-Mimikama unterstützen -

Gemeinsam gegen Fakes, Fake-News und anderen Unwahrheiten im Internet. Bitte hilf mit!

In der Debatte um Glyphosat kochen gerne die Emotionen hoch. Dem Saatgut-Unternehmen Monsanto wird vorgeworfen, Studien gekauft zu haben, die belegen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Die Empörung ist groß. Dabei ist das ganz normal.

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

14111889_1826590450909615_604611310_n

Der Tenor der Diskussion ist, dass man einer Studie nicht trauen kann, wenn sie von der Industrie gesponsert wird.  Und das erscheint auch verständlich, der Interessenkonflikt ist unverkennbar. Die Industrie will eine Zulassung, also fälscht sie Studien. Diese Logik hat aber ein Problem. Denn sie lässt zwei Aspekte außer Acht, die wir nicht vergessen sollten: Zum einen die Kosten. Und zum anderen, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten unabhängig ist von der Finanzierung der Arbeit.

Werden Studien von der Industrie bezahlt? Ja, ständig. Und das ist auch gut so.

Wir alle sind uns einig, dass Konzerne Profite wollen. Egal was wir uns für andere Werte ausdenken, für die ein Unternehmen stehen mag: Das Primärziel ist das Verdienen von Geld. Ist ein Unternehmen nicht liquide und verdient kein Geld, ist es bald weg vom Fenster. Und genau aus diesem Grund forschen die Unternehmen an neuen Methoden und Produkten, die sie verkaufen können. Diese Forschung wiederum ist enorm teuer. Weil der Konzern es aber ist, der auch die Profite daraus schlägt, ist es gut, dass der Konzern die Forschung bezahlt. Führt das zu Konflikten? Ganz sicher sogar. Zu den genauen Problemen kommen wir gleich. Es steht jedoch zunächst die Frage nach Alternativen im Raum. So gibt es inzwischen auch Labore, die klinische Forschung für Unternehmen anbieten. Somit kann ein Pharmahersteller seine klinischen Studien auch auslagern. Hier wird oft argumentiert, dass ein Zulieferer solcher Studien ja den Druck hat, Erfolge zu bringen. Auch dazu später mehr. Welche weitere Alternative gibt es? Die einzige Alternative zur Forschung durch die Unternehmen selbst ist die staatliche, also durch den Steuerzahler finanzierte Forschung. Und damit würden wir genau das machen, was wir an anderer Stelle kritisieren: die Sozialisierung von Kosten bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne.




Wir haben Institutionen, die Forschungsgelder der Regierung verwalten. Damit haben wir genug Möglichkeiten, wichtige Forschung auch zu fördern. Beispielsweise die Entwicklung neuer Antibiotika. Das ist ein Ziel, welches zur Zeit nur unzureichend von der Industrie verfolgt wird. Dafür haben wir EU- und DFG-Fördermittel (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die genau dafür zur Verfügung stehen. Somit werden auch Projekte gefördert, deren Profit und Erfolg unklar ist. Die Forschung dort zu sozialisieren, wo sie klar zu Profiten führt, ist jedoch keine gute Lösung. Ein Pestizid wie Glyphosat bringt Milliarden an Umsatz, warum sollten wir die Forschungskosten auf die Steuerzahler abwälzen? Dieses unternehmerische Risiko trägt besser der Unternehmer. Es ist die bessere Lösung, wenn wir die Forschungskosten auch von denen bezahlen lassen, die am Ende davon profitieren. Deckt der Markt ein Forschungsgebiet nicht gut ab, weil es nicht lukrativ ist, gibt es immer noch genug Möglichkeiten einzugreifen. Das gilt unter anderem für die Forschung an Impfstoffen. Entgegen der vielfach hörbaren Argumente der Impfgegner ist die Impfindustrie im Pharmabereich nur ein „kleiner Fisch“. Der dort erwirtschaftete Umsatz ist oft gerade mal im anfänglichen dreistelligen Millionenbereich pro Jahr. Nur einige Top Seller liegen im Milliardenbereich, wie der MMR und Pneumokokken-Impfstoff. Der gesamte Markt für Impfstoffe wird weltweit auf 24 Milliarden Dollar geschätzt. Die Top 10 Medikamente weltweit liegen in ihrem Umsatz bereits bei 48 Milliarden Dollar. Die beiden Top Verkaufsmaschinen Humira und Abilify setzten 15,8 Milliarden Dollar um. Das ist übrigens mehr als Monsantos gesamter Umsatz, der bei ca. 15 Milliarden lag. Deswegen fördern Regierungen weltweit Firmen, die Impfstoffe herstellen, mit einer gewissen Immunität gegen Ansprüche und wickeln diese über eigene Fonds ab. Entscheidend ist aber, dass diejenigen, die forschen, die Profite bekommen. Deswegen sollten sie auch die Forschung bezahlen. Der Steuerzahler sollte nur dann einspringen, wenn ein wichtiges Gebiet ohne diese Incentives nicht lukrativ genug ist. Auf diese Weise decken sich Kapitalismus und soziale Marktwirtschaft optimal ab. Nicht aber, wenn wir den Unternehmen all ihre Forschung abnehmen und bezahlen.

