Wir sind bestürzt, geschockt und traurig über den gestrigen Anschlag auf ein Ariana Grande Konzert. Doch nicht alle von uns. Ein anderer Teil der Bevölkerung sieht seine Warnungen vor Terror bestätigt und gibt Muslimen und Asylbewerbern die Schuld. Doch wir dürfen ihrem Hass keinen Platz lassen.

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Gestern kam erneut die Schlagzeile: Ein Terroranschlag. Heute morgen gab es dann schon mehr gesicherte Informationen: Selbstmordattentäter, Tote, darunter Kinder. Zur Trauer und Bestürzung gesellt sich Wut über das feige Arschloch, dass für diesen Anschlag verantwortlich ist.

Und natürlich ist mein erster Gedanke gewesen: War das jetzt ein Islamist?




Das haben wir uns alle gefragt, natürlich. Aber zum jetzigen Zeitpunkt (Dienstag Mittag) wissen wir noch gar nichts. Mittlerweile steht fest, dass es sich bei dem Attentäter um den 22-jährigen Salman Ramadan Abedi handelt, einem Mann aus Manchester libyscher Abstammung. Würden wir in einer idealen Welt leben, wäre jetzt Zeit für Trauer und später, wenn die Behörden ihren Job gemacht haben, könnte man sich die Frage stellen, wie man politisch und als Gesellschaft so ein Ereignis einordnet und damit umgeht.

Doch die Kommentare zu den Artikeln sind voll von Hass. Die Hetzer finden sich in allen Diskussionen zum Thema.

Es werden tote Kinder für die eigene politische Agenda missbraucht.

So viel Zynismus, so viel Hass, so viel Verblendung – da werden Menschen für die Gräueltat eines Einzeltäters verantwortlich gemacht, die absolut nichts damit zu tun haben.

Dass sich einige politische Strömungen darüber freuen, wenn ein Arschloch Kinder ermordet, das ist ein offenes Geheimnis. Der IS freut sich natürlich, weil diese Terrorgruppe es geschafft hat, dass ein Großteil der EuropäerInnen Angst vor ihnen hat, und sie damit viel viel mächtiger erscheinen lässt als sie sind.

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Der IS WILL, dass wir unsere Wut gegen Muslime und Asylbewerber richten

Warum will der IS das? Die AsylbewerberInnen, die wir bei uns aufgenommen haben, sind diejenigen, die vor dem IS geflohen sind. Jeder Moslem, der vor dem IS flieht, ist der lebende Beweis dafür, dass das so genannte Kalifat des Islamischen Staat eine Farce ist. Eine Lüge. Nicht das versprochene Paradies, sondern die Hölle. Wenn ein Muslim lieber in das christliche Europa flieht, bedeutet das eines: Er flieht dorthin, wo er sich Verbündete und Hilfe erhofft. Er flieht dorthin, wo er sich Gleichgesinnte erhofft. Die radikalen Islamisten sind im IS, doch der Syrer, der vor dem Bürgerkrieg flieht, fühlt sich mehr verbunden mit Europa und seinen Werten von Toleranz und Religionsfreiheit. Jeder einzelne Flüchtling ist ein Beweis dafür, dass der IS verliert. Und die Anführer der Terrororganisation wissen dies.

Sie senden Videos und Botschaften an die AsylbewerberInnen. Sie behaupten, die Europäer werden sie dazu zwingen, zu konvertieren. Sie zeigen Aufnahmen davon, wie schlecht es Flüchtlingen in Europa geht, wie schlecht sie behandelt werden. Sie behaupten, dass Europa nur deshalb die AsylbewerberInnen aufnimmt, weil es den Anteil der nicht-muslimischen Menschen in Syrien erhöhen will, um ISIS zu besiegen. (Hier mehr Hintergrundinfo)

Klingt vertraut? Rechtspopulisten behaupten, der IS schicke die AsylbewerberInnen nach Europa, um den Anteil der muslimischen Menschen zu erhöhen. Was davon ist jetzt wahr?

Natürlich nichts davon.

Doch auch die rechten Hetzer in den Kommentaren profitieren davon

Ja, es ist falsch! Denn wer jetzt gegen AsylbewerberInnen und Muslime in den Kommentaren hetzt, dreht die Hassspirale weiter und ist Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Denn dass ein Anschlag nicht der Beweis dafür ist, dass die Rechtspopulisten Recht haben, sieht man doch allein schon an diesem Kommentar hier.

Sie WOLLEN, dass Islamisten eine ernste Bedrohung für uns sind. Sie wissen es aber nicht. Sie warnen so lange vor Terror, bis wir alle so hysterisch sind, dass wir nur bei dem Wort „Eilmeldung“ schon an Islamisten denken. Aber das hat nichts mit der Realität zu tun! Niemand leugnet, dass es islamistische Terroranschläge gibt, aber dass dies wirklich eine alltägliche Gefahr darstellt, ist zum Glück nicht wahr!

