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„Das ist mir wurst. Ich esse Tiere, so wie es meine Vorfahren vor tausenden von Jahren auch gemacht haben und empfinde nichts dabei. Warum auch?“ Als ich das las, wurde mir schlagartig klar, wie erschreckend treffend die Aussage ‚Mir wurst‘ die höchstmögliche Ausprägung individueller Gleichgültigkeit beschreibt.

14111889_1826590450909615_604611310_nDas ist mir wurst!

Vor einiger Zeit kommentierte ich einen Facebookpost einer Tierrechtsorganisation, in dem es darum ging, dass kommende Generationen eines Tages fassungslos vor Entsetzen die traurige Wahrheit entdecken werden, dass ihre eigenen Vorfahren vor gar nicht allzu langer Zeit tatsächlich noch Tiere ausgebeutet und gegessen haben. Ich kommentierte sinngemäß, dass wir alle gerne schon jetzt beginnen dürfen, uns über dieses Verhalten zu wundern, weil die Perversion und das Unrecht unseres Tuns sowie das Ausmaß dieser Barbarei bereits heute offensichtlich sind. Ein Leser entgegnete mir postwendend: „Das ist mir wurst. Ich esse Tiere, so wie es meine Vorfahren vor tausenden von Jahren auch gemacht haben und empfinde nichts dabei. Warum auch?“

Als ich das las, wurde mir schlagartig klar, wie erschreckend treffend die Aussage ‚Mir wurst‘ die höchstmögliche Ausprägung individueller Gleichgültigkeit beschreibt. Zwei Silben, um pointiert auszudrücken: „Mir sind die Tiere völlig egal. Der Zustand dieses Planeten interessiert mich null. Die Bedürfnisse kommender Generationen sind mir schnurze. Tierleid, Klimakatastrophe, Hungersnot – not my business. Ich interessiere mich für mich. Ende der Durchsage!“ Effektiver lässt sich Sprache kaum benutzen. Was für eine ausdrucksstarke Metapher für die eigene emotionale Bankrotterklärung!

Karnismus – die unsichtbare Ideologie

Eine Gesellschaft, die sich einerseits als zivilisiert beschreibt, andererseits millionenfach wehrlose Lebewesen quält und tötet, müsste ‚eigentlich‘ ein Problem mit dem Widerspruch zwischen eigenem Anspruch und gelebter Wirklichkeit haben. Hat sie aber offenbar nicht.
Die Psychologin Melanie Joy liefert uns ein fundiertes Erklärungsmodell, wie es Menschen fertig bringen, sich einerseits als moralisch handelnde Personen zu verstehen – und sich vielleicht sogar als Tierfreunde zu bezeichnen – und gleichzeitig ohne schlechtes Gewissen Tierquälerei in großem Stil zu unterstützen. (Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen) .Wir sind dazu in der Lage, weil wir in einer karnistischen Gesellschaft aufwachsen. Noch bevor wir überhaupt sprechen können, werden wir bereits von unseren Eltern mit industriell hergestellter Fertignahrung gefüttert, die wie selbstverständlich pürierte Tierleichenteile enthält. Uns wird von Geburt an suggeriert, dass es absolut normal, natürlich und zwingend notwendig ist, Fleisch zu essen. Wir lernen früh, dass es einerseits sogenannte ‚Nutztiere‘ gibt, die man bedenkenlos quälen, töten und essen darf, und andererseits Haustiere, die wir lieben, wie Familienangehörige behandeln und deshalb natürlich auch nicht essen.
Elterliche Erziehung, gesellschaftliche Indoktrination und sozialer Druck prägen uns so stark, dass die meisten Menschen ihr Verhältnis zu Tieren und die eigene Rolle bei der systematischen Ausbeutung und Tötung leidensfähiger Tiere lebenslang niemals hinterfragen.

Melanie Joy beschreibt eine ganze Reihe von Mechanismen, die dafür sorgen, dass selbst intelligente Menschen den vielleicht größten Widerspruch in ihrem eigenen Leben nicht mal ahnen, geschweige denn auflösen. Beispielsweise ist es wichtig, dass die Tierquälerei und der Massenmord im Verborgenen geschehen, so dass wir die entsetzliche Wirklichkeit möglichst nicht sehen, hören, fühlen. Es ist auch wichtig, dass wir das lustvolle Ereignis ‚lecker essen‘ radikal von der grausigen Vorgeschichte dieses Essens entkoppeln. Wir bewerkstelligen das, indem wir den blutigen, mörderischen Teil der ‚Lebensmittelproduktion‘ einfach an andere delegieren, die wir dafür bezahlen, dass sie für uns das erledigen, was wir selbst verabscheuen.

