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Freitag, 28 Januar 2022

Ein Faktencheck ist keine Meinung!

Hinweis: Hierbei handelt es sich um einen Artikel für bestehende oder neue Mimikama-Unterstützer:innen. Das liegt zum einen an der intensiven Aufarbeitung, aber auch an der Werbefreiheit, die in diesem Artikel garantiert wird. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Thema, dass nicht durch bunte und vielleicht gar unpassende Werbebildchen gestört wird. Die bereits bekannten Analyseberichte und Faktenchecks, die wir von Beginn auf unserer Webseite veröffentlichen, bleiben selbstverständlich kostenlos, wie gewohnt, allen Nutzer:innen zugänglich!

Andre Wolf
MIMIKAMA Factchecker | Autor „Angriff auf die Demokratie" | Blogger des Jahres (mit Mimikama) | Pressesprecher bei Mimikama

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Mit Erschrecken habe ich letzte Woche die Botschaft von Facebook vernommen, dass Faktenchecks ja auch nur eine Art der Meinung wären.

Doch sind Faktenchecks wirklich nur eine Meinung? Meiner Meinung nach nicht! Und genau das möchte ich einmal näher beleuchten. Vor wenigen Tagen kam die große Meldung heraus, dass laut Facebook Faktenchecks lediglich eine Form der Meinung wären. Diese Aussage halte ich für eine feige Form der Juristerei, um sich nicht auf eine Aussage festlegen zu müssen und angreifbar zu machen.

Feige! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Und vor allem, dass ein Faktencheck keine Meinung ist. Auch keine alternative Meinung darstellt. Zu Fakten gibt es in meinen Augen keine alternative Darstellung. Ein Faktencheck ist keine Meinung, kann jedoch eine Meinung beinhalten. Mehr sogar, ein Faktencheck kann, darf und soll im Zweifel sogar die Meinung des verfassenden Autors und oder der verfassenden Autorin widersprechen. Das ist sogar recht häufig der Fall!

Ich sehe das bei mir selbst. Ich habe zu vielen Themen eine Meinung. Diese Meinung hat jedoch keinen Einfluss auf das Ergebnis meiner Faktenchecks. Meine Meinung hat da völlig hintenan zu stehen, wenn ich die puren informativen Informationen innerhalb eines Faktenchecks veröffentliche. Wer, wie, was, wann und wo sind Fakten.

Das sind auch die journalistischen Grundfragen. Wenn ich diese ohne weitere Ausführungen beantworte, findet sich darin keine Meinung. Meinungen und Interpretationen kommen erst in einem zweiten Schritt, sofern notwendig. Ein Faktencheck darf von mir aus auch Meinungen beinhalten, müssen dann jedoch deutlich gekennzeichnet werden. Und wenn am Ende ein Faktencheck mehr eine Meinung ist, dann kann er kein Faktencheck sein. ___STEADY_PAYWALL___ Doch wie funktioniert denn nun so ein Faktencheck und wieso hat meine Meinung darin nichts verloren? Darauf möchte ich an dieser Stelle genauer eingehen.

Wie funktioniert ein Faktencheck?

Es gibt natürlich auf vielen verschiedenen Websites und vielen verschiedenen Faktencheck-Plattformen mittlerweile Anleitungen, wie jeder von uns Fakten prüfen kann. Ein Wort mal dazu: diese Texte gleichen sich im Grunde alle. Es wird nirgendwo das Rad neu erfunden, im Detail kann es vielleicht unterschiedliche Wege geben, aber es gibt einen Konsens über den Ablauf und die Methoden. Ein Faktencheck ist keine Märchenerzählerei, und der Ablauf ist im Grunde immer identisch.

Und auch ich habe meinen Ablauf, den ich schon seit Jahren nutze. Das ist ein Ablauf, der am Ende funktioniert und der zu einem Ergebnis führen kann. Das Wichtigste in diesen Ablauf bin jedoch ich selbst. Ich als Person stehe immer am Anfang.

Es geht darum zu bewerten, wie ich Informationen konsumiere, wo ich Informationen konsumiere und welche Informationen ich konsumiere. Wem glaube ich, wem glaube ich nicht? Warum vertraue ich einigen Quellen und warum vertraue ich anderen Quellen nicht? Das sind ganz wesentliche Fragen, die ich mir am Anfang immer stellen muss.

