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Björn Höcke sorgte mit seiner Rede und seiner Kritik an der deutschen Holocaust-Gedenkkultur für empörte Schlagzeilen. Es sei, so sagte er mit Blick auf das Berliner Stehlen-Denkmal, eine Schande, dass sich die Deutschen die Erinnerung an den Holocaust so präsent ins Herz ihrer Hauptstadt pflanzten.

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Seine Parteikollegen aus Baden-Württemberg schießen in die gleiche Richtung. Die AfD-Fraktion unter Jörg Meuthen brachte den Antrag ein, dass die Förderung für die Gedenkstätte Gurs gestoppt werden solle und berief sich auf haushaltspolitische Gründe.

Mit der Meinung „endlich mal Schluss mit dem Schuldkomplex“ machen zu wollen, steht die AfD aber nicht allein: Rechte Politiker aller Couleur nehmen sich Denkmäler und Museumsplanungen gerne zum Anlass, um ihr „jetzt ist es aber mal wieder gut“ zum Besten zu geben. Und auch der mehr oder weniger gefühlige Stammtischbesucher, lässt ähnliche Sätze verlauten – oft vollkommen unabhängig davon wie er sich sonst politisch einordnen würde.

Der Duktus ist immer der gleiche: Wir, das deutsche Volk, haben genug für unsere Verbrechen gebüßt, wir wollen jetzt Ruhe haben. Denn die alten Nazis sind tot und wir haben keine Schuld auf uns geladen.

Was wie das Argumentieren gegen das Konzept der Erbsünde im schulischen Religionsunterricht klingt, ist in Wirklichkeit eine perfide Zugehörigkeitsdebatte. Denn „wir“ sind in diesem Fall immer nur die Täter, nicht die Opfer.

Höcke und Konsorten verlieren kein Wort darüber, dass auch die Opfer des Nationalsozialismus zu dem „wir“ gehört haben. Die Ermordeten, Geächteten, Verfolgten und Gedemütigten wurden erst zu Fremden gemacht, indem man sie umdefinierte und ihnen so ihren Status als Mitglied der Gemeinschaft zu entziehen versuchte. Wer heute davon spricht, dass es jetzt mal gut sein müsse, der schließt die Opfer des nationalsozialistischen Systems auf perfide Weise aus. Wer vom Mahnmal der Schande spricht ignoriert geflissentlich, dass die die entrechtet, verfolgt und ermordet wurden eben auch Deutsche waren. Der Wahnsinn des Nationalsozialismus war es ja gerade Menschen ihren Wert abzusprechen und sie aus der Mitte der Gesellschaft zu reißen.

Wer die Bombardierung Dresdens gedenkwürdig findet, die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen aber nicht, wer mit den toten Frauen und Kindern in Dresden argumentiert, diejenigen in der Menschenvernichtungsmaschinerie aber ausblenden will, der geht sogar noch weiter. Er etikettiert Individuen auf Basis ihrer – von ihm selbst zugeschriebenen – Zugehörigkeit und maßt sich damit an über den Wert eines Menschen bestimmen zu können.




Der gefühlige Populismus, der von unserer Kultur, unserer Heimat und unseren Werten spricht, ist nichts anderes als das Verkennen von gesellschaftlicher Pluralität – vermittelt durch das Ausschließen der „anderen“. Wie in den Debatten um Leitkultur, Volk, Heimat und Vaterland funktioniert diese Idee aber nur mit einer unterkomplexen Vorstellung von Gesellschaft: Selbst unter denen, die Höcke und Konsorten als „deutsch“ anerkennen würden, ist die Bandbreite riesig. Das reflexhafte Berufen auf eine originär deutsche Kultur bleibt dabei genauso gefühlig, wie das Konzept des „deutschen Volkes“ – es ist ein emotionaler Platzhalter, der zwar irgendetwas zu meinen glaubt, den aber jeder anders füllen würde.

Wer den Populisten nicht die Bühne überlassen will, der muss sie genau dort festnageln. Man muss sie zwingen ihre großen, bedeutungsschwangeren Worte zu definieren und die dahinterstehenden Ideen sichtbar zu machen. Denn: Wer sich hinter großen Worthülsen versteckt, dabei aber vorgibt Politik für „das Volk“ zu machen, der muss sich die Frage gefallen lassen, wen er damit eigentlich meint und welche Kultur er zur Allgemeinverbindlichen erklären möchte. Wer dies aber nicht tut und stattdessen die Fülle von gemeinten Möglichkeiten für seine Rhetorik nutzt, der verkauft nicht nur die Wähler für dumm, sondern verheimlicht auch seine Beweggründe.

Annette Greca, Autorin Volksverpetzer Annette studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Jura, Sinologie und Philosophie. Für den Volksverpetzer schreibt sie über politische und gesellschaftliche Themen auch auf Twitter ist sie zu finden. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.

– Foto: Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE