Der Konstruktivismus oder besser konstruktivistische Ideen, sind in der Popkultur, wenn auch nicht mit letzter Konsequenz, so doch grundlegend angekommen. Trotz dessen scheint der Alltag der meisten Menschen immer noch von dessen Nemesis, seinem Gegenmodell, dem Realismus oder besser, dem Naiven Realismus geprägt zu sein. Grund genug, sich dem Konstruktivismus einmal mittels einer kritischen Betrachtung seiner Verarbeitung in der Popkultur, genauer im Film, zu nähern.

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Dabei soll es hier nicht darum gehen, den Konstruktivismus in all seinen Spielarten abzuhandeln oder um welche Form es sich in den folgenden Beispielen konkret handelt, ob Radikaler, Kybernetischer oder Sozialkonstruktivismus. Es geht darum die konstruktivistischen Ideen, die in den folgenden Filmausschnitten gezeigt werden, aufzugreifen, zu erläutern und auf den Alltag, auf uns selbst zu beziehen.




1. Die rote Pille

Diese Szene stellt einen Scheidepunkt im Leben Neos und in gewisser Hinsicht einen Neubeginn dar. Es ist eine Art Übergang für den er sich entscheiden muss. Auf der einen Seite steht das Verharren in der Welt, wie sie einem erscheint (Naiver Realismus) und auf der anderen Seite wartet der Kaninchenbau und damit ein Wissen ÜBER diese Welt, in der Neo bisher existierte. In gewisser Hinsicht ist es der Anfang konstruktivistischen Denkens, der Neo in diese Situation brachte, nämlich die Idee, dass die Welt nicht so ist, wie sie uns erscheint, dass unsere Wahrnehmung trügerisch ist, verschwommen oder ganz und gar falsch, weil die Welt, wie wir sie wahrnehmen konstruiert ist. Leider denkt der Film in den Sehgewohnheiten des Popcornkinos.

Es gibt eine „böse Macht“, die die Welt konstruiert habe und es gäbe hinter dieser eine „wirkliche Welt“, eine „wahre Welt“, die man mit der richtigen Pille erkennen könnte. Auch ist da Gott sei Dank Morpheus, der einem die Pille reicht. Im echten Leben ist das leider etwas anders. Den Schritt muss jeder selbst gehen, denn es gibt keine Pille und keinen Morpheus und es gibt auch keine „wahre Welt“ zu erkennen, denn die Erkenntnis einer solchen wird vom Konstruktivismus größtenteils abgelehnt. Entweder schafft unser Gehirn mit der Übersetzung irgendwelcher Daten von außen selbst eine solche Matrix in jedem von uns, wir haben also gar keinen Zugriff zu der Welt „da draußen“ oder aber wir verändern sie in unserer Wahrnehmung, mit unseren Begriffen, unseren erlernten Mustern im Denken, Fühlen und Handeln, unseren Bedeutungen und Sinnzuschreibungen so sehr, dass die „tatsächliche“ Welt weitestgehend unkenntlich wird.

Wir sehen mit dem Gehirn, nicht mit den Augen könnte man sagen. Alle Information wird vom Gehirn übersetzt und verarbeitet. Auf diesem Weg existieren eine Menge Filter. Wir nehmen nicht alles wahr, was ist, nicht alles, was wir wahrnehmen könnten, nicht so, wie es ohne Wahrnehmung wäre und alles was wir wahrnehmen, wird mit Bedeutung ausgestattet, mit Sinn, mit bestehendem Wissen und Mustern abgeglichen und bewertet, was sich wiederum auf das Wahrnehmen generell und das Wahrnehmen von allem anderen auswirkt. Farben sind ein gutes Beispiel. Sie existieren nur für Wesen, deren Sinnesorgane darauf ausgelegt sind sie wahrzunehmen. Kulturen, die dann nur wenigen Farben Bedeutung zuweisen, z.B. nur schwarz, weiß und rot als besonders wahrnehmen, nehmen im Alltag dann auch nur schwarz, weiß und rot wahr, schlicht, weil alles andere keine Bedeutung hat und keine Aufmerksamkeit benötigt. Da unsere Gehirne dabei zwar ähnlich aber nie gleich sind, wissen wir selbst dann nie, wie „rot“ für jemand anderen aussieht. Um Wittgenstein mit ins Boot zu holen, ist die Antwort auf die Frage, woher man weiß was „rot“ sei, die, dass man sprechen gelernt habe. Wir bezeichnen etwas mit einem Begriff, um damit festzulegen, dass etwas einen Unterschied habe, der irgendwie bedeutend sei. Und wir einigen uns drauf, indem wir darauf zeigen und sagen: „Dies sei rot.“ Damit einigen wir uns aber auch darauf, dass es einen Unterschied gibt und wie er heißt. Ob unser Gegenüber nun aber rot genauso wahrnimmt wie wir, wissen wir nicht und können wir nicht wissen. Von graduellen bis grundsätzlichen Abstufungen ist vieles möglich.