Wir reden an dieser Stelle immer um die Falle des sogenannten Confirmation Bias. Zu Deutsch heißt der Begriff Bestätigungsfehler. Einen Bestätigungsfehler begehen wir alle über kurz oder lang. Vor allem im Netz und auf Social Media ist dieser Bestätigungsfehler sehr einfach zu begehen.

Kurz erklärt: Es liegt uns allen nahe, genau jenen Informationen Glauben zu schenken, die unserer eigenen Überzeugung entsprechen. Wir wollen uns also bestätigt sehen. Suchmaschinen und die Informationsvielfalt des Internets bieten uns an dieser Stelle natürlich einen wunderbaren Zugang, um in die Bestätigungsfehlerfalle zu tappen. Denn wenn ich mithilfe einer Suchmaschine nach Inhalten suche, bekomme ich natürlich genau die Inhalte angezeigt, die ich auch auf Basis meiner Schlagworte gesucht habe. Und dementsprechend stoße ich in vielen Fällen genau auf die Inhalte, die meiner Position entsprechen. Und ich muss mir im klaren sein, dass ich auf Inhalte stosse, die mir einfach nicht passen, nur weil ich anderer Meinung bin. Aber das bedeutet nicht, dass diese „falsch“ sind.

An dem Punkt ist Selbstreflexion angesagt. Gerade im Bereich klassischer Medien muss ich wissen, dass es Medien mit verschiedenen redaktionellen Tendenzen gibt. Diese Tendenzen können stärker und schwächer ausgeprägt sein. Sie können politisch sein, sie können auch wirtschaftlich ausgerichtet sein. Als Leser oder Leserin sollte ich zumindest dieses Grundwissen haben und die Ergebnisse einordnen können.

Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn jemand Boulevardzeitungen liest. Wenn ich jedoch den Inhalt einer Boulevardzeitung lese, muss mir ganz klar bewusst sein, dass ich es mit reißerischen, teils dramatisierten und übertriebenen Inhalten zu tun habe. Ich muss also hier schon ein wenig dekonstruieren können und schauen, wie die Kerninformation aussieht.

Wesentlich schwieriger wird es dann bei Blogs und Websites, die generell Meinungsmedien sind. Und von diesen haben wir eine große Anzahl im Netz! Das Gemeine an dieser Stelle, diese Blogs und Websites stellen sich nicht als Meinungsmedium vor, sondern als sogenannte alternative Medien. Sie verbreiten also den Ansatz, dass sie Informationsmedien wären. Und darauf geht es im nächsten Schritt, wir müssen erkennen, ob wir es mit einem hohen faktischen Informationsgehalt zu tun haben oder am Ende doch eher mit Meinungen oder Desinformationen.

Awareness: Die eigenen Sensoren schulen!

Nachdem ich also mich selbst kritisch betrachtet habe und nach Möglichkeit unvoreingenommen in die Suche nach Informationen und Fakten gehe, geht es darum, auch die Sensoren zu tunen. Wenn ich also einen Inhalt betrachte, müssen auch meine Sensoren ausschlagen, ob der Inhalt mich manipulieren möchte und vor allem wie stark der Inhalt mich manipulieren möchte. Diese Sensoren sollten also zumindest auf zwei verschiedene Elemente ausschlagen können.

Einmal auf das sogenannte Framing und dann auf verwendete Narrative. Framing bedeutet an dieser Stelle, dass jemand mit (starken) Worten und Schlagzeilen oder bestimmten Bildern versucht, ein sogenanntes Mindsetting in meinem Kopf zu errichten. Gleich zu Beginn ganz wichtig: in einem Gespräch oder einem Text kann ich nicht-nicht framen! Die Frage ist jedoch, wie stark und wie tendenziös dieses Bild in meinem Kopf direkt aufgebaut wird.

Framing leicht erklärt: Wir können hier beim einfachsten Bild anfangen. Wir alle kennen das Glas Wasser, das halbvoll oder halbleer beschrieben werden kann. Effektiv gesehen ist der Füllstand identisch. Je nachdem, wie ich den Füllstand jedoch ausdrücke, kann ich einen anderen Gefühlszustand erschaffen.

