In seiner Kolumne “Kleiner Mann, große Worte” schaut sich Friedemann Kipp die Kommentarspalten zu bestimmten Themen an. In der letzten Woche ging es wieder mal vor allem um die Ehe für Alle.

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

Während ich diese Zeilen schreibe, zeichnet sich auf meinem Antlitz noch immer ein rot glühender Abdruck meiner flachen Hand ab. Das wird wohl noch einige Tage wehtun. Der Abdruck ist das Ergebnis zahlreicher Facepalms, zu denen ich mich bei der Recherche für diesen Eintrag leider gezwungen sah.

Aus gegebenem Anlass wird es heute natürlich um die „Ehe für alle“ gehen. Und seid gewarnt, heute wird es etwas länger. Holt euch also ruhig etwas zu trinken, bevor ihr mit der Lektüre fortfahrt.

14111889_1826590450909615_604611310_n

Ja, ich weiß, das Thema hatten wir vor Kurzem schon. Aber sind wir ehrlich, die jüngsten Entwicklungen verdienen durchaus eine gewisse Aufmerksamkeit. Und der Vorteil ist, dass wir die Theorie heute schnell abhaken können. Für Hintergrundinformationen zum Thema an sich verweise ich an dieser Stelle einfach auf Eintrag 3 dieses Blogs.




Was sich seitdem geändert hat? Nun, um es kurz zu machen: Im Bundestag wurde am Freitag über die Ehe für alle abgestimmt. Von 623 abgegebenen Stimmen haben 393 dafür gestimmt, 226 dagegen und vier haben sich enthalten. Weitere Details zur Abstimmung können in diesem Artikel der ZEIT nachgelesen werden. Oh, und eines möchte ich an dieser Stelle noch kurz hervorheben: Beschlossen wurde genau genommen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Ich wiederhole nochmal: gleichgeschlechtliche Paare. Schreibt es auf, wird später noch wichtig.

 

Es ist also soweit. Deutschland gewährt homosexuellen Paaren endlich die gleichen Rechte, die heterosexuelle Paare genießen.

 

Und lasst mich an dieser Stelle kurz erwähnen: Ich gönne es diesen Menschen von Herzen und begrüße die Entscheidung sehr.

Doch wie bei einem vierzehnjährigen Kind, das stolz verkündet, nun endlich nicht mehr ins Bett zu machen, kann ich dazu nur sagen: „Toll gemacht. Das wäre zwar schon früher angebracht gewesen, aber besser spät als nie.“

 

Nun kam es bei diesem Thema ja durchaus vergleichsweise abrupt zu einer Entscheidung. Dieses Tempo ist der gemeine, bei Facebook kommentierende Wutbürger von seinen Politikern nicht gewohnt. Und was tut der Wutbürgerling, wenn die Politiker etwas Unerwartetes tun? Genau, er geht an die Decke (Fun Fact: Das tut er auch, wenn sie etwas Erwartetes tun).

Ginge man ausschließlich nach einigen Kommentaren, ist die Öffnung der Ehe für Homosexuelle nicht weniger als der Untergang der Zivilisation, die vollständige und irreversible Abkehr von jeglicher Moral, die Umkehrung aller Werte, das Ende aller Tage, kurz: Die Homokalypse (Ich bin mir der Erbärmlichkeit dieses Wortspiels bewusst. Ich habe eine Münze geworfen, ob ich es hier bringe. Ob ich dabei nun gewonnen oder verloren habe, mag jeder für sich entscheiden).

 

Die Homokalypse

 

Zur Einleitung betrachten wir hierzu einen Kommentar von Herbert, den er jedoch bereits vor der Abstimmung im Bundestag verfasste (Der Kommentar ist nur wenige Tage alt. Ich entsinne mich leider des genauen Artikels dazu nicht mehr, aber es ging dabei um die Ankündigung der Abstimmung über die Ehe für alle).

