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Es naht die Weihnachtszeit und wie jedes Jahr gibt es auf Facebook Diskussionen über Wintermärkte, Zipfelmänner und andere Fake News. Ein guter Zeitpunkt, um sich mit Leuten, die Fake News, glauben zu befassen: Den besorgten Bürgern, die unreflektiert in ihrem Weltbild verharren.

Man muss nicht lange suchen, denn in Kommentarspalten in sozialen Medien machen sie um ihre Weltsicht keinen Hehl. Indes tauchen immer wieder bestimmte Aspekte auf, die für ihr Weltbild symptomatisch sind:

  • Apokalyptische Szenarien werden geglaubt
  • Einfache Feindbilder werden konstruiert
  • Einfache Heilsversprechen auf schwierige Fragen werden akzeptiert
  • Autoritätenhörigkeit
  • Leben in einer Filterblase, in der das eigene, einseitige Weltbild nicht in Frage gestellt wird

Wahrscheinlich glaubst du, dass all das nicht auf dich zutrifft. Nur leider vermute ich was anderes. Denn auch ich habe bei mir selber festgestellt, dass ich Züge besorgter Bürger in mir trage. Und in meinem Umfeld habe ich Leute, die ich selber gern mag, bei denen sich diese Punkte ebenfalls finden lassen. Sie sind also nicht nur im Internet aktiv, sondern im echten Leben zu treffen, vielleicht auch Leute, die gern den Volksverpetzer lesen und sich durch die folgenden Zeilen angegriffen fühlen werden und sie sich niemals als “besorgt” bezeichnen würden.



Einige davon werden diesen Artikel wohl lesen und sich im Folgenden provoziert fühlen. Vorab sollte aber gesagt werden: Ich will niemandem ans Bein pinkeln und ich würde diesen Text wohl nicht geschrieben haben, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, dass es Menschen nicht besser könnten als in einem solchen Modus unterwegs zu sein. Du glaubst noch immer all das trifft auf dich nicht zu? Schauen wir uns das mal an.

 

Apokalyptische Szenarien werden geglaubt

 

Was haben alle nach der US-Wahl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und wie viele haben schon den Untergang kommen sehen? Fast ein Jahr später steht die Welt noch und ja, es werden über alle politischen Lager hinweg die Leistungen von Trump als sehr dürftig angesehen. Aber Kritik gibt es vor allem aus den eigenen Reihen. Viele befürchtete Dinge konnte Trump nicht durchsetzen: So hat seine Rücknahme von Obamas Reformen bislang nicht geklappt, weil der Senat diese blockierte – auch durch Stimmen aus der eigenen Partei. Checks and Balances funktionieren also, auch der vermeintlich mächtigste Mensch der Welt ist nicht allmächtig und der mögliche Schaden wird begrenzt.

Gut, Trump stellt etwas in frage, dass die meisten unserer Leser wohl niemals infrage stellen würden: Den Klimawandel. Nun halte ich den Klimawandel auch für erwiesenermaßen menschengemacht, nur scheint dieser sich anders zu entwickeln als angenommen: Ich erinnere mich, wie mir mit 18 gesagt wurde, in sechs Jahren müsse man diesen in den Griff bekommen, sonst wäre das das Ende – auch erinnere ich mich daran, dass ich im Geographieunterricht “The day after tomorrow” sehen musste – als Lehrfilm, obwohl er wissenschaftlich nicht haltbar ist. Das war 2004/2005 und der Klimawandel hat sich in vielen Bereichen anders entwickelt als prognostiziert: In manchen Regionen führte dieser sogar zum Wachstum von Pflanzen, wo zuvor sonst nur Brachland war.

Sicher bleibt es nicht nur bei positiven Folgen und all die negativen Folgen leugne ich nicht: Meeresspiegel steigen, Unwetter nehmen zu usw. Nur ist das Klima hochkomplex und die Veränderungen sind selbst in hochkomplexen Modellen nicht immer berechenbar. Hinzu kommt: Gegen die Folgen wird auch etwas getan: Die Niederlande erhöhen ihre Deiche, für Venedig wurde ein komplexes System gegen steigende Meeresspiegel entwickelt. Wir sind dem Klimawandel nicht schutzlos ausgeliefert, auch wenn seine Folgen einschneidend sein werden.

