Der Anschlag in Berlin hat uns alle erschüttert. Doch noch ehe wir wissen, wer verantwortlich war und was genau passiert ist, nutzten verschiedene Gruppen das Ereignis für geschmacklose Stimmungsmache. Auch ein veganer Verein.

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Zuerst einmal möchte auch ich den Angehörigen der Opfer des Anschlags vom Abend des 19.12.2016 mein Mitgefühl und meine Anteilnahme ausdrücken. Dieses Ereignis hat mindestens 12 Menschen das Leben gekostet, Dutzenden mehr die Gesundheit und wird noch viel mehr Menschen noch lange in schrecklicher Erinnerung bleiben. Zwar ist kein Ort auf der Welt wirklich fern und kein Schrecken daher weniger bedeutend, aber spätestens wenn so etwas an einem Ort passiert, an dem man selbst vor wenigen Tagen noch stand oder in einer Stadt, in der man selbst lebt und Freunde hat, fällt schnell jene Sicherheitsillusion, die wir uns mit der Einteilung von „nah“ und „fern“, von „hier“ und „dort“ machen. Die Illusion der Entfernung, die bei vielen Menschen den Versuch darstellt, im Angesicht des globalen Schreckens sein Leben leben zu können, fällt hier und verstärkt so das Entsetzen. Es zeigt, dass absolute Sicherheit immer eine Illusion ist. Keine Mauer, keine Waffe und keine Exklusivität kann sie uns wirklich bringen. Was wir aber bewahren können und dies sei als Appell vorangestellt, sind Freiheit und Menschlichkeit, indem wir weiterhin Menschen helfen, allen Betroffenen dieser Welt, indem wir für die Freiheit aller eintreten und gegen Feindschaft und Hass und indem wir beschließen, ein Leben zu leben, das sich zu leben lohnt, statt uns gefangen hält.




Damit aber bin ich beim Thema dieses Artikels angelangt, denn kein Schrecken scheint furchtbar genug zu sein, damit er nicht für die eigene Agenda, die eigene Politik und das eigene Anliegen missbraucht werden kann. Kein Opfer scheint so traurig zu sein, dass damit nicht noch auf Stimmenfang gegangen wird.

Bekannt ist jene traurige, abscheuliche fast schon Tradition durch Gruppierungen wie AfD, Pegida oder andere rechte und faschistische Kräfte, die auch dieser Tage wieder beobachtet werden kann. Jene perfide „Werbestrategie“ wird aber leider auch in einigen veganen Kreisen betrieben. Insbesondere der s.g. „Holocaust-Vergleich“ erlangte hier traurige Berühmtheit. Es geht dabei allerdings weniger um einen tatsächlichen Vergleich, also eine Abwägung und Analyse hinsichtlich Ähnlichkeiten und Unterschieden, sondern um eine mindestens partielle Gleichsetzung des Leids der Opfer der Verbrechen der Nationalsozialisten mit dem Leid der nichtmenschlichen Tiere insbesondere in der Massentierhaltung. Während der Rückgriff auf solche Formulierungen mit etwas Wohlwollen bei Einzelnen aufgrund der Intention und in Verbindung mit Aufklärung noch entschuldbar sein könnte, gilt dies bei großen Organisationen wie beispielsweise PETA nicht. Im ersten Fall können individuelles Unwissen, eine mangelnde Sensibilität oder eine affektive Reaktion die Gründe sein oder aber es können zumindest psychologisch erklärbare Intentionen gefunden werden, wie das Bedürfnis insbesondere von Neu-Veganern oder Neu-Tierrechtlern das übergroße empfundene Entsetzen irgendwie sprachlich fassen zu können, für das einfach adäquate sprachliche Mittel zu fehlen scheinen. Wenn es jedoch um ganze Organisationen geht, handelt es sich immer auch um eine gezielte Werbestrategie und damit um einen Missbrauch der Opfer und des Schreckens für eigenen Zwecke. Das gilt auch, wenn sich jene Organisationen und Gruppen einem moralischen Ziel verschrieben glauben. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, insbesondere dann nicht, wenn unmoralische Handlungen wie der Missbrauch von Opfern einem moralischen Zweck folgen sollen. Nicht nur ist das Ergebnis, das sieht man an den Reaktionen, eher das Gegenteil, sondern das Leid der Opfer und der Angehörigen wird zusätzlich verstärkt, da in solchen Fällen eine Täterschaft zugeschrieben wird und damit mindestens implizit auch das Leid der Opfer und Angehörigen legitimiert wird.

