Das Aufatmen in den Kommentarspalten ist gewaltig: Nach dem ersten wackligen Anlauf und der Verschiebung der Wiederholung der Stichwahl aufgrund nichtklebender Briefumschläge, hat sich Österreich für den grünen Alexander Van der Bellen und gegen den ‚Alpentrump‘ – den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer entschieden.

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

14111889_1826590450909615_604611310_n

Dabei ist es bei einer Wahl zwischen zwei Kandidaten immer schwierig das „dafür“ und „dagegen“ klar zu benennen. Auch wenn verschiedene Umfrage „Gründe“ für die Wahlentscheidung sichtbar machen und aufzeigen wollen, stehen wir vor einem Problem: Wahlentscheidungen sind nur in den seltensten Fällen rationale Abwägungen verschiedener Argumente bei voller Kenntnis aller Implikationen, sondern basieren auf vielen verschiedenen, bewussten wie unbewussten Faktoren und einen großen Teil hiervon kann man mit Befragungen nicht sichtbar machen. Nicht zuletzt, weil wir uns oftmals selbst gar nicht endgültig darüber im Klaren sind, weswegen wir eine bestimmte politische Richtung präferieren.

Wie komplex sich das ganze gestaltet sehen wir nicht zuletzt daran, dass es verschiedenste Modelle gibt, die Parteipräferenzen, Wahlpräferenzen und Wahlentscheidungen auf Basis verschiedener Mechanismen erklären wollen: Es gibt Modelle, die Wahl- und Parteipräferenzen im gesellschaftlichen und familiären Umfeld verankern und solche, die sie zur individuellen, vernunftbasierten Entscheidung erklären – gemein ist ihnen immer, dass es sich um Modelle handelt, also Annahmen, die die Komplexität der Wirklichkeit reduzieren, begreifbar, fassbar, analysierbar machen, dabei aber keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben können und wollen. Ein Modell ist zwar in seinem Kontext, für den jeweiligen Gegenstand und die Beantwortung einer spezifischen Fragestellung notwendig und brauchbar, man sollte aber nicht den Fehler machen den Aussagegehalt überstrapazieren zu wollen.




Wahlen mit nur zwei Kandidaten machen Vorhersagen noch viel schwieriger

Bei Wahlen, bei denen nur zwei Kandidaten zur Verfügung stehen, ist die Wahlentscheidung sogar noch komplizierter: Die Entscheidung verläuft in zwei Richtungen, nämlich für und gegen einen der Kandidaten und dies meist ohne große inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt des entsprechenden Wahlprogramms. Wahlen sind vielmehr eine emotionale Angelegenheit. Ein Bekenntnis zu einem der Kandidaten fußt nur in seltenen Fällen auf einer nüchternen Auseinandersetzung mit seinem politischen Inhalt. Gewählt wird der Kandidat, weil er für etwas oder gegen etwas steht oder auch, weil er im Vergleich zu seinem Gegner die ‚bessere Wahl‘ zu sein scheint.

Ein großer Teil des Wahlkampfes dient daher weniger dazu, die Stammwähler des politischen Gegners zu überzeugen, denn das wird in den seltensten Fällen gelingen. Stattdessen geht es um die Überzeugung von unentschlossenen Wechselwählern und insbesondere darum die Stammwähler auch zum Wählen zu bewegen. Unter dem Stichwort ‚Wählermobilisierung‘ ist dies eines der großen Themen der Wahlkämpfer.

Je knapper die Entscheidung, desto mehr gehen wählen

Neben dem Wahlkampf kommt dabei der Demoskopie eine entscheidende Aufgabe zu: Je knapper das Ergebnis ist, je größer die Befürchtung, dass der Gegner doch gewinnen oder die präferierte Partei den Einzug ins Parlament knapp verfehlen könnte. Desto wahrscheinlicher ist es, dass sich ein Wähler trotz Sonntagsunlust und Glühweinkater zum Wahllokal bewegt. Der Effekt funktioniert aber auch andersherum: Wenn der Wahlsieg quasi schon erreicht scheint, weil die Umfragen ihn mit relativem Abstand vorhersagen, umso wahrscheinlicher wird es, dass die Wähler sich nicht mehr mobilisieren lassen, eine Erfahrung die zuletzt auch die FDP schmerzlich machen musste: Ein nicht unwichtiger Anteil ihres Wählerklientels hatten den Wiedereinzug in den Bundestag für so sicher gehalten, dass sie ihre Stimme für sich behielten und somit das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag verursachten.