 

Afrika als hilfloses Opfer darzustellen ist auch rassistisch

 

Was mich am meisten dabei stört: Gerne wird argumentiert, dass vor allem der afrikanische Kontinent betroffen ist. Dieser wird dabei immer nur als passives Opfer wahrgenommen: Afrika wird nur ausgebeutet und sonst seinem Elend überlassen – und der Kontinent ist diesem schutzlos ausgeliefert.

Dass die in Afrika lebenden Menschen auch wissen, dass der Klimawandel eine Bedrohung ist und selbst Maßnahmen ergreifen und Kooperationen anstoßen, um Probleme zu lösen, wird übersehen. Dabei gibt es Maßnahmen, wie die UN zeigt, und auch Kooperationen mit anderen Staaten. Dass dies übersehen wird, verdeutlicht, dass angenommen wird, es käme auf einen selbst an, dass der afrikanische Kontinent nicht kaputt geht, gleichzeitig wird Afrikanern die Fähigkeit abgesprochen, Probleme auch selbst lösen zu können. Eine besonders perfide Form von wohlmeinendem Rassismus, bei der Menschen eine Handlungsunfähigkeit unterstellt wird.

 

Einfache Feindbilder werden konstruiert

 

Wo fängt man bei den Feindbildern? Ach, du hast keine meinst du?

Was ist denn mit den USA? Du siehst diese nur “kritisch”? Ein Land, dass sowohl kulturimperialistisch unterwegs sein soll und gleichzeitig als kulturlos angesehen wir, gleichzeitig. Und was haben die Amis nicht alles im kalten Krieg schlimmes gemacht und die Präsidenten Bush oder Trump… aber der wurde ja schon erwähnt, kommen wir zu den anderen Punkten:

Nicht nur, dass im kalten Krieg in Vietnam, Korea, Afghanisten usw. die USA nicht einfach so aktiv wurden – es gab jeweils eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichten werden aber gerne ignoriert und Kritik formuliert, ohne irgendwelche außenpolitischen Doktrinen aus der Zeit zu kennen. Denn die Kritik ist nur Ventil für Antiamerikanismus. Bei Trump erkannten manche auch, dass sich über acht Jahre Obama gewissermaßen der Antiamerikanismus angestaut hat, dem endlich Luft gemacht werden konnte.

Ein anderes Ventil war damals George W. Bush jr., der ja schon als “der neue Hitler” angesehen wurde: Der grundlose Krieg gegen den Irak, der mit Lügen begonnen wurde. Aber moment… wie genau war das?

 

Der Irak-Krieg mit einer Lüge begonnen?

 

Seit dem Chilcot Bericht ist bekannt, dass die Behauptung, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, auf falschen Geheimdienstinformationen basierte, die Bush zugetragen wurden. Eine Lüge aus vermeintlich verlässlicher Quelle zu glauben ist doch etwas anderes, als selbst eine in die Welt setzen. Und es hat auch seine Gründe, dass Hillary Clinton Bush nachträglich gewürdigt hat. Und war es wirklich so schlimm, einen Diktator, der so wie Saddam Hussein seine Bevölkerung unterdrückte, zu stürzen? Hat Bush den Islam als böse angesehen? Nein, denn nach 9/11 sagte Bush:

 

„Here in the United States our Muslim citizens are making many contributions in business, science and law, medicine and education, and in other fields. Muslim members of our Armed Forces and of my administration are serving their fellow Americans with distinction, upholding our nation’s ideals of liberty and justice in a world at peace.“

 

Aber das Chaos, dass im Irak ausbrach nach seiner Amtszeit… da wäre zu fragen: War es Bushs schuld, dass Obama die Truppen abzog? Mal ehrlich: Bush für den IS die Schuld zu geben setzt nicht nur Faktenresistenz, sondern auch Umleitungen ums Hirn vorraus.