Sage ich halbvoll, habe ich einen positiven Gefühlszustand. Es ist noch genug Wasser da, es ist kein Grund zur Angst um die Menge vorhanden. Spreche ich hingegen von einem halbleeren Glas Wasser, kann ich einen beunruhigenden Zustand erschaffen. Es ist nicht mehr so viel da, ich muss mir Sorgen um die verbleibende Menge im Glas machen. Das ist Framing und je nachdem wie ich etwas ausdrücke, erschaffe ich einen anderen Zustand bei den Empfängerinnen und Empfängern meines Inhalts. Und dieses Framing kann ich natürlich noch verstärken.

Das ist alles so weit noch relativ harmlos. Gefährlich wird es, wenn Framing maßlos übertreibt. Vor allem dann, wenn es nicht mehr um Fakten, sondern nur noch um Werte geht. An dieser Stelle wird Framing manipulativ. Deswegen obliegt es uns als Leserinnen und Leser, manipulatives Framing zeitnah zu erkennen und auch als solches zu verwerten.

Doch neben dem Framing in der Kommunikation geht es auch um die Inhalte selbst. Es geht um Geschichten und um das Erzählen von Geschichten. Wir reden hier von Narrativen. Narrative sind sinnstiftende Erzählungen. Es handelt sich um Geschichten, die plausibel klingen. Um Geschichten, deren Erzählkern über einen langen Zeitraum stetig wiederholt wird und somit wahr wirkt. Innerhalb dieser Narrative können sich Falschmeldungen verstecken. Narrative sind auch ganz wesentliche Elemente von Verschwörungstheorien. Sie machen Verschwörungstheorien plausibel, da ihr Erzählkern plausibel wirkt. Narrative und sinnstiftende Geschichten lieben es natürlich auch, detailreich ausgestattet zu sein. Das erkennen wir vor allem von Verschwörungstheorien, die sich aufeinander beziehen und gegenseitig bestätigen. Hier reden wir von ganzen Erzähluniversen. Auf jedes Phänomen gibt es eine vermeintliche Antwort. Und diese Antwort muss natürlich so detailreich wie möglich ausgestattet sein.

Wir können Narrative auch aus typischen urbanen Legenden. Ein ganz einfaches Beispiel ist der weiße Lieferwagen, mit dessen Hilfe angeblich Kinder entführt werden. Diese Geschichte war vor allem 2014 und 2015 auf Social Media weit verbreitet. Der Erzählkern lautete: Die „Organmafia“ würde mit weißen Lieferwagen quer durch Deutschland fahren und Kinder entführen. Diese Kinder bringen Sie nach Südosteuropa. Dort werden ihnen die Organe entnommen und auf dem Schwarzmarkt verkauft.

Diese Geschichte hatte einen unglaublichen viralen Erfolg. Sie hat zum einen Urängste angesprochen, sie hat zudem das Element der Kinder beinhaltet (wir haben das Element Kinder innerhalb eines Narratives HIER näher beschrieben) und sie ließ sich äußerst einfach über Social Media verbreiten. Auf einmal wurde in jedem langsam fahrenden weißen Lieferwagen ein potenzieller Kindesentführer gesehen.

Dahinter hat ein uraltes Narrativ gesteckt! Eine sehr grausame Geschichte, die sogar einen sehr gefährlichen Erzählkern hat. Wir sprechen hier von einem Narrativ über Sinti und Roma. Der Erzählkern dieses Narrativs beinhaltet, dass Sinti und Roma angeblich Kinder entführen. Das ist eine Erzählung, die vermeintlich vertraut klingt, weil sie stets wiederholt wurde und schon uralt ist. Doch an dieser Geschichte ist nichts dran, es handelt sich um eine Propaganda Geschichte, die bereits zu Zeiten des Dritten Reichs und vorher verbreitet wurde.

Es geht am Ende nicht nur um Kinder, sonder um das klassische Narrativ, dass Sinti und Roma generell stehlen würden. Dieses Narrativ ist sogar älter als das Dritte Reich und geht bis in das Mittelalter zurück (vergleiche). Es wird daher ohne zu hinterfragen anerkannt. Dieses Narrativ hat oft dazu geführt, dass Sinti und Roma nicht nur verfolgt, sondern auch ermordet wurden.

Natürlich enden nicht alle Narrative so fatal. Doch was ich zeigen will, ist die wichtige Bedeutung von Narrativen, wenn es um die Vermittlung von Botschaften und Informationen geht. Wenn ich Informationen, ob wahr oder falsch, in Geschichten verpacke, lassen diese sich einfacher und plausibler erzählen. Dementsprechend ist es für unsere Sensoren auf Social Media so wichtig, Narrative zu erkennen und sie auch zu verstehen.