Was für so scheinbar einfache Dinge gilt, sieht bei komplexen Phänomenen oder besser Konstrukten ähnlich aus. Geschlecht zum Beispiel. Auch hier werden aus den unendlichen Möglichkeiten des Wahrnehmbaren bestimmte Merkmale, äußere wie innere, zu einer Kategorie zusammengefasst und damit zugleich verallgemeinert, vereinheitlicht und normiert. Fokussiert wird dabei bewusst auf Unterschiede und nicht Gemeinsamkeiten, denn es geht ja darum, eine wahrgenommene Verschiedenheit zu einem Unterschied zu machen, der sich dann wiederum selbst trägt. Denn damit wird ein Muster geschaffen, das auch auf die Wahrnehmung wirkt. Werden bestimmte markante Merkmale dieser Kategorie wahrgenommen, wird auch das Wahrgenommene in dieser Kategorie gefasst und anhand dieser bewertet. Da am Beispiel des Geschlechts an dieses biologische Konstrukt nun auch soziale Bedeutungen gekoppelt werden, bedeutet das eben leider häufig auch, dass mit der Wahrnehmung einer Person nicht einfach nur deren Einordnung anhand dieses Konstrukts einhergeht, sondern auch bestimmte Wertungen vonstatten gehen wie die, ob diese Person denn eine „richtige“ Frau oder ein „richtiger“ Mann sei, sich entsprechend verhalte und seine oder ihre Rolle erfülle.

Da das soziale Geschlecht nichts anderes ist als eine Zuschreibung von Bedeutung und Rollenerwartungen, ist es somit ein Teil der durch uns geschaffenen Matrix. Da aber das, worauf das soziale Geschlecht referiert, nämlich das biologische Geschlecht, zwar eine naheliegende, weil durch äußere Merkmale stark angestoßene Möglichkeit einer Kategorie aber eben keine zwangsläufige ist, denn es könnten ganz andere Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten bestimmt werden, die wichtig oder bedeutend sein sollen, ist auch das biologische Geschlecht nicht etwas der „realen“ Welt zuzuordnendes, sondern wird auch in unsere Matrix überführt. Es wird so lange an Möglichkeiten herumgebastelt, bis das eben herauskommt und uns dann ganz unbemerkt darauf einstimmt, den Unterschied immer wieder zu sehen, so dass wir immer geneigt sind, ihn als gegeben anzusehen und zu bestätigen, auch wissenschaftlich, denn die Frage ist allzu oft, wie sich Geschlechter denn unterscheiden. Damit aber programmiere ich mich selbst darauf in diesen Kategorien und anhand von Unterschieden zu denken. Wir hacken quasi selbst unser Gehirn. Wir brauchen dafür keine externen Hacker wie in Ghost in the Shell.




2. Darsteller im Theater des Sozialen

Was Truman hier endgültig entdeckt, ist, was er bereits vermutete, nämlich, dass die Welt um ihn herum eine einzige Inszenierung ist, ein Theaterspiel, in welchem er eine bestimmte Rolle spielt, ebenso wie die anderen, gelenkt von einer für ihn unsichtbaren Kraft. Er jedoch sei wahrhaftig gewesen, denn es gab nie eine Kamera in seinem Kopf. Auch hier endet der Film leider mit den Verheißungen einer „echten“ Welt und der Offenbarung eines Lenkers von außen. Wenn wir nun den in diesem Film angerissenen konstruktivistischen Ansatz der Inszenierung und Konstruiertheit der Welt weiterdenken, so müssen wir nichts weiter tun, als diesen Lenker der Welt einerseits im Kopf des Protagonisten und zugleich im Sozialen selbst, in der Gesellschaft als solcher zu verorten. Der Regisseur unserer eigenen Truman-Show sind dann wir selbst, maßgeblich unser Gehirn, das sich aber ganz wie der Regisseur im Film von den Erwartungen, Bedürfnissen und Sehgewohnheiten der zuschauenden Masse, also der Gesellschaft lenken lässt, von ihr beeinflusst ist und sich nach ihr ausrichtet.

Die Gesellschaft gibt also einen Rahmen vor, Erwartungshaltungen, Normen, Bedeutungen von Dingen, Rechtfertigungen, Gefühle, Zwänge und vieles mehr, aus denen wir dann unsere Rolle bauen und diese auch spielen, denn auch wir wollen nicht abgesetzt werden. Natürlich übernehmen wir nicht alle Anforderungen. Klar, Werbung muss geschalten werden, es muss bestimmte Handlungsstränge geben und am wichtigsten, das Handeln muss authentisch und glaubhaft sein, also im Rahmen von Möglichkeiten und Erwartungen, die auch durch das Bühnenbild, die Welt, selbst bestimmt sind, aber als Regisseur gibt es auch Freiheiten.