Diese Menschen schaffen in unseren Köpfen ein Problem, und präsentieren sich gleichzeitig als die einzige Lösung dafür!

Haben sie denn nicht Recht? Gibt es denn keine islamistische Terrorwelle?

Schauen wir uns jetzt mal ganz nüchtern an, wie die Situation in Deutschland aussieht, und ob wir wirklich in Gefahr leben.

Immerhin 73% der Menschen in Deutschland gaben an, dass ihre Hauptangst Terrorismus sei. Doch wie viele Anschläge mit islamistischen Hintergrund gab es in Deutschland seit Anfang 2012?

5 – mit 12 Toten, wenn man die Täter nicht mitzählt. Und alle diese 12 waren Opfer des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Die anderen Angriffe waren der Sprengsstoffanschlag in Ansbach, der Messerstecher in Würzburg, eine Messerattacke in Hannover auf einen Polizeibeamten und einen Anschlag auf einen Tempel der Sikh-Gemeinde in Essen. Und bei drei der Anschläge handelte es sich lediglich um mutmaßliche Sympathisanten des IS. (Siehe Verfassungsschutz)

Natürlich machen bei uns Meldungen von Anschlägen aus anderen Ländern die Runde, wie jetzt Manchester. Und natürlich dürfen und sollen wir uns Sorgen machen.

Aber Rechtspopulisten in Deutschland zu wählen, weil man Angst vor einem Anschlag in Manchester hat, ist eine seltsame Schlussfolgerung




Mitgefühl und Sorge sind ja sehr gut und wichtig und auch kann ich niemanden dafür verurteilen, wenn er Angst hat. Doch die AfD zu wählen ist der falsche Weg. Und ich möchte nur mal daran erinnern, dass Großbritannien eine der schärfsten Anti-Terrorgesetze der Welt hat, sowie eine sehr restriktive Flüchtlingspolitik.

Wir können und dürfen nicht Muslime oder Asylbewerber für Terror verantwortlich machen!

Wie der Journalist Shams ul-Haq berichtet, besteht die größte Gefahr durch islamistischen Terror dadurch, dass die Asylbewerber aufgrund der schlechten Zustände und der mangelnden Integration leichte Opfer durch Radikalisierung von Salafisten werden können. Die Zustände, die Organisation und die Vernetzung der Flüchtlingshelfer ist mangelhaft. Anstatt so viele AsylbewerberInnen wie möglich abzuschieben, sollten wir ein klein wenig mehr Geld in die Hand nehmen, und ihre Unterbringungssituation besser organisieren und sie besser integrieren. Die Polizei und der Verfassungsschutz müssten mehr Personal und Mittel haben, um Gefährder zu beobachten – Sie sind chronisch unterbesetzt.

Dadurch wäre die Radikalisierung der Asylbewerber eingedämmt und eine hypothetische Einschleusung von IS-Rückkehrern getarnt als Asylbewerber wäre auch erschwert. Doch paradoxerweise sind Vorschläge, die mehr Geld für Flüchtlinge ausgeben wollen,  im derzeitigen politischen Klima unmöglich.

Die Popularität der AfD und die Anpassung der restlichen politischen Parteien an dieser Stimmungslage bereitet erst den Nährboden dafür, dass Deutschland anfälliger für islamistischen Terror werden wird.

Hört auf zu hassen und von den Anschlägen profitieren zu wollen!

Es ist widerlich und unmenschlich, politisches Kapital aus diesem schrecklichen Unglück zu schlagen. Vor allem, wenn wir noch gar nicht wissen, was genau passiert ist.  Aber wenn wir sagen: Lasst euch nicht von Hass verblenden und spalten, dann ist das kein Augenverschließen vor den Problemen dieser Welt. Sondern eine Kampfansage an alle, die uns Angst machen wollen und die unsere Gesellschaft spalten wollen.

Rechtspopulisten wollen genau wie die Terroristen, dass wir uns fürchten. Sie wollen, dass wir Muslimen und AsylbewerberInnen die Schuld für alles geben. Sie wollen, dass unsere Vision einer friedlichen Welt des Miteinanders scheitert, damit sie ihre kalte, herzlose und barbarische Weltsicht verwirklichen können.

Wir dürfen das nicht zulassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hetzer in weit entfernten Ländern oder verbitterte Seelen aus unseren eigenen Reihen durch ihren Hass unsere Gesellschaft vergiften. Lasst uns doch erstmal in Ruhe den Opfern und ihren Angehörigen gedenken, anstatt beinahe willkürlich anderen Mitmenschen die Schuld dafür zu geben.

Thomas_LThomas Laschyk, Chefredakteur Volksverpetzer Journalist, Blogger, und Onlineaktivist aus Augsburg. Auf dem Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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