Das faszinierende an Star Trek waren und sind neben spannender science fiction stets seine progressiven Botschaften. Eine Liebeserklärung unseres Sci-Fi-Enthusiasten Patrick G. an die Kultserie.

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Wir sind zurück in den frühen Neunzigern, ich kam aus der Schule, der Ranzen landete in der Ecke, und unter dem tadelnden Blick der Elternschaft schaufelte ich das Mittagessen in mich hinein, als ginge es um mein Leben – und tatsächlich, um Punkt 14 Uhr saß ich Tag für Tag auf dem Boden vor dem Röhrenfernseher und Glückshormone fluteten mein Gehirn, als die futuristische Melodie einsetzte und die so gut bekannte Stimme endlich in wohltuenden Bass verkündete:

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„Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise….“

Diese Routine war jahrelang ein fester Bestandteil meines Alltags, seit ich eines folgenschweren Tages meinem Bruder Gesellschaft leistete, als er seine Lieblingssendung ansehen wollte. Star Trek war, wie für so viele andere meiner und vorangegangener Generationen, ein Teil meiner Jugend. Dabei war die von Gene Roddenberry geschaffene Kultserie stets eine dualistische Angelegenheit – jeder hatte sein ganz eigenes Verhältnis zu ihr, und doch gibt es gemeinsame Elemente, die nicht nur die Pop-Kultur (Musiktipp an dieser Stelle: Warp 11, z.b. „Everything i Do“), sondern darüber hinaus eine ganze Gesellschaft irgendwo mitgeprägt haben. Grund genug für eine Reminiszenz – und, jawohl, eine etwas nostalgische Liebeserklärung. Aber von vorne:

Fakten auf den Tisch: 5 Fernsehserien (plus die weniger populäre Zeichentrickserie aus den 70ern) mit insgesamt 28 Staffeln (!), 13 Kinofilme und unzählige Ergänzungen in Buch- und Comicform, Star Trek ist ohne Zweifel die beständigste, umfassenste, einflussreichste Serienfranchise aller Zeiten (Jop, Dr. Who-Fanboys, deal with it 😉 ). Was hat Star Trek für uns als Gesellschaft getan, was hat Star Trek für mich getan? Um dies besser zu beleuchten werde ich nicht drum herum kommen, einige kleine, schwärmerischen Geschichten aus meinem persönlichen Erfahrungen mit Star Trek zum Besten zu geben – ich entschuldige mich schon jetzt dafür und hoffe, dass sich vielleicht der ein oder andere Leser darin lächelnd wiedererkennen mag. Vorsicht, milde Spoiler included.

Star Trek, was ist das also? Für mich als kleiner Junge war es zunächst vor allem ein Abenteuer. Mit meinen Freunden spielte ich nicht Cowboy und Indianer, sondern Raumschiffcrew in fremden, merkwürdigen Weiten. Dem wohnte natürlich dieselbe Naivität inne, die allen einfachen Kinderspielen gemeinsam war, ohne größere Plotdevices endete das Abenteuer stets in Krisen, wilden Feuergefechten und heroischen Rettungsaktionen. Und doch war eine Menge daran anders. Zunächst einmal der Technobabble – während andere Blutsbrüderschaft schlossen, versuchten wir, die Phasenfrequenz des Deflektorschildes zu rekalibrieren. Das Prinzip war einfach: Hänge eine Reihe von kompliziert klingenden SciFi-Begriffen aneinander, fertig ist die Problemlösung. Beispiel: „Reprogrammieren Sie den Emitter der Dilizium Matrix – das sollte Ihre Disruptorbänke überladen!“. Was war eine Matrix? Keine Ahnung. Was macht eigentlich ein Emitter? Woher soll das ein 8-jähriger wissen. Egal – die Romulaner waren besiegt.

Eine Serie, die uns prägte

So haben wir also so manche Nachmittage verbracht – aber war Star Trek für uns „nur“ ein Spielszenario? Mitnichten. Schon damals hatte Star Trek uns geprägt, freilich ohne, dass wir es wissen konnten. Die Crew der neuen Enterprise, folgend TNG genannt (Für die die erste Serie (TOS) unter Kirk, Spock & Co. bin ich leider ein wenig zu spät geboren) bat reichlich Stereotypen zur Vorbildfunktion. Für die „coolen“ Jungs gab es William Riker (Schon wie Riker sich hinsetzt war klasse), wer es kämpferisch mochte, fand sich im Klingonen Worf wieder, der Typus „weiser Anführer“ wurde hervorragend von Captain Picard abgedeckt, und für die Science-Nerds gab es Geordi La Forge und *Trommelwirbel* den Androiden Data.

