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Samstag, 4 Dezember 2021

Die Seite „Test-Express“ – Ungeimpfte testen sich gegenseitig „frei“?

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Ein Schlupfloch für Ungeimpfte? Eine Seite verspricht, dass man sich nun gegenseitig „freitesten“ kann. Was dahintersteckt, betrachten wir hier genauer. Können hier 3G-Regeln umgangen werden?

Auf Telegram wird sie in den einschlägigen Seiten stark beworben: Eine Seite namens „Test-Express“, welche Ungeimpften, die die 3G-Regelungen (Geimpft, Genesen, Getestet) mancher Betriebe und öffentlichen Veranstaltungen umgehen möchten: Gegen Zahlung von 10 Euro und einem kurzen Test erklärt einen die Seite zur „Fachperson“, die dazu qualifiziert ist, Selbsttests zu beaufsichtigen und das Ergebnis zu bestätigen. So beschreibt sich die Seite im Internet:

Mit Test-Express kannst du jederzeit selbst 3G-Corona- Testbescheinigung erstellen. Du wirst von uns zur „Fachpersonen“ ernannt und kannst damit Selbsttests „beaufsichtigen“.

Interessante Interpretationen lassen die Anführungszeichen im beschreibenden Text der Seite aufkommen. Warum werden die Begriffe „Fachpersonen“ und „beaufsichtigen“ so geschrieben?
Die Wörter „Fachperson“ und „beaufsichtigen“ wurden in Anführungszeichen gesetzt, was die Vermutung zulässt dass die Wörter quasi mit einem Augenzwinkern verwendet werden. So á la „Ja klar, ich „beaufsichtige“ jetzt mal deinen Test“. Aber vielleicht steckt auch keine weitere Intention dahinter.

Mittels der Seite sollen sich also Nutzer gegen eine geringe Zahlung zur „Fachperson“ ernennen lassen und sich gegenseitig negative Testergebnisse ausstellen können!

Von Seiten der Johanniter wurde die Legalität der Testseite bereits angezweifelt. Die karitative Hilfsorganisation  hat sich bereits von der Seite distanziert. Die Organisation zweifelt zudem an (siehe weiter unten), ob Test-Express überhaupt dazu berechtigt ist,  Fachpersonen ernennen zu dürfen. Der Vorwurf einer strafbaren Urkundenfälschung gem. § 267 StGB wird ebenfalls in den Raum gestellt.

Kein Wunder hingegen ist jedoch, dass die Plattform Test-Express, deren Testergebniss dann auch jeweils 1,99 Euro pro Person kosten, von bekannten „Querdenkern“ wie Eva Rosen lobend beworben wird.

Doch wie wird man denn nun zur „Fachperson“, um solche Tests beaufsichtigen zu können? Und warum distanziert sich eine Organisation wie die Johanniter so deutlich?

Die Johanniter distanzieren sich von der Seite

Bis vor kurzem wurde auf „Test-Express“ noch auf die Homepage der Johanniter verwiesen, auf der man einen E-Learning-Kurs namens „Fortbildung zur Durchführung von PoC-Antigen-Schnelltests“ belegen konnte. Den Johannitern gefiel dies aber gar nicht. Darauf hat die Johanniter-Unfall-Hilfe reagiert und schreibt:

Auch auf der Homepage der Johanniter distanzieren sie sich von der nicht-genehmigten scheinbaren Verbindung zu „Test-Express“ (siehe HIER).

Tatsächlich wurde bereits die Verlinkung zu den Johannitern von der Seite gelöscht. Doch die Verwendung des Begriffs „Fachperson“ steht noch im Raum. Wie werden die Teilnehmer denn zu Fachpersonen? Bei der Registrierung gibt es den Hinweis, dass man „hier“ deren eigene Online-Schulung buchen könne – wobei „hier“ nicht definiert ist, es findet sich keine Verlinkung zu deren Schulungsangebot.

