Selberdenken? Ja. Aber bitte auch bei den Fakten bleiben!

Andre Wolf, 16. August 2021
Artikelbild Selberdenken: Von ChristianChan / Shutterstock.com
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Selberdenken. Das ist oft das ultimative Argument, wenn es um haltlose Aussagen und Thesen geht.

Es ist ein Zauberwörtchen, das in Social Media Diskussionen immer wieder auftaucht. Es soll einen Bedeutungsrahmen erschaffen. „Die dummen Gläubigen einer Mainstream-Wissenschaft“ gegenüber den klugen Hinterfragenden, die selber denken. Doch ist das wirklich so? Der  Physiker und Wissenschaftspublizist Florian Aigner hinterfragt auf Facebook dieses  „Selberdenken“ Es geht bei dem Thema nicht um Meinungen, sondern um ernsthaft betriebene Wissenschaft. Aigner schreibt:

Was ich in der Querdenker-Community wahrnehme: Eine massive Überschätzung dessen, was ein einzelner Mensch leisten kann, und ein Unverständnis darüber, dass Wissenschaft immer Gemeinschaftswissen ist. Ich glaube, hier gibt es ein großes Missverständnis.
„Ich höre nicht auf Autoritäten, ich denke lieber selber“, das höre ich oft, speziell von Impfgegnern. Und das ist grundsätzlich ja wunderbar und lobenswert. Nichts daran ist falsch – wenn man es richtig macht. „Selber denken“ ist gut, aber es ist sinnlos, bei null anzufangen. Manche Dinge weiß man schon, auf denen muss man aufbauen. „Selber kochen“ heißt auch nicht, neu zu testen, ob man Steine essen kann und ob Schwefelsäure eine gute Soße ist. Wir nutzen bereits bekanntes Wissen.
Niemand kann durch „selber denken“ den Rest der Wissenschaft aushebeln. Das hat noch niemand gemacht. Auch nicht Revolutionäre wie Galileo oder Einstein. Alle Revolutionen haben das bisherige Wissen in das neue Denken miteinbezogen. Dafür muss man es aber erst mal verstehen.
Wenn man zusammenhanglos zurechtgebastelten Thesen aus wissenschaftlicher Sicht widerspricht, wird das oft als Arroganz ausgelegt: „Wie kannst du so sicher sein, ich habe halt eine andere Meinung! Und du sagst einfach, die sei falsch!“ Übersehen wird dabei: Wissenschaft ist nicht bloß die Meinung einer Person. Sie ist entstanden durch unzählige Menschen, die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte ihre guten Ideen zu etwas zusammengefügt haben, was stabiler und komplexer ist als jede Theorie, die im Kopf einer einzelnen Person Platz hat.
Wer mit großer Überzeugung die wissenschaftlich begründete Sichtweise verteidigt, handelt daher eben genau nicht arrogant. Es geht eben genau nicht darum, dass ich meine Meinung von vornherein als wertvoller einstufe als die Meinung eines Querdenkers. Um meine Meinung geht es nämlich überhaupt nicht – sondern um ein wissenschaftliches Gedankengebäude, errichtet nicht von mir, sondern von unzähligen Leuten, die darüber viel mehr wussten als ich. Erst dadurch entsteht Zuverlässigkeit.
Ich glaube, wir sollten diesen kollektiven, gemeinschaftlichen Aspekt der Wissenschaft stärker betonen. Dann wird klarer, warum simples einsames „Selberdenken“ nicht in der selben Liga spielen kann wie ernsthaft betriebene Wissenschaft.

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