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Was der Philosoph Michael Hampe sich da in seinem Artikel für die ZEIT zusammenzimmert, ist nicht viel mehr, als die mit hämischem und zynischem Grinsen begleitete persönliche Abrechnung mit etwas, das er allem Anschein nach nicht versteht, wohl auch nicht verstehen will.

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Und so kann es dieser „ältere, philosophisch schon länger hetzende Hund“ nicht lassen, einen Artikel gegen die „begeistert Aufsässigen von Pubertierenden, die gerade die Philosophie entdecken“ zu schreiben, noch dazu, wo diese nun in den „akademischen und kulturellen Institutionen“ aufsteigen. Was dabei herausgekommen ist, ist eine Rachepolemik gegen jene jungen „pubertären Theoretiker“, in der Argumente mit von Spott beladenen Behauptungen ersetzt werden, die er seinem Feind mit der geballten Macht des Alteingesessenen entgegenwirft, der um seine Vormachtstellung fürchtet. Zumindest scheint dem so und wenn der Artikel selbst Behauptungen, wie jene, dass die homogenisierte und verallgemeinerte „kulturwissenschaftlicher Linke“ ihre eigenen Theorien nicht auf sich selbst anwende, als Argument missbrauchen kann, dann muss es auch hier legitim sein, zwischen den Zeilen und gegen den Strich zu lesen, um den um seine Position fürchtenden Akteur hinter dem Text und im Text offenzulegen.




Die „kulturwissenschaftliche Linke“ wird zum Feindbild und Sündenbock gemacht

Die s.g. „kulturwissenschaftliche Linke“ wird in dem Artikel nicht nur zum Feindbild, sondern auch gleich zum Sündenbock, denn sie sei unfähig, der „Neuen Rechten“ entgegenzutreten, so die scheinbare Hauptkritik. Sie habe sich selbst genügt und blieb auf sich selbst bezogen, theoretisierte, statt zu agierten; eine Erläuterung, wo denn derweil der Herr Professor war, bleibt er allerdings schuldig. Aber das nur nebenbei bemerkt.

Problematisch ist dabei nicht eine Kritik an postmodernen oder konstruktivistischen Ansätzen, denn eine konstruktive Kritik ist immer sinnvoll und Dissens, wie auch Pluralität der Ansätze ein wichtiger Motor der Wissenschaft. Im Mächtespiel um Vormachtstellungen, Positionen, Forschungsgelder und das Recht, recht zu haben, verkommt eine Kritik auch hier zum Schein. Kritik bedeutet nämlich, so sollte der Herr Professor wissen, zuerst einmal auch Selbstkritik, besonders, wenn man diese bei anderen vermisst. Eine solche aber unterbleibt hier. Vielleicht hätte Hampe so ja bemerkt, wie sehr er nur scheinbar eine Gruppe von Akteuren zur Disposition stellt, die eine bestimmte Auslegung postmoderner und konstruktivistischer Ideen anwende, sondern stattdessen das gesamte postmoderne und konstruktivistische Denken, das er versucht, lächerlich zu machen. Nicht der konkrete Feind im Kampf um den Lehrstuhl wird angegangen, sondern gleich auch der Feind um die wahre Wahrheit. Dies belegen seine Beispiele, die vielleicht nur unbedacht gewählt sind und gut in die oberflächliche „Beweisführung“ passen aber eben nicht wirklich für eine Kritik taugen.

Damit genug der Polemik seitens des wohl spätpubertären postmodernen Konstruktivisten, der Jagd auf Hampes Lehrstuhl macht, auch wenn sie angesichts dessen, dass der, der wer austeilen kann auch einstecken können sollte, gerechtfertigt erschien. Aber nun rein ins Philosophieren und Differenzieren. Das hätte auch dem Artikel Hampes gutgetan.

Gibt es die Oma wirklich?

Der Artikel beginnt damit, einige konstruktivistische Positionen mittels Beispielen lächerlich machen zu wollen.