Gründe für die ausbleibenden Stimmen gibt es viele: Manch einer ist mit der politischen Arbeit ‚seiner‘ Partei unzufrieden – nicht so sehr, dass er den Wiedereinzug gefährden möchte, aber doch genug, um seine Stimme nicht abzugeben, wenn der Einzug ohnehin sicher scheint. Andere haben aus verschiedenen Gründen keine Zeit oder Lust ins Wahllokal zu gehen. Und wieder andere tendieren vielleicht in eine bestimmte politische Richtung, wollen aber keinem der zur Wahl stehenden Kandidaten ihre Stimme geben. Diese Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen.




Die besondere Situation Österreichs

In Österreich haben wir nun eine besondere Situation: Das Erstarken der rechten, anti-europäischen Kräfte ist in den letzten Monaten in verschiedenen Wahlen deutlich geworden: Insbesondere im Brexit-Votum, aber auch bei der Wahl von Donald Trump wurde deutlich, dass Rechtspopulisten durchaus gewinnen können, ein Ergebnis das viele vorher nicht für möglich gehalten hatten – nicht zuletzt hatte die erste Österreich-Wahl diese Möglichkeit sehr plastisch illustriert. Norbert Hofer wähnte sich schon als Sieger, als Alexander Van der Bellen mit Hilfe der Briefwahlstimmen doch noch an ihm vorbeizog.

Zu dem Vorsprung, den sich Van der Bellen im letzten, nun wohl endgültigen Wahlgang sicherte, haben wohl all diese Faktoren beigetragen: Das Fast-Scheitern in der ersten Stichwahl war den grün-zugeneigten oder braun-abgeneigten Wählern noch ähnlich präsent, wie das Erstarken der Rechtspopulisten in verschiedenen Wahlen im Ausland. Wie auch beim Brexit hatte man die Möglichkeit eines Präsidenten Trump aus europäischer Perspektive nie wirklich ernst genommen. Die Berichterstattung hatte sich auf ein „es wird knapp, aber es ist trotzdem unmöglich“ eingependelt, eine Interpretation, die in kurzer Zeit mehrmals Lügen gestraft wurde.

Woran Umfragen scheitern

Auch hier war wieder die Demoskopie beteiligt: Die Möglichkeit einer Wahl ebendieser Personen wurde unterschätzt. Tatsächlich ist es so, dass die Beschaffung von Daten auf verschiedene Probleme trifft: So gibt es genügend Personen, die für eine Umfrage aus verschiedenen Gründen nicht zur Verfügung stehen. Sie verweigern die Teilnahme, heben das Telefon gar nicht erst ab oder verfügen nicht über einen Festnetzanschluss.

Dies richtig zu deuten ist Aufgabe der großen Umfrageinstitute. Das Problem hierbei: Die den Analysen zugrundeliegenden Modelle können erst nachträglich angepasst werden – es gibt nur in seltenen Fällen, so wie in diesem Jahr in Österreich, eine Art Generalprobe. Bis die veränderte politische Lage und das Verhalten der Wählertypen erhoben und entsprechend berücksichtigt wurden, ist aber meist schon wieder viel passiert. Das Vertrauen in die Umfrageinstitute ist aber entsprechend erschüttert – sicher geglaubte Siege sind vergeben worden und lassen sich nicht so einfach zurückholen.

Wozu diese veränderte Situation im europäischen, vielleicht sogar weltweiten Kontext führen wird, wird sich noch zeigen müssen. Insbesondere auch bei der anstehenden Bundestagswahl in Deutschland 2017, bei der mit der AfD eine weitere rechtspopulistische Partei auf ihr Erstarken hoffen darf.

Annette Greca, Autorin Volksverpetzer Annette studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Jura, Sinologie und Philosophie. Für den Volksverpetzer schreibt sie über politische und gesellschaftliche Themen. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
-Mimikama unterstützen-