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Werden in der Schweiz alte Menschen nicht mehr gegen COVID-19 behandelt? (Faktencheck)

Ralf Nowotny, 4. November 2020
Werden in der Schweiz alte Menschen nicht mehr gegen COVID-19 behandelt? (Faktencheck)
Werden in der Schweiz alte Menschen nicht mehr gegen COVID-19 behandelt? (Faktencheck)

Ein Tweet über die Triage-Richtlinien in der Schweiz entsetzt viele. Wir beleuchten, was es damit auf sich hat.

Zu einem Tweet, der auch auf Twitterperlen erschien, bekamen wir Anfragen: Sehen die Triage-Richtlinien in der Schweiz vor, dass Personen über 85 Jahre keinen Krankenhaus-Platz in der Intensivmedizin bekommen, wenn sie an COVID-19 erkrankt sind, auch wenn die Prognose gut ist?

Die Triage-Richtlinien in der Schweiz, Quelle: Twitterperlen
Die Triage-Richtlinien in der Schweiz, Quellen: Twitterperlen, Twitter

Einige Menschen haben nicht begriffen, dass ihre Grosseltern die 2. Welle nicht überleben werden. Die Triage-Richtlinien in der Schweiz sehen vor, dass Personen über 85 (+ Leute über 75 mit Vorerkrankung) keinen ITS-Platz bekommen. Egal ob die Prognose sehr gut oder schlecht ist.“

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UPDATE 6.11.2020

Die Richtlinien für die Triage bei Ressourcenknappheit auf Intensivstationen sind am 4. November aktualisiert worden. Nähere Infos weiter unten.


Was sind die Triage-Richtlinien?

Das Wort „Triage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet in der Medizin zumeist die Einteilung der Verletzten (z.B. nach einer Katastrophe) nach der Schwere der Verletzungen.

Ziel einer Triage, welche 1792 von dem französischen Chirurg Freiherr Dominique Jean Larrey während der Napoleonischen Kriege entwickelt wurde, war es ursprünglich, Soldaten möglichst schnell wieder fit für den Kampfeinsatz zu machen – weswegen einer der Grundlagen ist, nicht die am Schwersten verletzten zu behandeln, sondern die, bei denen eine Heilung am Schnellsten ging.

Im Bezug auf COVID-19 bedeutet es die schwere Entscheidung für Ärzte, welche Patienten behandelt werden sollten und welche nicht, was im Konflikt mit den Prinzipien der heutigen Medizin steht, in der Schweiz allerdings bald Anwendung finden könnte.

Die Triage in der Schweiz

Wie Watson berichtet, werden die Intensivbetten in der Schweiz ohne weitere Massnahmen nur noch zehn Tage ausreichen. In der Schwyz, Solothurn oder Freiburg seien die Intensivbetten bereits jetzt schon zu über 90 Prozent belegt.

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften legte dafür nun Richtlinien vor, welche unter anderem besagen:

„Bei der Aufnahme auf die Intensivstation haben diejenigen Patienten die höchste Priorität, die am meisten von der Intensivbehandlung profitieren.“

Dies sagt nun nichts direkt über das Alter aus, denn bezüglich des Grundprinzips des Diskriminierungsverbots dürfen Patienten aufgrund ihres Alters alleine nicht abgewiesen werden.

Auszug aus den Richtlinien, Quelle: SAMW
Auszug aus den Richtlinien, Quelle: SAMW

Die Praxis jedoch dürfte also aussehen, dass Personen mit mittelschwerer Demenz oder schweren chronischen Erkrankungen wahrscheinlich keine Behandlung mehr bekommen können.

Das Alter ist also kein Kriterium, in der Praxis ist es aber so, dass ältere Menschen häufiger und schwerer an COVID-19 erkranken, die Erfolgsaussichten auf eine Heilung eher gering ist – Das Alter ist somit schon ein Kriterium bei der kurzfristigen Bewertung der Sterblichkeit.

Allerdings wird dabei auch stark der Wille des Patienten berücksichtigt, denn viele ältere Menschen möchten lieber daheim sterben als in einem überfüllten Krankenhaus:

„Eine Rückkehr ins bisherige Lebensumfeld wird nicht von allen Patienten gewünscht. Es ist zu vermeiden, dass einerseits lebenswillige Patienten aufgrund ihres Alters diskriminiert und andererseits lebensmüde am Sterben gehindert werden.“

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UPDATE Richtlinien aktualisiert!

Das Dokument wurde unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen bzw. Rückmeldungen, die seit März gemacht wurden, aktualisiert.

Eine entscheidende Veränderung gegenüber der Version von März 2020 betrifft die nationale Koordinationsstelle, die in der Zwischenzeit vom Bund geschaffen wurde. Sie soll die optimale Auslastung aller schweizweit vorhandenen intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten sicherstellen.

Eine wichtige Präzisierung betrifft das Alter. Wie in der Vorgängerversion gilt, dass dieses per se kein Triage-Kriterium darstellt. Dasselbe gilt auch für eine Behinderung oder eine Demenz. Solche Faktoren können aber ein Indiz sein für den körperlichen Allgemeinzustand einer Person. Um dies besser bewerten zu können, berücksichtigen die Richtlinien neu die Fragilität (engl. Frailty). Die 9-stufige und validierte «Clinical Frailty Scale» bietet eine zusätzliche Hilfestellung.

Darüber hinaus haben Rückmeldungen diverser Fachorganisationen dazu geführt, dass die Liste mit Triagekriterien (Ziff. 4.3. und 4.4.) zusätzliche Punkte bezüglich Aufnahme oder Nichtaufnahme auf die Intensivstation umfasst.

Quelle: SAMW Newsletter – Richtlinien für Triage bei Ressourcenknappheit auf Intensivstationen sind aktualisiert
Auch lesenswert: SRF – Nach Kritik: Neue Triage-Richtlinien für ältere Covid-Patienten

Fazit

Eine Triage betrifft nicht nur COVID-19 Patienten, sondern alle Patienten, die einen Platz auf einer Intensivstation benötigen. Ziel ist es, möglichst viele Menschenleben zu retten und möglichst wenig Todesfälle zu haben.

Sollte die Prognose also gut sein, werden auch Menschen über 85 Jahre aufgenommen, das Alter alleine ist kein Entscheidungskriterium.

Im schlimmsten Fall kann es aber dann tatsächlich soweit kommen, dass ältere Menschen, die behandelt werden wollen, aufgrund schlechter Erfolgsaussichten nicht in ein Krankenhaus aufgenommen werden können.

Weitere Quellen: Quarks, SAMW, Der Bund

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