Peer Review: So werden Studien bewertet

Das bringt uns zum zweiten Teil: der Wissenschaft an sich. In der Wissenschaft benutzen wir ein Verfahren, das sich „Peer Review“ nennt. Eine Zeitschrift etwa lässt mindestens zwei Fachleute eine Studie lesen, bewerten und kritisieren. Dabei sind die Namen der Forscher, die das Experiment durchgeführt haben, nicht aufgeführt. Um größtmögliche Neutralität zu wahren, gibt es auch später keine Angabe von Titeln auf dem Deckblatt. Ob derjenige nun Master, Doktor oder Professor ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Bewertung des Experiments selbst. Die Methodik, die Herangehensweise, die Wahl der Mittel, die Statistik und die Art der Auswertung werden kritisiert. In der Wissenschaft selbst kommt es darauf an, methodisch korrekt zu arbeiten. Die Ergebnisse sollen anderen Wissenschaftlern als Grundlage dienen und einen Standard aufrecht erhalten. In der Bewertung dieser Methoden spielen die Macher, die Geldmittel der Studie und alles andere drumherum keine Rolle. Denn entscheidend ist die Qualität der Wissenschaft und nichts anderes. Dies ist oftmals einem Laien schwer nahezulegen, denn man geht davon aus, dass die Industrie immer ihre Finger im Spiel hat. Und sicherlich stimmt das zum Teil, aber es ist unglaublich schwierig, wirklich Studien zu kaufen. Der rigorose Prozess der Wissenschaft ist zu einem großen Teil selbst korrigierend – leider nicht vollständig, aber wir arbeiten daran. Deswegen gilt unter Wissenschaftlern zuerst eine goldene Regel: „Bewerte die Wissenschaft, nicht die Quelle der Geldmittel.“ Während wir sicherlich manchmal der Spur des Geldes folgen müssen, ist das aber nur dann wichtig, wenn möglicherweise Schmu passiert ist. Das nachzuweisen, ist manchmal einfach, manchmal nahezu unmöglich. Entscheidend bleibt aber, dass die Geldmittel nichts am Ergebnis eines gut ausgeführten Experiments ändern. Sie können allerdings am Ergebnis eines schlecht ausgeführten Experimentes eine Menge ändern.

Durch diesen Skandal bekam Monsanto seinen Ruf – Und wir bessere Methoden in der Wissenschaft

Gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück. Die ganze Debatte dreht sich immer wieder um Monsanto. Ich sehe Monsanto als einen von vielen Konzernen mit Interessen. Aber dort ist man sicher nicht moralisch verwerflicher als anderswo, der Konzern ist sicher kein Teufel, aber auch kein Heiliger. In den 70er und 80er Jahren waren die Standards für Zulassungen noch weniger hoch. Monsanto ist dafür bekannt, die Firma Searle gekauft zu haben, die später als Nutrasweet den Süßstoff Aspartam herstellte. Die Zulassungsstudien um 1974 Aspartam betreffend waren ein absolutes Desaster. Als Searle noch nicht zu Monsanto gehörte, wurde ein Drittel aller Zulassungsstudien in den USA von einem Labor namens IBT (Industrial Biotest Technologies) durchgeführt. Es stellte sich heraus, dass dieses Labor fehlerhafte Daten und gefälschte Experimente fabriziert hatte. Aus dem Skandal um 1981 kamen drei größere Labore nicht mehr heraus. Sie wurden von der FDA (Food and Drug Administration) per Gerichtsbeschluss geschlossen, vier Manager der Unternehmen wurden wegen Betruges zu Haftstrafen verurteilt. Fehlerhaft waren unter anderem Studien zu Aspartam, laut einigen Quellen auch zu Glyphosat, welches bereits 1973 entwickelt wurde. Bedenkt man diese frühe Geschichte, kann man schon etwas ins Zweifeln kommen ob der Unabhängigkeit des Konzerns. Aber der Skandal hat auch zu etwas Großartigem geführt, der „Good Laboratory Practice“: Benimm- und Qualitätsregeln für Forscher, denen bis heute gefolgt werden muss. Es stellte sich in wiederholten Studien nach den neuen Richtlinien heraus, dass das Fälschen von Studien komplett unnötig war, denn die beiden Substanzen Aspartam und Glyphosat sind und bleiben sicher. Aber: „Wer einmal lügt…“ – das Sprichwort kennen wir. Die European Food Safety Authority bemängelte in ihrem knapp 300-seitigen Gutachten zu Aspartam unter anderem, dass frühe Studien zur Zulassung sowie einige Studien, die die Sicherheit in Frage stellen, qualitativ verbesserbar wären. Das ist wissenschaftlich für „Das war Schrott, wir haben es ignoriert“. Und da haben wir wieder den Grundsatz: Bewerte die Wissenschaft, nicht die Geldquelle.

Aber gibt es trotz GLP und wissenschaftlichen Qualitätskriterien noch Möglichkeiten zu schummeln? Ja, die gibt es. Ein Faktor, der bedacht werden sollte, ist der Zufall. Wir benutzen in Studien statistische Verfahren. Ohne genau ins Detail gehen zu wollen, auch ein gut gesichertes Ergebnis kann in 5% der Fälle auch dann vorkommen, wenn die Realität eine andere ist. Jedes experimentelle Ergebnis kann reiner Zufall sein. Um diesen Zufall auszuschließen, nutzen wir sogenannte Signifikanztests. Wir testen die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein solches Ergebnis bekommen würden, wenn unsere Hypothese falsch wäre. Der höchste dabei akzeptierte Wert liegt dafür bei 5%. Der legendäre Professor John Ioannidis wies in einer seiner Schriften nach, dass die Ergebnisse von 80% der medizinischen Forschung falsch sind, wenn man nur einen sehr hohen Standard zugrunde legt. Das bedeutet aber nicht das, was man eben denken könnte: Deswegen ignorieren wir diese Ergebnisse nicht, sondern müssen uns überlegen, wie wir mit der Forschung weiter umgehen. Denn die 80%, die Ioannidis anspricht, waren Forschungsergebnisse, die nicht wiederholt werden konnten. Es handelt sich schlicht um ein statistisches Problem: Wenn wir eine 95%ige Sicherheit wollen, dass unser Ergebnis korrekt ist, haben wir eben auch eine 5%ige Wahrscheinlichkeit, dass wir daneben liegen. Allein deswegen ist eines von zwanzig Ergebnissen falsch. Daraus ergibt sich, dass allein aufgrund unserer Methoden bei einer Signifikanz von 5% eine Fehleranfälligkeit des Ergebnisses von 29% angenommen werden muss. Das erscheint auf den ersten Blick nicht ganz logisch. Wer mehr und etwas genauer wissen möchte, warum das so ist, kann den großartigen Artikel der Zeitschrift „Nature“ lesen, der die Hintergründe beleuchtet: http://www.nature.com/news/scientific-method-statistical-errors-1.14700

