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Mittwoch, 27 Oktober 2021

Kernteil: Kritische Betrachtung [Titelthema Lockdown]

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Andre Wolf
MIMIKAMA Factchecker | Autor „Angriff auf die Demokratie" | Blogger des Jahres (mit Mimikama) | Pressesprecher bei Mimikama

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Fehlende Strukturen, nicht vorhandene Linien, sich ständig ändernde Situationen im Lockdown. Die Coronakrise ist nicht einfach.

Sicherlich, niemand von uns will mit entscheidenden Politikern und Politikerinnen tauschen. Dennoch liegt es an uns, konstruktive Kritik im Lockdown zu leisten und unseren gemeinsamen Weg durch die Pandemie zu erleichtern. Ein wichtiger Ansatz liegt schon einmal darin, Stabilität in unseren Alltag zu bringen.

Doch wie bekommen wir die nötige Stabilität?

Wie es Vincent im Vorfeld bereits ausgedrückt hat, fehlt ihm die Perspektive. Sätze wie „Licht am Ende des Tunnels” reichen einfach nicht, wenn gleichzeitig „Die nächsten 14 Tage sind entscheidend” mantraartig alle zwei Wochen gesagt werden.

Eine Bereitschaft, auch gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, aber dafür wieder Begünstigungen zu bekommen, ist schon da. Das haben wir im Frühjahr 2020 erkennen können, als sich Menschen im Kampf gegen das Virus beim ersten Lockdown in Österreich noch gegenseitig angefeuert haben. Aber da hat sich bis heute einiges geändert. Und das macht es dann doch schwierig. Wir halten uns gerne wo fest. Wir wollen auch gerne positive Effekte spüren, wenn wir dafür etwas Unangenehmes in Kauf nehmen müssen. Beispiel dazu wäre „Gehe testen, dann bekommst du bestimmte Vorteile.“ Das Problem beginnt jedoch, wenn die Vorteile durch härter werdende Maßnahmen wieder in eine gewisse Unglaubwürdigkeit fallen. Dann verschwindet der positive psychologische Effekt wieder. Darauf folgt dann ein gewisser Trotz: Warum soll ich mich an Maßnahmen halten, obwohl ich keinen Vorteil habe und danach noch stärkere Einschränkungen hinnehmen muss?

Das macht auch gesellschaftlich etwas mit uns. Es ist die große Frage nach der (gefühlt) ungleichen Behandlung. Wenn sich einige Menschen nicht an Maßnahmen halten, warum machen wir das dann alles eigentlich? Das sind Fragen, die immer wieder in die Diskussion geworfen werden und uns am Ende wohl auch noch beschäftigen, wenn die Pandemie vorbei ist.

Es geht um zwei verschiedene Ebenen der Perspektiven. Einerseits gibt es die kleinen Anreize, auch über ad hoc Belohnungsakzente. Anreize, die uns zu kleinen Schritten mobilisieren und teilweise auch völlig banal sind. In Israel bekommen Menschen beispielsweise ein Stück Pizza gratis, wenn sie zur Impfung gehen. Das ging quer durch die Medien (Beispiel: Zeit.de). ___STEADY_PAYWALL___ Sicherlich ist das lediglich eine Klein-Strategie, die Menschen zur Impfung bewegen soll. Das kennen wir bereits und haben beispielsweise beim Blutspenden einen ähnlichen Effekt. Dort gibt es dann Würstl, und es ist irgendwie schon ein vorteilhafter Effekt, wenn am Ende einer weniger angenehmen Geschichte etwas Positives kommt. Dadurch empfinden wir die Gesamtsituation nicht mehr so unangenehm. Für eine Impfstrategie können diese kleinen Belohnungen sicherlich ein Anreiz sein.

Wir sind gerne bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen, wenn wir wissen wofür! Langfristig sind es daher andere Dinge, die uns motivieren. Psychologin Kronberger ist sich in unserem Gespräch sicher, dass gewisse Freiheiten, die wir haben wollen, oder Schadensvermeidung, eine Perspektive sein können. Der Gedanke daran, dass die aktuelle unsichere Situation zeitlebens anhalten wird, würde uns sehr belasten. Wenn am Ende jedoch steht, dass du wieder deine Freiheit kriegst, wenn du alles mitmachst, dann kann das positiv wirken. Problematisch wird es jedoch dann, wenn trotz Einhaltung aller Regeln erneut Einschränkungen kommen, dann bricht die Perspektive.