War es also Bushs Schuld, dass Leute sich entschlossen, sich bei dem entstehenden Machtvakuum dem IS anzuschließen? Hatten diese wirklich keine Wahl? Wird da wieder Menschen die Handlungskompetenz abgesprochen, um jemand anderem die Schuld dafür zu geben? Wird da denen, die sich dem IS anschlossen wieder eine passive Opferrolle zugesprochen? Und was hatte die Muslimbruderschaft aus den 20er Jahren denn für eine Vorbildfunktion für den IS?

Hier wird eine der am längsten andauernden Demokratien kritisiert, das Land, in dem Frauen, Homosexuelle und Schwarze zuerst für ihre Rechte kämpften und ihnen diese auch zugestanden wurden. Natürlich könnte man den “Genozid” an der Urbevölkerung einwenden. Nur gibt es  seit den 30ern gibt es den Indian Reorganization Act, der Ureinwohnern umfangreiche Rechte zusprach und seit dem gab es zahlreiche Aussöhnungsmaßnahmen. Abgesehen davon: Deutschland stellt sich auch gern als Vergangenheitsweltmeister dar, der “aus der Geschichte gelernt hat” – dennoch sind Synagogen aus gutem Grund Hochsicherheitsanlagen und das zeigt schon, dass Antisemitismus noch immer in dieser Gesellschaft vorhanden ist. Gerade da sollte zu anderen Genoziden besser geschwiegen werden.

 

Anderes Feindbild? Wie wär’s mit Nestlé?

 

Ähnlich unsinnig ist es bei Nestle, eine Firma, die auch als der personifizierte Satan angesehen wird, vor allem: Nestle und Wasser – dazu hast du bestimmt auch viel schlimmes gehört, zum Beispiel, dass Nestle Wasser nicht als Menschenrecht ansieht. Naja das könnte man ja auch mal nachprüfen. Dann wird deutlich, dass Wasser – ganz besonders in wasserarmen Regionen – einen bestimmten Wert hat. Wäre Wasser dort ein Menschenrecht, so könnte der Hahn laufen gelassen werden – Man hat ja ein Recht darauf, dass es ersetzt wird. Dass dies zu Katastrophen in trockenen Gegenden führen kann, wird dabei nicht bedacht. Wo Wasser rar ist, muss es rationiert und reglementiert werden.

Es als frei verfügbares Menschenrecht anzusehen, wäre in diesen Regionen fatal, denn als Menschenrecht müsse es kostenlos verfügbar sein – und das kann dazu führen, dass Menschen mit Wasser nicht mehr sparsam umgehen. Nestlé sieht daher den Markt als sinnvolles Regulierungsinstrument an. Das kann man kritisch sehen, weil es Personen geben mag, die nicht über Ressourcen verfügen, um an diesem Markt teilhaben zu können, allerdings ist dies ein Punkt, der eben über eine verkürzte Kritik hinaus geht.

Denn Nestlé will Menschen nicht einfach verdursten lassen für den Profit. Nein, Nestlé ist mir auch nicht sympathisch, aber für differenzierte Kritik sollte auch genauer hingesehen werden, denn dann wird erkannt, dass ein Unternehmen nicht aus Bösartigkeit Dinge tut, sondern auch seine Gründe hat – die natürlich auch kritisiert werden können, nur dafür müssen diese erstmal gekannt werden.

 

Feind-BILD:

 

Auch die (oft zu Recht) viel gescholtene BILD und die Springerpresse allgemein dienen als einfaches Feindbild. Natürlich wäre eine Welt, in der eine solche Zeitung nicht notwendig ist schöner. Nur leben wir in Zeiten, die schon als postfaktisch bezeichnet werden und zu viele Menschen haben ein gruseliges Weltbild. Dieses wollen sie nicht ändern, sondern bestätigt haben. Das erkannte bereits Pierre Bourdie – und leider ist das bestätigt haben wollen der eigenen Meinung etwas universelles, was schwer zu ändern ist.

Sein Publikum mit absolut gegenläufigen Dingen zu konfrontieren sorgt nur für Abwehrreflexe – und mir ist die Ironie bewusst, dass dieser Text genau das tut. Aber zur Bild: BILD-Leser benötigen Medien, die sie bestenfalls ein Stück weit hochleveln können oder zumindest dafür sorgen, dass diese Personen sich nicht auf diversen obskuren Schwurbelseiten “informieren”. Die Bildzeitung hält immerhin Menschen davon ab, noch weiter abzurutschen – und sich auf “alternativen Informationsseiten” wieder zu finden. Ferner hat sich die Springerpresse nie antisemitisch geäußert oder über die AfD positiv berichtet und hat den Erhalt der demokratischen Grundordnung als Grundsatz. In dem Kontext erscheint der Springerverlag als notwendiges Übel, ohne das unsere Landschaft schlimmer aussähe als mit ihr.