Und abschließend ist es für die Sensibilisierung unserer Informationssensoren auch wichtig, dass wir die generelle Plausibilität von Informationen einschätzen können. Wenn eine Information stark dramatisiert verfasst wird, an die Grenzen des Glaubwürdigen geht oder sehr einseitig dargestellt wird, dann sollte ich immer vorsichtig werden und genau hinschauen, was dort verbreitet wird.

Es passiert sehr häufig, dass bestimmte Informationen tendenziös gestaltet werden. Dies geschieht unter Auslassung, einseitiger Darstellung und bewusster Skandalisierung. Der Kern der Botschaft kann durchaus wahr sein, aber ich muss am Ende das tendenziös gestaltete Gesamtbild so dekonstruieren können, dass ich den Kern auch wirklich erkennen kann. Und je tendenziöser und manipulativer so ein Text gestaltet ist, desto schwieriger ist die Dekonstruktion.

So weit, so gut. Nun haben wir einen Blick darauf geworfen, welche Faktoren für unsere Informationssensoren wichtig sind. Doch kommen wir nun zu den praktischen Schritten eines Faktenchecks.

Wer steckt hinter der Vielfalt an Inhalten?

Ein Bild über WhatsApp. Eine weitergeleitete Sprachnachricht. Ein Text von einer unbekannten Website. Das sind Inhalte, die häufig auf Social Media über einfache Art und Weise verbreitet werden. Und das ist eine wichtige Funktion von Social Media, nämlich das einfache Verbreiten von Inhalten. Besonders die Smartphones haben ihren Teil dazu beigetragen. Ich kann ohne Probleme von einer Social-Media-Plattform auf eine andere Social-Media-Plattform eine Botschaft weiterleiten. Dadurch ist nicht immer ganz klar, wer letztendlich die Botschaft verfasst hat.

Bei Websites ist es recht einfach. Hier sollte im Regelfall eine Autorin oder ein Autor genannt sein. Eine Website sollte auch ein transparentes Impressum tragen. Und damit sind wir schon bei dem ersten ganz wichtigen Punkt zur Beurteilung einer Quelle angekommen. Ich muss bei Websites schauen, wer hinter den Informationen steckt. Dies ist ein wesentlicher Faktor im Faktencheck. Das Impressum ist ein wichtiger Ansatz. Weist die Website meiner Information ein transparentes Impressum auf oder ist sie anonym gestaltet? Letzteres ist kein valider Ansatz. Transparent bedeutet die Nennung von Verantwortlichen, eine echte und greifbare Adresse sowie auch echte und transparente Kontaktmöglichkeit. Treten Autorinnen und Autoren mit Klarnamen auf oder finden sich nur Pseudonyme? Die Faustregel lautet hier: Je greifbarer ein Impressum und die Angabe von Verantwortlichen, desto desto valider die Quelle.

Das Impressum ist ein erster, grober und in weiten Teilen effektiver Ansatz. Ich kann mich bei dieser Art der Ursprungsanalyse jedoch auch im (nicht ganz unwichtigen) Detail verlieren. Das kann von Vorteil sein, wenn es um komplexe Inhalte geht. Das bedeutet, ich schaue nicht nur. ob ein Impressum vorhanden ist, sondern schaue auch auf die inhaltliche Gestaltung der gesamten Website. Hierbei kann ich auf ein paar bestimmte Kriterien prüfen:

