme, dass Menschen danach streben, einen konsistenten (zusammenpassenden) Zustand mit sich selbst zu erhalten (Festinger, 1957, S.1), sodass ihre Wahrnehmungs- und Denkergebenisse (Kognitionen) widerspruchsfrei sind. Daraus folgt, dass inkonsistente Kognitionen einen unangenehmen psychologischen Zustand darstellen, der mentalen Stress erzeugt und den Individuen möglichst vermeiden möchten (ebd. S.3). Um Kognitive Dissonanz zu vermeiden, werden Individuen versuchen, aktiv Situationen und Informationen auszuweichen, die Dissonanz hervorrufen, oder diese durch Umdeutung zu reduzieren (ebd. S.3).

 

Kognitive Dissonanz kann deshalb zu einer selektiven und verzerrten Wahrnehmung und Informationssuche führen kann, da nur noch Informationen oder Einstellungen gesucht werden, die konsonant zu den eigenen Überzeugungen sind. Dieses Phänomen ist als „selective exposure“ bekannt und stellt eine Konsequenz aus Kognitiver Dissonanz dar.

Die Ablehnung von meinungsdissonanten Informationen wird dabei meist als gleichwertig wahrscheinlich mit der Bevorzugung von meinungskonsonanten Informationen gesehen (Garrett, 2009, S.681). Unterschiedliche Themen beeinflussen die Tendenz von Personen zu Selective Exposure allerdings unterschiedlich (Stroud, 2008, S.344), weshalb neuere Ansätze den Forschungsschwerpunkt in einen neuen Kontext überführen (vgl. Garrett, 2009; Stroud, 2008). Dieser wurde im Bereich des politisch motivierten Selective Exposure gefunden, da durch das relativ neue Kommunikationsmedium „Internet“ Bedenken in Bezug auf eine Polarisierung und Spaltung der politischen Gesellschaft geweckt wurden (vgl. Mutz & Martin, 2001; Sunstein, 2001; Stroud, 2008).

 

Die neuere Forschung zu Selective Exposure konzentriert sich stärker auf die kognitive Komponente der positiven Bewertung und vermehrten Suche von einstellungskonsistenten Informationen (auch als „Confirmation Bias“ bekannt). So modifizierte Garrett (2009) die zentrale Aussage von Selective Exposure dahingehend, dass Personen zwar generell zu meinungsverstärkenden Informationen hingezogen werden und diese aktiv suchen, aber meinungsherausfordernde Informationen nicht per se vermeiden (S.679).

Das Mediennutzungsverhalten von AfD-Sympathisanten

In meiner Arbeit konnte ich folgendes zeigen: Sympathisanten der AfD scheinen häufiger als andere Parteianhänger alternative Medien wie Internetseiten, Blogs und die sozialen Medien zu nutzen, um sich politische Informationen zu suchen. Dies kann einerseits durch ein bestehendes starkes Misstrauen in die klassischen Medien, sowie durch eine Inkongruenz der in den Medien vorkommenden Einstellungen, Tatsachen und Weltsichten, mit den eigenen Einstellungen der AfD-Sympathisanten erklärt werden. Weiterhin spielt die Berichterstattung über die AfD und ihre Anhängerschaft in den Medien eine Rolle bei der Entfremdung dieser von den Medien, da es zu einer Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung kommt.

 

Aus diesen Erkenntnissen, basierend auf der Theorie der Kognitiven Dissonanz und Selective Exposure, formulierte ich drei Hypothesen, die in weiterführender Forschung stärker analysiert werden sollten und für deren Bestätigung es starke Hinweise gibt:

 

Hypothese 1: Je mehr eine Person der AfD zuneigt, desto größer ist ihr Misstrauen gegenüber Institutionen und klassischen Medien und umso eher wird sie alternative Medien zur Befriedigung von Informationsbedürfnissen heranziehen.

 

Hypothese 2: Je mehr eine Person der AfD zuneigt, desto weniger findet sie ihre Einstellungen in den klassischen Medien repräsentiert und umso eher neigt sie zu alternativen Medien.

 

Hypothese 3: Je mehr eine Person der AfD zuneigt, desto wahrscheinlicher wird es zu einem Konflikt zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und der Berichterstattung in den Medien über die Anhängerschaft der AfD kommen.

 

Es ist anzunehmen, dass das Zusammenspiel dieser drei Mechanismen sich gegenseitig verstärkt und eine Spirale der Kognitiven Dissonanz befeuert (Slater, 2007), welche in einer zunehmenden selektiven Informationssuche mündet, die mutmaßlich zu einer Verhärtung und Radikalisierung der Einstellungen und damit einer immer weiteren Polarisierung (Stroud, 2010, S.569) führen könnte.

 

Zwar konnte in neueren Studien zu Selective Exposure gezeigt werden, dass auch meinungsabweichende Informationen rezipiert werden (vgl. Stroud, 2008; Garrett, 2009), doch bedeutete dies nicht, dass meinungsabweichende Informationen auch tatsächlich zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen geführt hat. Die empirisch gestützte „rigidity-of-the-Right“ Hypothese besagt in diesem Kontext, dass Konservative (besonders aber deutlich rechts neigende Personen), seltener meinungsherausfordernde Informationen rezipieren und eher resistent gegen Einstellungsänderungen sind (Stroud, 2008, S.358; Garrett, 2009, S.690, S.693; Sears & Freedman, 1967, S.199).