An einer Stelle dieses Kommentars musste ich lachen. Herbert hat nämlich ein sehr interessantes Bild davon, wie die „Zeugung von Kindern“ abläuft. Es braucht Mann und Frau, soweit ist er gekommen. Allerdings läuft die Zeugung laut Herbert scheinbar nicht durch ergebnisorientierten Koitus ab, sondern durch Spannung. Spannung kenne ich aus der Elektrodynamik. Wenn Strom fließen soll, sollte Spannung da sein. Kennt man. Wie genau die Zeugung eines Kindes damit funktioniert, ist mir noch nicht klar. Vielleicht klemmt man einfach beide Partner an eine Autobatterie und wartet ab, keine Ahnung. Viel verstörender finde ich allerdings, dass Herbert es als elementar anzusehen scheint, dass ein Kind das „erfährt“. Herbert, ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber ich für meinen Teil bin sehr froh darüber, dass ich meine Eltern nie beim Ausleben ihrer „natürlichen Spannung“ erwischt habe. So geht es auch dein meisten meiner Freunde und Bekannten. Und aus denen ist überwiegend was geworden, woraus ich schließe: Kinder müssen das nicht „erfahren“.

 

Auch wenn ich Herberts fatal gescheiterte Aufklärung irgendwie belustigend finde, ist der Rest des Kommentars nur noch mit „abstoßend“ zu beschreiben. Er benutzt Begriffe wie „widernatürlich“ und „verformt“. Herbert, auch dir würde ich mal einen Blick in die Studien empfehlen, die ich bereits in Eintrag 3 angesprochen habe und die die herablassende Scheiße, die du hier vom Stapel lässt, Lügen strafen.

 

„Ich verklage euch nämlich. Weil ihr schwul seid. Tjoa…sorry.“

 

Interessant ist auch, dass Herbert sich sorgt, ob Kinder, die von Homosexuellen aufgezogen werden, diese hinterher deswegen verklagen dürfen. Wie sollte sowas denn aussehen?

„Papa1, Papa2, ich danke euch dafür, dass ihr mich großgezogen und ernährt habt und mir all die Jahre eure Liebe habt angedeihen lassen. War sicher nicht immer einfach. Jetzt, wo ich volljährig bin, werden wir aber nur noch über unsere Anwälte voneinander hören. Ich verklage euch nämlich. Weil ihr schwul seid. Tjoa…sorry. Ich fordere Schadensersatz dafür, dass ich die natürliche Spannung nicht erfahren durfte. Das hat mich leider verformt.“

Herbert, hier nochmal ein kurzer Abriss, wie das mit dem Verklagen in Deutschland so grob funktioniert: Person X tut etwas, das gegen ein Gesetz verstößt und das Person Y schädigt. Person Y kann Person X dann deswegen verklagen. Was du da forderst, ginge (unter der absurden Annahme, dass hierbei tatsächlich ein Gesetz verletzt würde) eher nach folgendem Schema: Die Personen X1 und X2 melden beim Jugendamt an, dass sie gerne einen Gesetzesbruch begehen würden. Das Jugendamt (übrigens unter staatlicher Aufsicht) vermittelt dann in einem langwierigen Prozess einen potentiellen Geschädigten, Person Y. Anschließend begehen X1 und X2 über 18 Jahre Gesetzesbruch zum Nachteil von Person Y. Person Y bekommt nach dem Ende dieser Zeit die Option, X1 und X2 dafür zu verklagen.

Und als hättest du nicht schon genug Mist von dir gegeben, sprichst du am Ende auch noch davon, dass Adoption durch Homosexuelle nahe an Pädophilie sei. Frag doch einfach mal ein oder zwei Opfer von Pädophilen, ob sie das auch so sehen.




Was wünscht man jemandem wie Herbert? Nun, tatsächlich wünsche ich mir einfach, dass du irgendwann in eine Situation kommst, in der du einer homosexuellen Person zu großem Dank verpflichtet bist. Irgendein Szenario, in dem deine rückständigen und herablassenden Ansichten derart auf den Kopf gestellt werden, dass dein erzkonservativer Verstand damit nicht fertig wird. Vielleicht hast du ja später mal einen homosexuellen Altenpfleger oder sowas. Wart’s ab, Karma ist launisch.

 

So, beginnen wir mit den Kommentaren, die wirklich als Reaktion auf die Entscheidung des Bundestags abgegeben wurden.

 

Die ersten, die ich euch heute vorstellen möchte, fanden sich unter dem Artikel der ZEIT, den ich weiter oben bereits verlinkt habe. Wichtig ist hierbei noch, dass der Artikel mit folgendem Bild gepostet wurde:

Was sehen wir hier? Primär zwei Dinge: Zum einen würde ich an dem Herz-Emoji und dem Wort „endlich“ festmachen wollen, dass die Redaktion der ZEIT die Entscheidung begrüßt. Des Weiteren sehen wir ein exemplarisches Bild eines homosexuellen Paars – hier zwei Frauen -, die sich küssen. Im Vordergrund ist eine blau blühende Pflanze erkennbar. Nichts, was einen völlig aus der Bahn werfen sollte, oder?

