Die schwangere Frau in Mariupol: Keine Crisis Actress!

Ralf Nowotny, 11. März 2022

Die russische Botschaft in Großbritannien behauptete, dass eine schwangere Frau in Mariupol nur blutig geschminkt sei und schauspielern würde.

Eine kleine Geschichte:
In einer Entbindungsklinik in Mariupol haben sich ukrainische Nationalisten verschanzt. Russland bombardiert die Klinik deswegen (obwohl behauptet wurde, keine zivilen Objekte zu bombardieren). Dann rennt eine hochschwangere Beauty-Bloggerin dort hin, schminkt sich blutig, lässt sich fotografieren, zieht sich um, schminkt sich nochmal blutig und lässt sich auf einer Bahre fotografieren.
Klingt unglaubwürdig? Das ist aber die Darstellung der russischen Botschaft in Großbritannien! Es handelt sich zudem nicht um dieselbe Frau auf den Bildern.

Die Behauptungen

Nach der Bombardierung einer Entbindungsklinik in Mariupol kursierte die Behauptung, dass sich dort ukrainische Nationalisten des sogenannten Azov-Bataillons verschanzt hätten, was bereits als Falschbehauptung entlarvt wurde (wir berichteten). Zudem existieren mehrere Fotos von schwangeren Frauen, die die Entbindungsklinik verlassen.
Auf Twitter behauptete die russische Botschaft, dass es sich um dieselbe Frau handeln würde:

Angeblich dieselbe Frau auf beiden Fotos
Angeblich dieselbe Frau auf beiden Fotos, Quelle: Twitter

Auf die Frage hin, ob sich denn die Mitglieder des Azov-Bataillons als schwangere Frauen verkleidet hätten, antwortet die russische Botschaft, dass die Frau tatsächlich schwanger sei, es sich aber bei beiden fotografierten Frauen um eine Beauty-Bloggerin handele:
Eine Beauty-Bloggerin als Crisis-Actress?
Eine Beauty-Bloggerin als Crisis-Actress? Quelle: Twitter

Diese Behauptung kursierte bereits kurz zuvor in sozialen Netzwerken, beispielsweise auf Facebook, die russische Botschaft übernahm diese Behauptung einfach ungeprüft:
Hier auch die Behauptung, sie sei eine Crisis-Actress
Hier auch die Behauptung, sie sei eine Crisis-Actress

Zudem sei die Beauty-Bloggerin namens Marianna Podgurskaya gar nicht zum Zeitpunkt der Bombardierung in der Entbindungsklinik gewesen, da das Azov-Bataillon alle Personen vorher aufgefordert hätte, das Gebäude zu verlassen.
Sie sei aber vorher blutig schminkt worden:
Die Behauptung, sie sei blutig geschminkt worden
Die Behauptung, sie sei blutig geschminkt worden, Quelle: Twitter

Der Faktencheck

Werfen wir einen Blick auf die verbreiteten Fotos, um zu überprüfen, ob es sich wirklich um dieselbe Frau, nämlich die Beauty-Bloggerin Marianna Podgurskaya, auf den Fotos handelt:

Die Bilder der Frauen im Vergleich
Die Bilder der Frauen im Vergleich

Während Bild 1 und Bild 2 dieselbe Frau ist, Marianna Podgurskaya, gut erkennbar auch an den Wunden im Gesicht, ist die Frau auf der Bahre (Bild 3) eine andere: Die Haare sind dunkler, die Augenbrauen kräftiger, andere Wunden, andere Kleidung.
Dies sind auch nicht die einzigen schwangeren Frauen. In einem Video der Associated Press über die Bombardierung der Entbindungsklinik sind noch mehr schwangere Frauen und Frauen mit Säuglingen zu sehen.

Fazit

Twitter hat die Tweets der russischen Botschaft in Großbritannien mittlerweile gelöscht, da sie gegen die Twitter-Regeln verstoßen haben (Verbreitung von Falschmeldungen):

Die Tweets wurden gelöscht
Die Tweets wurden gelöscht, Quelle: Twitter

Eine Ähnlichkeit zwischen der Beauty-Bloggerin und der Frau auf der Bahre ist nicht feststellbar. Rein logistisch wäre dies auch unsinnig, da sich gemäß Videoaufnahmen mehr als genug schwangere Frauen dort befanden, warum sollte dann eine Frau gleich zwei Rollen dort spielen?
Auch die Begründung der Botschaft, dass sie nur geschminkt sei, da sie ja schließlich Beauty-Bloggerin ist und deswegen wüsste, wie man sich Wunden schminken kann (Hinweis: Die Technik, sich Rouge aufzutragen oder eine Wunde zu schminken, sind dann doch recht unterschiedlich!) ist sehr an den Haaren herbeigezogen.
Die Behauptung, dass es sich bei der Frau um eine „Crisis-Actress“ handelt, ist somit falsch.


Weitere Quelle: Open, Forbes

 
 
 
 


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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
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