Der publication bias

Eine einzige Studie ist somit niemals ganz sicher. Das erklärt Außenstehenden auch die Reaktionen  von Wissenschaftlern auf die neuste Schockstudie. Meist entlockt sie uns nicht mehr als ein müdes Gähnen und ein “Schau ich mir mal an.” Wir brauchen gut ausgeführte Studien mit ausreichenden Teilnehmern und wir müssen diese mehrmals wiederholen. Bedenken wir dabei: Wenn Glyphosat harmlos ist, werden von 100 Studien mindestens 5 zeigen, dass es das nicht ist. Bei statistischen Fehlern und unsauberer Arbeit werden es mehr werden. Da eine Firma nicht daran interessiert ist, negative Studien zu veröffentlichen, verzerrt sich das Bild nach außen. Sagen wir von 50 Studien sind 30 von der Industrie. Die Industrie hat aber 45 in Auftrag gegeben, also sind es insgesamt 65 Studien. Bei den geförderten Studien sind 25 positiv, bei den nicht-geförderten Studien sind es nur 10. Das nennen wir dann einen „Publication Bias“. Da nur positive Studien veröffentlicht werden, verzerrt dies das Bild ein wenig. Für dieses Problem gibt es allerdings bereits zwei Lösungen: Die erste Lösung heißt „Pre-Registration“. Eine klinische Studie wird, bevor sie durchgeführt wird, samt Protokoll angemeldet. Wird sie nicht beendet oder publiziert, so lässt sie sich trotzdem in einem Register finden. Die zweite Lösung kommt zum Tragen, wenn wir viele Studien analysieren. Um einen Überblick über die vielen Studien zu bekommen, nutzt man eine sogenannte Meta-Analyse. Man sucht Studien zu einem Thema, definiert Qualitätskriterien und vergleicht dann die Studien miteinander. Dann berechnet man über die Studien hinweg eine Effektgröße. Um hierbei nicht vom Publication Bias beeinflusst zu werden, nutzt man verschiedene Methoden, wie Funnel-Plot oder statistische Analyseverfahren. Werden diese in Kombination genutzt, sind diese Verfahren durchaus sensibel und zeigen uns, ob ein Publication Bias vorherrscht. Interessant ist dabei, dass wir viel weniger Publication Bias finden, wenn wir hohe Qualitätskriterien ansetzen. Siebt man schlecht ausgeführte Studien aus, löst man das Problem oft von alleine. Auch reduzieren sich dann oftmals die Effektstärken. Das gilt für Medikamente genauso wie für Chemiekritiker: Wenn wir die Qualitätskriterien ganz scharf ansetzen, verpuffen die versprochenen Vorteile von Medikamente genauso oft wie die angeblichen Risiken von Pestiziden. Denn oftmals sind diese nur darauf zurückzuführen, dass man es mit den Laborstandards nicht so genau genommen hat.

Die Ökolobby ist genauso groß wie die Genfoodlobby – Und arbeitet mit den gleichen Mitteln

Ein letzter Punkt zu Industriestudien befasst sich mit der Frage: Wer ist denn diese Industrie? In den letzen Jahren hat sich eine enorme Ökolobby gebildet. Im Jahr 2015 hatte Monsanto insgesamt einen Umsatz von 15 Milliarden Dollar. Whole Foods, eine Biosupermarktkette aus den USA, brachte es auf 15,4 Milliarden Dollar Umsatz. Der Markt mit genverändertem Samengut ist im Vergleich zum Umsatz mit Biolebensmitteln verschwindend gering. Monsanto, der Konzern, von dem viele behaupten, er würde die Welt beherrschen, ist ebenso ein vergleichbar kleiner Fisch. Obwohl Monsanto Marktführer in seinem Bereich ist. Bayer, ein Konzern mit wirklich enormer Größe hat Monsanto aufgekauft.

In den letzten Jahren mehren sich leider die Vorfälle, in denen Wissenschaftler schlechte Studien und Meta-Analysen präsentieren, deren Qualität fragwürdig ist. Der gemeinsame Faktor: Organisationen, die für Biolandbau werben, finanzieren diese Studien. Die sogenannte Seralini-Affäre, bei der es um angebliche Schäden durch genveränderte Pflanzen ging, war ein solcher Fall. Seralini stellte sicher, dass nur Journalisten, aber kaum Wissenschaftler Zugang zu seinen Ergebnissen hatten. Journalisten wurde untersagt, die Daten anderen Wissenschaftlern zu präsentieren, um eine zweite Meinung einzuholen. Und die Story schlug ein wie eine Bombe. Es wurden Bilder von Tumoren an Ratten gezeigt und die Welt lief Sturm. Kurze Zeit später wurde die Studie dann zurückgerufen. Kritische Wissenschaftler hatten Unmengen an Ungereimtheiten gefunden: von fehlender Transparenz der Ergebnisse über fehlende Dokumentation, Nutzung der falschen Rattenstämme bis hin zu unwürdiger Haltung der Versuchstiere. Nachdem die Studie zurückgezogen war, fand ein Journalist des französischen Nachrichtenmagazins L’Express eine alarmierende Verbindung. Seralinis CRIIGEN-Institut wurde von einem Konsortium namens CERES gesponsert. Dieses Konsortium vereinte anonym Geldmittel verschiedener Organisationen und leitete diese an Forscher weiter. Der Clou: Der Journalist fand eine Verbindung zu Auchan und Carrefour, zwei Warenhaus- und Supermarkt-Ketten. Carrefour wirbt damit, seit 15 Jahren gentechnik-frei zu sein.