Gegen besagte Pflanze ist Maria offenbar allergisch. Die Allergie scheint dabei nicht etwa wie üblich durch Kontakt mit Pollen, sondern durch optische Reize ausgelöst zu werden und sich in fatalster Weise auf das Sprachzentrum auszuwirken. Normalerweise versuche ich ja, mich nicht zu sehr auf die Orthographie in den behandelten Kommentaren zu stürzen, aber in diesem Fall konnte ich mich wirklich nur knapp davon abhalten, mit einem roten Folienstift meinen Monitor zu entstellen und das Machwerk in Grund und Boden zu korrigieren.

 

Menschen mit hoher Luftfeuchtigkeit

 

Soso, Maria, ihres Zeichens ehrenamtliche Leiterin einer Auffangstation für obdachlose Ausrufe- und Fragezeichen, sieht also das Ende der Welt kommen, weil Lesben und Menschen mit hoher Luftfeuchtigkeit (Wirklich. Schaut nochmal nach.) heiraten dürfen. Und warum? Weil Gott es nicht mag… oh, sorry… GAR NICHT mag. Da versteht Gott keinen Spaß. Nun stehe ich als jemand, der religiöse Argumente stets nur belächeln kann, vor der Aufgabe, ein Gegenargument zu finden. Liebe Maria, WENN Gott die Menschen erschaffen hat, hat er dann nicht auch die Homosexuellen erschaffen? Und ist die Ehe nicht ein menschliches Konstrukt? Was also nun passiert, ist, dass die Menschen dieses Konstrukt auf eine andere Kombination von Gottes Schöpfungen anwenden. Vermutlich wird Gott sich darum einen ziemlichen Dreck scheren.

 

Diese Vermutung basiert nicht zuletzt darauf, dass die Ehe für Homosexuelle in einigen anderen Ländern bereits seit Jahren möglich ist. Selbst WENN es einen Gott gibt (was ich an dieser Stelle noch einmal persönlich anzweifeln möchte), glaube ich nicht, dass er jetzt da oben sitzt und sich denkt „Ok, den anderen hab ich die kranke Nummer durchgehen lassen. Aber nicht Deutschland. NICHT DEUTSCHLAND! Nun ist Feierabend. Jetzt klatscht es!“

 

So, bevor wir Maria in ihrer „kranken Welt“ alleine lassen, möchte ich mich noch Moritz anschließen und ihr Folgendes sagen:

 

Uuund die AfD:

 

An dieser Stelle möchte ich das übliche Vorgehen hier kurz unterbrechen, um euch einen Einblick in die Erarbeitung dieses Eintrags zuteil werden zu lassen. Als ich gerade die weiteren Kommentare unter dem o.g. Artikel sichtete, schrieb mich ein Freund auf Facebook an und verlinkte mir die Reaktion der AfD auf die Entscheidung des Bundestags. Ich sah sie mir an, facepalmte angemessen und begann dann, die Kommentare darunter zu lesen. Was soll ich sagen? Ich war unterwältigt. Ich darf daher an dieser Stelle verkünden, dass alle weiteren Kommentare, die ich in diesem Eintrag behandeln werde, genau dieser Quelle entstammen. Alles, was folgt, stammt von echten Wutbürgern aus Freilandhaltung, mit dem Gauland-Qualitätssiegel, welches extrawenig Ahnung bei doppelter Meinung garantiert.

Die lustigen Gesellen von der AfD sind also (Überraschung!) dagegen. Wer hätte das gedacht? Und ganz im Geiste von Maria zeichnen sie hier ein apokalyptisches Bild von dem, was uns nun bevorsteht. Ein Verfassungsbruch sei hier begangen worden. Das Grundgesetz sei nun wertlos. Spoiler: Ist es nicht. Das Grundgesetz schützt die Ehe, verliert aber kein Wort darüber, wer sie schließen darf.

 

Achja, und natürlich hat die Union ihre „letzte konservative Nuance“ aufgegeben.Diese Anschuldigung finde ich wirklich unfair. Die Union hat noch in mehr als genügend Belangen eine konservative Einstellung. Und wenn wir ehrlich sind, würde ich bei nur etwa einem Viertel an Unionspolitikern, die mit „ja“ gestimmt haben, nicht davon sprechen, dass die Union hier die Position geräumt hat. Was sie getan hat, ist, endlich die Schritte einzuleiten, um dem mehrheitlichen Wunsch der Bevölkerung und auch der Abgeordneten endlich nachkommen zu können.

 

Aber womit die AfD hier aus meiner Sicht wirklich den Vogel abgeschossen hat, ist das Zitieren von Erika Steinbach.

 

Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich von dieser Frau halte. Ich verstehe auch nicht, warum ausgerechnet diese Frau, bei allem, was sie an Logorrhoe schon auf Twitter ins Internet gekotzt hat, zu diesem Thema überhaupt sprechen darf. Hätte ich jeden einzelnen Cent, den sie für ihre politische Arbeit jemals verdient bekommen hat, stattdessen als Hartgeld gefressen und anschließend, begleitet von monatelanger Verstopfung, mühsam wieder ausgeschieden, wäre das Geld immer noch besser angelegt gewesen.

 

Steinbach spricht hier von einer „Kanzlerdemokratie“. Richtig, Erika, wir leben in einer Demokratie und haben eine Kanzlerin. Und die hat nun die Abstimmung zugelassen und den Fraktionszwang aufgehoben. Und weiter? Wo ist dein verdammtes Problem? Dass du dagegen bist, wissen wir ja (sogar gegen unseren Willen). Die Mehrheit ist aber dafür. Leb damit. Und bitte, BITTE, verschwinde endlich von der politischen Bühne. Blick nicht zurück, wir werden es auch nicht tun. Wenn’s sein muss, schmeißen wir für einen Schrebergarten zusammen oder für ein kleines Kissen, das du dir auf die Fensterbank legen kannst. Dann kannst du dich Tag für Tag darauf stützen, hinausschauen und alle verachten, die dir zu sehr nach Migranten oder nach Homosexuellen aussehen.




Aber zurück zur AfD. Die letzte Bastion des kleinen Mannes, die glühenden Verteidiger des Vaterlandes, der Ehre der Deutschen und aller Werte und Traditionen, steht vor einem Scherbenhaufen. Die Verfassung betrogen, das Grundgesetz entwertet, der letzte Funken Konservatismus aus den Systemparteien gewichen. Der Ton, den die „Avengers für Deutschland“ hier anschlagen, klingt nach Kapitulation. Was hatten sie sich nicht bemüht. Man war gewappnet gegen die muselmanischen Horden, man war entschlossen, die Grenzen zu verteidigen und uns ahnungslose Bürger vor der Invasion zu schützen. Gauland hätte sich notfalls selbst mit Pickelhaube an die Grenze gestellt und die Flüchtlinge mit Bismarck-Zitaten in die Flucht geschlagen, hätte man ihn gelassen.

Doch es nutzte alles nichts. Gegen den Feind von innen halfen geschützte Grenzen nicht.

Stets stellten sie sich schützend vor deutsche Werte und Traditionen und konnten dann doch nichts ausrichten, als diesen von hinten der regenbogenfarbene Dolch durchs Herz gestoßen wurde, geführt von jenen, die geschworen hatten, diesem Land zu dienen.

Ok, ok, genug Pathos für heute. Im Grunde war von der AfD nichts anderes zu erwarten. Und hier soll es ja um die Stimme des kleinen Mannes gehen, nicht wahr? Dann lassen wir ihn mal zu Wort kommen. Ich behalte mir im Folgenden vor, einige Kommentare weniger ausführlich zu kommentieren, als ich es sonst tue. Der Eintrag ist schon lang genug.

Sascha ist noch einer der gemäßigteren Kommentatoren. Weshalb er sich trotzdem hier wiederfindet, liegt darin begründet, dass er so formschön die Tatsachen verdreht. Die „Minderheit“, von der er hier spricht, umfasst, je nachdem welche Umfrage man zugrundelegt, irgendetwas zwischen 75% und 83% (siehe z.B. hier). Davon ausgehend, dass auch in Saschas Welt eine Prozentangabe jeweils auf ein Maximum von 100% bezogen ist, handelt es sich hier um eine Mehrheit. Das, lieber Sascha, ist das Gegenteil von Minderheit. Oh, Moment… da benutzt Sascha das Wort ja selbst. Er spricht von einer „schweigenden Mehrheit“, die das toleriert. Lieber Sascha, das ist auch falsch. Die Mehrheit hat nämlich nicht angegeben, dass es ihr egal ist, sondern dass sie explizit für die Ehe für alle ist. Diejenigen, denen es wirklich egal ist, werden so etwas gesagt haben wie „Ist mir egal“.  Was du hier tust, ist denjenigen, die nicht direkt betroffen sind – also den Heterosexuellen – abzusprechen, dazu eine andere Meinung als „mir egal“ zu haben. Lass dir an dieser Stelle exemplarisch von einem Heterosexuellen (mir) gesagt sein: Ich habe eine Meinung dazu. Ich möchte in einem Land leben, in dem Homosexuelle heiraten dürfen. Auch wenn ich selbst von diesem Recht keinen Gebrauch machen werde, bin ich dafür, dass es dieses Recht in Deutschland gibt.