Doch was ist diese Perspektive „Freiheit” eigentlich? Freiheit bedeutet für jeden etwas Anderes. Der eine möchte gerne wieder ins Gasthaus gehen oder sich mit Freunden treffen, der andere braucht Kulturveranstaltungen. Der nächste mag das Homeoffice nicht mehr und der Vierte möchte gerne (so wie die Meisten auch) wieder in den Urlaub fahren. Vielleicht auch Verwandte wieder unbesorgt treffen können. Mit dem Thema Freiheit verbinden wir individuell unterschiedliche Ideen.

Doch denkt die Politik an all das?

Vereinsamung und Eskalation sind Erfahrungen, die leider in der Natur des Lockdowns liegen. Doch werden diese Probleme eigentlich in der Politik ernst genug genommen? Diese durchaus subjektive Frage negieren die Psychologin Kronberger und der Psychologe Bartoschek uns gegenüber. Sicherlich liegt der Schwerpunkt derzeit auf dem Infektionsgeschehen und niemand hat vor, diesem Schwerpunkt seine Gewichtung abzuerkennen. Dennoch stehen die psychologischen Probleme im Schatten der infektiologischen Betrachtung. In Staaten wie Deutschland oder Österreich sollten die bisher kaum beachteten psychischen Probleme eines Lockdowns durchaus mehr Beachtung finden. Sebastian Bartoschek wird sogar noch deutlicher. In seinen Augen geschieht in Deutschland nichts, obwohl wir uns seit einem Jahr in dieser Situation befinden.

Anstatt Unterstützungsangebote hygienekonform auszuweiten, wurden sogar wichtige bereits bestehende Angebote ausgesetzt. Wir reden hier von Angeboten, die psychisch belastete Menschen bereits vor der Krise wahrgenommen haben. Selbsthilfegruppen und ihre Gesprächstreffen finden derzeit beispielsweise nicht statt. Dabei könnten auch diese mit entsprechenden Hygieneregeln gestaltet werden und somit Öffnungen auch im Lockdown gewährleistet oder zumindest tolerieren werden. „Selbsthilfegruppen können sich leider derzeit auch nicht treffen, obwohl ich deren Öffnung für deutlich sinnvoller halte, als die Öffnung von Friseuren” sagt Bartoschek uns gegenüber mit deutlichen Worten.

Wir haben also ein Problem! Der Mensch, seine Emotionen, seine Leiden stehen im Hintergrund. Das ist einerseits in gewisser Weise verständlich, da wir einen Virus bekämpfen wollen und somit drastische Mittel einsetzen müssen. Auf der anderen Seite lesen und hören wir in Medien und Politik allgegenwärtig, dass wir auch die Wirtschaft berücksichtigen müssen. Wirtschaft … Virus … Beides vergisst den Menschen an dieser Stelle!

Dabei gibt es Möglichkeiten, um Menschen ein Betreuungsangebot reichen zu können. So wie auch innovative Ideen. Was Kinder und Jugendliche angeht, hätte mit ein wenig Geld beispielsweise der freizeitpädagogische Bereich über Videoplattformen und Onlinelösungen bedient werden können. Sicherlich gibt es das bereits vereinzelt, aber eben nicht großflächig und zentral gesteuert. Es sind nun mal mittlerweile knapp 12 Monate ins Land gegangen, in denen die Regierungen Deutschlands oder Österreichs eine Reihe flankierender psychologischer Angebote hätte schaffen können.

Damit wäre zumindest den Leuten signalisiert „Du bist nicht allein!” Bartoschek geht in seinem Feedback noch einen Schritt weiter. „Ich hätte mir gewünscht, dass man von Seiten der Bundesregierung öfter in den Bundespressekonferenzen Psychologen zu Wort kommen lässt. Oder meinetwegen auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.” Damit wäre zumindest die Not der Menschen am Rande thematisiert und nicht völlig außer Acht gelassen.

