Ukraine Krise

Zeigt Video ukrainisches Kriegsverbrechen?

Videoaufnahmen, die angeblich die Folterung russischer Kriegsgefangener zeigen, werden von der ukrainischen Regierung untersucht.

Nicole Mühl, 31. März 2022
Zeigt Video Kriegsverbrechen? / Quelle: Screenshot BBC
Zeigt Video Kriegsverbrechen? / Quelle: Screenshot BBC

Der nicht verifizierte Film scheint ukrainische Soldaten zu zeigen, die drei vermummte Russen aus einem Lieferwagen holen, bevor sie ihnen in die Beine schießen. Andere liegen bereits schwer verletzt am Boden.
Die Mission der Vereinten Nationen in der Ukraine zur Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte: Das vorliegende Video gebe „Grund zu ernster Sorge“.

Worum geht es in dem Video:

Seit einiges Tagen kursiert ein verstörendes Video im Internet. Zu sehen sind Soldaten, die schwer verletzt am Boden liegen. Zum Teil sind weiße Säcke über ihre blutigen Gesichter gezogen. Sie wirken benommen. Wann und wie sie verletzt wurden, ist unklar. Die Gefangenen werden zu ihren Einheiten und Aktivitäten befragt. Drei weitere gefesselte Männer werden aus einem Fahrzeug geholt. Man hört Schüsse und sieht, wie zwei zu Boden fallen. Der dritte kniet sich bereits hin, die Hände am Rücken gefesselt, aber auch ihm wird in die Beine geschossen. 

Das Filmmaterial konnte noch nicht unabhängig verifiziert werden. 

Was bisherige Analysen ergaben:

1.) Der Ort kann verifiziert werden: Das Video wurde in einer Molkerei in Malaya Rohan südöstlich von Charkiw gedreht. Das Gebiet war kürzlich von ukrainischen Truppen von russischen Streitkräften zurückerobert worden. BBC hat auch Satellitenbilder und Bilder von der Anlage analysiert und Hinweise auf den Standort des Videos gefunden: 

Before the three soldiers are shot, we can recognise elements of a house behind one of them. A tree (1), a chimney (2) and the top half of a window (3) are very similar to those in a previous image (from 2017) of the dairy surroundings which we found on the farm’s Google web page.
In the video, the house is partially obscured by a white structure in the yard.

Übersetzung: 

Bevor die drei Soldaten angeschossen werden, können wir hinter einem von ihnen Elemente eines Hauses erkennen. Ein Baum (1), ein Schornstein (2) und die obere Hälfte eines Fensters (3) sind denen in einem früheren Bild (von 2017) der Umgebung der Molkerei sehr ähnlich, das wir auf der Google-Webseite der Anlage gefunden haben. Im Video wird das Haus teilweise durch eine weiße Struktur im Hof ​​verdeckt.

Quelle: bbc
Screenshot BBC / Analyse Video Aufnahmeort
Screenshot BBC / Analyse Video Aufnahmeort

2.) Keine konkreten Aussagen zum Zeitpunkt:
Es gibt keinen Zeit- oder Datumstempel beim Videomaterial und es sind auch keine Metadaten verfügbar, die eine genauere Bestimmung ermöglichen würden. Aufgrund der Wetterverhältnisse liegt für BBC der Schluss nahe, dass das Video am 26. März gedreht worden sein könnte. 

