QAnon: Katerstimmung nach der US-Wahl

Ralf Nowotny, 22. Januar 2021
QAnon: Katerstimmung nach der US-Wahl
Artikelbild: Shutterstock / Von Julian Leshay

Man kennt es nach einer durchfeierten Nacht: Am Morgen aufwachen und sich fragen, was überhaupt los war.
So in etwa geht es den QAnon-Anhängern.

Am 20 Januar wurde Joe Biden als 46. Präsident der USA vereidigt. Und entgegen aller Vorhersagen und Hoffnungen der QAnon-Anhänger passierte: nix. Trump sprang nicht auf die Bühne, das Militär verhaftete Biden nicht, der „große Sturm“ blieb vollends aus. Nicht mal ein Lüftchen.

Q – Die Anfänge

Seit 2017, als ein ominöser „Q“ auf dem Messageboard 4chan, auf dem jeder anonym posten kann (deswegen „QAnon“) sich erstmals meldete, von sich behauptete, er sei ein Regierungsmitglied und begann, mehr oder weniger kryptische Botschaften zu schreiben, hoffen die Anhänger von Q, QAnon genannt, auf die große Revolution.

Die ersten Nachrichten von Q sorgten bereits für Wirbel:
So soll Hillary Clinton bald verhaftet werden (ist nie geschehen) und pädophile Eliten würden unter einer Pizzeria in Washington einen Kinderpornografie-Ring betreiben, was dazu führte, dass ein Mann mit einem Sturmgewehr besagte Pizzeria überfiel, um vermeintlich festgehaltene Kinder zu befreien. Nicht weiter überraschend: Die Polizei fand im Keller nichts.

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Der ausgebliebene Showdown

Am 6. Januar schöpften QAnon-Anhänger schon Hoffnung, doch der Sturm auf das Capitol sollte der vorläufig letzte Höhepunkt der Bewegung sein. Statt einer Revolution folgten die Tage darauf viele Verhaftungen von Mitgliedern des Mobs, die sich gegenseitig freudig dabei filmten.

Dann lag noch die Hoffnung auf den 17. Januar, da Q der 17. Buchstabe des Alphabets ist. Doch auch an diesem Tag geschah nichts Bewegendes. Genauso wenig wie am 20. Januar, als Joe Biden und Kamala Harris ohne Zwischenfälle vereidigt wurden.

Trauer und Enttäuschung

Und so kam es nun, wie es kommen musste: Viele QAnon-Anhänger erkennen, wie sehr sie eigentlich einem Irrglauben anhingen:

Nichts ist passiert
Nichts ist passiert

Viele verfolgten gespannt die Vereidigung und warteten auf den Sturm, der nicht eintraf:

Der Sturm blieb aus
Der Sturm blieb aus

Man muss dazu sagen, dass dies nur begrenzt witzig ist, da die von QAnons verbreiteten Verschwörungstheorien über pädophile Satanisten-Eliten von vielen Anhängern sehr ernst genommen wurden:
Für sie ist Joe Biden der Satan persönlich, dementsprechend verzeifelt sind QAnons nun.

https://twitter.com/ReesusP/status/1351984605344088064

Auch die rechtsextremen „Proud Boys“, die Trump nach der US-Wahl letztes Jahr noch ihre „unsterbliche Loyalität“ schworen, sind enttäuscht davon, dass Trump freiwillig das Weiße Haus verließ: Sie bezeichnen ihn als äußerst schwach und fordern ihre Anhänger auf, sich nicht mehr an Kundgebungen und Proteste für Trump oder die Republikaner teilzunehmen (siehe HIER).

Der vermutete Q gibt auf

Das ehemalige 4chan Board, auf dem der ganze QAnon-Trubel seinen Anfang nahm, wurde zu 8kun, wo es dann weiterging. Der ehemalige Admin des Boards, Ron Watkins, von dem vermutet wird, dass er Q sei, schmeißt nun auch das Handtuch:

Vermuteter Q gibt auf
Vermuteter Q gibt auf

„Wir haben alles gegeben. Nun müssen wir den Kopf hoch halten und zu unserem alten Lebnen zurückkehren, so gut es eben geht.
Wir haben nun einen neuen Präsidenten, und es ist unsere Verantwortung als Bürger, die Verfassung zu respektieren, unabhängig davon, ob wir mit den Einzelheiten oder den Personen einverstanden sind.
Während wir in diese nächste Administration gehen, denkt bitte an alle Freunde und schöne Erinnerungen, die wir während der letzten Jahre gemeinsam hatten.“

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Q vadis, QAnon?

Die Bewegung wird deshalb sicher nicht sofort verschwinden, jedoch wird deutlich, dass sich viele abkehren. Was übrig bleiben wird, sind die Hardcore-Anhänger, denen keine Verschwörungstheorie zu wirr ist, als dass nicht vielleicht doch was dran sein könnte.

So vermuteten einige, dass Biden nur ein Hologramm sei, andere mutmaßten, dass die Vereidigung nur eine Täuschung der Öffentlichkeit gewesen ist und in Wahrheit Trump weiterhin im Hintergrund agiere.

Und wieder andere glaube, dass bei einer Operation Trump und Biden die Gesichter tauschten:
Wenn Biden nuschele oder stottere, dann sei es nur Trump, der versuche, Biden so gut wie möglich zu imitieren:

Face Off
Face Off

Die Bewegung wird also bleiben, sie wird aber wahrscheinlich noch ein wenig mehr abgedrehter (also noch mehr als ohnehin schon) – und auch gefährlicher, denn bei den übrig gebliebenen Anhängern greift absolut keine Logik mehr.

Weitere Quellen: n-tv, DerStandard

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