Für eines davon muss seine Oma herhalten. Er schreibt: „Auch meine Oma ist kulturell konstruiert und historisch bedingt, denn Omas können als hilfserziehungsberechtigte Weihnachtskeksbäckerinnen natürlich nur in bestimmten kulturellen Kontexten entstehen. Und wenn meine Oma nicht 1902, sondern 1972 geboren worden wäre, wäre sie zweifellos eine andere gewesen. Aber gab es deshalb meine Oma nicht wirklich?“
Die Antwort ist ganz simpel und lässt sich mit etwas Philosophie leicht ausführen. Natürlich existiert seine Oma als Person unabhängig davon, welche Wirklichkeit sich eine Gesellschaft schafft, welche sozialen Kategorien sie hat, usw. aber sie existiert als Oma eben nur in Gesellschaften, die auch Omas als Kategorien kennt. Dass Hampe das nicht bemerkt, ist erstaunlich, zumal er doch völlig richtig feststellt, dass Omas eben nur in „bestimmten kulturellen Kontexten entstehen“. Damit sind Omas diskursiv und kulturell gebildet, sie sind ein Konstrukt, ein Narrativ, wie die Postmoderne es auch gern nennt, also eine soziale Kategorie, die bestimmte Vorstellungen, Anforderungen, Erwartungen, usw. enthält und die Handlungssicherheit schafft, weil die Gesellschaft darüber wacht, dass diese auch eingehalten werden. Es gibt also in dieser Hinsicht „gute“ und „schlechte“ Omas, gemessen an dem, was eine Gesellschaft meint, was und wie eine Oma sein müsse.

Den Nordpol gibt es nicht

Ein weiteres Beispiel ist das des Nordpols. Es beginnt wie folgt und verweist wohl auf den Schmerz desjenigen, der einmal von Kollegen verlacht worden ist und sich nun in der Verallgemeinerung wehrt: „Wer etwas über die Entdeckung des Nordpols oder die Wahrheit moralischer Aussagen herausfinden wollte, wurde von ihr als Ewiggestriger müde belächelt.“
Weiter schreibt er: „Nahm man etwa an, dass es den Nordpol als Tatsache gebe? Hatte man noch nicht gehört, dass „Nordpol“ für ein Konstrukt steht, das durch technische Geräte, Diskurse, Politiken hergestellt worden war? Über die Erfindung des Nordpols, meinte die KWL, könne man wohl noch schreiben, nicht aber über seine Entdeckung.“
Auch diese Aussagen der Postmoderne sind völlig in Ordnung. Der Nordpol wurde nicht einfach entdeckt, sondern geschaffen. Das liegt zum Beispiel daran, dass der Begriff „Nordpol“ weit mehr beinhaltet, als der geografische und physikalische Ort, auf den damit verwiesen werden soll. Es ist eine Ansammlung von Kulturtechniken und Vorstellungen. Deutlicher wird es vielleicht, wenn man von der Entdeckung Amerikas spricht. Dieses Amerika wurde nicht einfach entdeckt, das zu behaupten, wäre eurozentrisches Denken. Es wurde auch nicht von den Europäern entdeckt, um das einzugrenzen, sondern durch diese im Rahmen bestimmter Diskurse geschaffen, denn das „entdeckte Amerika“ ist vor allem eine bestimmte europäische Vorstellung und Deutung dessen, was dort sei. Diese Vorstellung ignoriert manches, was Amerika auch ausmachen könnte (physikalisch, astronomisch, geografisch), während es manches fokussiert und eine Menge an Vorstellungen drumherum bastelt, die wiederum Bedürfnissen, Intentionen, Weltdeutungen, Wahrnehmungsmustern, Erwartungen und Ideologien (Überlegenheit des christlichen Europas) entspringen. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass jeder begrenzte Ausschnitt der Welt bereits als Konstruktion bezeichnet werden kann, weil diese Ausschnitthaftigkeit nichts Zwangsläufiges hat und schon gar nicht, wenn sie menschlichen Intentionen folgt.




