-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

Wir führen einen gesellschaftlichen Streit über die Kriminalität von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit welcher wir bestimmte politische Maßnahmen rechtfertigen wollen. Zeit für Fakten und Zahlen zum Thema.

Wie ich in meinem letzten Artikel beschrieben habe, basteln sich Menschen durch verschiedene psychologische Mechanismen und durch das Phänomen, gezielt nach Meldungen zu suchen, die die eigene Weltsicht bestätigen, aus vielen Einzelfällen ein verzerrtes Bild der Realität. Wenn man nicht gerade alle ca. 17.500 Straftaten pro Tag liest, ist jeder Eindruck davon, wie kriminell eine willkürliche Gruppe von Menschen ist, unvollständig, Rosinenpickerei und resultiert in gefühlten Wahrheiten, die zwangsläufig nicht der Realität entsprechen. (Wie solche Weltbilder entstehen erkläre ich hier.) Und hier sind noch nicht einmal die Unmengen an Falschmeldungen und Fake-News miteingezählt, die die Wahrnehmung noch weiter verzerren.

Letztlich endlich haben wir nur auf beiden Seiten Gruppen von Menschen, die von völlig unterschiedlichen Vorfällen gehört haben und glauben, sie wüssten es besser. Hinzu kommt noch, dass in den Medien nur über ein Bruchteil aller Vorfälle berichtet wird, weshalb ein Weltbild, das sich aus täglichen Meldungen zusammensetzt, gar nicht richtig sein kann. Eine Studie zum Beispiel zeigt, dass von Straftaten von Asylbewerbern überproportional oft berichtet wird, da diese von größerem öffentlichem Interesse sind, eben weil die Leute „Beweise“ wollen, dass Asylbewerber krimineller sind. Das resultiert darin, dass die Deutsche Presse Asylbewerber krimineller darstellt, als sie sind, wie die Studie feststellt. (Hier mehr Infos.)



Über welche Gruppen reden wir denn eigentlich?

Da also gefühlte Wahrheiten nicht taugen, wahre Aussagen über die tatsächlichen Zustände zu machen, müssen wir auf Statistiken und Datenbanken zurückgreifen, um uns an einen echten Überblick anzunähern. Wie ich in meinem letzten Artikel bereits erwähnt habe, müssen wir dazu verschiedene Definitionen heranziehen, denn die Realität ist komplexer als „Die-Wir“. Über wen reden wir eigentlich?

Die Feindbilder sind recht schwammig und werden beliebig eingeteilt, was es eigentlich sehr schwer macht, darüber zu reden. Manche reden von „Moslems“, manche von „Flüchtlingen“, manche von „Südländern“ oder einfach nur von „Ausländern“. Das wären vier verschiedene Gruppen, die sich auch noch teilweise überschneiden und nicht unbedingt die Menschen beschreiben, die gemeint sind.

Es gibt nicht nur ein Feindbild, sondern mehrere

Das Problem: Viele Muslime sind deutsche Staatsbürger, darunter auch deutsche Konvertiten. „Ausländer“ oder Nicht-Deutsche sind nicht gleich Moslems oder Nicht-Weiß. Asylbewerber sind nicht alle Moslems oder alle aus den Kriegs- und Krisengebieten im Nahen Osten (Auch wenn sie natürlich einen Großteil ausmachen).  Und was genau unter einem „Südländer“ zu verstehen ist, müsste man auch irgendwie definieren, sind hier auch  Südeuropäer oder Deutsche mit Wurzeln in Südeuropa einzugrenzen oder willkürliche Unterscheidungen aufgrund von Hautfarbe zu machen? Spätestens hier wären wir, glaube ich, inzwischen schon für alle sichtbar beim Rassismus angelangt.