Damit wir mit der von uns beauftragten Tierquälerei entspannt umgehen können, ist es wichtig, dass wir unser angeborenes Mitgefühl bestmöglich unterdrücken. Das gelingt uns, indem wir lernen, andere Lebewesen auszuschließen und sie als grundlegend verschieden von uns zu betrachten. Wir müssen die emotionale Bindung zerstören, die unser Herz natürlicher Weise zu unseren Opfern fühlt.4 Eine wichtige Rolle in diesem Prozess der Distanzierung spielt unsere Sprache.

Sprache erschafft Wirklichkeit

Sprache und unser Denken und Fühlen beeinflussen sich wechselseitig. Einerseits benutzen wir Worte um auszudrücken, was wir gerade denken und fühlen. Umgekehrt beeinflusst die Wahl unserer Worte aber auch wiederum unser Gedanken und Gefühle. Sprache erschafft Wirklichkeit. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob wir den Müll, den wir produzieren, als Abfall oder als Wertstoff bezeichnen.

Wenn wir ‚unschuldig‘ über die Tiere reden wollen, deren Leben wir im Kindesalter aus niederen Motiven auslöschen, ist es wichtig, dass wir uns soweit wie irgend möglich von unseren Opfern und ihren elementaren Interessen dissoziieren. Unsere Sprache unterstützt uns dabei, indem sie die Verankerung einer Reihe diskriminierender karnistischer Glaubensätze fördert:

1. Tiere und Menschen sind sehr verschieden
2. ‚Nutztiere‘ sind dumm, hässlich, faul und schmutzig
3. Es ist die Bestimmung bestimmter Tiere, uns als Nahrung zu dienen
4. Tierliche Lebensmittel sind Waren ohne moralischen Wert
5. Die Art und Weise, wie wir die Tiere behandeln, ist anständig und angemessen

Damit wir Tierleichen essen können, darf nicht in unser Bewusstsein dringen, dass es sich bei dem, was auf unseren Tellern landet, oft um nahe Verwandte handelt, zum Beispiel um Säugetiere, die sehr ähnliche Bedürfnisse und Gefühle wie wir Menschen haben. (Charles Darwin formulierte bereits sehr klar: „Es gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier in ihren Fähigkeiten, Freude und Schmerz, Glück und Elend zu fühlen.“) Die Vorstellung der Verschiedenheit von Mensch und Tier unterstützen wir dadurch, dass wir für bestimmte identische intime Vorgänge einfach unterschiedliche Worte gebrauchen. Tiere essen nicht, sie fressen. Sie sind nicht schwanger, sie sind trächtig. Sie gebären nicht, sie werfen.

Bereits in der Kita, und natürlich auch in der Familie, lernen wir den Gebrauch beleidigender Kraftausdrücke. Wir schimpfen unsere Mitmenschen faule Sau, dämliche Ziege, blöde Gans, hässliche Ente, dummes Schaf und dusselige Kuh (Dass wir überwiegend weibliche Schimpfwörter benutzen ist ein Hinweis, dass Karnismus nicht der einzige diskriminierende ‚Ismus‘ ist, der sich in unserer Gesellschaft beobachten lässt.) .Um andere abzuwerten und zu verhöhnen, verwenden wir, wohl nicht ganz zufällig, überwiegend Vergleiche mit Tieren, die wir auch essen. Positive, ermutigende Vergleiche hingegen beziehen sich meist auf Tiere, die nicht auf unserem Speiseplan stehen (flink wie ein Wiesel, schlau wie ein Fuchs, stark wie ein Bär). Niemand sagt aber: „Du schlaues Schwein“, obwohl das ein schönes Kompliment wäre, denn Schweine sind fast so intelligent wie Schimpansen, deutlich intelligenter als Hunde und allemal schlauer als der ’schlaue Fuchs‘. Wir nennen andere Menschen ‚Dreckschwein‘ und vermitteln die Vorstellung einer widerwärtigen, ungepflegten Kreatur. Dabei sind Schweine sehr reinliche, freundliche und soziale Geschöpfe. Dass sie tatsächlich im Dreck und oft in ihrer eigenen Scheiße vor sich hin vegetieren, hat ausschließlich damit zu tun, dass wir Menschen sie zu diesem unwürdigen Dasein verurteilen.

Die Zuschreibung ‚menschlich ein Schwein‘ ist vielleicht eines der eindrucksvollsten Beispiele menschlicher Wirklichkeitskonstruktion. Wir verwenden diesen Vergleich um einen Mitmenschen als hinterhältig, korrupt, berechnend, skrupellos, zerstörerisch, gefühlskalt zu beschreiben. Alles menschliche Charaktereigenschaften, die im Tierreich wenig verbreitet sind und auf Schweine überhaupt nicht zutreffen. Wenn Tiere sich situativ berechnend verhalten, dann weil es für ihr Überleben notwendig ist. Allein der Mensch betrügt, demütigt und vernichtet seine Artgenossen aus Habsucht, Neid und Machtstreben. Allein der Mensch plündert gierig die Ressourcen dieses Planeten und zerstört mutwillig die Lebensgrundlage kommender Generationen.schwein_sonnenaufgang2Ein weiterer raffinierter Taschenspielertrick besteht darin, dass wir Tieren spezielle Bezeichnungen geben, die suggerieren, es sei nunmal ihre Bestimmung, von uns in einer bestimmten Weise ‚genutzt‘ zu werden. Wir sprechen einfach von Nutztieren, Schlachtvieh, Legehennen und erfinden gruselige Begriffe wie Zweinutzungshuhn. Die Bezeichnungen haben mit dem Wesen der Tiere absolut nichts zu tun. Es sind menschliche Urteile. Todesurteile.

