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Sanitäter-Video: Steigt das Infektionsrisiko für COVID-19 durch das Tragen eines Mundschutzes?

Claudia Spiess, 4. Mai 2020
Sanitäter-Video: Steigt das Infektionsrisiko für COVID-19 durch das Tragen eines Mundschutzes?
Sanitäter-Video: Steigt das Infektionsrisiko für COVID-19 durch das Tragen eines Mundschutzes?

Notfallssanitäter stellt auf YouTube Behauptungen auf, die das Tragen von Mundschutz in Frage stellt.

Sanitäter-Video: Steigt das Infektionsrisiko für COVID-19 durch das Tragen eines Mundschutzes? – Das Wichtigste zu Beginn:

In seinem Video stellt der YouTuber Behauptungen zum Tragen von Mundschutz auf, die er durch Studien belegt. Eine Recherche ergab nun, dass diese größtenteils falsch sind, die falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden.

„Wer Mundschutz trägt, steckt sich an!“

Der Notfallssanitäter Philipp Stehling betreibt einen YouTube-Kanal, auf dem er immer wieder Themen rund um die Gesundheit aufgreift. So nun auch zum Thema Coronavirus. Stehlings Videos haben im Schnitt weniger als 4.000 Aufrufe.

In einem Video mit dem Titel „Wer Mundschutz trägt, steckt sich an! Neue Studie!“ vom 8. April behauptete er nun, dass das Tragen eines selbstgenähten Mundschutzes sinnlos und auch gefährlich sei.
Stehling beruft sich in seinem Video auf einige Studien und sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken, höher ist, wenn man einen Mundschutz trägt.

Die Kollegen von Correctiv haben die Aussagen Stehlings nun unter die Lupe genommen. Ihre Recherchen zeigen, dass er wohl falsche Schlussfolgerungen aus den verschiedenen Studien zieht.

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Behauptung Nr. 1: Studie belegt, dass Mundschutz Coronaviren nicht aufhält

Stehling berichtet von einer Studie, in der COVID-19 Patienten untersucht worden wären, die die Viren durch ihren Mundschutz (chirurgisch und Baumwolle) hindurch husteten. Dazu muss man wissen, dass es sich um eine kontrollierte Studie mit nur vier Patienten handelte.

Die Patienten haben je fünfmal ohne Mundschutz, mit chirurgischem Mundschutz, mit einer Stoffmaske und anschließend nochmal ohne Mundschutz in eine Petrischale gehustet. Die Viruslast, die gemessen wurde, wich voneinander nicht sonderlich ab. Jedoch war das Ergebnis mit einem Stoff-Mundschutz bei zwei von vier Ergebnissen besser als mit einem chirurgischen Mundschutz.

Die Studienbetreiber schlossen die Studie mit folgender Aussage:

„Dieses Experiment beinhaltete keine N95-Masken und spiegelt nicht die tatsächliche Übertragung der Infektion durch Patienten mit Covid-19 wider, die verschiedene Arten von Masken tragen. Wir wissen nicht, ob Masken die zurückgelegte Strecke der Tröpfchen beim Husten verkürzen. Es sind weitere Studien erforderlich, um zu empfehlen, ob Gesichtsmasken die Übertragung des Virus von asymptomatischen Personen oder von Personen mit Verdacht auf Covid-19, die nicht husten, verringern.“

Der Infektiologe Bernd Salzberger vom Uni-Klinikum Regensburg gab gegenüber dem Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks an, dass die Studie die Unwirksamkeit von Masken nicht beweisen würde, da sie nicht mit einer realen Situation zu vergleichen war. Ein Mundschutz im Alltag soll vor allem helfen, Tröpfchen beim Sprechen aufzufangen.

Auch das Robert Koch-Institut stellte klar, dass nur filtrierende Halbmasken ab FFP2 und höher einen wirksamen Schutz vor den Viren bieten. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bestätigt dies in einer Übersicht.

Da lediglich vier Personen untersucht wurden, reicht diese Studie nicht, um eine Empfehlung auszusprechen.

Behauptung Nr. 2: Selbstgenähte Masken bringen keinen Vorteil

Hier bezieht sich Stehling auf eine weitere Studie, die bereits 2008 veröffentlicht, und mit der die Wirksamkeit selbstgenähter Masken untersucht wurde. Er selbst geht davon aus, dass diese keine Vorteile bringen, da die Meisten den Umgang mit Masken nicht gewöhnt und darin nicht geübt sind.

Die Studie, auf die er hier verweist, sollte beantworten, ob Masken im Fall einer Influenza-Epidemie „als zugängliche und erschwingliche Intervention“ Verwendung finden könnten.
In der Studie wurden selbstgemachte Masken aus Teetüchern, chirurgischer Mundschutz und filtrierende Halbmasken analysiert.

Das Ergebnis war, dass das Tragen von Masken sehr wohl wirksam wäre, auch, wenn es Abstufungen der Wirksamkeit gibt. Eine Rolle spielen hier die geübte Benutzung und auch die Art der Maske.