  • Inhaltliche Ausrichtung. Wie schaut es mit der generellen inhaltlichen Ausrichtung einer Website aus? Haben wir eine Mischung aus verschiedenen Themen vorliegen? Oder geht es inhaltlich grundsätzlich nur um nur einen bestimmten Schwerpunkt? Finden sich auf der Website vielleicht sogar unkritisch dargestellte Falschmeldungen oder Verschwörungstheorien?
  • Thematische Tendenz. Schaue auf das Schwerpunktthema dieser Website. Wird dieses Schwerpunktthema durchgehend nur einseitig dargestellt oder gibt es eine über den kompletten Zeitraum ausgewogene Darstellung des Themas? Wie sehen die anderen Inhalte zu diesem Schwerpunktthema aus, werden sie mit manipulativen Framings narrativen begleitet?
  • Politische Tendenzen. Ist eine Parteinähe erkennbar? Grundsätzlich ist das nicht selten der Fall (gerade bei vielen Blogs aus dem sog. Alternativen Mediennetzwerk). Es kommt immer darauf an, wie deutlich eine Parteilinie einen Einfluss auf einen Inhalt nimmt. Als Leserin und Leser muss ich halt wissen, ob ich hier mit einer Parteilinie konfrontiert werde oder nicht. Dann bin ich auch in der Lage, das Gelesene einordnen zu können.
  • Bio der AutorInnen/Verantwortlichen. Sollten Autorinnen, Autoren oder verantwortliche Personen genannt sein, kann es auch helfen, kurz ihren Background zu prüfen. Ein Blick auf deren Social Media Kanäle kann auch hilfreich sein, da viele Personen sich dort „privater“ zeigen. Und da erkennen wir oftmals: Haben sie eine starke politische Agenda? Wo haben sie vorher gearbeitet, wie haben sich vorher dort geäußert? Haben sie inhaltliche Schwerpunkte aus persönlichem Antrieb heraus? Das Ergebnis muss nicht zwingend etwas über die Qualität eines Textes aussagen, kann jedoch hilfreich bei einer Beurteilung sein.
  • Textgattung. Ich bin immer wieder verwundert, wie häufig verschiedene Textgattungen nicht verstanden werden. Wenn ich beispielsweise eine Kolumne lese, muss ich mir im Klaren sein, dass ich hier einen Text mit einer subjektiven Meinung habe. Eine Kolumne gibt immer die Meinung der Autoren oder des Autors wieder. Das macht eine Kolumne nicht verachtenswert, sondern es ist wichtig, dass ich die Intention und den Charakter eines Textes verstehe. Und ein Faktencheck muss das auch einsortieren können. Ein Faktencheck muss in der Lage sein, starke Meinungen und generelle Meinungsinhalte, Informationen und auch überzogene Clickbaits oder Boulevard-Darstellungen beurteilen zu können.
  • Finanzierung. Die Finanzierung einer Website kann, muss jedoch kein Bewertungskriterium sein. Dennoch ist es nicht verkehrt zu wissen, ob eine Partei eine Website finanziert oder ob sich Website unanbhängig und ohne Einfluss auf den veröffentlichten Inhalt unterhält. Ein wichtiger Hinweis zu dem sogenannten „redaktionellen Inhalt“: Verschiedene Blogs oder auch Medien bringen von Zeit zu Zeit sogenannte „redaktionelle Inhalte“. Teilweise werden diese auch gesponserte Inhalte genannt oder tragen ähnliche Kunstworte. Das ist in erster Linie nichts schlimmes und auch nicht negativ zu urteilen. Es handelt sich bei diesen Inhalten um Beiträge, die nichts anderes als eine Form der Werbung darstellen. Diese Beiträge werden von bestimmten Firmen finanziert. Wichtig ist jedoch, dass diese Finanzierung kenntlich gemacht wird und ich als Leserin oder Leser in der Lage bin, dies auch als Werbung zu identifizieren.

Übrigens, selbst die Kritik an einem Medium oder an einem Inhalt kann ein Indikator für dessen Seriosität sein. Ist das kritisierte Medium in der Lage, die sachliche Kritik zu verarbeiten und im Falle einer Fehldarstellung eine Korrektur zu veröffentlichen oder endet die sachliche Kritik mit einer Beschimpfung und öffentlicher Bloßstellung?

Das Herz eines Faktenchecks: Fakten und Logik!

Und nun kommen wir zu dem Kernpunkt, warum ein Faktencheck keine Meinung ist. Denn bei einem Faktencheck geht es darum, die Fakten aus einem Inhalt zu erkennen. Es geht auch darum, die Fakten aus dem Meinungsbett zu entfernen, sofern sie in Meinungen und Interpretationen eingebettet wurden.

Die ersten Fakten haben wir gerade schon bereits betrachtet. Die ersten Fakten sind die Herkunft. Ist diese Herkunft transparent oder eher schwammig und nicht erkennbar? Die nächsten Fakten sind natürlich die Quellen der Information. Sind diese transparent? Sind diese deutlich markiert? Und vor allem, wie werden diese Quellen in dem Text gehandhabt? Werden sie stark interpretiert oder gar überinterpretiert? Oder werden sie sogar manipulativ dargestellt?