Die Kategorien „Moslems“ und „Südländer“ sind für Kriminalstatistiken relativ unbrauchbar, da Religionszugehörigkeit oder gar äußeres Erscheinungsbild für die meisten Straftaten nicht relevant ist. Zu Kriminalität, die von der Religion des Islam abhängig ist, kann man nur die extremistischen Strömungen des Islamismus zählen, zu welchen der Verfassungsschutz insgesamt ein „Islamismuspotential“ von 24.400 Menschen zählt (Hier, Seite 160).

Doch Achtung: Im restlichen Artikel spreche ich von der Anzahl der Tatverdächtigen, diese 24.400 Menschen sind nicht automatisch tatverdächtig oder haben eine Straftat begangen, auch wenn sie natürlich unter Beobachtung stehen. Es wäre jedoch falsch, diese Zahl 1 zu 1 mit den folgenden Zahlen zu vergleichen.

Nicht-Deutsche Kriminalität

Eine der Kategorien, die wir relativ gut analysieren können, ist die Kriminalität der Nicht-Deutschen Staatsbürger, denn hierzu zählen einfach alle diejenigen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Der Verfassungsschutz zählt bei sicherheitsgefährenden und extremistischen Bestrebungen von Ausländern (ohne Islamismus) 30.050 Personen. (Wieder: Hierbei handelt es sich auch um Anhänger und Sympathisanten von Gruppen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, nicht automatisch um Tatverdächtige).

Unter „politisch motivierter Ausländerkriminalität“, also verübte Straftaten dieser Gruppen, zählt der Verfassungsschutz 2.566 Straftaten auf – im Gegensatz zu vorher, wo es nur um Anhänger und Sympathisanten ging.

Zum Vergleich: 5.230 Straftaten werden als „linksextremistisch motiviert“ aufgezählt, sowie 22.417 Straftaten als „rechtsextremistisch motiviert“.

Die PKS (Polizeiliche Kriminalstatisitik) für 2016 zählt insgesamt 616.230 Tatverdächtige nicht-deutscher Staatsangehörigkeit auf (ohne ausländerrechtliche Verstöße, gegen die deutsche Staatsbürger gar nicht verstoßen können).

Aber Achtung: Hier sind beispielsweise auch Personen ohne Aufenthaltserlaubnis, Touristen / Durchreisende, Besucher, Cyberkriminalität, Grenzpendler und Stationierungsstreitkräfte mit dabei, die nicht extra unterschieden werden, sowie natürlich etwa 1/3 Europäer.


Asylbewerber bzw. „Zuwanderer“

Tatsächlich können wir anhand der PKS KEINE zuverlässigen Auskünfte darüber machen, wie viele Tatverdächtige anerkannte Asylbewerber sind. Diese werden lediglich unter dem Punkt „sonstiger erlaubter Aufenthalt“ zusammengefasst, aber wir wissen nicht, wie groß deren Anteil an der Gruppe ist.

Wobei deren Anteil an allen „Asylbewerbern“ etwa bei 1/5 oder 1/4 liegt. Die sogenannte Gesamtschutzquote (alle diejenigen mit positivem Asylbescheid: Anerkennung als Flüchtling, subsidiärer Schutz, Abschiebeverbot) für Flüchtlinge lag 2016 bei 62,4 Prozent. Für das laufende Jahr 2017 liegt sie bei 43,7 Prozent. (Quelle) Zu Abschiebungen und Duldungen habe ich hier mehr erklärt.

Welche Gruppe aber aufgelistet ist, ist eine Gruppe, die die PKS „Zuwanderer“ nennt – Womit jedoch Asylbewerber im laufenden Verfahren, abgelehnte Asylbewerber, die geduldet werden, Flüchtlinge und Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten gemeint sind. (Warum und wie viele Menschen geduldet werden hab ich hier erklärt) Anerkannte Asylbewerber, Gastarbeiter und Migranten aus der EU sind tatsächlich nicht dabei. Dann haben wir hier 506.641 Tatverdächtige.

Vorsicht beim Umgang mit den Zahlen!