Diese Angaben gibt es zu Test-Express

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Die Website besitzt ein reguläres und transparentes Impressum (archiviert HIER). In diesem ist die „CliniGo GmbH“ aus Wetter (Ruhr) als Betreiber aufgeführt.

Wie im Impressum auch korrekt angegeben, ist das Unternehmen im Handelsregister Hagen registriert (siehe HIER). Den diversen Datenbanken sind nur zwei Shareholder bekannt, auch im Impressum der Seite des Unternehmens (siehe HIER) erscheint namentlich nur eine Person.

Wer ist der Geschäftsführer?

Der genannte Geschäftsführer erlangte Bekanntheit, als er 2011 ein erstes Unternehmen mit dem Namen Ordermed, ein Geschäftsmodell für elektronische Gesundheitsakten gründete, welches 2016 in Vitabook umbenannt wurde. Über Vitabook konnten Patienten ihre Daten digital den behandelnden Ärzten zur Verfügung stellen. Im April 2020 hatte die Plattform 250.000 Nutzer. Diese Angaben ergeben sich aus einem Artikel des Tagesspiegel.

Laut „apotheke adhoc“ sah es im November 2020 nicht mehr so gut für Vitabook aus. Wir lesen in dem Artikel auf „apotheke adhoc“, dass der Preis für Transaktionen für Apotheken vervierfacht wurde. Zudem bekamen nach Angaben des Artikels Alten- und Pflegeheime Versorgunsforschungsverträge des Unternehmens CliniGo, mit denen sie nichts anfangen konnten – es habe einen Namenswechsel gegeben, durch den Vertrag sollten auch Diagnosen und Vitalwerte an die Plattform übermittelt werden.

Kurz darauf wurde bekannt, dass Vitabook in Insolvenz ging. Grund dafür: Das Unternehmen selbst wurde von Facebook verklagt, da die Seite durch die blaue Schrift und Logo in Kombination mit der Endung -book und einem Schrifttyp wie Facebook Markenrechte verletze. Dieser Rechtsstreit lief bereits seit 5 Jahren.
Auch mit Google gab es Rechtsstreitigkeiten, da die App „Patient.Plus“ entfernt wurde. Begründung: Eine neue Funktion namens „Quarantäne-Monitoring“ stieß Google sauer auf. In der Begründung heißt es: „Wir erlauben keine Anwendungen, denen es an vernünftiger Sensibilität gegenüber […] einem anderen tragischen Ereignis mangelt oder die daraus Kapital schlagen“.

Aus der Quelle geht hervor, dass der Rechtsstreit mit Google gewonnen wurde, doch bis Google die Unterlagen bekam und die App wieder in den Store aufnehmen konnte, vergingen vier Monate – in dieser Zeit ging das Unternehmen endgültig insolvent.

Verbindungen zur Partei „Die Basis“?

Bereits im April 2021 (siehe HIER) wies „AnonLeaks“ darauf hin, dass die Partei „Die Basis“ ein Datenschutzproblem hat, da die Ordner auf dem Server ohne viel Tricks offen einsehbar seien. „Die Basis“ gilt als der parteipolitische Arm der „Querdenker“-Bewegung.

Wie dann im Mai 2021 (siehe HIER) die Seite „Auf Abstand“ berichtete, habe die Partei die Sicherheitslücke immer noch nicht geschlossen, frei einsehbar war zu dem Zeitpunkt die Bewerbungen aus den Wahlkreisen in Niedersachsen für die Bundestagswahl.

In diesen offengelegte Daten zeigte sich unter den Bewerbern für die Querdenker-nahe Partei der Name des Geschäftsführers von Test-Express..