 

Wahrscheinlich ist deshalb, dass bei einer auftretenden Kognitiven Dissonanz Strategien zur Dissonanzreduktion angewendet werden, die auf verinnerlichten und bewährten Mustern aufbauen und die dissonante Information soweit abwerten, dass diese als irrelevant angesehen werden können. Dies würde zum Teil die starke Ablehnung der klassischen Medien und empirisch nicht zu haltende und als Verschwörungstheorie einzustufende Medienkritik von AfD-Sympathisanten (Schultz et al. 2017) erklären.

 

Die in Medien häufig angewendete Skandalisierung sollte vor dem Kontext politischer Radikalisierung und medialer Entfremdung hinterfragt werden. So gibt es Hinweise darauf, dass Dissonanzreduktionsprozesse im Rahmen eines als bedrohlich wahrgenommenen Themenbereiches zu Extremismus und Abwertung von Fremdgruppen führt (McGregor, Zanna, Holmes, Spencer, 2001), was für viele Menschen auf die durch sie erlebte Medienrealität zutrifft (BR, 2016, S.9). Es ist anzunehmen, dass alternative Medien durch ihre Natur und Ausrichtung diesen Effekt nur noch weiter verstärken würden.

 

All dies in Betracht gezogen muss deshalb eindeutig die Empfehlung ausgesprochen werden, auch im deutschen Kontext die Erforschung des Mediennutzungsverhaltens nach politischer Orientierung und die Tendenz zu Selective Exposure mit ihren bedingenden Umständen, Wirkmechanismen und Konsequenzen wesentlich stärker voranzutreiben. Denn eine medial fragmentierte, politisch gespaltene Gesellschaft birgt durch Polarisierung, Radikalisierung und Postfaktizismus der Meinungen eine ernste Gefahren für den sozialen Frieden und die Demokratie.

Quellen- und Literaturverzeichnis

  • BR (2016). TNS emnid, „Informationen fürs Leben“ – BR Studie zum Vertrauen in die Medien. Abgerufen unter: http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html am 14.08.2017 um 16:10 Uhr.
  • Brähler, E., Kiess, J., & Decker, O. (2016). Politische Einstellungen und Parteipräferenz: Die Wähler/innen, Unentschiedene und Nichtwähler 2016. In Decker, O., Kiess, J., & Brähler, E. (Hrsg.). (2016). Die enthemmte Mitte: Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland/Die Leipziger Mitte-Studie 2016 (S. 67-94). Psychosozial-Verlag.
  • Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Evanston: Row, Peterson.
  • Garrett, R. K. (2009). Politically motivated reinforcement seeking: Reframing the selective exposure debate. Journal of Communication, 59(4), 676-699.
  • Kopke, C. (2017). Verschwörungsmythen und Feindbilder in der AfD und in der neuen Protestbewegung von rechts. In NK Neue Kriminalpolitik, 29(1), 49-61.
  • Kroh, M., & Fetz, K. (2016). Das Profil der AfD-SympathisantenInnen hat sich seit Gründung der Partei deutlich verändert. In DIW-Wochenbericht, 83(34), 711-719.
  • McGregor, I., Zanna, M. P., Holmes, J. G. & Spencer, S. J. (2001). Compensatory conviction in the face of personal uncertainty: Going to extremes and being oneself. In Journal of Personality and Social Psychology, 80, 472–488.
  • Mutz, D. C., & Martin, P. S. (2001). Facilitating communication across lines of political difference: The role of mass media. In American Political Science Review, 95(1), 97–114.
  • Niedermayer, O., & Hofrichter, J. (2016). Die Wählerschaft der AfD: Wer ist sie, woher kommt sie und wie weit rechts steht sie? In ZParl Zeitschrift für Parlamentsfragen, 47(2), 267-285.
  • Reinemann, C. (2017). Populismus, Kommunikation, Medien: Ein Überblick über die Forschung zu populistischer politischer Kommunikation. In ZfP 64. Jg. 2/2017
  • Schultz, T., Jackob, N., Ziegele, M., Quiring, O., Schemer, C. (2017). Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum? Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. In Media Perspektiven 5/2017, 246-259.
  • Sears, D. O., & Freedman, J. L. (1967). Selective exposure to information: A critical review. In Public Opinion Quarterly, 31(2), 194–213.
  • Slater, M. D. (2007). Reinforcing spirals: The mutual influence of media selectivity and media effects and their impact on individual behavior and social identity. In Communication Theory, 17, 281–303.
  • Slater, M. D. (2007). Reinforcing spirals: The mutual influence of media selectivity and media effects and their impact on individual behavior and social identity. In Communication Theory, 17, 281–303.
  • Spiegel Online (2015). http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/luegenpresse-ist-unwort-des-jahres-a-1012678.html
  • Stroud, N. J. (2008). Media use and political predispositions: Revisiting the concept of selective exposure. In Political Behavior, 30(3), 341-366.
  • Stroud, N. J. (2010). Polarization and partisan selective exposure. In Journal of communication, 60(3), 556-576.
  • Sunstein, C. (2001). Republic.com. Princeton: Princeton University Press.

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Robin Thiedmann, Gastbeitrag Volksverpetzer Robin Thiedmann studierte Politikwissenschaft und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2015 ist er Pressesprecher der Partei der Humanisten. Unterstützt den Volksverpetzer doch mit einem kleinen monatlichen Beitrag!
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