Faktencheck

Rakete landet in Küchenspüle – Kein Fake

Russische Streumunitionsrakete 9M55 Smerch landet in Küchenspüle.

Susanne Breuer, 30. März 2022
Rakete in Spüle / Video Screenshot
Rakete in Spüle / Video Screenshot

Eine Rakete ist nicht nur wegen der zerstörerischen Wirkung der Sprengköpfe hochgefährlich. Auch ihre Antriebsstufen können Menschen unmittelbar gefährden, da diese nach dem Abtrennen vom eigentlichen Sprengkörper überall landen können. Durch die schiere Größe und das Gewicht besteht auch hier ein großes Gefährdungspotential vor allem für Zivilisten.

Nicht lustig

In der Nähe von Charkiv landete eine solche Antriebsstufe nun in der Küchenspüle einer Wohnung. Wenn ukrainische Bürger auf dem Weg zu ihrem Morgenkaffee eine Rakete in ihrer Küchenspüle vorfinden, dann mag das dem unbeteiligten Beobachter vielleicht lustig und skurril vorkommen, für die Betroffenen ist das die bittere Realität des Krieges. Es gibt keinerlei Sicherheit.

Was ist das da in der Küchenspüle?

Wieder geistert ein Video durch die Netzwerke, das auf den ersten Blick völlig absurd wirkt. Laut Daily Mail soll es am 20. März aufgenommen worden sein (HIER).

Aus dem Unterschrank einer Küchenspüle ragt übermannshoch ein Gegenstand, der wie eine Rakete aussieht. Ein langer schmaler metallischer Zylinder, mit vier kurzen Stummelflügelchen. In der Decke sieht man ein Loch, das in etwa dem Durchmesser des Zylinders entspricht. Außerdem vier schmale Risse, die durch die kurzen Flügel entstanden zu sein scheinen. Der Wohnungsbewohner, der seine Küche nach dem Einschlag betreten hat, dürfte über den Schrecken des Krieges hinaus den Schock seines Lebens bekommen haben. Und auch der unbeteiligte Betrachter der Bilder, die es aus verschiedenen Perspektiven gibt, reibt sich die Augen und versucht Beweise zu entdecken, dass das Bild mit einem Bildbearbeitungsprogramm manipuliert wurde.

Video ist echt – Rakete steckt in Küchenspüle

Die britische Daily Mail zeigt ein TikTok-Video (HIER) mit einer Szene, wie ein DSNS/ДСНС-Team der Ukraine die Reste der Rakete aus der Wohnung räumt. Der Ort ist mutmaßlich Derhatschi im Norden von Charkiv. Zumindest besagt das die originale Beschriftung des Videos, kann aber nicht verifiziert werden. Da Charkiv jedoch Angriffsziel von russischer Streumunition war, klingt diese Ortsangabe durchaus plausibel. Bei den Personen in dem Video handelt es sich um ein Team des Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen (DSNS/ДСНС). Diese ukrainische Behörde umfasst den Katastrophenschutz und die Feuerwehr (HIER).

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.dailymail.co.uk zu laden.

Inhalt laden

Das Video besteht aus zwei Teilen. In dem ersten Teil wird eine Tür geöffnet und die Kamera zeigt zunächst die Rakete in der Spüle, um dann einmal nach links bis zum Fenster und wieder zurück zur Rakete zu filmen. Durch das Fenster sieht man eine leere Straße, links und rechts gesäumt von flachen Gebäuden.

Im Online-Artikel der Daily Mail taucht das Video nochmals ohne englischsprachige Bearbeitung auf und gibt mehr Informationen in Ukrainisch preis ( (HIER).) Über den ersten Teil des Videos ist ein Schriftzug gelegt, der sich folgendermaßen übersetzt:

„„Последствия обстрела в Дергачах (Харьковская область)“

Folgen des Beschusses in Dergachi (Gebiet Kharkiv)“

(Übersetzung per Google Translate)

Der genaue Ort lässt sich nicht verifizieren, aber der Blick aus dem Fenster, der auf niedrige Bauweise entlang der Straße zeigt, widerspricht zumindest nicht der für Derhatschi, einem 18.000-Einwohner-Ort unmittelbar nördlich von Charkiv, auf Google Maps angezeigten Geländeansicht. Der Ort ist geprägt von langen, parallelen Straßen mit Einfamilien-Häusern. Hohe Wohngebäude, Türme o.ä. sind auf Google Maps kaum zu erkennen.