Was bleibt dem Autor also? Die Verspottung der Kritik: „Fragte man zurück „Aber kalt ist es dort doch wirklich?“, zog man sich als Nutzer des Wortes „wirklich“ gleich den nächsten Lacher zu.“  Der Konstruktivismus kritisiert nun einmal naive und absolute Aussagen und macht aus ihnen relationale. Das heißt nicht, dass er sagt, es wäre am Nordpol nicht „kalt“, sondern er sagt, „Ja, in Relation dazu, was du selbst als kalt empfindest, was unsere Gesellschaft als Kälte und Kälteempfinden definiert, schlicht und ergreifend, weil auch kalt ja kein absoluter, sondern ein menschlicher Wert ist, der mehr mit seinem Wohlbefinden und Überleben zu tun hat, als mit der physikalischen Teilchenbewegung.“

Ist die kulturwissenschaftliche Linke schuld am Aufstieg der Rechten?

Im letzten Abschnitt dazu kommt der Autor dann anscheinend zum eigentlichen Kritikpunkt des Herausstellens der Konstruiertheit aller Kategorien:

„Und wem es um die Wahrheit moralischer Aussagen ging, der war nicht nur hoffnungslos gestrig, weil er noch an „die Wahrheit“ glaubte, sondern vermutlich auch ein Authentizitätsfanatiker, der nach überhistorischen moralischen Verbindlichkeiten suchte und noch nicht kapiert hatte, dass auch Moral kulturell konstruiert und historisch bedingt ist.“
Selbstverständlich ist Moral kulturell konstruiert und historisch bedingt. Das aber ist eine maßgebliche Waffe im Kampf gegen Ideen der neuen Rechten, die davon leben, ihre Aussagen als Wahrheiten zu betiteln, ihren Rassismus und Sexismus biologisch zu begründen und auf dessen ahistorische Gültigkeit verweisen. Nimmt man diesen ihre behauptete Allgemeingültigkeit, müssen sie sich Gegenargumenten gegenüber beweisen und das können sie nicht. Dieser Weg ist weit besser, als völlig absurd das Gegenteil zu behaupten und zu meinen, Dinge wie die Menschenrechte wären nicht durch den Menschen erfunden und zugeschrieben. Wo sollten sie herkommen? Was bliebe, wären Gott oder die Physik. Beides aber ist dafür untauglich. Stattdessen mussten diese erst erfunden, dann allgemeingültig zugeschrieben und argumentativ begründet werden und es ist diese Begründung, an der Rassismus und Sexismus scheitern und nicht die Postulierung ihrer bloßen und ahistorischen Existenz. Nicht die „wahre Wahrheit“ oder objektiv-physikalische Gültigkeit der  Menschenrechte ist wichtig, sondern die bewusste und auf intersubjektiven Werten beruhende Anerkennung und Entscheidung für diese. Sie sind kein Naturgesetz, sondern eine Aufforderung an uns alle, eine Welt, eine Wirklichkeit zu schaffen, die für alle erträglich ist und Möglichkeiten zur Entfaltung bietet. Kein Naturgesetz garantiert das, nur unsere Entscheidungen und die Entwicklung der Idee, dass es aufgrund guter Argumente so sein soll.

Die Postfaktizität des Konstruktivismus ist nicht die Postfaktizität der Neuen Rechten.

Wichtig ist hierbei das Missverständnis des Autors, dass die Konstruktion von etwas auch dessen Beliebigkeit bedeute oder dass sich nichts erforschen ließe. Die Postfaktizität des Konstruktivismus ist nicht die Postfaktizität der Neuen Rechten. Bei ersterer handelt es sich um eine erkenntnistheoretische Position, die die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis und die Deutungsanteile aller „Fakten“ hervorhebt, letztere schert sich schlicht um nichts, außer um ihren Willen.