Bei Roland können wir es ja mal ein wenig kürzer halten. Lieber Roland, die Ehe für alle hat nichts mit dem Genderwahn zu tun. Wirklich nicht. Hier wird auch nichts geopfert. Tatsächlich werden unsere Recht nämlich sogar erweitert. Und ob eine verfassungsrechtliche Prüfung erwünscht ist oder nicht, hängt davon ab, wen man fragt. Das ist aber auch unerheblich. Relevant ist, ob sie möglich ist und das ist sie. Gegen die Entscheidung kann geklagt werden. Geschieht dies, wird die Entscheidung auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung hin überprüft. Wo genau liegt jetzt nochmal dein Problem?

Die Ehe als Bund ausschließlich zwischen Mann und Frau ist deutsches Volksgut? Blitzmeldung, Wolf-Dietrich, die Ehe ist älter als Deutschland. Und was soll das überhaupt mit den Namen? Sollen wir uns jetzt alle Politiker merken, die dafür gestimmt haben, die Ehe für alle zu öffnen? Wieso denn? Fragt das später einer ab? Glaubst du an eine konservative Revolution in einigen Jahren, die sich in einer Nacht- und Nebelaktion an die Macht putscht und in den folgenden Tagen alle interniert, die nicht aufzählen können, wer damals für die Ehe für alle war?

Jörg ist ein wenig ungehalten. Ungehaltene Menschen neigen offenbar dazu, das Deppenleerzeichen zu verwenden und generell sehr abwertend über andere zu sprechen. Jörg möchte also, dass sich die Regierung weniger mit „Schwuchteln“ und mehr mit „illegalem Müll“ beschäftigt. Auch für dich noch einmal die Erklärung, Jörg: Die Bundesregierung besteht aus mehreren Leuten. Das ist insgesamt ein relativ komplexes Gebilde, diese Bundesregierung. Vielleicht recherchierst du mal ein wenig dazu. Jedenfalls können die sich tatsächlich, ihrer Personalstärke sei es gedankt, mehreren Themen auf einmal widmen, indem sie sie einfach aufteilen. Aber ja, du hast natürlich Recht, am Freitagvormittag ging es im Bundestags nur darum. Das hat auch mehrere Stunden gedauert. Willst du mir jetzt erzählen, dass man in dieser Zeit die maroden Schulen hätte sanieren können? Und, lieber Jörg, was „den Bürgern wichtig“ ist, entscheidest nicht du, also maße dir gefälligst nicht an, hier für alle zu sprechen. Oh, und warum zur Hölle willst du Jacob Masen abschieben?

Gleich zweimal Unfug in nur drei Zeilen. Das muss die berühmte deutsche Effizienz sein. Auch für dich, Gerry, noch einmal in aller Kürze: Niemand verliert Rechte. Lies nochmal nach, es bekommen nur einige Rechte, die sie vorher nicht hatten. Wir haben auch kein Bundeskontingent an Ehen, die wir pro Jahr herausgeben können. Von staatlicher Seite aus sind Ehen ein ubiquitäres Gut. Jeder, der die Anforderungen erfüllt, bekommt eine. Wir sind da auch nie im Lieferrückstand oder so. Was nun beschlossen wurde, sorgt nur dafür, dass mehr Paare diese Anforderungen erfüllen. Entspann dich, es ist genug Ehe für alle da. Und wo hast du bitte den Mist mit der Änderung des Grundgesetzes her?

 

Gerry hat uns mit seinem Kommentar sanft in den konspirativen Teil des heutigen Beitrags geführt.

 

Was nun folgt, sind verschiedene Szenarien, die beschreiben, welche Folgen das Eherecht für Homosexuelle nun angeblich für die übrigen Bürger hat. Von schlichter Idiotie bis hin zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien ist hier alles vertreten. Werfen wir doch mal einen Blick hinein.

