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Donnerstag, 29 Juli 2021
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Kernteil – Psychologische Auswirkungen [Titelthema Lockdown]

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Wie sieht die psychologische Komponente aus? Wir alle gehen unterschiedlich mit der Situation im Lockdown um. Es gibt Menschen, die reiben sich auf, andere sehen ihre Lage entspannt.

Wir treffen also auf unterschiedliche subjektive Eindrücke zum Lockdown. Wir haben mit verschiedenen Menschen gesprochen, die uns ihre Gefühlslage geschildert haben. Marcus aus Wien erzählt uns, er habe keine Probleme derzeit. Er sei froh, wenn er keine sozialen Verpflichtungen habe und keine Menschen sehen muss. Das mache ihn viel entspannter und gelassener. Viele Sozialkontakte kosten ihn Energie. Das war aber auch vor den Coronamaßnahmen schon so.

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Auf der anderen Seite schildert uns Tim aus Hagen, dass er recht stark unter der Situation leide. Er könne sich nicht ablenken und seine Einsamkeit fühlt sich noch tiefer an. Zudem trägt er eine ohnmächtige Wut in sich. Eine schlimme Wut, wie er sagt. Schlimme Wut und Verzweiflung gegenüber Menschen, die mit ihrem Verhalten direkt sein Leid verlängern, weil sie sich dumm verhalten. Er fühlt sich machtlos, weil er sein Schicksal nicht mehr in der Hand hat. Für Tim, so gesteht er uns, ist das richtig übel.

Tanja aus Kärnten hat hingegen ihren Weg gefunden, mit den Einschränkungen umzugehen. Ihrer Aussage nach leidet sie psychisch relativ wenig. Sie sieht sich als flexibel an! Dazu gehöre auch, dass sie die Situation für sich anpasst und nutzt. Sie geht gerne in die Natur und malt. Dadurch verspürt sie wenig Belastung! Auch ihr Job als Assistenz für Menschen mit Behinderung ist krisensicher. Doch sie gibt an, dass sie unter einer Sache leidet! Genauso wie Tim stört sie die Unverantwortlichkeit und der Egoismus vieler Leute.

Doch wie sieht es bei Jugendlichen aus? Vincent aus Unna beschreibt ein eher düsteres Bild seiner Situation. Für den Heranwachsenden steht seit einem Jahr alles still, und er leidet sehr. Keine Zukunftsperspektive, ziemlich viele Downs. Damit dürfte er nicht allein stehen, denn gerade die Abschlussjahrgänge unterliegen einem besonderen Stress, da sie keinen durchgehenden Regelunterricht hatten. Und das seit bereits knapp einem Jahr! Genau das spiegelt sich auch in Vincents Motto „Shit Corona“ wieder.

In unseren kurzen Gesprächen sind wir auf Aussagen getroffen, die unterschiedlicher nicht sein können, jedoch gibt es eine klare Tendenz. Die meisten Menschen sehen eine Belastung in den Einschränkungen. Die Freizeit vieler Menschen besteht normalerweise darin, mobil und unterwegs zu sein. Wir treffen Freunde, gehen aus, nutzen die Gastronomie und kulturelle Angebote. Das fällt aus. Gerade die Kultur- und Gastrobranche ist am Boden, worauf wir jedoch in diesem Artikel nicht weiter eingehen können.

Selbst wenn wir durch Zufall Personen treffen, halten wir Abstand. Teilweise tragen wir dabei sogar auch eine Maske. Umarmungen entfallen in den meisten Fällen. Daher fühlt es sich an, als ob die Zeit in Wochen und Monaten nur so daher rauscht. Es gibt keine wirklichen Highlights. Freude auf den Urlaub? Auf das große Fest? Die Abschlussfeier? Diese Freude können wir uns derzeit nicht gönnen.