Wir machen uns oft lustig über Leute, die in einfachen Stereotypen denken, aber müssen aufpassen, dass wir das selbst tun.

 

Einfache Heilsversprechen auf schwierige Antworten werden akzeptiert

 

Um die Umwelt zu retten gibt es natürlich ein Rezept: Zum Beispiel das Elektroauto. Blöd nur, dass dieses erst nach 80.000 km wirklich umweltfreundlicher ist, weil die Akkuproduktion eine katastrophale Klimabilanz haben. Die Frage wäre daher: Ab wann machen E-Autos Sinn? Wären sie eine Alternative im Gütertransport und im öffentlichen Nahverkehr? Ja! Lohnen sie sich für Durchschnittsbürger, der (2014) 11.903 km im Jahr fährt und etwa sieben Jahre braucht, damit sich Elektrofahrzeug umwelttechnisch amortisiert? Vermutlich weniger.

Wichtig zu bedenken, dass in dieser Rechnung die Umweltkosten für Entsorgung/Recycling der Lithiumionenakkus noch nicht eingerechnet sind, dann wird die nötige Kilometerzahl noch höher. Ärgerlich: Da werfen “kritische Geister” der Atomlobby vor, sie rechne sich die Klimabilanz von Uran schön, indem sie die Emissionen des Urangewinns durch den Bergbau nicht mit miteinbeziehen, dass sie aber dasselbe bei Elektroautos tun, wenn es um Lithium geht, das merken sie nicht.

 

Monsanto vs. Bio-Anbau?

 

Anderes Beispiel: Die “Giftsprüher von Monsanto”, die alle umbringen wollen – dazu gibt es eine Alternative: Biolandwirtschaft. Dass Glyphosat allerdings nicht so gefährlich ist, wie behauptet, wird nicht nur ignoriert, wenn offizielle Stellen dies feststellen, kann das sogar personelle Folgen haben für jene, wenn sie die Frechheit besitzen Ergebnisse zu veröffentlichen, die der ideologischen Gegnerschaft zuwiderlaufen.

Postfaktisches in der Umweltdebatte ist aber offenbar nicht so tragisch, denn wen interessiert schon, dass in der Biolandwirtschaft mit Kupfersulfat gespritzt wird, dessen Schäden für die Umwelt schlimmer sind als Glyphosat? Dass Kupfersulfat hochgradig krebserregend ist – und bei Kleinkindern bleibende Hirnschäden verursachen kann? Sicher, dass wir mit Glyphosat den größten Übeltäter haben?

Aber da Bio mit Naturbelassenheit in Verbindung gebracht wird, was ja immer nur gut sein kann wird dies nicht infrage gestellt. Gleichzeitig ist konventionelle und gentechnisch veränderte Landwirtschaft das schlimmste für diese Leute. Was bleibt ist eine simple gut-böse Dichotomie, die der Realität in keiner Weise entspricht. Die Realität ist etwas komplizierter.

 

Und regionaler Konsum?

 

Sehr beliebt ist auch regionaler Konsum, der ja umweltschonend ist und man weiß, wo die Produkte herkommen. Abgesehen davon, dass dies gerne auch schon gerne abgleiten kann – in verkitschte Formen einer rechten Blut und Boden Ideologie – gibt es ein weiteres Problem: Dass Regionen, die davon leben, ihre Exportgüter in andere Länder zu exportieren damit die Lebensgrundlage zerstört wird. Wenn die Nachfrage nach z.B. Exotikfrüchten plötzlich sinkt, weil alle nur Äpfel aus der Heimat essen hat das wirtschaftliche Folgen. Aber da die Globalisierung ohnehin nicht etwas ist, dass man menschwürdig gestalten will, sondern etwas böses ist, so ist es auch nicht verwerflich: Fremde Länder erzeugen zwar durch Teilhabe am Welthandel für ihre Bevölkerung Wohlstand, aber es gibt ja bekanntlich nichts richtiges (Wohlstand erzeugen) im falschen (Globalisierung).