Screenshot aus den geleakten Daten zur Bewerbung
Screenshot aus den geleakten Daten zur Bewerbung

Einen Link zu seiner offiziellen Bewerbung gab es nicht, stattdessen die Sätze „Ich bin Unternehmer. Besonders im Bundestag können wir unsere Freiheit verteidigen. Ich bin bereit dafür“. Die Sicherheitslücke wurde mittlerweile geschlossen. Auch auf dem ziemlich verwaisten mutmaßlichen Twitter-Account (siehe HIER) des Test-Express Geschäftsführers lässt sich eine Nähe zu Querdenker-Themen interpretieren.

Doch bei der Bewerbung ist es nicht geblieben. Im April 2021 (siehe HIER) war es dann auch, dass sich der Geschäftsführer nicht nur für das Amt des Pressesprechers der Partei bewarb, sondern die Wahl auch gewann.

Ebenfalls sind es recht einfache und nicht weiter aufwändige Google-Suchen, die in ihren Ergebnissen persönliche Verbindungen zu der Partei „Die Basis“ als Ergebnis aufweisen.

In einem 11-seitigen Schreiben (siehe HIER, PDF-Datei) zeigt sich Verwirrung innerhalb der Partei „Die Basis“ um eine „AG Demokratie-Kampagne“, welche augenscheinlich ohne Wissen der Partei durch ihen genannten Pressesprecher und zugleich Geschäftsführer von Test-Espress thematisiert wird. Zudem soll durch die Arbeitsgemeinschaft der Kurs der Partei geändert werden.

Aber nicht nur das hat intern für Irritationen gesorgt. Des Weiteren habe der im Krisenbrief thematisierte Pressesprecher der Partei eine Seite namens „Kinder in Gefahr“ ins Netz gestellt und „Die Basis“ als Ersteller der Webseite angegeben – abermals ohne dem Wissen der Partei. Unterm Strich wirkt es demnach so, als sei „Die Basis“ selbst nicht durchgehend mit dem eigenständigen Gebaren des Geschäftsmannes einverstanden, da er beispielsweise für digitale Gesundheitszertifikate stehe, „Die Basis“ aber gegen digitale Impfausweise sei.

Auf der Seite des Landesverbandes Niedersachsen von „Die Basis“ finden sich ebenfalls Aussagen. Wir lesen in diesem Dokument (archiviert HIER) unter anderem dies:

„Ohne ausführliche Diskussion und Abwägung der Vor- und Nachteile hat unsere Regierung in der Corona-Krise einen Großteil der im Grundgesetz verbürgten Grund- und Freiheitsrechte federstrichartig außer Kraft gesetzt. Freiheitsrechte werden nicht großzügig gewährt, sie sind das unbedingte Recht eines jeden Bürgers.“

Fassen wir zusammen

  • Die Seite „Test-Express“ bietet an, mittels Schnellkurs zur „Fachperson“ zu werden, die negative Testergebnisse bescheinigen kann
  • Betreiber der Seite ist die „CliniGo GmbH“
  • Der Geschäftsführer ist augenscheinlich nicht nur Unternehmer, sondern sehr aktives Mitglied der Partei „Die Basis“, der parteipolitische Arm der „Querdenker“-Bewegung.
  • Bekannte „Querdenker“ bewerben die Seite u.a. auf „Telegram“, um sich gegenseitig „freizutesten“.

Ob und inwiefern rechtlich gegen die Seite überhaupt vorgegangen werden kann, müssen Juristen entscheiden. Wenigstens die Johanniter haben die Lücke geschlossen, indem sie ihr Angebot zur Zertifizierung vorerst ausgesetzt haben, doch es ist zu erwarten, dass Bönig als Betreiber von „Test-Express“ eine andere Lücke finden wird.

In dem Zusammenhang ist nun auch die 3G-Regelung neu zu überdenken, denn wenn es für Ungeimpfte so einfach sein wird, an negative Testergebnisse zu kommen, müssen entweder strengere Kontrollverfahren eingerichtet oder die 3G-Regelung gänzlich ausgesetzt werden.


Quellenempfehlung: „Hey Wolfi“ auf YouTube: Testexpress – Wie sich Querdenker „frei“ testen
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