Es hat auch seine Gründe, warum wir unterschiedlich mit der Situation umgehen. Menschen gehen natürlich unterschiedlich mit den Maßnahmen um. Hier steht für uns die Frage im Raum, welche Auswirkungen ein Lockdown, so wie er in Österreich und in Deutschland praktiziert wird, auf die Psyche der Menschen hat.

Die Auswirkungen

Daher steht am Anfang die einfache Frage: Hat ein Lockdown Auswirkungen auf unsere Psyche? Ganz klar „Ja!“ sagt der Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek. Die Maßnahmen, zu denen besonders ein Lockdown gehört, beeinflussen uns alle. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir leben normalerweise auch von sozialer Interaktion, wir leben ebenso von dem Zuspruch, den wir dort erhalten. Und Kommunikation ist viel mehr, als nur der Austausch von Emotionen. Es geht immer auch um Austausch von Beziehungsebenen. Diese partnerschaftlichen Ebenen finden in der Familie, aber auch unter Kollegen oder Freunden statt.

Natürlich sind die Auswirkungen abhängig von der Persönlichkeit einzelner Personen. Manche kommen tatsächlich ganz gut zurecht. Sie befinden sich beispielsweise eher in Lebensumständen, die sie ein Lockdown gar nicht so stark spüren lässt. Sie haben genügend Freiraum und müssen sich nicht so einschränken wie andere, die vielleicht in kleinen beengten Wohnverhältnissen wohnen und zudem sogar mit mehreren Personen eine Wohnung teilen müssen. Hier kristallisiert sich auch ein Stadt-Land-Gefälle, welches zu Beginn des ersten Lockdowns in Österreich sehr deutlich wurde. Im März 2020 waren in Österreich sogar die Parks gesperrt, sodass gerade Menschen in größeren Städten die Einschränkungen wesentlich härter gespürt haben, als Menschen auf dem Land. Ein großes Haus, ein eigener Garten und vielleicht sogar Wald und Feld nebenan mildern das Gefühl des Eingesperrtseins deutlich.

Und auch wenn wir im Lockdown wesentlich mehr Zeit füreinander haben, so findet in dieser Mehrzeit jedoch weniger inhaltlicher Austausch statt. Wir erleben einfach weniger, sodass wir gemeinsam kommunizieren können. Durch diesen geringeren Austausch bahnen sich Konflikte schneller an. Diese bahnen sich auch deswegen schneller an, weil wir Teile der eigenen Unzufriedenheit (daneben mitunter auch das Handeln des anderen) projizieren, und dann geraten wir in einen Teufelskreis von wechselseitigen Vorwürfen. Ein vernünftiges Ventil dafür bleibt aus, denn wir haben uns eben „nichts Neues“ zu sagen und können nicht einfach erlösende Handlungen wie „einfach mal eben zusammen ausgehen“ anwenden.

Darüber hinaus gibt es auch Personen, die eine Tagesstruktur brauchen. Eine Berufstätigkeit schafft diese Struktur. Aufstehen, aus dem Haus oder der Wohnung gehen und sich dann zeitlich klar umgrenzt einer Tätigkeit widmen können. All das fällt im Moment für viele weg. Psychologe Bartoschek sieht aber auch Gefahren für andere Gruppen. Menschen mit Depressionen oder bipolaren Störungen fehlt in Form der Tagesstruktur eine wichtige Komponente. Diese Menschen leiden nochmals anders und erschwert unter der Situation.

Schwerpunkt Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche leiden auf unterschiedliche Art und Weise. Dies ist auch abhängig von der Altersgruppe und der sozialen Entwicklung. Ein Kind im Vorschulalter oder Kita-Alter verarbeitet einen Lockdown anders als Grundschulkinder.