Ein berühmtes Beispiel soll dies erläutern. Ein Blinder bewegt sich durch einen Wald, er lebt in diesem Wald. Weil er blind ist, stößt er immer wieder auf Hindernisse. Um sich besser zurecht zu finden, entwickelt er nun Versuche, um z.B. herauszufinden, in welchen Abständen diese Hindernisse auftreten, woraus Theorien entstehen, die seine Wege verbessern. Er entwickelt Klassifikationen und Kategorien, wie „groß“ und „klein“, biegsame und unbeugsame Hindernisse, solche, die mehr oder weniger weh tun beim Auftreffen, usw. Er verbessert dies und lernt etwas über die Hindernisse, wie sie riechen, schmecken, sich anfühlen, usw. Allerdings erfährt er nie, dass er in einem Wald ist, denn er ist von Anfang an blind und kennt weder Bäume noch Wälder „an sich“, als das, was sie in der „Realität“ sind. Was er hat, ist seine Wirklichkeit, in der er Kategorien erfindet, die die Hindernisse beschreiben, aber aufgrund aller erkenntnistheoretischer Begrenzung, nie die Hindernisse erfassen, als was sie „wirklich“ und unabhängig seiner Interessen sind. Das aber macht seine Wissenschaft nicht obsolet, ganz im Gegenteil. Sie ist wichtig und sie ist auch im Rahmen seiner Intentionen und Bedürfnisse richtig. Sie ist auch nicht beliebig, denn manche Theorien helfen besser im Wald als andere. Auch tauchen vielleicht andere Blinde auf, die andere Kategorien haben, denen manche Hindernisse weniger weh tun oder die andere Theorien haben. Nichts in diesem Wald zwingt sie dazu, sich vertragen zu müssen, aber die Überlegung, dass dies gut ist kann dazu führen, Menschenrechte zu postulieren, z.B. weil alle Menschen in diesem Wald leben wollen und können, weil alle Formen von Schmerz empfinden, weil sie miteinander reden und sich einigen können, weil sie Gerechtigkeit und Moral erfinden. Dass dies Erfindungen sind, macht sie weder unwichtig, noch führt es dazu, für nichts mehr kämpfen zu können, es macht nur ehrlicher. Dass wir nicht wissen, ob jemand Schmerz empfindet oder nur so tut, weil er es gesellschaftlich gelernt hat, sich so zu verhalten, wenn er gegen einen Baum läuft oder wie es sich konkret für andere Personen anfühlen mag, ändert dabei nichts daran, solche Regeln der grundsätzlichen gegenseitigen Rücksichtnahme aufzustellen. Gerechtigkeit ist eine menschliche Erfindung, aber sie ist eine gute für das menschliche Zusammenleben, sie ist konsistent, konsequent und sichert allen, ohne den Zufall der Geburt Sicherheit zu, im Gegensatz zu Rassismus und Sexismus.  Dafür kann man sehr wohl argumentieren und dafür kann und sollte man auch kämpfen, aber auf eine ehrliche Weise, statt sich letzten Endes damit lächerlich zu machen, es für eine göttliche oder universelle physikalische Vorgabe zu halten.

Dass unsere Vorstellungen von der Wahrheit konstruiert sind, macht sie nicht ungültig

Mit einem mehr als oberflächlichen Verständnis der konstruktivistischen Postmoderne lassen sich nun auch die Fragen des Autors an jene beantworten:

„Was sagt man den Leugnern der Erderwärmung, wenn sie die Tatsachen mit grober Pranke einfach beiseiteschieben und lachend rufen: „Du wirfst mir vor, die Tatsachen zu leugnen? Hast du nicht behauptet, die gäbe es gar nicht? Nun, wenn alles nur konstruiert ist, dann konstruiere ich mir jetzt eben mal mein Klima, ich erfinde es, statt es vorzufinden – so hast du es doch immer gewollt!“
Bloß weil „Klima“ und „Temperatur“ menschliche Erfindungen sind, mit denen Vorstellungen über die Welt ausgedrückt werden, die nie völlig mit einer Realität übereinstimmen können, bloß weil wir vielleicht nie wissen werden, dass wir in einem Wald leben oder was ein Baum „wirklich“ ist, können wir trotzdem von einem erschlagen werden, wenn wir ihn fällen. Auch wenn wir nicht wissen, wie sich Tod oder Schmerz „objektiv“ anfühlen, so sehen wir doch bestimmte Wirkungen als schlecht an, Hindernisse und Wirkungen sind da, nicht ausschließlich aber besonders auch deswegen, weil wir sie in Bezug auf uns und die Wirkungen auf uns beschreiben. Uns selbst Gift zu verabreichen, um zu wissen, ob man dann wirklich stirbt oder nur geträumt hat und aufwacht, macht auch aus Sicht des Konstruktivisten keinen Sinn. Nicht zu wissen, inwieweit unsere Vorstellungen der Realität entsprechen heißt eben nicht, gar nichts zu wissen.