 

Und das Allheilmittel Bedingungsloses Grundeinkommen?

 

Kommen wir zu einem Lieblingsprojekt, dass fast einen eigenen Artikel wert wäre und deswegen möglichst kurz behandelt werden soll: Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Es wird als Allheilmittel für alle möglichen Ungerechtigkeiten gesehen: Menschen haben keinen wirtschaftlichen Druck mehr, sie können sich dann frei entfalten usw. Befürwörter übersehen dabei wirtschaftliche und politische Konsequenzen:

Wirtschaftlich würde das BGE bedeuten, dass alle weiter konsumieren können. Mit anderen Worten wird ein großer Teil des Grundeinkommens in Konsum investiert, also wird es zu Gewinnen für Unternehmen, die so weitermachen können wie bisher. All jene, die in der Finanzkrise riefen: „Gewinne dürften nicht privatisiert werden, während Verluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden!“ sollten spätestens hier aufschreien. Das BGE finanziert Gewinne für Unternehmer aus Steuergeldern.

 

Das BGE wäre ein Staatsmorphium, um die Bürger ruhig zu stellen

 

Politisch ist es noch heikler, wie Stefan Laurin eindrucksvoll argumentiert. Denn es gibt Länder, die bereits so etwas wie ein Grundeinkommen haben, zum Beispiel Saudi-Arabien.

Länder, die solche Leistungen ihrer Bevölkerung zukommen lassen “… sind allesamt keine Demokratien. In ihnen wird die Ruhe der Bevölkerung durch Geld erkauft. Diese Staaten kennen keine Bürger, die sie durch ihre Zustimmung tragen und die Politik bestimmen, sondern im besten Fall finanziell ruhig gestellte Abhängige einer feudalistisch geprägten Gesellschaft.”

Als Staatsmorphium, so bezeichnet Laurin das BGE zu Recht. Der Staat kauft sich die Akzeptanz der Untergebenen – und spätestens seit den Arbeitslosen von Marienthal sollte klar sein, wohin ein bedingungsloses Grundeinkommen führen wird in großen Teilen der Bevölkerung: Zu noch mehr Resignation und Apathie.

 

Das BGE könnte zu Lohnsenkungen führen

 

Und selbst wenn das BGE dazu führt, dass nur die arbeiten, die wollen: Warum sollten Unternehmen dann nicht ihre Löhne senken, weil die Leute ja aus Freunde und nicht aus Zwang arbeiten gehen? Komisch, dass es oft vorkommt, dass Grundeinkommensbefürwörter den Niedriglohnsektor als menschenunwürdig ansehen – und das Grundeinkommen als etwas um diesen zu bekämpfen. Das Risiko, dass das BGE diesen noch fördert sehen sie nicht.

Es fällt auf: Das BGE wird meist in akademischen Kreisen diskutiert, in denen vor allem Soziologie, Geschichte und Philosophie Schwerpunkte bilden, Wirtschaftswissenschaften jedoch eher gemieden werden. Wird aus ökonomischer Perspektive gegen das Grundeinkommen argumentiert, so wird schnell der Vorwurf laut, jemand sei neoliberal – was in etwa so schlimm ist wie ein Nazi zu sein: Jemand, der per Definition nicht diskussionsfähig ist. Ignoranz statt Auseinandersetzung.

Lustig, dass aktuell Kardinal Marx Kritik am Grundeinkommen übte und sich nicht mit dem Inhalt der Kritik befasst wurde, sondern primitivstes Religionsbashing betrieben wurde, weil Religion ja ohnehin – so der Konsens – für Leute sein soll, die zu doof sind selbst zu denken. Und das von Leuten, die im Grundeinkommen selber ein Heilsversprechen halten – und Kritik an diesem als Blasphemie empfinden. Trotz aller Risiken und Unwägbarkeiten, die mit dem Grundeinkommen kommen können, wissen die Anhänger eines: Danach wird alles besser! Es ist brutal das zu sagen: So naiv sind Menschen, die an echte Religionen glauben eher selten.