„Kita-Kindern fehlt die Möglichkeit, soziales Verhalten auszuprobieren, zu erlernen und von Altersgleichen vernünftig gespiegelt zu bekommen“, gibt Bartoschek zu bedenken. Kinder entwickeln ihre eigene altersgerechte Konfliktstrategie, die sie jedoch mit Gleichaltrigen messen müssen. Unter ungleich-alten Geschwistern zeigt sich dieses Problem besonders, da deren Konfliktstrategien nicht kompatibel zueinander sind und somit am Ende in Heulen und Schreien enden. „Ihnen fehlt der Sparringspartner, um soziales Verhalten auszuprobieren und zu erlernen“, so Bartoschek. Ganz konkret finden sich diese sozialen Sparringspartner in gleichaltrigen Gruppen und Klassen und bilden somit die Spielpartner für das soziale Miteinander im Verbund.

Doch auch Jugendliche sind nicht von der Problematik ausgenommen, denn ein Lockdown hemmt ihre natürliche Entwicklung. Das Gruppenidentitätsgefühl ist immer ein sehr wichtiger Faktor in der Jugend. Psychologin Kronberger beschreibt gegenüber uns, dass Jugendliche in dieser Phase am „Erwachen” sind und sich auf einer ersten vorsichtigen Partnersuche befinden. Diese Erfahrungen und Gefühle können derzeit nur eingeschränkt gelebt werden. Jugendliche kommen zwar durchaus gut mit Onlinemedien klar, jedoch ersetzen Messenger, Teamspeak und Chats keine realen gemeinsam erlebten Sachen. „Gemeinsam die Welt erobern! Das machst du eben nicht online, sondern dafür musst du letztlich rausgehen”, gibt der Kinder- und Jugendpsychologe Bartoschek zu bedenken.

Keine Perspektiven!

Doch es geht nicht nur um die Isolation oder um fehlende soziale Interaktionen. Denn daneben stellt der Lockdown und die unsichere Situation in der Coronapandemie uns alle vor eine besondere Herausforderung. Dieser Lockdown ist in dem Sinne nichts Stabiles, teilt uns Mag.a Marion Kronberger mit. Kronberger ist die Vizepräsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen. Der Lockdown und die Maßnahmen verändern sich ständig. Was wir gestern noch in Aussicht gestellt bekommen haben, kann morgen wieder anders sein. Wir Menschen brauchen Ziele. Wir sind zwar sehr gut in der Lage, Dinge über eine längere Zeit gut auszuhalten. Dennoch müssen wir eine Perspektive haben. Doch die gibt es während der Pandemie nicht. „Wir müssen uns halt immer wieder auf etwas Neues einstellen und vor allem auf Dinge, die uns einengen”, gibt Kronberger zu bedenken.

Natürlich hat ein Lockdown auch Auswirkungen auf Beziehungen und sowieso auf das Familienleben. Singles haben es deutlich schwerer, derzeit jemanden kennenzulernen. Der Kontaktbereich ist auf Social Media beschränkt und wir alle wissen, wie schwer dieses Pflaster ist. Dementgegen sind Familien jedoch eher zusammengerutscht, zumindest dort, wo es gut läuft. Dennoch erzeugt die „erzwungene” Enge eine hohe Anspannung und führt durchaus zu Konflikten. Wenn dann noch finanzielle Schwierigkeiten durch Kurzarbeit oder Jobverlust wie ein Damoklesschwert im Raume hängen, macht das natürlich enormen Druck.

Nicht zuletzt sind aber auch Kinder betroffen. Kinder lernen in der sozialen Gemeinschaft. Sie brauchen den Austausch mit Freunden, sie brauchen den Kontakt. Sie lernen sowohl voneinander als auch miteinander. Abgesehen vom Lernstoff, der über ungewohnte Wege transportiert wird, fehlt auch das soziale Miteinander. Dadurch ist Kindern ein wichtiger Aspekt ihrer Entwicklung genommen. Psychologin Kronberger geht davon aus, dass wir erst in der Zukunft sehen werden, was das für Auswirkungen hat. Dabei geht es nicht nur um die fehlenden Sozialkontakte, sondern auch um die Anweisung zur bewussten Kontaktvermeidung. Wie fasst ein Kind es auf, verpflichtend einen Abstand einhalten zu müssen? Das teils sogar gegenüber nahen Verwandten wie den Großeltern? Natürlich macht das etwas mit einem Kind, wenn es mit diesem Gedanken aufwachsen muss. Dennoch zeigt sich Kronberger in unserem Gespräch zuversichtlich. Dieses Problem wird zwar für diese Generation ein Thema sein (so wie jede Generation ihre Probleme zeigt), dennoch wird es auch dafür Lösungen geben.

