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Montag, 20 September 2021

„Die Corona-Impfung ist aber giftig!“, ruft mein Sitznachbar mir entgegen

Claudia Spiess
Querfakterin vom Stamm der Mimikamanen

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Haben wir mit der Corona-Impfung wirklich einen Fehler gemacht?

Seine Gesichtsmaske ist deutlich unter die Nase gerutscht, ich erkenne seine Wut, aber auch seine innerliche Niedergeschlagenheit. Er ist es satt. Er ist alles so satt. Und ich verstehe ihn. Ich beruhige den Mann, der mit mir zusammen im Bus sitzt. Ich versuche, ihn auf ein etwas entspannteres Level zu holen. „Was ist denn nun giftig?“, frage ich ihn. Er zieht die Maske wieder über die Nase und lehnt sich zurück. Er holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt mir ein Posting, das er auf Telegram aufgeschnappt hat.

„Wir wussten nicht, dass das Spike-Protein selbst ein Toxin ist… Wir haben einen großen Fehler begangen, und haben das bis jetzt nicht bemerkt.“ steht da geschrieben.

Ein Toxin! Ein Gift! Etwas ist doch giftig, wenn es toxisch ist. Moment, bedeutet das, die Corona-Impfung ist giftig? Vergiften wir uns durch die Corona-Impfung?

Es ist eine Stille eingekehrt zwischen uns beiden. Eine Stille, die jetzt kein Friedensvertrag, sondern eher ein Waffenstillstand ist. Mein Sitznachbar wartet und erwartet wohl, dass ich Antworten liefere, wo ich doch so interessiert nachgefragt habe. Ich muss gestehen, das Posting auf Telegram und seine Verweise irritieren mich. Recht unbeholfen suche ich am Smartphone nach Hintergründen zu diesem Thema. Das Smartphone ist in der Tat kein gutes Mittel für eine Online-Recherche, sondern lediglich ein Behelf. Aber besser als nichts. Und die ersten tiefergehenden Fundstellen zeigen mir bereits interessante Ergebnisse.

Ein Interview

Was ich finde, ist die Aufzeichnung eines Interviews, das die kanadische Journalistin Alex Pierson für OnPoint führte. Und zwar mit Byram Bridle. Und genau in diesem Interview erklärt Bridle, was es mit der „giftigen“ Corona-Impfung auf sich haben soll.

Hier stolpere ich auch wieder über den Satz „Wir wussten nicht, dass das Spike-Protein selbst ein Toxin ist…“ 

Ich breche die Tonaufnahme ab, weil ich wissen möchte, wer Byram Bridle ist, der hier diese Behauptungen aufstellt. Hat er das nötige Wissen? Ist er Spezialist in Sachen Giftstoffe, oder einfach jemand, der zu viele YouTube-Videos gesehen hat und nun sein „Fachwissen“, das er daraus gezogen hat, weitergibt?

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Doch – oha! – Byram Bridle ist Immunologe, Virologe und Forscher für Krebsimpfstoffe. Und weiters auch noch Professor an der Universität von Guelph in Ontario, Kanada. Natürlich muss ich erstmal davon ausgehen, dass Bridle weiß, wovon er spricht. Ich suche also weiter und finde schnell einen Twitter-Beitrag, der zum vorangegangenen Interview und Bridles Aussagen passt:

„Der Immunologe Dr. Byram Bridle weist darauf hin, dass die von Pfizer in Japan vorgelegten Studiendaten zeigen, dass 25 % der Spritze im Armmuskel verbleiben und 75 % sich anderswo verteilen und die Herstellung des toxischen Spike-Proteins in Zellen wie den Eierstöcken konzentrieren können. Das Immunsystem greift unsere Zellen an, die Spikes enthalten.“

Das will ich wissen, was hat Bridle nun genau gesagt? Ich kehre zurück zur Aufzeichnung des Interviews.

Bridle betont hier, dass er kein Impfgegner wäre, forschte sogar selbst an Corona-Impfstoffen. Allerdings nicht an mRNA-Impfstoffen, sondern an einem Vektor-Impfstoff wie beispielsweise jener von AstraZeneca. Nun warnt er davor, dass mit den mRNA-Impfstoffen dem Körper ein Toxin – ein Gift! – zugeführt wird, was er auf toxische Spike-Proteine zurückführt.

Giftige Proteine durch die Corona-Impfung? Ich habe mich bereits impfen lassen, was habe ich nun zu befürchten?

Es wird nicht besser. Spike-Proteine werden durch die mRNA-Impfung im Körper gebildet. Normalerweise bleiben diese im Bereich der Impfstelle, doch nicht in diesem Fall. – Laut Bridle sollen sie über den Blutkreislauf durch den Körper wandern und hier Schäden anrichten können. Spike-Proteine führen zu Blutverklumpung und Zellsterben, sagt Bridle. Außerdem soll die mRNA über Muttermilch an Säuglinge übertragen werden und Blutungen im Magen-Darm-Trakt der Babys auslösen können. – Mir wird heiß, ich möchte das alles gar nicht wissen, aber ich höre mir das Interview bis zum Ende an.