Wir haben in vielen unserer Faktenchecks bemerkt, dass zwar valide Quellen in diversen Inhalten genannt werden, diese Quellen aber manchmal genau das Gegenteil aussagen von ihrer Interpretation. Manchmal werden seriös klingende Quellen auch einfach nur angegeben, um der eigenen hanebüchenen Aussage einen seriösen Anstrich zu verleihen (hier ein Beispiel). Nur selten machen sich die Multiplikatoren solcher Botschaften die Mühe, den Zusammenhang der Botschaft und der genannten Quelle zu prüfen.

Die Nennung von fremdsprachigen Quellen geschieht überdies gerne und mit wiederkehrender Häufigkeit. Schwierig wird es, wenn es sich um komplexe fremdsprachige Quellen handelt. Beispielsweise eine lange Studie auf Englisch oder gar spanisch, französisch oder anderen Sprachen. Dadurch ist es häufig nicht einfach, die Quelle zu lesen und auch zu verstehen. In diesem Fall ist es möglich, dass zwar die Quelle zitiert wird, jedoch völlig falsch wiedergegeben wird. In diesen Fällen haben wir eine seriöse Quelle lediglich als Pseudolegitimation in einem Text vorliegen.

Die Auseinandersetzung mit einer komplexen Quelle geht also über den Alltagsgebrauch hinaus. Doch ein Faktencheck muss am Ende das gewährleisten. Der Faktencheck muss schauen, ob die Quelle korrekt eingebunden wurde und ob die Sekundärliteratur die Quelle auch korrekt wiedergibt.

Zudem müssen wir auch Quellen bewerten können. Handelt es sich um eine seriöse Quelle, eine seriöse Studie und eine seriöse Verfasserschaft? Oder wird hier von irgendeinem (vielleicht sogar erfundenen) Institut oder irgendeiner nicht repräsentativen Umfrage ein Ergebnis präsentiert? Das heißt, wir müssen natürlich auch auf die Konsistenz der Quelle achten. Und am Ende muss ein Faktencheck logisch nachvollziehbar erklären und zeigen können, inwiefern eine Quelle valide ist.

Daneben muss ein Faktencheck auch prüfen, ob eventuell Logikfehler vorliegen. Logikfehler treten unbewusst auf, werden manchmal aber auch bewusst eingesetzt. Sie werden speziell dann bewusst eingesetzt, wenn sie innerhalb einer vermeintlichen Logikkette zu einem bestimmten Ergebnis führen sollen.

Hier sind wir unter anderem bei dem interessanten Phänomen der Korrelation und Kausalität angekommen. Korrelation und Kausalität, das bedeutet, dass etwas zwar in einem Zusammenhang stehen kann, jedoch nicht zwingend das eine ursächlich für das andere sein muss.

Ein Beispiel für einen Korrelation-Kausalität-Fehler: In den sieben Tagen zwischen dem 6. und dem 12. Dezember wurden in Deutschland 6,4 Millionen Dosen verimpft (Quelle). Das war ein Impfrekord! In diesem Zeitraum hatte Mimikama auch mehrere große Medienauftritte (Beispiel). Korrelation: Beide Ereignisse haben einen temporären Zusammenhang. Sie fanden zeitgleich statt.  Der Kausalitätsfehler an dieser Stelle wäre jedoch die Behauptung,  dass der massive öffentliche Auftritt von Mimikama zu dem Impfrekord geführt hätte. Das stimmt nämlich nicht, das eine ist nicht die Ursache für das andere. Dennoch wird in manipulativen Quellen gerne eine Kausalität aus einer Korrelation interpretiert. Ein Faktencheck muss diese falschen Interpretation nicht nur erkennen, sondern auch transparent und nachvollziehbar erklären können.

Faktenchecks vergleichen Ergebnisse!

Ein weiterer wesentlicher Punkt in einem Faktencheck ist die vergleichende Arbeit. Wissenschaftlich können wir das auch Synopse nennen. Bei einer Synopse werden verschiedene Inhalte nebeneinander gelegt und auf inhaltliche Gleichheit geprüft. Ein Faktencheck schaut also, wer die gleichen Inhalte hat und wo Unterschiede in den verschiedenen Veröffentlichungen zu demselbsen Thema liegen.