Probleme der Gewalt und Alkohol

Wir dürfen hier nicht vergessen, dass in der isolierten Zeit auch weitere Probleme entstehen. Ganz wichtig ist hier der Blick auf häusliche Gewalt und den Alkoholkonsum. Häusliche Gewalt als augenscheinlich höchste Form dessen, was schiefgehen kann während eines Lockdowns. Sebastian Bartoschek spricht uns gegenüber an dieser Stelle von einem Paradoxon. „Wir haben weniger Meldungen bei gleichzeitig aber der klaren Annahme oder Beobachtung, dass die Spannungen in Familien größer werden.” Das spricht nach Ansicht des Psychologen dafür, dass sich an dieser Stelle zunehmend ein blinder Fleck entwickle.
Daneben gibt es einen deutlichen Prozess der schleichenden Verharmlosung von Alkohol. Viele Menschen berichten im Lockdown, dass sie sich abends ihr Glas Wein oder Bier gönnen, aber es häufig dann nicht dabei bleibt. Der Alkohol füllt die Leere aus, die in der aktivitätslosen Zeit zu Hause entstanden ist. Die Probleme aus erhöhtem Alkoholgenuss müssen wir an dieser Stelle nicht weiter erörtern. Am Ende können diese Effekte sogar Hand in Hand gehen. Eine erhöhte Frustration, (Existenz-)Angst, Alkohol. Zusammen können diese bei stetig sinkender Toleranzgrenze in Gewalt münden.

Daher müssen wir sehr sensibel bei Alarmsignalen werden, aber auch zuhören, wenn jemand einen Alarm vermeldet. Doch dazu später mehr.

Die gesellschaftliche Ungerechtigkeit

Neben Gewalt und Kontrollverlust spielen aber auch gesellschaftliche Unterschiede im Lockdown eine Rolle. Abgesehen von der bereits beschriebenen Tatsache, dass ein Lockdown auf dem Lande sicherlich einfacher in Bezug auf den Ausgang zu bewältigen ist, spielen auch sozioökonomische Umstände eine Rolle. Um es deutlich zu sagen, haben es Kinder aus bestimmten sozioökonomischen Milieus schwerer. Sie haben größere Probleme, sich jetzt überhaupt wichtige Bildung anzueignen. Das Distanz-Lernen ist ja schön und gut, nur was hilft es, wenn kein Rechner zur Verfügung steht oder sich mehrere Kinder einen Rechner teilen müssen. Distanz-Lernen setzt vorhandene Hardware voraus. Das beginnt mit Rechner, Kamera für die Onlinekonferenz und erstreckt sich über einen Drucker, mit dem Kinder sich Arbeitsblätter ausdrucken sollen. Die Versorgung mit solchem technischen Equipment über die offiziellen Stellen läuft hingegen sehr schleppend. Guter Wille mag zwar vorhanden sein, aber wenig praktische Umsetzung ist da.

Des Weiteren ist guter Online-Unterricht auch abhängig von Lehrerinnen und Lehrern, die dieses Prinzip verstehen und verinnerlichen. Und natürlich klappt dieser Unterricht eben da besser, wo hoch engagierte LehrerInnen arbeiten. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass wir bereits ein Bildungssystem haben, das an vielen Stellen ungerecht ist. Durch den Lockdown werden diese Effekte nur verstärkt.

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Symbolbild „Der Lockdown macht mich krank“ , Artikelbild Shutterstock / von Olga Fetisenkova


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