 

Der psychologische Effekt von Arbeit

 

Das beweist letztendlich auch Kardinal Marx, der im Gegensatz zu den Grundeinkommensbefürwörtern erkannt hat, dass Arbeit eben auch psychologisch wichtig ist: Sich gebraucht fühlen, selbstständig seinen Lebensunterhalt erwirtschaften, all das ist wichtig für die Selbstachtung. Wer Menschen als handlungsfähig und selbstbestimmt sieht kann nicht für ein BGE sein. Vor allem, wenn dann noch das Risiko einer weiteren Spaltung der Gesellschaft vorhanden ist.

Selbst wenn jemand für das BGE ist: Warum werden, wenn einem das so wichtig ist, diese Kritik und diese Bedenken nicht ernst genommen und mitbedacht? Statt dessen kommt immer wieder der Strohmann, dass jemand behauptet hätte, das BGE sei nicht finanzierbar. Darum geht es nicht, sondern darum, was es mit dieser Gesellschaft machen kann. Wer Diskussionen über Neuerungen kennt, weiß, dass weder die Euphoriker noch die Apokalyptiker jemals komplett recht hatten, aber alle Bedenken der Apokalyptiker gehören eben auch mit angehört und nicht von den Euphorikern als feindselig weggefegt.

Auffällig ist, dass Personen wie Götz Werner und allen möglichen Prominenten, die für das BGE plädieren als vertrauenswürdige Autoritäten akzeptiert werden, was uns zum nächsten Punkt bringt…

 

Autoritätenhörigkeit

 

Die Autoritäten der kritischen Geister finden sich im politischen Kabarett: Volker Pispers, Hagen Rether und die Anstalt sind es, gerne wird auf diese verwiesen, wenn es um Diskussionen geht: “Hör dir mal von Pispers… an” wird dann gern gesagt.

Vergessen wird dabei, dass deutsches Kabarett hochgradig einseitig ist und an verkürzten Darstellungen, Halbwahrheiten und Auslassungen kein Mangel herrscht, während das Publikum diese als “mutig” ansieht, dass Leute, “unbequeme Wahrheiten aussprechen”. Dasselbe wird auch übrigens Ken Jebsen von bestimmten Bevölkerungsgruppen nachgesagt, der Verschwörungstheorien mehr als nahesteht.

Die Anstalt hat mit Verschwörungstheorien auch keine Probleme, Beispiele finden sich hier oder hier – oder mal selber “die Anstalt” und “Verschwörung” googeln. Da machen sich Menschen lustig über jene, die an Chemtrails glauben und Reptiloide, aber das Gefühl, dass im Hintergrund fremde Mächte am Werk sind, die alles kontrollieren scheint sich auch in vermeintlich aufgeklärten Milleus finden zu lassen – und dieses wird wohl auch mehr oder weniger explizit ausgesprochen.

 

Die Anstalt setzt mehr auf Emotionen als auf Fakten

 

Dass gerade die Anstalt außerdem von seinem Publikum als pädagogisch wertvoll angesehen wird verwundert, wo diese doch oft rein emotional ihre Zielgruppe anspricht, sei es durch einen syrischen Flüchtlingschor (manche fanden dies ja einen genialen Schachzug so niedrige Instinke anzusprechen) oder durch die Instumentalisierung der Shoaüberlebenden Esther Bejerano:

 

“Was für die tapfere alte Dame ein Lebenselixier ist, war für die „Anstalt“-Macher Max Uthoff und Claus von Wagner ein künstlerischer Offenbarungseid – und ein Akt schamloser Instrumentalisierung. Der Holocaust als billige Münze, Agitprop-Kabarett, linientreu wie zu DDR-Zeiten und vorhersehbar wie der Ablauf einer Politbürositzung unter Erich Honecker.”