Aber ein Faktencheck geht ebenso auf die Suche, ob bei einzelnen Veröffentlichungen diverse Angaben fehlen. Speziell die Unterschiede müssen am Ende untersucht werden. Warum findet bei einer Seite eine Auslassung statt? Soll hier manipulativ etwas unterdrückt werden oder fehlen einfach nur Informationen? Und umgekehrt müssen wir uns fragen, warum einzelne Quellen mehr Informationen haben. Handelt es sich um Sondergut, dass durch spezielle Recherche entstanden ist? Oder hat er jemand eifrig manipulativ überinterpretiert?

Hierbei helfen in erster Linie Suchmaschinen. Suchmaschinen sind ein mächtiges Mittel in der Recherche, müssen aber auch mit Vorsicht angewendet werden. Das bedeutet, im Zuge eines Faktenchecks werden zu einem bestimmten Inhalt parallele Publikationen mit gleichartigen Inhalt gesucht. Diese Inhalte werden nun verglichen.

Bei diesem Vergleich kristallisiert sich recht häufig heraus, ob sich einzelne Medien oder Websites stark tendenziös zeigen und abweichend sind. Hier können wir auch genau erkennen, ob ein bestimmtes Feld an Websites voneinander abgeschrieben und bewusst tendenziöse Informationen voneinander übernommen hat.

Gleichzeitig muss bei der Synopse gewährleistet sein, dass die Ursprünge und Kerninformationen der einzelnen Inhalte überprüft werden. Das heißt, bei der Suchmaschinensuche muss die älteste findbare Quelle oder Informationen gesucht werden. Die Suche nach der ursprünglichsten Quelle kann die Suche nach der ältesten Textstelle zu diesem Thema, der ältesten Fundstelle eines Bildes oder auch Videos sein. Bei diesen Ergebnissen muss ein Faktencheck schauen, in welchem Kontext ein Text, ein Bild oder ein Video ursprünglich veröffentlicht wurde. Und inwiefern dieser Kontext nun abgewandelt oder eben noch korrekt wiedergegeben wird.

Das bedeutet, wenn ich einen Faktencheck betreibe, muss ich natürlich auch die mir zur Verfügung stehenden Instrumente sorgfältig und gekonnt nutzen. Eine stümperhafte und oberflächliche Nutzung von Suchmaschinen kann zu irritierenden Ergebnissen führen. Besonders die Bildersuche ist ein mächtiges Instrument und kann leicht erlernt werden (hier unser Leitfaden).

Ein Faktencheck präsentiert überdies hinaus nicht nur die Ergebnisse aus der Suchmaschinensuche, sondern zeigt auch transparent den Weg dorthin. Er muss so gestaltet sein, dass alle Leserinnen und Leser selbst in der Lage sind, die Ergebnisse aus eigener Kraft nachzuvollziehen. Ein Faktencheck zeigt sich stets hinreichend nachweisbar und beliebig replizierbar.

Aber es geht nicht nur um passive Vergleiche, sondern auch um aktive Aussagen. Denn es geht darum, dass nicht alle Informationen immer nur aus Suchmaschinen stammen können und dürfen. Ein Faktencheck muss gewährleisten, das auch Expertinnen und Experten direkt zu Wort kommen können. Natürlich muss der Faktencheck beschreiben, warum eine gewisse Person zu einer Expertin oder einem Experten deklariert wird. Die Expertise muss also transparent nachgewiesen werden.

All das macht einen Faktencheck aus!

Kurzum, ein Faktencheck ist keine Meinung. Wenn all diese Schritte transparent und nachweisbar ausgeführt werden, ausführlich so beschrieben werden und sich inhaltlich nur an die Fakten gehalten wird, ohne zu manipulieren, ohne zu interpretieren, dann haben wir einen Faktencheck vorliegen. Dieser kann schlichtweg keine Meinung sein.

Natürlich hat die Autorin oder der Autor hinter einem Faktencheck eine Meinung. Doch diese darf und soll nicht in den Faktencheck einfliessen. Und wenn dies geschieht, dann muss das auch genauso deklariert sein.

Ein Faktencheck ist in den meisten Fällen mühsam und auch in der Gestaltung langweilig. Daher wird ein Faktencheck niemals die Viralität einer dramatischen oder skandalösen Aussage oder Manipulation haben. Doch das macht den Charakter eines Faktenchecks aus. Er ist nicht dazu da, um andere Menschen zu unterhalten. Der Faktencheck ist zur Information da.