Bio-Lebensmittel nachweislich nicht gesünder als konventionelle – Aber wir glauben das trotzdem

Aber da hört es nicht auf. Im letzten Jahrzehnt wurden Unmengen Studien zum Vergleich von Bio- und konventioneller Nahrung durchgeführt. In drei Meta-Analysen wurden diese zusammengefasst, allesamt gesponsert von der EU und der englischen Regierung. Zwei von drei Meta-Analysen fanden keine Vorteile in Bio-Nahrung. Eine jedoch schon, obwohl die gleiche Datenlage vorherrscht. Alan Dangour, einer der Autoren einer der ersten beiden Meta-Analysen, fand heraus wieso. Man hatte Studien von sehr fragwürdiger Qualität in die Analyse einbezogen und so den Nährstoffgehalt von Bio-Nahrung besser dastehen lassen. Während die Studie der Universität Newcastle dies als ein Qualitätsmerkmal darstellte, waren die Autoren der anderen Studien über dieses unwissenschaftliche Vorgehen entsetzt. Im eigenen Interesse habe ich dann ebenso nachgeforscht, wer diese Studien finanziert hatte. Die Newcastle Analyse hatte Geldmittel erhalten von einem NGO namens Sheepdrove Trust, einer Organisation, die sich für den Bio-Landbau einsetzt.

Im letzten Jahr gab es eine Kampagne des schwedischen Supermarktes Coop. Man zeigte eine Familie, die sich erst konventionell ernährte, dann mit Bio-Nahrung. Ein Labor untersuchte ihren Urin und wies eine Anzahl von Pestiziden nach. Die Familie, gerade die Tochter, schüttelten sich und sagten dann, wieviel schöner es mit der Bio-Nahrung wäre. Eine heile Welt, so schien es. Das Labor hat jedoch ebenso die Ergebnisse zum Lesen präsentiert. Es stellte sich heraus, dass jede der Konzentrationen, die man gefunden hatte, harmlos war. Keine der Konzentrationen erreichte auch nur 20% des festgelegten Grenzwerts. Der höchste Wert lag bei 10%. Ein Teil lag sogar unter dem Wert, bei dem man das Pestizid nicht mehr nachweisen kann. Es kommt noch besser: Es wurde kein Pestizid getestet, das im Biolandbau verwendet wird. Rotenon, Pyrethrine, Kupfersulfite, Azidirachtin? Fehlanzeige. Die vom Supermarkt gesponserte Studie gaukelte eine heile Welt durch Bio-Nahrung vor. Der echte Report allerdings beweist etwas ganz anderes: Konventionelle Nahrung ist komplett sicher.