„Obwohl dies bedeuten könnte, dass einzelne Probanden aus Sicht der öffentlichen Gesundheit möglicherweise nicht immer optimal geschützt sind, kann jede Art der allgemeinen Verwendung von Gesichtsmasken immer noch die Virusübertragung verringern.“

Dass selbstgenähte Masken, wie von Stehling ausgeführt, keine Vorteile bringen, konnte somit nicht nachgewiesen werden. Die Vorteile wurden in der Studie eindeutig belegt.

Behauptung Nr. 3: Man wird schneller krank, wenn man eine Maske trägt

Stehling nennt eine Studie, die 2015 veröffentlicht wurde. Sie untersuchte den Gebrauch von Stoffmasken im Vergleich zu medizinischen Masken bei Angestellten im Gesundheitsbereich.

Laut Stehling geht aus der Studie hervor: „Pflegekräfte mit einem Stoffmundschutz, also mit Baumwollmundschutz oder mit einem chirurgischen Mundschutz, die während der gesamten Schicht den getragen haben, wurden häufiger krank als die, die ihn nicht getragen haben.“

In der Studie wurden 1.607 Mitarbeiter vietnamesischer Krankenhäuser untersucht. Es erfolgte eine Unterteilung in drei Gruppen.

  • Gruppe 1 trug während der gesamten Arbeitszeit einen medizinischen Mundschutz
  • Gruppe 2 trug während der gesamten Schicht einen Stoff-Mundschutz
  • Gruppe 3 war es freigestellt, selbst zu entscheiden, ob sie einen Mundschutz trage. Für diese Gruppe gab es einen Zusatz. Nämlich, dass sie aus ethischen Gründen nicht dazu aufgefordert wurde, keinen Mundschutz zu tragen.

Die Studie lief über einen Zeitraum von vier Wochen. Täglich protokollierten die Teilnehmer ihren Gesundheitszustand. Am Ende der Studie ergab eine Auswertung, dass die Gruppe mit den Stoffmasken die höchste Rate an Atemwegs- und grippeähnlichen Erkrankungen vorwies:

„Die physikalischen Eigenschaften einer Stoffmaske, die Wiederverwendung, die Häufigkeit und Wirksamkeit der Reinigung sowie die erhöhte Feuchtigkeitsspeicherung können möglicherweise das Infektionsrisiko für HCWs (Health Care Workers) erhöhen.“

Somit hatte Stehling die Studie zwar richtig zitiert, allerdings nicht korrekt eingeordnet. Denn hier gilt es zu beachten, dass Menschen im Alltag – und an die soll sich sein Video richten – ihre Masken nicht stundenlang durchgehend tragen. Maskenpflicht ist z.B. in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen vorgeschrieben. Für den Fall, dass die Maske doch länger getragen werden muss, rät das RKI dazu, sie zu wechseln, sobald sie durchfeuchtet ist.

Das RKI beantwortet in seinen FAQ die Frage zu einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit:

„Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im öffentlichen Leben kann dazu beitragen, die Ausbreitung von COVID-19 in der Bevölkerung zu verlangsamen und Risikogruppen vor Infektionen zu schützen. Das gilt insbesondere für Situationen, in denen mehrere Menschen in geschlossenem Räumen zusammentreffen und sich dort länger aufhalten (z.B. Arbeitsplatz) oder der Abstand von mindestens 1,5 m zu anderen Personen nicht eingehalten werden kann (z.B. in Geschäften, in öffentlichen Verkehrsmitteln). Voraussetzung dafür ist, dass genügend Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen und richtig mit der Mund-Nasen-Bedeckung umgehen: die Bedeckung muss durchgehend eng anliegend über Mund und Nase getragen und bei Durchfeuchtung gewechselt werden; sie darf während des Tragens nicht (auch nicht unbewusst) zurechtgezupft werden und auch nicht um den Hals getragen werden.“

Philipp Stehling rät in seinem Video dazu, einen FFP2-Mundschutz zu tragen, da dies die einzigen Masken sind, die tatsächlich helfen würden. Allerdings sind diese laut RKI ganz klar medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten.

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Reaktion von Stehling

Auch Zuschauer des Videos haben bemerkt, dass die Studien zum Teil falsch zitiert und auch falsche Schlüsse aus ihnen gezogen wurden. In den Kommentaren konnte man unter anderem lesen:

„Wer mit Verständnis lesen kann, ist klar im Vorteil! Dieses Video ist nichts weiteres, als gefährliche Panikmache von jemandem, der gar keine Fachkompetenz hat.“

Daraufhin stellte Stehling ein weiteres Video online, in dem er Stellung zu den – wie er sie tituliert – „Hate-Kommentaren“ bezieht. Er gab darin bekannt, dass die Zuseher ihn falsch verstanden hätten. Er wollte mit seiner Message im Video nur zu bedenken geben, dass Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen könnten, wenn sie selbstgenähten Mundschutz tragen.

Beide Videos sind derzeit auf „privat“ gestellt und können daher nicht angesehen werden.

Fazit

Die Aussagen von Stehling sind nur teilweise richtig. Er zieht falsche Schlussfolgerungen aus den von ihm genannten Studien.
Nein, durch das Tragen von Mundschutz ist keine erhöhte Gefahr gegeben, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Quelle: Correctiv
Artikelbild: Shutterstock / Von Athawit Ketsak


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