Eines vorweg: Bei den Zahlen der PKS handelt es sich ausnahmslos um Tatverdächtige, nicht um Täter. Da nur 56,2% aller Straftaten aufgeklärt worden sind, wissen wir bei etwas weniger als der Hälfte aller dieser Fälle nicht, ob der jeweilige Tatverdächtige auch der Täter war, weswegen wir vorsichtig mit diesen Zahlen sein müssen.

Die PKS beruht auf dem Erkenntnisstand bei Abschluss der polizeilichen Ermittlungen, welche in einiger Hinsicht ihre Aussagekraft begrenzen: Erstens hängt sie stark vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung ab, das stark variieren kann. So können manche Menschen eine Schlägerei aus verschieden Gründen eben nicht anzeigen oder bestimmte Personengruppen eben aufgrund rassistischer Vorurteile schneller verdächtigen. Auch Versicherungsaspekte können relevant sein.

Auch hat die Kontrollintensität der Polizei einen Einfluss – Mehr Polizeipräsenz in einem Bereich führt zu mehr angezeigten und aufgedeckten Straftaten. Wenn die Anzahl der Tatverdächtigen steigt, kann dies auch auf stärkere Kontrollen und mehr Beamte zurückzuführen sein, statt auf einen tatsächlichen Anstieg der Kriminalität. Das BKA sagt hierzu: Die PKS ist „somit kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität.“

Ok, und jetzt endlich: Der Vergleich mit den Deutschen

6.372.526 Straftaten zählt die PKS 2016, dazu 2.360.806 Tatverdächtige. Darunter 616.230 Tatverdächtige nicht-deutscher Staatsangehörigkeit, also 26%. Aber wie gesagt, darunter Personen ohne Aufenthaltserlaubnis, Touristen / Durchreisende, Besucher, Grenzpendler und Stationierungsstreitkräfte, in Deutschland lebende EU-Bürger etc, weshalb man sie nicht ohne weiteres gegen die in Deutschland dauerhaft legal lebenden Nicht-Deutschen aufrechnen kann.

„Zuwanderer“, wie die PKS sie definiert, machen schätzungsweise kaum mehr als 2% der Bevölkerung aus, aber 7,4% aller Tatverdächtigen.

Und wenn es um Taschendiebstahl (35,1%), Vergewaltigung und sexuelle Nötigung (14,9%), gefährliche und schwere Körperverletzung (14,9%) und Straftaten gegen das Leben (12,0%) geht, ist ihr prozentualer Anteil sogar noch größer. An dieser Stelle wäre es seltsam, abzuleiten, Menschen mit diesen speziellen legalen Status direkt eine höhere Affinität zu Kriminalität oder eine Gefahr für „Deutsche“ abzuleiten. Denn hierzu muss man diese Dinge beachten:

Deutsche sind nicht die Opfer

Wenn wir mal kurz das PKS verlassen und uns das „Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ des BKA anschauen sehen wir: Bei 79% aller Opfer, die Flüchtlinge waren, war der Täter ebenfalls „Zuwanderer“. (Und nur 4,6 der Deutschen, die Opfer waren, wurden Opfer eines „Zuwanderers“.) Der Gefahr, ausgehend von kriminellen „Zuwanderern“, sind vor allem andere „Zuwanderer“ und anerkannte Asylbewerber ausgesetzt.

Nicht Herkunft erhöht die Neigung zu Kriminalität, sondern: Männlichkeit und soziale Situation

Kommen auf die Grundfrage zurück: Wenn ich einer Gruppe männlicher, perspektivloser Asylbewerber nachts begegne, muss ich mir Sorgen machen? Die Wahrscheinlichkeit, dass diese überdurchschnittlich zu Kriminalität neigen, ist hoch. Aber eben halt auch bei einer Gruppe männlicher, perspektivloser Deutscher. Denn was nachweislich für Kriminalität relevant ist, sind nun mal  das Geschlecht, sprich: Männlichkeit (75% aller Tatverdächtigen der PKS, bei Gewaltkriminalität sogar 86 Prozent und bei Vergewaltigung fast 99 Prozent!), Alter (Anteil Tatverdächtige: 1. 30-40 Jährige 20,5%, 2. 25-30 Jährige 14,3% 3. 40-50 Jährige 14,1%) und soziale Situation (ob du arm bist, Arbeit hast, etc.).