Die Kommunikation seitens der Politik ist enorm wichtig. Gute Aufklärung und Erklärungen sind wichtig. Der Aufbau eines Gemeinschaftsgefühls anstatt Angst. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Denn spätestens dann, wenn die Angst verschwindet, sinkt die Bereitschaft, etwas zu tun. Sprich: Angst motiviert zwar für den Moment sehr stark, bei Gewöhnung und Abbau der Angst verschwindet diese Motivation jedoch. Sicherlich falsch wäre es daher, mit weiteren Ängsten zu versuchen, die Motivation aufrechtzuerhalten. Viel wichtiger ist ein gemeinsames Vorgehen, aber auch möglichst viele Fakten. Es ist sicherlich auch kein Fehler zu sagen, wir alle sind in dieser Situation neu. Wir alle machen Fehler und lernen. Und die getroffenen Entscheidungen sind eben jene Entscheidungen, die für genau den Moment sich als gut darstellen.

Was tun, wenn die Probleme eskalieren?

Zunächst ist es wichtig, die Probleme anderer zu erkennen und auch darauf einzugehen. Natürlich gibt es gewisse Alarmsignale. Wenn sich jemand stärker als sonst zurückzieht und nicht mehr erreichbar ist. Oder nur mit kurz angebundenen Antworten reagiert. Dann ist Aufmerksamkeit angebracht.

„Rückzug, wenig Kommunikation, Interessensverlust, Schlafstörungen, fehlender Tag-Nacht Rhythmus, aber auch fehlende Strukturen” nennt Marion Kronberger die Alarmsignale. In diesen Fällen sollten wir das Gespräch mit den betroffenen Personen suchen und Kontakt anbieten. Doch Vorsicht, Gespräche anbieten ist das eine, jedoch sollte nicht unbedingt gleich das Thema problematisieren und Aufforderungen oder gar Ratschläge geben. Vielmehr ist es wichtig, einfach einmal zu fragen, wie es der Person geht und ihr vor allem zuzuhören. Im Ernstfall kann es wichtig sein, der betroffenen Person den Rat zu professioneller Hilfe zu geben.

Aber auch im umgekehrten Fall ist es wichtig, bei Problemen ein offenes Ohr zu bieten! Wenn jemand ganz offen Probleme äußert, ist es nicht so gut, beschämt wegzuschauen. Es wäre falsch, sich der Situation zu entziehen und darauf nicht eingehen zu wollen. Bartoschek meint dazu, dass wir jetzt in einer Phase sind, wo wir genau aufeinander schauen sollten und auch mehr nachfragen sollten, aber auch mehr zuhören sollten, wenn Menschen Befindlichkeiten äußern, und was einen selbst angeht. Wir dürfen auch nicht vergessen: Es ist keine gute Strategie, die Probleme anderer als weniger wichtig zu beachten. Das Leid anderer Menschen dadurch abwerten, weil man selber im Moment leidet, ist nicht der richtige Weg.

„Es braucht uns als Gesellschaft einfach, um dieses Virus einzufangen!” sagt Marion Kronberger an dieser Stelle sehr deutlich.

Schnelle Hilfe auch im Lockdown?

Ganz wichtig: Wir dürfen keine Scheu davor haben, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach Aussage von Psychologin Kronberger wissen wir zwar immer, wenn uns etwas wehtut, dass der Körper ein Problem hat. Wir achten aber sehr wenig darauf, wenn unsere Psyche leidet.

Wir glauben auch oft, dass das vorübergeht oder dass der Zustand kein echtes Problem sei. Dann tauchen Sätze und Vorwürfe auf, dass man sich doch nur bemühen und anstrengen müsse. Doch dahinter steckt eine Problematik, die sich in der jetzigen Zeit sehr gut erklären lässt. Denn all diese Belastungsfaktoren im Lockdown, die wir so nicht in einer normalen Lebenssituation hätten, bedeuten für den Einzelnen oft dramatische Einschnitte, die wir mit unserer Psyche auch aushalten müssen.

