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Mittwoch, 1 Dezember 2021

Des Kaisers neue Kleider

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Falschnachrichten gibt es wohl, seit es Menschen gibt.

Eine der ältesten Falschnachrichten ist die sogenannte Behistun-Inschrift, in der sich der persische Putschist Dareios (der, der später gegen die Athener in der Schlacht von Marathon verlor) um 520 vor Christus rühmte, den angeblichen Schwindler Gaumata getötet zu haben.

Gaumata soll während des Ägyptenfeldzugs des wahren persischen Königs Kambyses dessen Bruder ermordet und die Macht an sich gerissen haben. Kambyses hörte davon und kehrte sogleich heim, verstarb aber auf dem Weg. Nun war es also Kambyses‘ Leibgardist Dareios, der Rache übte, sich gegen weitere „Lügenkönige“ durchsetzte und aufgrund seiner hochadeligen Abstammung sich zum rechtmäßigen Herrscher Persiens krönte … dies wird jedenfalls in der Behistun-Inschrift behauptet, einer großen Tafel nahe der wichtigen Straße von Babylon nach Osten. Archäologen sind sich heutzutage sicher, dass es diesen Gaumata nie gegeben hat, und dass Dareios‘ Abstammung tatsächlich kaum ausreichte, um als rechtmäßiger Herrscher durchzugehen.

Während diese Falschnachricht von König Dareios erfolgreich benutzt wurde, um seine Macht zu festigen (auch der griechische Geschichtsschreiber Herodot fiel auf den Trick rein), wurde eine andere Falschnachricht benutzt, um die Macht der staatlichen Institutionen zu schwächen: Die Dolchstoßlegende. Über die gesamte Zeit der Weimarer Republik wurde die Dolchstoßlegende in rechtsgerichteten Zeitungen immer wieder aufgewärmt, obwohl sie schon früh widerlegt wurde.

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Erst beschuldigte man die Sozialdemokraten und Kommunisten, dem „tapferen deutschen Soldaten“ in den Rücken gefallen zu sein, später beschuldigte man die Juden – eben je nach aktuellem Feindbild. Die Auswirkungen sind bekannt.

Eine Illustration der Dolchstoßlegende von 1942 – zu der Zeit hat man die Schuld natürlich den Juden in die Schuhe geschoben
Eine Illustration der Dolchstoßlegende von 1942 – zu der Zeit hat man die Schuld natürlich den Juden in die Schuhe geschoben

All dies legt nahe, dass manch ein Denker sich schon lange vor unserer Zeit mit dem Thema Falschnachrichten befasst haben mag. So möglicherweise auch der Autor des Kunstmärchens „Des Kaisers neue Kleider“1), Hans Christian Andersen. Zunächst mal muss man wissen, dass seine Version des Märchens auf einer alten spanischen Erzählung basiert.

In „Der Graf von Lucanor“2) von Don Juan Manuel erzählt ein Berater des Grafen diesem die Geschichte eines Königs, der von drei Betrügern einen wundersamen Stoff angeboten bekommt und ihnen zur Herstellung viel Gold gibt. Niemand bemerkt den Schwindel, bis bei der großen Parade auffällt, dass der König nackt ist … im Grunde die bekannte Geschichte wie von Hans Christian Andersen, allerdings mit zwei interessanten Unterschieden. Zum Einen kann bei Don Juan Manuel laut den Betrügern derjenige das Textil nicht sehen, der nicht seines angeblichen Vaters Sohn ist. Das ist hundsgemein, da die ganze Existenz der Menschen damals darauf aufbaute, dass sie ihres Vaters Sohn sind (ja, Frauen wurden da missachtet). Hohe Ämter waren Adeligen vorbehalten, die wirklich adeliger Abstammung sind. Aber auch Handwerker vererbten ihren Beruf und ihre Existenz an ihre Söhne. Der Bauer übergab seinen Hof an seinen Sohn. Stellte sich heraus, dass man nicht der Sohn dessen ist, den man für seinen Vater hält, verlor man seine Existenz und nebenbei als sogenannter Bastard jede gesellschaftliche Anerkennung. Und man konnte das Gegenteil nicht beweisen.

In der Folge ist es dann ein „Neger“, der Stallknecht am Hofe des Königs war (man könnte ihn vielleicht auch einen Sklaven nennen), der den Schwindel aufdeckt. Er hatte nichts zu verlieren, ihm konnte es ganz egal sein, wessen Vater Sohn er ist – dadurch konnte er ohne Furcht vor Nachteilen den König über dessen Nacktheit aufklären. Hans Christian Andersen hat hier die Geschichte an etwas modernere Zeiten angepasst: Bei ihm konnte laut den Betrügern derjenige den Stoff nicht sehen, der zu seinem Amt nicht tauge oder außerordentlich dumm sei, und es war ein Kind, das am Ende die Wahrheit aussprach.

Der zweite Unterschied besteht darin, dass bei Don Juan Manuel die Geschichte in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, die eindeutig vorgibt, wie die Geschichte zu interpretieren sei.