Und demzufolge müssen „Zuwanderer“ rein statistisch gesehen schon krimineller sein, weil ihr Anteil an sozial schlechter gestellten Männern zwischen 20 und 40 größer ist als in der durchschnittlichen deutschen Bevölkerung. 12% der Deutschen sind zwischen 20 und 40 und männlich. Bei Asylbewerbern liegt der Anteil an Männern im Alter zwischen 18 und 40 bei 30,8%. (Deswegen sind übrigens tatsächlich nur weniger als 1/3 der Asylbewerber „junge Männer“, mehr dazu).

Und sozial schlechter gestellt sind sie allemal: Diejenigen, die zur Gruppe der „Zuwanderer“ gezählt werden, können und dürfen größtenteils nicht arbeiten, zusätzlich zu dem Faktor, dass sie sich auf der Flucht befinden und kulturelle, sprachliche und psychische Barrieren überwinden müssen, ist ihre soziale Situation selbstverständlich weitaus gravierender als die der Durchschnittsdeutschen und daher anfälliger für hohe Kriminalität.

Das BKA schreibt dies selbst:

„Diese Ergebnisse dürften „nicht mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung gleichgesetzt werden. Sie lassen auch keine vergleichende Bewertung der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen zu. Einem wertenden Vergleich zwischen der deutschen Wohnbevölkerung und den sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit stehen (auch) das doppelte Dunkelfeld in der Bevölkerungs- und in der Kriminalstatistik sowie der hohe Anteil ausländerspezifischer Delikte und die Unterschiede in der Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur entgegen.“

Fazit

Ich hoffe, nach all diesen Zahlen schwirrt niemandem der Kopf. Aber es sollte klar sein, dass das Thema „Kriminalität, Ausländer und Asylbewerber“ weitaus komplexer ist als: Die „anderen“ sind krimineller als wir. Wie in meinem letzten Artikel beschrieben, kann man sich durch selektive Wahrnehmung jedes Bild zusammenschustern, das man möchte. Man kann auch die Statisitiken verkürzt wiedergeben und statistisch und soziologisch nicht gedeckte Behauptungen aufstellen, die das eigene Weltbild bestätigen. Doch die Realität ist komplexer als das.

Letztlich sind wir alle Menschen, die in unterschiedlichen Situationen menschlich handeln. Der Sinn dieser Zahlen und Differenzierungen war es nicht, Straftaten zu verharmlosen (egal, wer sie begeht) und einfach als „ist halt so“ und „damit muss man leben“ abzustempeln, ganz im Gegenteil – Man darf eben nicht sagen „Die sind halt so“, denn dann wäre die Lösung eben: „Die“ müssen weg. Und das ist ein Fehlschluss. Man kann und soll etwas machen: Massiv in Bildung investieren, klare Grenzen setzen und vermitteln und Perspektiven schaffen, Hilfe bieten, sich zu integrieren und in die Gesellschaft und Arbeitswelt einzubringen. Und natürlich auch (finanzielle) Anreize schaffen,  um zurückzugehen, wo es sinnvoll und möglich ist.

Doch gefühlte Wahrheiten und Statistiken zu missbrauchen, um xenophobe, verkürzte politische Lösungen zu präsentieren, ist ebenso sinnlos wie kontraproduktiv.

14111889_1826590450909615_604611310_n

Thomas_LThomas Laschyk, Kolumne Volksverpetzer Blogger und Onlineaktivist aus Augsburg. In der Mimikama-Kolumne Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Unterstützt den Volksverpetzer doch mit einem kleinen monatlichen Beitrag!
-Mimikama unterstützen-