 

Wird dies kritisiert, so wird einem unterstellt, man habe die eigentliche Aussage “nicht richtig verstanden.” was die eigentliche Aussage ist, dazu finden dann die Fans auch keine klare Antwort. Im Grunde kann man als Außenstehender nur erkennen, dass im Kabarett nur das gesagt wird, was das Publikum eh schon denkt. Und was es denkt, passt zu jenen mit denen das Publikum eigentlich nichts zu tun haben will, wie Felix Dachsel feststellt:

 

Politisches Kabarett ist toll, aber erzählt den Leuten auch nur das, was sie hören wollen

 

“Die neue Generation des Kabaretts trägt Anzug statt Lehrerpulli wie Volker Pispers, jener zugewachsene Zausel, der über Jahrzehnte mit Kabarettpreisen überschüttet wurde für Thesen, die heutzutage jeder Pegida-Rentner überzeugender vertritt: Die USA sind eine Diktatur, die deutschen Medien sind gleichgeschaltet, und alle Parteien sind neoliberal. Und zwischendrin baute Vollbart-Volker Abstandshalter ein zu den kulturell Unberührbaren der Unterschicht, mit Witzen über das Dschungelcamp, wie sie heute Böhmermann macht.”

 

Eine Differenzierung wird dem Kabarett auch gern herbeigelogen: So soll sich Pispers über alle Länder, auch Russland, kritisch äußern. Komisch, dass ich so etwas obwohl ich Live- und Fernsehauftritte sowie seine Auftritte als CD mitschnitt erleben durfte, aber immer nur sehr plumpes Amibashing hörte, dass vor allem deswegen auf Uninformierte lustig wirkt, weil es vor Auslassungen nur so strotzt. Aber zu den USA als Feindbild wurde ja schon was geschrieben, deswegen hatte Pispers zur Ukraine Krise auch wenig gegen Russland zu sagen. Die eigene Zielgruppe will er ja nicht mit differenzierten Analysen verärgern.

Hagen Rether ist ein ähnlicher Härtefall, der Israel als “Apartheitsstaat” bezeichnet. Die einzige Demokratie im nahen Osten, in der rechtlich alle Menschen gleichgestellt sind vergleicht er mit Systemen, in denen die Ungleichbehandlung gesetzlich vorgeschrieben ist. Damit erfüllt er das Kriterium des Dämonisierung nach dem 3D Test für Antisemitismus. Dumpfer Antiamerikanismus gehört genau so zum Programm wie bei Pispers – ähnlich wie die Gleichsetzung von Kritik am Islam mit Judenprogromen.

“Zwar mühen sich ausnahmslos alle etablierten Medien damit, den Islam vom „Islamismus“ und die (angeblich oder tatsächlich) friedlichen von den terroristischen Muslimen zu trennen; zwar beruft der Innenminister „Islam-Konferenzen“ ein, von denen dezidierte Kritiker der selbst ernannten Religion des Friedens ausgeschlossen bleiben; zwar wird allenthalben vor einem „Generalverdacht“ gegen die Anhänger des Propheten gewarnt und auf die kulturellen Leistungen des Islams hingewiesen – aber einen wie den Rether ficht das nicht an, im Gegenteil”

Aber wer will schon einem Abdel Samad oder einem Ahmad Mansour zuhören, die auch ihre Erfahrungen mit bestimmten Islamauslegungen gemacht haben und sich für Menschenrechte einsetzen und nicht aus xenophobischer Triebabfuhr den Islam kritisieren? Denn es ist möglich, den Islam zu kritisieren, während man gleichzeitig Muslimen alle im Grundgesetz garantierten Rechte zugesteht. Das scheinen manche aber anders zu sehen, denn Ahmed Mansour sagte auch, dass Muslime zu “Kuscheltieren” gemacht wurden, in eine passive Opferrolle gedrängt wurden – und sieht genau darin auch einer der Probleme.

 

Der Rassismus der „Guten“:

 

Das scheint sich durchzuziehen: Passive Opferrollen für bestimmte Gruppen, seien es Menschen in Afrika oder Muslime. Dabei haben Muslime Kulturvereine, Organisationen und haben am alltäglichen und politischen Leben teil. Das zeigt doch, dass diese Handlungsfähig sind und aktiv werden können und mal ehrlich: Wer als Einwanderer ohne Sprachkenntnisse zu uns kam, sich hier zurechtfand, einen Kulturverein gegrüdet hat, was schon juristische Kenntnisse und Verständnis juristischer Texte voraussetzt… der hat mehr geschafft als mancher Deutscher. Nein, Menschen sind keine passiven Opfer, Menschen sind handlungsfähig und es kommt auch nicht darauf an, dass sie bemitleidet werden oder sich mit ihnen solidarisiert wird, weil man sie für Opfer hält. Man könnte Menschen schon was mehr zutrauen.