Uns hatte es insbesondere letzterer angetan: Mit seinem positronischen Gehirn (Weeeeeow, Positronen!) strahlte er schon damals jene kühle Überlegenheit der Intelligenz aus, die – wie ich behaupte – auch später eine starke Prägung der Rolle des Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“ vornehmen sollte. Data hat uns gezeigt, dass es cool ist, Dinge zu wissen und zu können. Er war auf diese Weise sicherlich eines der vielen Puzzleteile, die mich später auf meine naturwissenschaftliche Laufbahn führen sollten. Dies ist eines von vielen Beispielen, wie Star Trek ein fester Bestandteil meines Lebens war. Sogar mein erstes wirkliches Gruselfeindbild hat TNG mir verpasst. Vergesst Vampire, Geister oder was auch immer: Die deindividualisierten Mensch-Maschinen der Borg haben mir als Kind eine Heidenangst eingejagt. Rette uns Picard!

Die politisch-gesellschaftliche Dimension von Star Trek

An dieser Stelle möchte ich von meinen rein subjektiven Eindrücken lösen, und auf die politisch-gesellschaftliche Dimension von Star Trek eingehen. Denn ja: politisch war die Sache schon immer. Wenngleich Gene Roddenberry die Vision einer besseren Menschheit vermitteln wollte, so war diese bessere Menschheit in den Anfängen vor allem eines: US-Amerikanisch. Kirk und Co. – formal Repräsentanten des Erdenvolkes – wurden von US-Amerikanern für US-Amerikanern geschrieben. Bei der Etablierung früher Antagonisten der Föderation – das kriegerische Volk der Klingonen – versuchten die Macher nicht einmal, die politische Implikation zu verbergen: Die Klingonen standen sinnbildlich für das Reich des Kommunismus in der Sowjetunion und der Volksrepublik China. Nicht durch Zufall glich der frühe Klingone in seinem Erscheinungsbild fernöstlich/orientalisch angehauchten Ethnien mit schurkischer Gesichtsbehaarung.

Seine Zuspitzung fand dieses Prinzip im sechsten Star Trek-Film, in dem – kurz nach dem Mauerfall – das klingonische Imperium bei der Föderation um Frieden ersucht, nachdem der Hauptenergiemond Tschernoby… äh Praxis durch einen Unfall zerstört wurde und die klingonische Heimatwelt schweren Verwüstungen aussetzt. Der Hauptgegenspieler ist der klingonische General Chang (!), welcher mit einem Komplott dafür sorgt, dass unsere Helden Kirk und Pille vom arg archaisch anmutenden klingonischen Rat zur Haft auf den Eisasteroiden Sibirie… äh Rura Penthe verurteilt. Natürlich wird am Ende alles Gut – die politische Implikation aber blieb unübersehbar. Die Botschaft allerdings auch: Es ist gut, dass wir heute Freunde sind!

Schon einige Zeit zuvor wurde (berechtigter) Einspruch laut, wieso auf einem Schiff, welches die Menschheit repräsentiert, kein einziges Crewmitglied mit russischen Wurzeln dient. Dies war die Geburtsstunde der Figur des Pavel Chekov, der tatsächlich erst zur zweiten Staffel der Serie eingeführt wurde! Hier zeigt sich schon der progressive Anspruch der Star Trek-Macher, der sich von da an stets durch die Serie ziehen sollte: Ein Russe, der zusammen mit US-Amerikanern im selben Team spielt? Mitten im kalten Krieg eine starke Botschaft.

Auch die farbige Kommunikationsoffizierin mit dem für deutsche Ohren etwas unglücklichen Namen Uhura kann im Kontext der damaligen Zeit durchaus als revolutionär gelten – Martin Luther King hatte erst wenige Jahre zuvor seine berühmte „I Have a Dream“-Rede gehalten und der massive Ausschluss von PoC (People of Color) aus dem öffentlichen Leben war in der US-amerikanischen Gesellschaft immer noch an der Tagesordnung. Folgerichtig löste Star Trek in TOS Staffel 3, Folge 10 („Platons Stiefkinder“) einen handfesten Skandal aus, als Captain Kirk und erwähnte Uhura den ersten TV-Kuss zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau lieferten. Es sollte nicht die einzige Gelegenheit bleiben, in der die Macher von Star Trek in ihrer Vision die Grenzen des Gesellschaftlich machbaren verschoben.

Star Trek entführt den Menschen geschickt und oft unbewusst in eine bessere Welt und lässt ihn, manchmal nur für eine einzige Stunde, zu einem besseren Menschen werden.

Und hier liegt für mich persönlich die wunderbarste, wertvollste Kraft des Star Trek-Universums: Es entführt den Menschen geschickt und oft unbewusst in eine bessere Welt und lässt ihn, manchmal nur für eine einzige Stunde, zu einem besseren Menschen werden. Wie keine andere Fernsehserie schafft es Star Trek uns nicht nur eine bessere Zukunft und bessere Versionen unserer selbst zu versprechen, sondern auch gesellschaftliche Problemfelder an unseren gewöhnlichen Abwehrhaltungen vorbei zu schmuggeln.