Das nennt sich dann in der Wissenschaftssprache „Aneignung“, also eine Übernahme von bspw. Regeln und Bedeutungen, die mit dieser Übernahme aber auch immer ein Stück weit verändert, angepasst und ausgewählt werden. Wir spielen eben nicht für jeden, wir befolgen nicht alle Anweisungen und Wünsche des Publikums, sondern wählen einige aus und andere nicht, ändern manche ab und wirken damit auch zurück auf die Zuschauer, die irritiert aber auch positiv überrascht sein können. Am Ende aber sind sie immer darauf aus, dass die Show weitergeht. Und wenn nicht die, dann eben eine andere.

3. Wer sind wir?

Wir sind Schauspieler, so viel glauben wir nun schon zu wissen. Und wir begreifen uns gern als besondere Schauspieler, vielleicht die einzigen, denn unsere Fähigkeiten scheinen uns einzigartig. Die Bühne ist für uns gemacht. Oder tun wir einfach nur so? Was hier gezeigt wird ist die Frage des Posthumanismus, die den Menschen als kategorische Einzigartigkeit, als Krone der Schauspielkunst oder eben Schöpfung, Kultur und Welterkenntnis infrage stellt. Wir sind eine Möglichkeit von vielen. Unsere Welt, also das, was wir daraus machen, die Bühne, die wir uns schaffen, das was wir wahrnehmen, was wir als Regeln und Wahrheiten schaffen, existiert zwar nur durch uns, insofern sind wir gute Humanisten, denn alles in unserer Welt geht vom Menschen aus, wir sind der Nabel unserer Welt, als Menschheit, wie auch als einzelner Mensch, aber unsere Welt und eigentlich müsste man sagen Welten, sind nicht zwangsweise und nicht mal zwangsweise besonders. Es gibt Welten vor uns, neben uns und nach uns, die wir nie erkennen und nie schätzen werden.

Aber es gibt sie. Wir sind eine Schöpfung, aber wir sind nicht die Krone. Wir tun nur gern als ob, denn da wir die Welt, in der wir leben, machen, gehen wir von uns aus, so dass auch alles so scheint, als wäre es für uns gemacht. Ist es auch. Nur eben von uns selbst. Das heißt aber nicht, dass das was wir als unsere Besonderheit anerkennen auch besonders oder besonders uns ist. Der Android kann menschlicher als der Mensch sein. Denn was macht uns zum Menschen? Dass wir als Menschen behandelt werden, so Motoko Kusanagis Antwort in Ghost in the Shell.

4. Wir sind Cypher

Matrix, schon wieder. Richtig. Aber hier schließt sich ein Kreis. Die rote Pille ist geschluckt, Matrix ist geguckt, aber hat das was geändert?

Was ist es, dass Cypher hier zurücktreibt in die Matrix, in die einfachen Regeln, die Sicherheiten und Wahrheiten, die wir gern glauben wollen? Zum Einen natürlich ein Pragmatismus. Es ist einfacher. Wir stören das Bühnenstück nicht. Es ist aber auch noch etwas anderes. Wir brauchen es zuweilen. Diese Einfachheit wird uns nicht nur durch die Gesellschaft aufgedrückt, wir nehmen sie auch bereitwillig an, insbesondere weil uns dieses Bühnenstück gern ein Happy End verheißt. Spielen wir mit, winken Ruhm und Ehre, Geld, Sexualpartner*innen und Ruhe.

VORSICHT SPOILER: In der Serie „Mr. Robot“ drückt es der Protagonist am besten aus, wenn er darüber spricht, warum er seinen Begleiter und seine Welt auf diese Weise erschaffen habe, es hilft ihm, es gibt ihm Orientierung, es lindert seinen Schmerz und seine Einsamkeit. Die Hinwendung zum Sozialen ist uns ein Verlangen, so gern wir uns auch immer wieder von ihr abgrenzen, um besonders zu sein. Aber die Befriedigung ist eben nur zum Preis zu haben das Stück auch mitzuspielen. Wir alle sind Cypher.

Wir alle schaffen die Matrix und erhalten sie am Laufen. Kritisches und vor allem konstruktivistisches Denken kann uns das bewusst machen und uns helfen, einen Blick auf uns selbst zu erhaschen. Es kann also helfen die Matrix aufzubrechen, aber nicht um eine reinere Wahrheit zu sehen, sondern vor allem, um eine andere Matrix zu schaffen, eine bessere, eine gerechtere, eine angenehmere. Nicht mehr und nicht weniger.

Sebastian Ernst, Gastredakteur Volksverpetzer Sebastian ist Historiker und Philosoph. Er lebt seit etlichen Jahren vegetarisch und vegan. Seine Kernthemen sind Fragen der Ethik und der Tierrechte, des Veganismus als Bewegung sowie Rezensionen und Kritiken. Hier könnt ihr den Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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