Der Graf berichtet nämlich, es hätten ihm Leute vortreffliche Geschäfte angeboten, aber nur unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit, auch gegenüber seinen engsten Beratern … und der Graf fragte nun diese Berater, was er davon halten solle. Einer der Berater erzählte ihm daraufhin die Geschichte, die wir als „Des Kaisers neue Kleider“ kennen, und fügte ans Ende, dass der Graf also Leuten, die in keiner Verbindung zu ihm stehen, nicht so sehr trauen solle wie den Menschen, die um ihn herum leben und von seiner Gunst abhängig sind.

Dabei fällt auf, dass diese Interpretation so gar nicht zur Geschichte passt, da der König zwar von Fremden hereingelegt wurde, aber von seinem Umfeld auch keine Hilfe erhalten hat. Letztlich war es ja der „Neger“, der ihn gut beraten hat, und mit diesem war der König sicher nicht sehr vertraut. Gerade weil sein Umfeld auf seine Gunst angewiesen war, wagten sie es nicht, ehrlich zu sagen was sie sahen, da sie riskierten, diese Gunst zu verlieren. Sie fürchteten ja, als Kuckuckskinder dazustehen – und entschieden sich lieber dafür, ihren König anzulügen. Nur derjenige, der nichts zu verlieren hatte, war aufrichtig. Man kann nur spekulieren, ob Don Juan Manuel irgendeine Zensur fürchtete und er deshalb diese seltsame Interpretation an die Geschichte heftete. Hans Christian Andersen jedenfalls hat diese Rahmenhandlung inklusive vorgegebener Interpretation komplett weggelassen – dennoch kann unterstellt werden, dass Andersen eine tiefere Botschaft in dieser Geschichte gesehen hat.

Welche? Sehen wir uns an, wie die Hauptpersonen handeln.

Zunächst mal gibt es zwei Personen, die betrügen und damit erfolgreich sind … um sie geht es aber eigentlich nicht – ginge es um sie, müssten wir das Kunstmärchen3) als eine Anleitung zu erfolgreichen Betrügereien lesen. Es geht viel mehr um die Reaktionen auf deren Falschbehauptungen. Die zweite handelnde Person ist der Kaiser, der neugierig auf den wundersamen Stoff ist. Aus Furcht, er könnte den Stoff nicht sehen und daher als dumm oder seines Amtes nicht würdig dastehen, schickt er einen Minister. Er zweifelt also an sich selbst, und vertraut stattdessen lieber einem Anderen.

Nun geht also der Minister, die Kleider zu besichtigen – und sieht nichts. Auch dieser zweifelt nun an sich selbst, will sich aber nichts anmerken lassen und bestätigt letztlich die Behauptungen der Betrüger. Genauso macht es der Staatsmann. Und jeder andere ebenfalls, bis zuletzt das Kind den Betrug aufdeckt. Alle erkennen nun nach und nach die Realität – aber anstatt zu versuchen, aus diesem Mißgeschick zu lernen und sich zu fragen, was falsch gelaufen ist, entscheidet sich der König dafür, Haltung zu bewahren und die Zeremonie bis zum Ende durchzuführen.

In diesem Kunstmärchen werden also Ursachen dafür genannt, dass der Betrug funktionieren konnte: Erstens das fehlende Zutrauen in die eigene Kompetenz und stattdessen das Vertrauen in die Kompetenz eines Anderen, zweitens die Furcht als dumm oder unfähig dazustehen und persönliche Nachteile zu erleiden.

Wenn man noch genauer hinschaut, entdeckt man, dass der Betrug auf drei Ebenen erfolgreich ist.

Zunächst auf der persönlichen Ebene, dann auf der zwischenmenschlichen Ebene, und zuletzt auf der gesellschaftlichen Ebene. Auf der persönlichen Ebene handelt der Kaiser, bei ihm überwiegt als Ursache der Selbstzweifel und das Vertrauen auf einen Experten. Der Minister und der Staatsmann müssen gegenüber dem Kaiser eine Aussage machen – hier befinden wir uns auf der zwischenmenschlichen Ebene. Es überwiegt die Furcht vor persönlichen Nachteilen als Ursache. Und letztlich haben wir das Volk, das es schon von Anfang an kaum erwarten konnte zu sehen, wie dumm oder inkompetent der Nachbar sei. Das Volk schenkte einfach den Informationen Glauben, die es hatte. Und als es dann die nicht vorhandenen Kleider sah, fürchtete es wieder persönliche Nachteile.

Versuchen wir mal, uns auf allen drei Ebenen angesprochen zu fühlen, und schauen wir, was wir als Lehre aus dem Märchen tatsächlich auf unsere Realität übertragen können.