3.) Um wen handelt es sich?
Die Akzente der Entführer weisen darauf hin, dass es sich um Ukrainer aus dem Osten handelt. BBC verweist jedoch darauf, dass dies nicht bestätige, dass es sich um ukrainische Soldaten handelt. Es bleibe möglich, dass es sich um pro-russische Separatisten aus dieser Region handelt.
Die blauen Armbinden werden von ukrainischen Streitkräften verwendet. Es sind aber keine Regimentsabzeichen sichtbar. Eine Identifizierung ist deshalb schwer möglich. (Quelle)

Auch bei n-tv führt die Analyse zu ähnlichen, jedoch ebenfalls nicht konkreten Ergebnissen: Die mutmaßlichen ukrainischen Soldaten sprechen Russisch mit ukrainischem Akzent. Das sei laut einer ukrainischen Dolmetscherin für die angegebene Region normal. Der Akzent wäre wohl für die ukrainische als auch für die russische Seite typisch. (Quelle)

4.) Was jedoch bestätigt werden kann:
Am Wochenende vom 26. bis 27. März waren ukrainische Streitkräfte in der Nähe von Malaya Rohan, im Dorf Vilkhivka, das 5,6 Kilometer entfernt ist. Dazu gibt es ein Video, das online gestellt wurde. Es handelt sich dabei um eine Gruppe der Nationalkorps.
BBC kontaktierte Konstantin Nemichev, den Leiter des Nationalkorps in der Region Charkiw. Er sagte, seine Truppen behandelten Gefangene „menschlich“ und leugneten jeglichen Zusammenhang mit dem Video der angeblichen Schießereien in der Molkerei. (Quelle)

Ebenso wird von n-tv bestätigt, dass es Berichte über Kampfhandlungen in der Nähe von Charkiw rund um das Veröffentlichungsdatum des Videos gibt und dass ein Ort von den ukrainischen Streitkräften wieder eingenommen wurde. Bei den russischen Kriegsgefangenen könnte es sich laut n-tv um die Gefangenen aus dem Video handeln. Mit Sicherheit lässt sich das aber nicht feststellen. (Quelle)

Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Letztlich ist es schwierig festzustellen, ob das Video echt oder unecht ist.  In jedem Fall sind die Handlungen, die dort zu sehen sind – vorausgesetzt, sie haben so stattgefunden –, Kriegsverbrechen. Von welcher Seite diese ausgehen, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.

Was passiert jetzt?

Die ukrainische Regierung wurde aufgefordert, Stellung zu den grausamen Szenen zu nehmen.
Oleksiy Arestovych, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, sagte in einem Interview, das am Sonntag auf YouTube veröffentlicht wurde: „Die Regierung nimmt dies sehr ernst und es wird eine sofortige Untersuchung geben. Wir sind eine europäische Armee. Wenn sich herausstellt, dass dies wahr ist, ist dies ein absolut inakzeptables Verhalten.“ Ob das Video echt ist oder nicht, dazu äußerte er sich nicht. Im Text zum Video schreibt er: „Dieses Video wird geprüft: Ist es gefälscht oder nicht? Wenn es sich nicht um eine Fälschung handelt, werden die Täter bestraft. Wenn es sich um eine Fälschung handelt, werden wir noch wachsamer sein. Fälschungen dieser und anderer Art sind bereits aufgetreten.“

Der Befehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Witalij Saluschnyj, sprach auf Facebook von einer russischen Fälschung. Auch CNN hat das ukrainische Verteidigungsministerium um einen Kommentar gebeten. Als Antwort schickte das Ministerium CNN eine Erklärung des Chefs der Streitkräfte, Valerii Zaluzhnyi. Die Erklärung bezieht sich nicht direkt auf den Vorfall, sondern darin heißt es allgemein: „Um die ukrainischen Verteidigungskräfte zu diskreditieren, filmt und verbreitet der Feind inszenierte Videos, die die unmenschliche Behandlung von ‚russischen Gefangenen‘ durch angebliche ‚ukrainische Soldaten‘ zeigen.“ (Quelle)

Die Leiterin der UN-Mission zur Beobachtung der Menschenrechte in der Ukraine, Matilda Bogner, sagte, sie sei „sehr besorgt“ und bestätigte, dass das Video untersucht werde. Die Behörden beider Seiten müssten in solchen Fällen eine „vollumfängliche Untersuchung der Vorwürfe leisten“. (Quelle)

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Quellen: BBC, n-tv, CNN, FAZ.net


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