Der postmoderne Konstruktivismus ist kein Freifahrtschein für Beliebigkeit

Es besteht also kein zwangsweiser Rückfall in eine Beliebigkeit oder Handlungsunfähigkeit. Kritik an vom Menschen gemachten Gesetzen auch mit dem Hinweis, dass sie genau das sind und verändert, an neue Erkenntnisse und Bedürfnisse angepasst werden können, ist eben nicht gleichbedeutend damit, Gesetze als Ganzes abzulehnen. Freilich kann man sagen, Kritik sei nicht angebracht, weil es drängendere Probleme gibt, aber genau das ist der Habitus eines Donald Trump. Kritiker, haltet die Fresse, denn wir müssen die Wirtschaft pushen.

Ein Hinweis darauf, dass auch Krankheiten diskursiv und historisch gewachsen sind, mag einem Erkrankten nicht helfen und ihm zynisch erscheinen, denn er selbst hat ja die Intention und den Wert von Gesundheit, wie sie seine Gesellschaft definiert, verinnerlicht und er will (über)leben. Dagegen aber haben Konstruktivismus und Moderne doch gar nichts. Nur basiert das, was Gesundheit ist, eben auf bestimmten Vorstellungen und Werten, die durchaus historisch und kulturell variabel sind, ohne dass alle diese Konstrukte als falsch benannt werden können. Es ist trotz und aufgrund dessen allgemein wichtig, solche Konstrukte und Konzepte wie „Krankheit“, „Gesundheit“ oder konkrete Krankheiten in Frage zu stellen. Tut man dies nicht, würde das bedeuten, heute immer noch mit der 4-Säfte-Lehre zu arbeiten, mit einem Gesundheitsbegriff zu arbeiten, der nur das Funktionieren der Organe betrachtet, nicht aber das (inter-)subjektive Wohlbefinden des Menschen oder manches als Krankheit, also als etwas Schlechtes, anzusehen, was eben nicht „schlecht“ zu nennen ist, weil es nicht dem Wert der Gesundheit schadet, wie Homosexualität. Krankheiten sind eben nicht nur Körperprozesse, die mit dem Ziel der Gesundheit behandelt werden, sondern auch der Umgang mit bestimmten Körperprozessen, die als schädlich eingestuft werden, weil man sie ideologisch verwerflich findet. Das ist wichtig, denn erst dann kann das Bezeichnen von bspw. Homosexualität als Krankheit als das entlarvt werden, was es ist, nicht ein schädlicher Prozess, also das, was mit Krankheit als Kategorie definiert wird, sondern als ideologisches Interesse und Ausdruck einer Feindschaft.

Die berechtigten Kritikpunkte Hampes

Demgegenüber stehen allerdings im letzten Teil des Artikels durchaus berechtigte Kritikpunkte, auf die sich der Autor hätte beschränken können. Es wäre tatsächlich gut gewesen, diese stark zu machen. So kritisiert er, dass die Verwendung von Begriffen z.B. per se mit rassistischen Denkmustern gleichgesetzt wird, wenn er schreibt: „Wer seinem Kind die Passage mit der „Negerprinzessin“ aus Pippi Langstrumpf vorlas oder es gar zum Einkaufen von Mohrenköpfen schickte, war offenbar ein Rassist. Auch wenn die KWL nichts von moralischen Wahrheiten wissen wollte, hier verstand sie keinen Spaß. Sie schien plötzlich auf tatsächliche und eindeutige Zusammenhänge zwischen Wortäußerungen und Geisteszuständen der sie hervorbringenden Personen zu pochen: Negerprinzessin vorgelesen, also Rassist.“

Leider allerdings bleibt die Kritik auch hier auf halbem Wege im Morast der Verteidigungshaltung stecken. Sprache ist mächtig und ein wichtiges Instrument dabei, bestimmte Vorstellungen zu verbreiten, z.B. bestimmte Einteilungen, denn dazu dient sie; sie bezeichnet Dinge in Abgrenzung zu anderen Dingen und versieht sie mit Bedeutung. Der Autor lässt dies leider unter den Tisch fallen und macht sich so selbst zum Advokaten der Neuen Rechten und ihrem Sturm auf „political correctness“, mit dem sie nur ihren Rassismus legitimieren wollen.