Unsere Worte unterstützen auch einen wichtigen karnistischen Prozess, den Melanie Joy ‚Verdinglichung‘ nennt. Wir sprechen von Lebensmitteln, von Wurstwaren und Molkereiprodukten. Die einzigartigen Persönlichkeiten, deren Leben wir auslöschen, kommen uns zu keinem Zeitpunkt ins Bewusstsein. Wir verwandeln Lebewesen in Lebensmittel, indem wir Kälber, Rinder, Schweine, Hühner, sobald sie den Schlachthof verlassen, Wiener Schnitzel, Steak, Kotelett oder Nugget nennen. (Im angelsächsischen Sprachraum wird noch wesentlich sorgfältiger darauf geachtet, dass der Name der Tierart in den Bezeichnungen der ‚Fleischprodukte‘ nicht mehr vorkommt. Man spricht von veal, beef, pork, poultry, seafood. Auch wird der Begriff ‚flesh‘ vermieden und stattdessen stets von ‚meat‘ gesprochen). Aus jemand wird etwas.

Natürlich sind wir Menschen auch sehr bemüht um einen ‚anständigen‘ Umgang mit den Nutztieren, die sich so bereitwillig opfern, um uns als Nahrung zu dienen. Ehrensache. Ihr Leben, das in Wirklichkeit vom ersten bis zum letzten Tag ein demütigendes Warten auf die Vollstreckung ihres Todesurteils ist, beschreiben wir mit allerlei beschönigenden Worten. Statt von Verstümmelung reden wir von Schwänze kupieren und Schnabelpflege, Zwangsschwängerung nennen wir künstliche Besamung. Wenn wir die Tiere am Ende ihres kurzen Daseins grausam hinrichten, indem wir sie wahlweise in Gaskammern treiben, ihnen einen Bolzenschuss verpassen oder sie ins Elektrobad schicken, um ihnen anschließend die Kehle aufzuschlitzen, dann nennen wir das gerne ‚humane Tötung‘. Manche ‚Fleischerzeuger‘ achten offenbar derart vorbildlich auf das ‚Tierwohl‘, dass sogar Tierschutzorganisationen regelrecht darum wetteifern, dies mit ‚Gut-Fleisch-Zertifikaten‘ bescheinigen zu dürfen. Die Tierschutzsiegel lassen den Verbraucher (auch ein spannendes Wort!) wissen, dass er dieses Produkt garantiert jederzeit mit gutem Gewissen kaufen kann. Egal ob Massentierhaltung, die wir gerne ‚konventionelle‘ Tierhaltung nennen – um unaufgeregt die Normalität der lebensverachtenden Zustände zu betonen – oder gar ‚artgerechte‘ Haltung: Wir produzieren ‚glückliches Fleisch‘.

Wenn Sie zu den Menschen gehören, für die der Konsum tierlicher Produkte bislang das Normalste auf der Welt darstellt, dann bitte ich Sie, einmal innezuhalten. Lassen Sie sich ein auf die Vorstellung, dass Sie in Ihrem Leben möglicherweise regelmäßig Dinge tun, die in krassem Widerspruch zu dem stehen, wie Sie eigentlich denken und fühlen. Erkunden Sie neugierig und ergebnisoffen den Wahrheitsgehalt Ihrer Glaubenssätze in Sachen Tierkonsum. Schauen Sie hinter die Kulissen des ‚Produktionsprozesses‘ und erhellen Sie Ihren ‚blinden Fleck‘. Begegnen Sie mit offenem Herzen dem Leid, das Sie mit Ihren Konsumentscheidungen zwangsläufig verursachen. Prüfen Sie bitte, ob Sie das, was Sie dort zu sehen bekommen, weiterhin unterstützen möchten. (Siehe auch hier) Ich verspreche Ihnen eine Reihe interessanter Erkenntnisse und berührender Erfahrungen.

Wir können gegenüber dem Offensichtlichen blind sein, und wir sind darüber hinaus blind für unsere Blindheit.
– Daniel Kahneman, Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreisträger –

Armin, Redakteur Volksverpetzer Armin Rohm ist Trainer und Coach und schreibt viele Texte über Veganismus und Tierrechte. Mehr Texte findet ihr auf Veganswer.de.

Titelbild: (c) Jo-Anne McArthur / We Animals