Und es wird von antimuslimischen Rassismus schwadroniert. Dass Religion etwas mit Hautfarbe oder ethnischer Herkunft zu tun haben soll ist, also ein “rassisches” Merkmal sein soll – auch so eine haarsträubende Annahme kommen Leuten, die immer sich auf das Recht berufen, jede Religion kritisieren zu dürfen dann bei einer Religion dann vehement Ausnahmen einfordern.

Hagen Rether spricht unermüdlich darüber, dass “wir uns an die eigene Nase packen” müssen. Gleichzeitig denkt das Publikum das längst getan zu haben, denn das eigene Weltbild wird ja nur bestätigt. Es glaubt zu wissen: Die Heuchler, das sind die anderen, die sich an die Nase packen sollen. Bissige Kritik oder Selbstreflektion sehen doch anders aus.

 

Leben in einer Filterblase, in der das eigene, einseitige Weltbild nicht infrage gestellt wird

 

Und meinst du immer noch, dass all die Kritierien nicht auf dich zutreffen? Hast du keine Vorannahmen und ein Umfeld, dass diese einfach nur bestätigt? Liest du nicht nur die Zeitungen und Blogs, die deiner Meinung sind? Hast du dich auch nicht einmal über all das Geschriebene aufgeregt?

Zugegeben: Vielleicht trifft auch nicht jeder genannte Aspekt auf jede sozial, ökologisch und links eingestellte Person zu. Schlimm nur, dass jede Lebenslüge für sich genug ist. Diese werden aber akzeptiert, weil man ja “auf der richtigen Seite” steht. Nun, das glauben die, die gegen angebliche Umbenennungen von christlichen Festen wettern auch, wo also liegt der Unterschied? Der AfD-Anhänger glaubt auch, dass er das richtige tut.

Es gäbe noch mehr Beispiele für Fortgeschrittene: Die wissenschaftlich unwirksame Hömöopathie (deren Anhänger sagen: wer heilt hat Recht, die Wissenschaft weiß nicht alles usw. als letztes Refugium, um die eigene Faktenresistenz zu rechtfertigen), Sarah Wagenknecht (die von Jebsen und Elsässer hofiert wird, Menschen nicht als Individuen sondern als mobilisierbare Masse sieht, auch schon rechtspopulistische Äußerungen von sich gab) und und und…

Und das ist es eben: Ich glaube, dass es Menschen, die sich als Links ansehen eben nicht nötig haben in so einfachen Mustern zu denken – und es wirklich besser können. Wenn sich Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit, Solidarität usw. einsetzen, wirklich besser sein wollen als die, die sie als Wutbürger bezeichnen, wird es höchste Zeit, die eigenen Lebenslügen infrage zu stellen und endlich akzeptieren, dass die Welt voller Widersprüche ist und anstatt sich, um diese zu umgehen, in ein falsches, aber in sich konsistentes Weltbild zu flüchten. Es sollte besser gelernt werden, diese inneren Widersprüche auszuhalten.

Denn wer will, dass die politische Gegenseite einem auf einmal die eigenen Lügen um die Ohren haut? Sich selbst und die eigene Position zu schwächen, das muss wirklich nicht sein, wo es so viele starke Argumente für die eigene Position gibt. Und für diese sind weder Feindbilder noch einfache Heilsversprechen oder sonstiges notwendig, sondern ein wacher, kritischer Geist, der bereit ist, sich auch selbst infrage zu stellen.

Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider und nicht die Ansicht Mimikamas oder des Volksverpetzers als Ganzes. Auch wenn die Volksverpetzer-Kommentare ebenfalls auf überprüfbaren Fakten basieren, so stellt dieser Artikel die Meinung des Autors dar.

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Matthias Werner, Redakteur Volksverpetzer Werner studierte Sozial- und Kulturwissenschaften und wohnt im Ruhrgebiet.
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