Aus diesen Beispielen lassen sich nun zwei Schlüsse ziehen. Der erste Schluss liegt auf der Hand: Die Bio-Industrie ist ebenso mächtig und bedient sich genauso schmutziger Tricks, um den Konsumenten ihr Geld abzunehmen, wie andere Industrien. Aber der zweite Schluss ist viel wichtiger: Da die Wissenschaft inzwischen sehr hohe Standards hat, ist es möglich, jeden dieser Schritte zu dokumentieren. Seralinis Glaubwürdigkeit in der Wissenschaft ist dahin. Die Universität Newcastle finanziert zwar weiterhin Forschung im Bio-Landbau, aber Experten haben die Fehler der Meta-Analyse sofort erkannt, es dauerte nicht mal zwei Tage, bis ein Presse-Statement von Alan Dangour die Studie massiv kritisierte. Und auch der Trick der schwedischen Supermarktkette kann mit ein wenig kritischem Denken sofort ausgehebelt werden. Judy Carman aus Australien behauptete, das Futter aus GMO Pflanzen Schweine schädigen würde. Bis heute sieht man viele der Fotos aus ihren angeblich repräsentativen Studien an wenigen Tieren. Carman veröffentlichte ihre Daten in einem Open Access Journal mit dem Titel “Journal of Organic Systems”. Organic Systems hört sich natürlich besonders objektiv an, wenn es um GMOs geht. Die USDA reagierte darauf und Wissenschaftler prüften Fütterungsstatistiken von drei Jahrzehnnten auf den kleinstmöglichen Zusammenhang. Die Sample size lag bei Daten von über 100 Milliarden Schweinen. Sie konnten keinen Zusammenhang finden. Wissenschaftlich gesehen bedeutet eine so hohe Menge übrigens, dass selbst kleinste Ausrutscher auffallen würden. Eine weitere Akademikerin, Dr. Stephanie Seneff vom MIT brachte es ebenfalls zu traurigem Ruhm, als sie vom Feld der Computermodellierung wechselte um zur GMO und Glyphosat Kritikerin zu werden. Sie behauptete vehement, dass 2050 50% unserer Kinder autistisch wären. Ihre Annahmen, die rein theoretisch waren, wurden weitgehend kritisiert. Ein Kritiker ging soweit, ihre Forschungsmethoden als “akademisches Containern” zu bezeichnen.  Sie verletzte statistische Grundlagen, die ein Erstsemester verstehen müsste. Ein gleichzeitiges Auftreten bedeutet nicht, dass zwei Dinge miteinander verbunden sind. In deutschen Universitäten hört heutzutage jeder Student das gleiche Beispiel. Nur weil die Anzahl Störche und die Geburtenrate gleichzeitig gesunken sind, impliziert das noch keinen Zusammenhang. Unabhängig finanzierte Forschung impliziert somit auch nicht unbedingt immer eine bessere Qualität und verhindert nicht, dass ein Wissenschaftler eine Agenda haben kann.




Fazit

Industriestudien sind ein nötiges Übel, denn wir sollten Kosten nicht sozialisieren, während wir gleichzeitig Profite privatisieren. Entscheidend ist nicht die Geldquelle, sondern die Qualität der Forschung. Und auch wenn viele Konzerne eine dubiose Vergangenheit haben, insbesondere auch Monsanto, so haben sich die Qualitätskriterien, die wir an Wissenschaft anlegen, deutlich verbessert. Fehler werden, wenn wir nur aufmerksam zuhören, immer aufgedeckt. Als das IARC (International Agency for Research on Cancer) der Welt-Gesundheitsorganisation argumentierte, Glyphosat sei ein Typ 2A Karzinogen, hörte man einen Forscher namens Solomon aufschreien, denn seine Studien wurden als Basis für die Aussage genutzt. Solomon machte deutlich, dass dies eine Fehlinterpretation seiner Forschung und eine solche Einstufung nicht möglich sei. In der endgültigen Risikobewertung der WHO wurde dies auch gewürdigt: Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosat Krebs erregt. Zu diesem Thema gibt es eine Unmenge an Studien. Wir müssen nur diejenigen, die absoluter Schrott sind, ignorieren. Wenn wir Menschen wie Seralini, Judy Carman oder Stephanie Seneff –  also Forschern, die mit schlechter Wissenschaft und einer Agenda gegen transgene Pflanzen und Pestizide wettern – eine Plattform bieten, dann geben wir unsere Fähigkeit zum kritischen Denken auf. Wenn wir uns auf eine Zahlung eines Unternehmens über nicht mal 0,6% des Etats einer Lobbyorganisation aufregen, dann folgen wir nicht den Daten. Wir sehen eine Verbindung und beginnen, die relevanten Fakten zu ignorieren. Die WHO hat eine Entscheidung über Glyphosat getroffen anhand der dafür vorhandenen Studien. Das kann man auch nachlesen, weil sie inklusive Quellenangaben ihre Meinungen immer belegt. Sonst würde sie ihre Glaubwürdigkeit schnell verlieren. Ob ein Vize-Präsident einer Organisation, die mal von Monsanto Geld bekommen hat, in einem Gremium saß, ist am Ende tatsächlich nicht relevant für die Bewertung. Bewerten wir die Wissenschaft, nicht die Geldquellen. Denn nur so sind wir im Stande, die Daten wirklich zu bewerten. Auch wenn wir uns von vermeintlichen Skandalen gerne ablenken lassen, sind sie es nicht wert, den Fokus auf das Wesentliche, das wirklich Objektive zu verlieren.