Noch bevor sich die gesellschaftliche Debatte um Transgenderpersonen entzündet hatte, präsentierte uns Star Trek: Deep Space Nine (DS9) den Hauptcharakter der Jadzia Dax, der – als ein Mischwesen zwischen Symbiont (Dax) und Wirt (Jadzia) – die starren Definitionen von Geschlechterrollen durcheinanderwirbelte. In seinem letzten Wirtskörper noch in „männlicher Erscheinungsform“ (Curzon Dax) und einer der besten Freunde von Captain Benjamin Sisko, muss letzterer erst einmal damit zurechtkommen, dass sein alter Freund jetzt so weiblich daher kommt. (Dies fällt ihm, als progressiven Mensch der Zukunft selbstverständlich vorbildlich leicht).

Oder welcher Star Trek-Veteran erinnert sich nicht an die bewegende Folge „Wem gehört Data“ (TNG Staffel 2, Episode 9), in der ein Kybernetik-Experte der Föderation gerne die „Maschine“ Data auseinanderbauen ( = töten) möchte, um zu lernen, wie sie funktioniert? Da es sich bei Data ja „nur“ um einen Androiden und kein menschliches Wesen handelt, erkennt der Schurke (so wird er inszeniert) darin kein ethisches Problem. Doch wer stand damals nicht vor dem Fernseher und rief „Wat? Data auseinanderbauen? Was stimmt denn mit dir nicht?“. Damit hatten Roddenberry und Co. schon im Jahre 1989 Millionen Menschen durch die Hintertür mit dem Problem der Maschinenethik konfrontiert, wie es heute, fast 30 Jahre später umso akuter diskutiert wird.

War der Fernseher aus, ging es für viele Zuschauer wieder zurück in eine Welt, in der so mancher immer noch seine Tochter nicht mit „diesem da“ ausgehen lassen möchte. Wie ich schon sagte: 60 Minuten lang macht Star Trek uns zu einem besseren Menschen. Wer verkörpert das besser als Captain Jean-Luc Picard, der mit Fug und Recht wohl als der berühmteste „Gutmensch“ der TV-Seriengeschichte eingehen kann. Mit unerschütterlicher Moral tat Picard immer das Richtige, wir alle sind bei Captain Picard in die „Gutmenschen“-Lehre gegangen, und das war prima so.

Eine sich immer weiter wandelnde Serie

Star Trek hat sich weiterentwickelt – stets und immerwährend, wenn man so möchte ist die Wandlung selbst die Botschaft von Star Trek. Und in meinen Augen funktioniert sie. Daran anknüpfend möchte ich auch die Schwierigkeiten kommentieren, welche die Franchise gerade erlebt: Die Community – wohlmöglich verstärkt durch das erhöhte Kommunikations- und Vernetzungspotential im Internet – gilt mittlerweile als ein wenig „toxic“, das bedeutet: Praktisch permanent beleidigt und überkritisch. Sowohl die bis dato neue Serie ENT, als auch die J.J. Abrams Reboots der letzten 3 Filme haben quer durch die Community harte Verwerfungen gezogen. Die Aussage, die ich in diesem Kontext am öftesten höre ist: „Das ist kein Star Trek mehr!“. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn ähnlichen Problemen sah sich damals auch der Wechsel von TOS zu TNG gegenüber.

Hier machen die Trekkies meines Erachtens einen großen Fehler: Wenn sie von „Star Trek“ reden, dann meinen sie im Prinzip ihre Kindheit.  Aber diese Zeiten sind vorbei, und sie können nicht wiederkehren. Wir haben uns geändert und kein neuer Star Trek kann daher je wieder dieses Gefühl exakt zurückbringen. Daher bin ich froh, dass Star Trek auch heute noch neue Interpretationen erfährt und auch heute noch neuen Generationen die Gelegenheit gibt, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Wir müssen diesen Wechsel mitgehen, denn das ist es, was Star Trek eigentlich bedeutet. Damals, vor über 20 Jahren, habe ich (freilich ohne es zu wissen) einen Pakt mit Gene Roddenberry geschlossen, an dem ich bis heute festhalte: If it’s Star Trek, call me in.

In diesem Sinne eine Liebeserklärung an diese wundervolle Franchise: Danke dass es dich gibt und danke dass du mich so lange begleitet hast und immer noch begleitest. Danke, dass du mich immer wieder lächelnd in die Vergangenheit und ein Stück optimistischer in die Zukunft schauen lässt. Danke, dass du mich manchmal wehmütig zu den Sternen blicken und mit kindlicher Vorfreude im Kinosessel sitzen lässt. Und Danke an alle „Trekker“, die das mit mir fühlen.

Patrick G., Autor bei Volksverpetzer
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