Ja, Günther, jetzt ist uns alles klar. Weil die Altparteien den deutschen Staat und die deutsche Bevölkerung abschaffen will, erlauben sie die Ehe für Homosexuelle. Ergibt Sinn, schließlich steht in dem Gesetzesentwurf ja drin, dass man, wenn man eine Person des eigenen Geschlechts heiraten möchte, seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben muss, nicht wahr? Günther, ich habe Neuigkeiten für dich: Die Staatsbürgerschaft ändert sich bei Heirat nicht. Und der deutsche Staat wird demnach auch nicht weniger deutsch, wenn Homosexuelle heiraten.

Kommt schon, ihr wusstet, dass wir früher oder später bei den Ausländern landen würden, oder? Schließlich habe ich die Kommentare ja von der AfD-Seite und bei denen ist es ja eine Art Parteisport, Migranten möglichst viel in die Schuhe zu schieben.

 

So, der liebe Michael ist also der Meinung, dass die Mehrheit für die Ehe für alle nur dadurch entstehen konnte, dass Ausländer die deutschen quasi soweit verdrängt hätten, dass die Umfrageergebnisse ja gar nicht mehr repräsentativ für die deutsche Meinung seien. Ich fürchte, Michael, dass du unseren Ausländeranteil doch ein wenig überschätzt. Übrigens, die Abstimmung fand am Freitag im Bundestag statt. Wie auch immer geartete Ausländeranteile in irgendwelchen Städten waren hier überhaupt nicht stimmberechtigt. Unter den derzeitigen Abgeordneten finden sich 37 mit Migrationshintergrund. Das sind bei 630 Abgeordneten nicht einmal 6%. Wenn dir diese Abgeordneten – und davon gehe ich aus – nicht „deutsch“ genug sind, rechne ihre Stimmen doch einfach mal raus. Ich zweifle jedoch entschieden an, dass dir das Ergebnis dann besser gefällt.

Und da haben wir auch schon die nächste Dystopie. Neben einem weiteren Groschen im großen Haben-wir-keine-anderen-Probleme-Glas, das ich mittlerweile auf dem Schreibtisch stehen habe und das bereits mehr wiegt als ich, bekommen wir von Rolf mitgeteilt, dass die Familie jetzt nicht mehr vom Grundgesetz geschützt ist. Jaah, ihr habt richtig gehört, das ist vorbei. Das Grundgesetz hat direkt nach der Abstimmung bei Norbert Lammert im Bundestag angerufen und ihm mitgeteilt, dass es nun keine Lust mehr hat, die Familie zu schützen. Geht’s noch, Rolf? Das Grundgesetz verliert doch nicht an Gültigkeit, weil ein darin vorkommender Begriff erweitert wird. Abgesehen davon ist es nicht erst jetzt möglich, dass Homosexuelle Paare mit Kind eine Familie im Sinne von Art. 6 des Grundgesetzes bilden. Ich erinnere nochmal an die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2013.

Nun wird es wirklich abgedreht. Wenn ich „FraMi“ richtig verstanden habe, will man durch die Öffnung der Ehe für alle den ersten Schritt in Richtung einer Entwertung der Ehe getan haben. Dem sollen dann scheinbar so lange weitere ähnliche Schritte folgen, bis die Ehe den Bürgern so wertlos erscheint, dass sie keine Lust mehr haben, zu heiraten. Damit stünde jeder Bürger „alleine gegen das System“, welches dann die absolute Macht hat. Ähm… ja, klar, klingt realistisch.

 

HONEGGER!!

 

Franz, was genau hat das System denn vor? Bisher habe ich mich mit dem System immer ganz gut verstanden. Und wenn wir nun doch mal im Clinch liegen sollten, wieso kann mir dann nur jemand helfen, mit dem ich verheiratet bin?

Ich glaube, inhaltlich brauchen wir uns hiermit nicht auseinanderzusetzen. Ich möchte allerdings anmerken, dass die alternative Schreibweise von Erich Honecker, hier mit zwei g, mich sehr an die „Werner“-Filme erinnert hat, was den humoristischen Wert des Kommentars eindeutig erhöht.

Und damit öffnen wir ein Kapitel, das ich wirklich beunruhigend fand. Scheinbar hat man sich unter den AfD-Anhängern nur rudimentär damit auseinandergesetzt, was da gerade genau beschlossen wurde. Zugegeben, der Begriff „Ehe für alle“ kann da irreführend sein. Lass mich das kurz erklären, Dagmar. Mit „alle“ sind hier Hetero- und Homosexuelle gemeint. Die Ehe ist immer noch auf zwei Personen begrenzt. Und Kinder sind immer noch davon ausgenommen. Im April 2017 wurde sogar nochmal ein Gesetz auf den Weg gebracht, demgemäß Kinderehen grundsätzlich ungültig sind, wenn ein Partner noch nicht das 16. Lebensjahr vollendet hat.