Daher ist es wichtig, durchaus auch Hilfe in Anspruch zu nehmen, um nicht später mit psychischen Erkrankungen kämpfen zu müssen. Mit dieser Hilfe kann das verhindert werden und zudem tut ein wenig Unterstützung ganz gut, um wieder in die Spur zu kommen oder sich einfach nur wohlzufühlen. Auch in den Familien, wenn es sehr viel Konflikte gibt, ist Hilfe sicher sinnvoll. Niemand von uns muss das selber aushalten. Entlastung ist hier ein wichtiges Stichwort, mit der in schwierigen Familiensituationen, die durch die Krise entstanden sind, Konflikte gelöst werden können.

„Hört einander zu, achtet aufeinander und haltet in Gesprächen auf Dinge Ausschau, die für euch in dem Moment unangenehm sind zu hören!” sagt Sebastian Bartoschek. Mit einem Lachen fügt er hinzu, obwohl er es sehr ernst meint „Ganz banal: Seid lieb zueinander!
Das ist momentan wichtiger denn je bei all dem Hass, all den negativen Sachen, die wir erleben.”

Psychische Krankheiten wirken immer wieder wie ein Stigma. Das ist natürlich sehr belastend und auch eine falsche Sichtweise. Dennoch scheuen sich viele Menschen, bei psychischen Problemen Hilfe zu nutzen. Daher wäre es zumindest ratsam, niederschwellige Angebote wahrzunehmen. Diese Angebote sind meist Rufnummern, über die einfach nur über Probleme oder Konflikte geplaudert werden kann. Ganz ohne irgendwelche Diagnosen oder Urteile.

Es gibt in Österreich beispielsweise Notrufnummern, die rund um die Uhr von hunderten Ehrenamtlichen besetzt sind. Ein Beispiel ist hier die Telefonseelsorge mit der kostenfreien Rufnummer 142. Hier stellt sich nicht die Frage, ab welcher Situation dort angerufen werden kann, sondern eher wo die Scheu liegt, nicht anzurufen. Die Telefonseelsorge schreibt dazu:

Es gibt Menschen, die sich in einer akuten Krisensituation befinden und Entlastung suchen. Andere AnruferInnen leiden unter Einsamkeit, fühlen sich alleine gelassen oder leben in einer belastenden Partnerschaft. Häufig veranlassen Alltagsprobleme, Ängste, Erziehungsfragen, Generationenkonflikte, Krankheit, Trauer, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen, Menschen in der TelefonSeelsorge anzurufen.
Grundsätzlich gilt: Ihr Anliegen ist uns wichtig!

Aber auch der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen hat eine solche Rufnummer. Hier wird ganz konkret auf psychologische Beziehungen und Krisen eingegangen. Die Rufnummer 01 504 800 ist ebenfalls kostenfrei.

Hilfe auch im Lockdown
Hilfe auch im Lockdown

In Deutschland gibt es ebenfalls das Angebot der Telefonseelsorge. Mit dem Telefon ist diese Hilfe unter 0800 / 111 0 111, sowie 0800 / 111 0 222 oder 116 123 erreichbar. Sie ist ebenfalls rund um die Uhr erreichbar und kostenfrei. Die Telefonseelsorge ist auch anonym und taucht auf keiner Rechnung auf. Darüber hinaus gibt es in Deutschland den ärztlichen (psychiatrischen) Bereitschaftsdienst. Dieser hat die bundesweite Rufnummer 116 117.

Für Jugendliche gibt es sowohl in Deutschland, aber auch in Österreich spezielle Rufnummern. Die Nummer gegen Kummer lautet 116 111 und ist montags bis samstags von 14 Uhr bis 20 Uhr erreichbar. Sie ist anonym und kostenlos in ganz Deutschland. In Österreich ist „Rat auf Draht” für Kinder, Jugendliche und auch deren Bezugspersonen unter der Notrufnummer 147 erreichbar.

Symbolbild „Der Lockdown macht mich krank“ , Artikelbild Shutterstock / von Olga Fetisenkova

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