Passend dazu: Warum Glyphosat nicht verboten werden sollte

Quellen:

  1. http://www.huffingtonpost.com/entry/bathroom-hand-dryers-dyson-germier-than-paper-towels_us_57110ad4e4b0018f9cb9d0f3
  2. http://www.dfg.de/foerderung/
  3. http://www.pharmacytimes.com/news/10-best-selling-brand-name-drugs-in-2015/P-9
  4. http://who.int/influenza_vaccines_plan/resources/session_10_kaddar.pdf
  5. http://archive.gao.gov/d28t5/133460.pdf
  6. http://www.gao.gov/products/HRD-87-46
  7. Alles zu IBT: https://en.wikipedia.org/wiki/Industrial_Bio-Test_Laboratories
  8. https://en.wikipedia.org/wiki/Good_laboratory_practice
  9. EFSA Bewertung Aspartam: http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/scientific_output/files/main_documents/3496.pdf
  10. http://www.nature.com/news/scientific-method-statistical-errors-1.14700#
  11. Funnel Plots: https://de.wikipedia.org/wiki/Funnel_plot
  12. Statistical methods for dealing with publication bias in meta-analysis http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/sim.6342/abstract
  13. Publication Bias in Meta-Analysis http://www.bmj.com/content/344/bmj.d7762
  14. Assessment of publication bias, selection bias, and unavailable data in meta-analyses using individual participant data: a database survey: http://www.bmj.com/content/344/bmj.d7762
  15. Seralini Affäre, Englisch: https://en.wikipedia.org/wiki/S%C3%A9ralini_affair
  16. Seralini Affäre, Deutsch: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A9ralini-Aff%C3%A4re
  17. Der Artikel zur Finanzierung der Seralini Studien: http://www.lexpress.fr/actualite/societe/sante/auchan-et-carrefour-ont-aide-a-financer-l-etude-sur-les-ogm_1164587.html
  18. Die CERES Connection: http://gmopundit.blogspot.de/2012/09/auchan-and-carrefour-financed-criigen.html
  19. Ein sehr kritisches Review der Person Seralini: http://rationalwiki.org/wiki/Gilles-Eric_S%C3%A9ralini
  20. Eine der Reaktionen auf die Bio Studien der Universität Newcastle: http://www.sciencemediacentre.org/expert-reaction-to-study-comparing-the-nutritional-content-of-organic-and-conventional-foods/
  21. Sheepdrove Trust: http://apps.charitycommission.gov.uk/Showcharity/RegisterOfCharities/CharityWithoutPartB.aspx?RegisteredCharityNumber=328369&SubsidiaryNumber=0
  22. http://opencharities.org/charities/328369
  23. Die dahinter stehende Organisation: http://www.sheepdrove.com/
  24. Die Coop Pressemeldung: https://www.coop.se/vart–ansvar/ekoeffekten/the-organic-effect/
  25. Der echte Report der Wissenschaftler des Coop Experiments, samt Grenzwerten: https://www.coop.se/PageFiles/429812/Coop%20Ekoeffekten_Report%20ENG.pdf
  26. Kritik an der manipulativen Darstellung durch die Supermarktkette und dem Experiment: http://skepchick.org/2015/05/bad-chart-thursday-organic-cherry-picking/
  27. Mein eigener, ebenso kritischer Artikel zum Coop Experiment: http://www.taegerfitness.de/das-bio-experiment/
  28. Solomons Aufschrei über Misrepräsentierung seiner Studien: http://www.producer.com/daily/toxicologist-pans-un-glyphosate-report/
  29. Artikel über Stephanie Seneffs Forschungsmethoden: http://scienceblogs.com/insolence/2012/11/20/dumpster-diving-in-the-vaers-database-again/
  30. Weitere Kritik: https://www.sciencebasedmedicine.org/glyphosate-the-new-bogeyman/
  31. https://psmag.com/research-gone-wild-the-future-of-autism-ed5cd2b1b9d4#.28wfsqqzm
  32. Kritik an Judy Carmans Studie: http://www.biotech-now.org/food-and-agriculture/2013/06/more-junk-science-is-the-carman-pig-study-seralini-2-0
  33. Studie an USDA Daten: https://www.animalsciencepublications.org/publications/search?volume=0&issue=2014&first-page=8&num-results=10&sort=relevance&journal[jas]=jas
Frank Taeger, Gastbeitrag Volksverpetzer Taeger, M.Sc. (Merit), ist Autor für Kraft- und Fitnesstraining, Executive Performance Coach und Lehrbeauftragter für Wirtschaftspsychologie. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.