 

Wo wir gerade bei Polygamie sind…

 

Ich muss zugeben, dass ich nur die Hälfte verstehe. Aber offenbar ist Klaas der Meinung, dass mit der Einschränkung der Geschlechterkombination auch die zahlenmäßige Einschränkung für die Ehe aufgehoben wurde. Lieber Klaas: Nein.

So, da haben wir es. Die ultimative Brücke zur Islamisierung. Die „Formulierung“, auf die sich Dagmar hier bezieht, ist übrigens „Ehe für alle“. Genau, Dagmar, der Bundestag hat die Ehe für Homosexuelle beschlossen, um schleichend die Islamisierung des Landes voranzutreiben. Ich kann mich irren, aber irgendwie habe ich die Vermutung, dass unter den gläubigen Muslimen gar nicht so viele sein werden, die dieses neu eingeführte Recht in Anspruch nehmen.

Ich mag diesen Satz am Ende. „Das wird so kommen“, sagt der Rüdiger. Das hat etwas Prophetisches an sich. Aber auch an dich, lieber Rüdiger, richte ich unter heftigem Kopfschütteln noch einmal die Bitte: Lies dir nochmal genau durch, was da eigentlich beschlossen wurde.

 

Dagmar hat im Grunde schon damit angefangen, sich zu überlegen, was „als Nächstes kommt“. Hören wir hierzu mal noch zwei weitere Meinungen.

 

Sorry, Micha, auch du hast es nicht ganz verstanden. Du kannst dein Auto nicht heiraten (was mich für dein Auto sehr freut). Du kannst auch keine vier Punkte heiraten. Selbst wenn man Punkte heiraten dürfte, dann nur einen. Vier Punkte zu heiraten, das wäre Polygamie.

Michael habe ich exemplarisch aufgeführt. Sein Kommentar ist einer von sehr vielen, die aus der Entscheidung schließen, dass man nun seine Haustiere heiraten kann. Davon gab es so viele, dass ich mir beinahe schon Sorgen um die von AfD-Anhängern gehaltenen Tiere mache. Ja, ich weiß, Michael ist hier gleich viermal ungehalten darüber, aber der Umstand, dass diese Idee direkt so vielen kam, beunruhigt mich schon.

 

Und natürlich darf auch unter den AfDlern die christliche Gottesfurcht nicht fehlen.

Inhaltlich hatten wir das Thema ja oben schon, ich werde daher nicht erneut darauf eingehen. Soll der Antichrist sich halt mal vorbereiten auf diesen „Tag X“. Ich bin sicher, ProSieben wird eine Event-Show daraus machen.

 

So, drei haben wir noch. Machen wir mal weiter mit Violetta.

 

Unter diesem Kommentar entbrannte eine Diskussion über die offensichtliche Falschaussage von Violetta. Sie bezeichnete dabei jede Quelle, die ihr genannt wurde und die die Falschheit der Aussage belegt, als falsch.

 

Nun, ich versuche einfach trotzdem mein Glück. Liebe Violetta, in Europa gab es bereits vor Deutschland ein knappes Dutzend Staaten, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt ist. Ob du mir das glaubst, ist mir ehrlich gesagt egal. Eine Quelle findest du z. B. hier.

Wenn du dieser Quelle keinen Glauben schenken möchtest, ist das primär dein Problem, das ändert nichts an der Rechtslage in diesen Ländern. Homosexuelle dürfen dort auch weiterhin heiraten, unabhängig davon, ob du das wahrhaben willst oder nicht.

Was den Wahrheitsgehalt deiner Aussage angeht, dass das „in keinem anderen Land der Welt geht“, habe ich daher leider schlechte Nachrichten für dich: Die Aussage ist falsch.

Und dann ist da noch Wilhelm, der nicht nur Homosexuelle pauschal als Perverse bezeichnet, sondern auch noch davon ausgeht, dass ebendiese vorher entweder gar nicht oder zumindest keine der regierenden Parteien gewählt haben. Denn wie sonst sollte man sich Wähler von dort „holen“ können?




Wir nähern uns dem Ende des Eintrags. In der Tradition der letzten beiden Einträge möchte ich auch dieses Mal einen letzten Kommentar präsentieren, den ich selbst nicht so recht verstanden habe. Anmerkung vorweg: Ich weiß nicht, wer hier hier genau angesprochen wird. Der Kommentar war direkt zu dem Bild der AfD, es war nicht etwa eine Antwort auf einen anderen Kommentar. Und los geht’s.

Ich weiß wirklich nicht, was Eveline möchte. ich fürchte, ich kann ihr auch nicht helfen. Aber ich will ihr wenigstens eine Frage beantworten. Ja, Eveline, du darfst kostenlos ins Bad. Das ist doch schonmal was, oder?

 

Fazit: Ich werde mich jetzt nicht mehr mit großen Worten an die Kritiker der Ehe für alle wenden, wie ich es noch im letzten Eintrag zu diesem Thema getan habe. Die Ehe für alle wurde beschlossen, wie es der Wunsch der Mehrheit war. Und das ist gut so. Es gab nie ein gutes Argument gegen die Ehe für alle und wer sich die Kommentare, die ich hier gesammelt habe, noch einmal durchliest, wird mir da sicherlich zustimmen.

 

Ich möchte auch noch einmal kurz klarstellen, was hier genau beschlossen wurde.

 

Homosexuelle haben nun auch das Recht, eine Ehe einzugehen. Dies ändert für Heterosexuelle, die dieses Recht schon vorher hatten, rein gar nichts. Wenn jemand behauptet, dass die Ehe dadurch abgewertet wird, so ist das sein persönliches Empfinden und hat nichts mit der Realität zu tun. Es wird nicht zwischen Homo- und Hetero-Ehe unterschieden und es ist somit auch keine der beiden im Vorteil gegenüber der anderen. Wer die Ehe allein deshalb als „wertlos“ empfinden möchte, der kann das tun und konsequenterweise einfach keine Ehe schließen. Wer der Meinung ist, dass Gott die Ehe für Homosexuelle nicht billigt, der kann sich doch einfach damit begnügen, dass er ja keine homosexuelle Ehe eingehen muss und somit nicht gegen Gottes Vorgaben verstößt. Wer durch diese Entscheidung das Grundgesetz in Gefahr sieht, der irrt schlicht und einfach. Das Grundgesetz schützt die Ehe (“Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung”). Es spezifiziert dabei nicht, welche Geschlechter beteiligt sind. Dem Grundgesetz geht es also prima. Es muss nicht umgeschrieben werden, es wurde nicht außer Kraft gesetzt, es funktioniert nach wie vor tadellos.

 

Und wer, trotz der Tatsache, dass sich für ihn durch diese Entscheidung nichts ändert, noch immer gegen die Ehe für alle ist, der sollte sich vor Augen führen, dass wir in einer Demokratie leben und hier dem Willen der Mehrheit stattgegeben wurde.

 

Lasst es doch einfach gut sein. Wenn ihr diesen Menschen diese simple Forderung, die niemandem einen Nachteil bringt, schon nicht gönnen könnt, dann nehmt sie wenigstens schweigend hin.

Ich für meinen Teil freue mich sehr, dass ich nun endlich auch behaupten kann, in einem Land zu leben, in dem dieser wichtige Schritt gegangen wurde. Auch wenn ich von dem Recht, als Mann einen anderen Mann heiraten zu können, nie Gebrauch machen werde, freue ich mich für jeden, der es tun will und nun auch tun kann. Ich hoffe, dieses Thema nun zum letzten Mal behandelt zu haben. Sicherlich wird es Klagen gegen die Entscheidung des Bundestags geben, doch ich erlaube mir an dieser Stelle den Optimismus, zu glauben, dass die Entscheidung dagegen bestehen wird.




Oh, einen habe ich noch:

In diesem Sinne, bis in zwei Wochen.


Achja: Das ist bereits der sechste Teil von Friedemann. der letzte Teil: „So widerlich waren die Reaktionen auf den Anschlag in London“ ist hier und Teil 3, ebenfalls zur Ehe für Alle hier: „Die dümmesten Argumente gegen die Ehe für Alle“. Wer Lust hat, auch Teil 1 und Teil 2 zu lesen kann doch seinen Blog Kippfenster besuchen!

Friedemann Kipp, Kolumnist Volksverpetzer Ende 20, Wahlruhrpottler, Naturwissenschaftler auf Abwegen und angehender Blogger. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
-Mimikama unterstützen-