Der Fall ist entsprechend differenziert. Die Macht von Sprache, die die Welt schafft und nicht abbildet, denn sie schafft die Kategorien, in denen wir denken, fühlen und handeln, darf nicht übersehen werden. Um Wittgenstein ins Boot zu holen, sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt, allerdings nicht nur im Sinne von Begrenzung der Welt, sondern auch der einzelnen Grenzen, die ich ziehe, z.B. zwischen Geschlechtern, Rassen, usw.

Trump Tower VVP

Problematisch sind weniger die einzelnen Wörter, als die Weltdeutungen dahinter

Problematisch sind dabei die durch Sprache (re)produzierten Weltdeutungen, die sich allerdings von einzelnen(!) Begriffen loslösen und in den generellen Denk- und Wahrnehmungsmustern speichern, wenn sie einmal übernommen sind und die Welt eingeteilt ist. Das bedeutet, dass das Verbot eines Begriffes erst einmal gar nichts ändert, sofern der Wille da ist, diese Kategorie weiter aufrecht zu erhalten. Dann werden neue Begriffe erfunden oder alte neu belegt. Der Kern der Weltdeutung wird nicht erreicht. Diese Loslösung der Weltdeutung von einzelnen Begriffen, die Belegung von Begriffen mit unterschiedlichen Weltdeutungen und Inhalten, die Umdeutungspotentiale und der Wandel von Sprache sind nun wichtig, wenn es darum geht, ob jemandem, der einen bestimmten Begriff verwendet, auch diese Weltdeutung zugeschrieben werden darf. Die Verwendung des Begriffes selbst ist dafür nämlich noch kein Hinweis. Zum Beispiel kann der Begriff nicht negativ belegt sein oder er wird mangels eines bekannten Alternativbegriffs verwendet oder aber demjenigen ist nicht klar, welche Bedeutungsebenen dort von anderen außerhalb ihres sprachlichen Milieus noch hineingelesen werden. Ein Aburteilen ist also allein auf Basis eines mehrdeutigen und sich wandelnden Begriffs verfehlt, soweit ist dem Autor zuzustimmen, damit aber in solch verallgemeinernder Weise Sprachkritik abzubügeln, übersieht die Macht von Sprache genauso, wie es ein Verständnis dessen vermissen lässt, was Postmoderne und Konstruktivismus tun, nämlich genau jene Großerzählungen wie „Wahrheit“, „Rasse“, „Geschlecht“, „Volk“, usw. dekonstruieren, die die Neue Rechte nutzt.

Und dann hat der Autor über die Feier seines vermeintlichen Sieges noch ganz vergessen, sich selbst in den Blick zu nehmen, sein Festhalten an seiner eigenen Position in den akademischen und kulturellen Institutionen. Er blieb selbstbezogen, noch als er glaubte, für andere zu agieren: in der theoretischen Korrekturarbeit. Was er aber ins Feld führt, ist nicht neu und findet sich schon bei Foucault, dem die Alteingesessenen seine Homosexualität, wie auch generell sein Handeln vorwarfen, als sie ihre Felle davonschwimmen sahen. Hier ist es nur eben die Behauptung, dass nur der Recht habe, der Trump verhindern könne oder wenigstens auch die Unrecht haben, die dies genauso wenig vermochten, wie man selbst. Und so bleibt abschließend ein Zitat des Arztes, Humanisten und Philosophen Marsilio Ficino, dessen Inhalt auch hier zutage tritt: „Das Urteil folgt der Form und Natur des Urteilenden, nicht des beurteilten Gegenstands.“

Sebastian Ernst, Redakteur Volksverpetzer Sebastian ist Historiker und Philosoph. Er lebt seit etlichen Jahren vegetarisch und vegan. Seine Kernthemen sind Fragen der Ethik und der Tierrechte, des Veganismus als Bewegung sowie Rezensionen und Kritiken. Hier könnt ihr den Volksverpetzer auf Facebook folgen.