Im zweiten Teil des Videos sieht man eine Gruppe von Männern in dunkelblauen Jacken mit dem Schriftzug DSNS/ДСНС auf dem Rücken. Das identifiziert sie als Mitarbeiter des Staatlichen Katastrophenschutzes. Sie rütteln fest an der Rakete, vermutlich, um festzustellen, ob man sie entfernen kann. In vielen Kommentaren wird über dieses starke Rütteln teils verwundert, teils belustigt diskutiert. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich hier um erfahrene Mitarbeiter handelt, die wissen, dass der explosive Teil der Rakete längst nicht mehr vorhanden ist und es sich nur noch um eine leere Metallröhre handelt.
Der rote Kasten im Video übersetzt sich

„Приезжайте к нам с ночевкой, у нас каждьій день „прикольі“

Kommen Sie mit einer Übernachtung zu uns, wir haben jeden Tag „Spaß“.

Private Übersetzung

Offenbar eine sehr sarkastische Bemerkung der betroffenen Person, die das Video auf TikTok online gestellt hat.

Die Rakete

Bei der Rakete in der Spüle handelt es sich mutmaßlich um die Überreste (Motor und Leitwerk) einer Smerch bzw. Smertsch 9M55 Rakete (HIER). Die Rakete wird z.B. vom Mehrfach-Raketenwerfersystem BM-30 der Russischen Föderation abgefeuert. Es können aber auch andere Fahrzeuge verwendet werden. Dieser Raketentyp wird in verschiedenen Ländern verkauft, wobei auch die Ukraine solche Raketen im Dienst hatte  (Stand 2018) (HIER).

Diese Raketen können unter anderem Streubombenmunition tragen, aber auch Munition gegen gepanzerte Ziele.

Info über international geächtete Streubombenmunition

Es erklärt sich von selbst, dass diese Art der Munition nicht dazu gedacht ist, ein ganz konkretes Ziel zielscharf zu attackieren, sondern vielmehr auf maximalen Schaden in einem größeren Umkreis ausgelegt ist und so in bewohnten Gebieten vor allem die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft zieht.
Aus diesem Grund, der wahllosen Wirkung in bewohnten Gebieten, ist Streumunition nach dem humanitären Völkerrecht, dem Kriegsrecht, auch verboten und geächtet (HIER), da sie nicht zwischen militärischen Zielen und zivilen Zielen unterscheidet. Allerdings haben Russland und die Ukraine diese Internationalen Vereinbarungen nicht unterzeichnet (HIER). Mehr Informationen zu Streubombenmunition findet sich im Faktenblatt von Handicap international (HIER).

Human Rights Watch hat in einem Bericht sehr anschaulich einen Angriff russischer Truppen auf Charkiv mit Streumunition beschrieben (HIER). Die Faktenchecker von Bellingcat haben sich in einem Video allgemein mit dem Einsatz von Streumunition auseinandergesetzt und zeigen auch konkrete Beispiele in der Ukraine (HIER).

Sichtungen der „verbrauchten“ Raketen finden sich recht häufig, selten jedoch so spektakulär wie in der Küchenspüle.

Fazit

Auch wenn sich Ort und Tag nicht eindeutig verifizieren lassen, scheint es aufgrund der aktuellen Umstände in der Ukraine sehr wahrscheinlich, dass das Video, also einer Rakete, die in der Küchenspüle gelandet ist, echt ist. Der genannte Ort Derhatschi liegt nördlich von Charkiv.

Da es sich offenkundig nur um Motor und Leitwerk der Rakete handelte und keine explosive Ladung mehr vorhanden war, ist auch das auf den ersten Blick spektakuläre Rütteln der Entschärfungstrupps des ukrainischen Katastrophenschutzes auch nicht problematisch zu sehen. Die Öffnung im Dach entspricht den Umrissen der Rakete und ihren Flügeln.

In der aktuellen Situation in der Ukraine stellen die Raketen nicht nur eine Gefahr wegen ihrer, in diesem Fall besonders zerstörerischen Ladung dar, sondern auch die eigentliche Rakete kann zu einer echten Gefahr für die Menschen werden, wenn sie nach ihrem Flug zu Boden fällt.

Das könnte dich auch interessieren: Gefälschter CNN-Tweet mit einem Hotel in Serbien


Unabhängige Faktenchecks und Recherchen sind wichtig und richtig. Sie fördern Medienkompetenz und Bildung. 

Ein unabhängiges und für jeden frei zugängliches Informationsmedium ist in Zeiten von Fakenews, aber auch Message Control besonders wichtig. Wir sind seit 2011 bestrebt, allen Internetnutzern stets hochwertige Faktenchecks zu bieten.  Dies soll es auch langfristig bleiben. Dafür brauchen wir jetzt Deine Unterstützung!

Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

weitere mimikama-Artikel