Oft sind wir einfach ein Teil des Volkes und sind Informationen ausgesetzt, die als gesetzt gelten. Niemand widerspricht, die Wahrheit scheint alternativlos … möglicherweise ist sie das tatsächlich, die Erde ist rund und Impfungen sind ein Segen für die Menschheit. Vielleicht ist aber auch die eine oder andere Überzeugung, die wir alle teilen, Unsinn. Was können wir tun? Darauf hören, was die Kinder sagen? Es ist wichtig zu sehen, dass am Ende des Märchens die Leute nicht einfach nur einem Kind Glauben schenken, sondern jemandem, der keinerlei Interesse daran hat, die Unwahrheit zu sagen. Danach war die Wahrheit so stark, dass sie sich wie von Zauberhand im Volk verbreitete. Wir müssen also darauf achten, wem wir Glauben schenken.

Sind wir allerdings alleine mit einer neuen Information, die uns mitgeteilt wurde, dann ist die Lehre des Märchens nicht, dass wir uns einen Experten suchen sollten, dem wir vertrauen, sondern dass wir zunächst mal eigenständig versuchen sollten, die Information zu prüfen. So weit, so einfach. Kompliziert wird es im zwischenmenschlichen Bereich.

Was, wenn wir die neue Information von einem Kollegen bekommen haben? Oder vom Chef bzw. der Chefin? In der Arbeitswelt sind wir auf ein gutes Auskommen mit Kollegen und Vorgesetzten angewiesen. Wir wollen uns nicht unbeliebt machen und damit eventuell unsere Existenz unnötig gefährden. Ich denke, wir sind auch oft in der Position des Ministers und des Staatsmannes und überlegen uns sehr genau, welche Risiken wir dafür, dass wir für unsere Meinung eintreten, in Kauf nehmen wollen.

Herbert Trimbach - ein Ministerialdirigent, der die Wahrheit aussprach. Er wurde von seinem Chef, Brandenburgs Innenminister Schröter, versetzt, weil er darauf hinwies, dass dessen Kennzeichenerfassung gegen Datenschutzgesetze verstößt.4) [Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International licence]
Herbert Trimbach – ein Ministerialdirigent, der die Wahrheit aussprach. Er wurde von seinem Chef, Brandenburgs Innenminister Schröter, versetzt, weil er darauf hinwies, dass dessen Kennzeichenerfassung gegen Datenschutzgesetze verstößt.4) [Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International licence]
Gleichzeitig sind wir aber auch oft in der Position des Königs und hören Meinungen von Leuten, die in solchen schwierigen Situationen stecken. Die Neigung dieser Menschen, anstatt ihre freie Meinung lieber das Opportune zu äußern, wäre halb so wild, wenn wir als Rezipienten deren Situation erkennen und ihre Äußerungen entsprechend einordnen würden. Menschen, die ihren Job verlieren würden, wenn sie sich anders äußerten als sie es tun (so wie Politiker zum Beispiel?), sind eben nicht glaubhaft. Wir sollten daher eher denjenigen vertrauen, die ihre Meinung wirklich frei äußern können.

In Andersens Märchen ist also das Kind glaubhafter als der Minister, in der älteren Version von Don Juan Manuel ist es der Stallknecht, der glaubhafter ist. Ich denke, wir sollten keinesfalls die Intention Andersens in der Weise missverstehen, dass die Kompetenz eines Experten völlig egal wäre. Das Kind bzw. der Stallknecht haben nicht deshalb die Wahrheit gesagt, weil sie keine Ahnung hatten, sondern weil sie keine Nachteile zu befürchten hatten.

Trotzdem: Erstmal selber denken. Vielleicht nochmal selber denken. Und erst, wenn das wirklich nicht hilft, einen Anderen zu Rate ziehen – und unbedingt darauf achten, dass dieser Andere auch tatsächlich ohne äußere Zwänge und ohne dass es seine Existenz berühren würde frei das sagen kann, was er denkt.

Was bedeutet das nun genau in der Praxis? Im Artikel „Der Vergleich der Medien“ bin ich schon darauf eingegangen, was aus meiner Sicht Kriterien für eine vertrauenswürdige Quelle sind. Und was müsste man auf gesellschaftlicher Ebene anpacken? Darauf möchte ich im nächsten Artikel eingehen.

Niels Detloff beschäftigt sich seit Jahren mit Falschmeldungen und bietet Workshops an zum Thema „Kritischer Umgang mit Information aus Medien“.  www.sichelschmiede.org/seminare/kumiam


1) http://www.labbe.de/lesekorb/andersen/des_kaisers_neue_kleider.asp 
2) http://www.zeno.org/nid/20007916930 
3) Ein Kunstmärchen ist ein Märchen, das nicht (nur) auf alten Überlieferungen basiert, sondern durch die Intention des Autors geprägt ist. Es ist geschrieben worden, um in Märchenform eine bestimmte Botschaft zu vermitteln.
4) https://www.pnn.de/brandenburg/umstrittene-kennzeichenspeicherung-innenminister-schroeter-stellt-kritiker-kalt/24431186.html
Artikelbild: YouTube / Rapunzel /  Des Kaisers neue Kleider – ein animiertes Märchen Bilderbuch 

 

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