Perverser PR-Stunt von Animal Peace

In dieser Tradition der Relativierung hat nun leider auch der Anschlag von Berlin seinen Platz gefunden. So postete die Organisation „Animal Peace“ kurz nach dem Anschlag folgende Zeilen: „Gänse? Sechs Millionen Terroropfer jährlich in Deutschland. Für Gänse ist jeden Tag Weihnachtsmarkt. Vergesst das nie!“

Screenshot: Facebook
Screenshot: Facebook

Hier wird gleich in zweierlei Weise das Leid ausgenutzt. Zum Einen werden hier die Opfer des Berliner Anschlags auf abscheuliche Art und Weise für eine Werbekampagne missbraucht. Natürlich ist es richtig und wichtig, auf das Leid auch von Gänsen aufmerksam zu machen, aber nicht auf dem Rücken anderer Opfer. Selbst wenn man sich dabei auf die Widerlichkeit einer reinen strategischen Nutzenperspektive einließe, scheint eine solche Aktion verfehlt, bewirkt sie doch bei den meisten Menschen (verständlich und zu Recht!) Abscheu. Damit bleibt wohl nur der Missbrauch des Opfers für einen reinen Schockmoment, für einmal 5 Minuten mehr als zweifelhaften Ruhm.

Darüber hinaus ist eine solche Gleichsetzung aber auch schlicht falsch. Natürlich ist es für Gans wie Mensch ein schreckliches Leid, beides ein Unrecht und prinzipiell moralisch zu verurteilen. Allerdings handelt es sich um völlig andere Begründungen, Logiken, Intentionen und ja auch um andere Formen des Leids, die nicht gleichgesetzt werden können! Ein Terroranschlag und die Ausbeutung von Gänsen in Mastbetrieben sind also auf so vielen, wenn nicht gar allen Ebenen grundverschieden. Beides gleichzusetzen, wird damit keinem der beiden Dinge gerecht.

Was AfD und Co. aber zu reichen scheint, das Verhöhnen der Opfer von Berlin, scheint Animal Peace jedoch gerade nicht zu reichen, wenn man sich die Formulierung genau anschaut. Diese lehnt sich nämlich zum Anderen sichtbar an den Ausspruch „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“ an, mit dem nicht selten in entsprechenden Teilen der Tierrechts- und Veganismusbewegung eine unangebrachte Holocaustgleichsetzung legitimiert wird. Als sei es also nicht genug, die Opfer in Berlin zu missbrauchen, müssen auch erneut die Opfer des Holocaust herhalten. Damit aber wird eine weitere Gleichsetzung betrieben, nämlich jene der Opfer des Berliner Anschlags mit denen des Holocaust. So schrecklich alle diese Fälle sind, so sehr verbietet sich aber auch diese Ebene der Relativierung.

Missbrauch der Opfer

Fazit: Wie auch AfD und Co. die Opfer Berlins für ihre Zwecke missbrauchen, so tut es auch Animal Peace. Komplexität und Vielschichtigkeit, Mitgefühl und Sensibilität, kurz, moralische Integrität und Menschlichkeit werden geopfert, um selbstgerechte und primitive Positionierung und abscheuliche PR zu betreiben. So richtig und wichtig der Kampf für Tierrechte ist, so wenig braucht es solche Widerwärtigkeiten. Wer aus Wut dieser Tage etwas Unbedachtes schreibt, dem kann sicherlich auch einmal verziehen werden aber nicht, wenn es einzig und allein um das Durchsetzen der eigenen Agenda geht.

Sebastian Ernst, Gastredakteur Volksverpetzer Sebastian ist Historiker und Philosoph. Er lebt seit etlichen Jahren vegetarisch und vegan. Seine Kernthemen sind Fragen der Ethik und der Tierrechte, des Veganismus als Bewegung sowie Rezensionen und Kritiken. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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