Zum Abschluss: Checkliste zur Bewertung von Online-Quellen

WER?
  • Wer steht dahinter?
    AutorIn, InhaberIn, HerausgeberIn der Website? Privatperson, Organisation (.org, .or.at), Behörde (.gv.at), Universität (.ac.at), Unternehmen (.co, .at, .de,.com), politische Partei, ein Verlag, eine Zeitung etc.
  • Was ist über die Verfasserin bzw. den Verfasser bekannt?
    Tipp: „Vorname Nachname“ in Suchmaschine eingeben, bei AutorInnen auch z. B. auf Amazon
  • Gibt es ein Impressum mit AnsprechpartnerIn, Anschrift und Kontaktdaten?
  • Bei einer Universität oder Behörde ist davon auszugehen, dass die veröffentlichten Informationen besser abgesichert sind als bei einer Privatperson.
  • Eine politische Partei bezweckt – je nach Ausrichtung – eine bestimmte Absicht mit der Veröffentlichung von Informationen.
  • Renommierte Zeitung oder dubiose Website? Bekannter Journalist oder anonymer Blogger?
  • Ein vorhandenes Impressum deutet auf eine seriöse Website hin.

WIE?

  • Welches Format hat das Angebot?
    Website, Forum, Blog, News-Site, Datenbank, Wiki etc.
  • Wie professionell ist das Angebot?
    Aktuelle Inhalte? Rechtschreibfehler? Veraltete oder nicht funktionierende Links?
  • Verlinkungen:
    Wer verlinkt auf die Website? Wie seriös sind diese AnbieterInnen?
    Tipp: Suchoperator link:URL findet Websites, die auf die Website verweisen, z. B. link:www.mimikama.at
  • Wie umfangreich sind die Inhalte zu einem Thema?

  • Eine persönliche Meinung hat andere Qualitäten bei der Bewertung als z. B. ein Lexikon.
  • Je nach Thema relevant oder nicht. So können „historische Websites“, die aus Budgetgründen nicht mehr gewartet werden, durchaus gute und relevante Informationen bieten.
  • Je mehr seriöse Institutionen auf eine Quelle verlinken, desto glaubwürdiger könnte sie sein.
  • Eine Einführung in ein Thema ist anders zu bewerten und kann viel öfter Fehler enthalten, als eine komplexe Abhandlung von ExpertInnen.


WARUM?

  • An welche Zielgruppe richtet sich die Website?
    KundInnen, Kinder, Jugendliche, Familien, ExpertInnen, Unternehmen?
  • Was ist der Zweck der Website?
    Welches Interesse haben die HerausgeberInnen der Website? Soll der Inhalt informieren, unterhalten, beeinflussen oder für etwas werben?
  • Ist Werbung vorhanden?
    Ist diese klar erkennbar? Sind Werbung und Information klar voneinander getrennt?
  • Wie ist der Schreibstil?
    Akademisch mit vielen Fachbegriffen, journalistisch oder einfach verständlich? Sachlich-informativ oder reißerisch-populistisch?
  • Auf welche Quellen wird verwiesen?
    Auf welche Website wird verlinkt? Welche weiteren Informationsquellen werden genannt?
  • Stimmen die Inhalte?

  • Je nach Zielgruppe kann die Autorin bzw. der Autor sich selbst und die Inhalte anders darstellen.
  • Der Zweck ist nicht immer leicht herauszufinden, manchmal muss einfach ein bestimmter Zweck angenommen werden. Es ist sinnvoll, Online-Inhalt nicht immer für bare Münze zu nehmen.
  • Wie sich eine Website finanziert, kann Aufschluss über die Glaubwürdigkeit geben. Sind die FinanzgeberInnen transparent, könnte sie glaubwürdiger sein.
  • Die Inhalte müssen für die jeweilige Zielgruppe brauchbar sein. Texte für Kinder müssen anders gestaltet werden als für AkademikerInnen.
  • Gesetzte Links sind oft das beste Qualitätskriterium. Auf jeden Fall ein guter Weg, um bei der Suche weiterzukommen.
  • Informationen stichprobenartig anhand weiterer, verlässlicher Quellen überprüfen – besonders bei Themen, zu denen viele unterschiedliche Meinungen vorhanden sind oder man selbst unsicher ist.

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