Japanische Biodistributionsstudie

Seine Erkenntnisse zieht Bridle aus einer Studie aus Japan, die bisher nur von Unbekannten ins Englische übersetzt wurde.
Weiters gibt er an, dass er die möglichen Schäden durch wissenschaftlich begutachtete Studien belegen könne. Er würde diese gesammelt vorlegen, was allerdings bis heute nicht geschehen ist.

Bei dieser Studie handelt es sich um eine sogenannte Biodistributionsstudie, die bei der Zulassung von neuen Medikamenten wie auch Impfstoffen zu den Standards gehört. Laut Bridle hatte er diese gemeinsam mit internationalen Kollegen „erstritten“, wobei die Namen dieser Kollegen ungenannt bleiben. Die Studie ist jedoch seit Monaten im Internet veröffentlicht, hier auch für jedermann zugänglich und wurde auch von der EMA (Europäische Arzneimittelbehörde) begutachtet, wie in einem Bericht dazu zu lesen ist.

Für diese Studie hatte Pfizer die Verbreitung seines Impfstoffs im Körper von Mäusen untersucht. Den Tieren wurde eine radioaktiv markierte Mischung mit mRNA und auch ALC-Substanzen gespritzt, wodurch die Verteilung der mRNA im Körper der Mäuse analysiert werden konnte.

Anhand dieser Untersuchungen zieht Bridle nun seine Schlüsse daraus. Nämlich, dass die durch die Impfung produzierten Spike-Proteine über den Blutkreislauf im Körper verbreitet und somit in Milz, Leber, Nebennieren, Knochenmark und „in ziemlich hoher Konzentration“ in den Eierstöcken anreichern würden.

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, kennt diese Untersuchung. Er erklärt dazu, dass bei einer solchen Studie sehr große Mengen des Impfstoffs verwendet würden, um zu prüfen, ob sich mögliche Schäden ergeben könnten, wenn hohe Mengen wiederholt verabreicht werden.

Im Gegensatz dazu steht allerdings die „normale“ Verwendung der Impfstoffe, die in „erheblich geringeren Mengen gespritzt“ werden. Weiters erklärt Cichutek, dass der größere Anteil der mRNA nach einer Impfung im Muskel verbleibt. Kleinstmengen können auch in das Blut oder in Organe gelangen, aufgrund der geringen Menge seien diese hier aber unbedenklich. Es ist durchaus möglich, dass im Blutplasma geimpfter Personen kleine Mengen des Spike-Proteins zu finden seien, doch auch dadurch seien laut Cichutek keine Schäden zu erwarten.

Carsten Watzl, Immunologe, stellt auch noch klar, dass in der Studie aus Japan kein Spike-Protein gespritzt wurde, sondern untersucht wurde, wie sich die mRNA und Lipid-Nanopartikel (sozusagen die Verpackung der Impfstoffe, mit der sie transportiert werden) im Körper verteilen. Doch „dazu wurde nicht der eigentliche Impfstoff verwendet, sondern abgewandelte Formen.“

Spike-Proteine einer mRNA-Impfung

Herkömmliche Impfstoffe enthalten geringe Mengen eines Erregers, woraufhin das Immunsystem entsprechende Antikörper entwickelt. Bei Kontakt mit Viren können diese bekämpft werden. mRNA-Impfstoffe funktionieren jedoch anders.

Eine mRNA-Impfung enthält keine Spike-Proteine. Stattdessen wird mit einem mRNA-Impfstoff ein genetischer Bauplan zur Bildung von Antigenen verabreicht, der Körper selbst wird zu einer Art Impfstoff-Produzent: Proteine werden hergestellt, die wie Antigene wirken und auf die charakteristische Oberfläche des Coronavirus zugeschnitten sind. Somit produziert das Immunsystem Antikörper durch die Reaktion auf diese Proteine. Ein direkter Kontakt mit dem wirklichen Coronavirus besteht hier also nicht.

Wichtig an dieser Stelle zu betonen ist, dass das durch die Impfung produzierte Spike-Protein im Gegensatz zu dem des Coronavirus sich nicht an die ACE2-Rezeptoren bindet und so in die Zellen eindringen könnte, um sie zu infizieren. Das „Impf-Spike-Protein“ setzt sich auf der Oberfläche von Muskel- und Lymphzellen an der Impfstelle (Schulter) ab, bahnt sich seinen Weg durch die Lunge, jedoch in geringen Mengen, dass es somit keine Schäden verursachen kann.

Gelangen Spike-Proteine in den Blutkreislauf?

Impfstoff- und Infektions-Spike-Proteine verhalten sich im Körper sehr unterschiedlich, wie das Salk Institute in einer Pressemitteilung veröffentlichte. Der größte Teil des durch die Impfung produzierten Spike-Proteins bleibt an der Injektionsstelle, hier entweder in den Muskelzellen oder den Lymphknoten, die schließlich für die Immunantwort verantwortlich sind.

Bridle behauptet allerdings, dass diese Annahme falsch wäre und das Spike-Protein sich über den Blutkreislauf in Gewebe und Organe anreichere. Dabei stützt er sich auf eine kleine Studie von Ogata el al, die Blutproben von mit Moderna geimpften Personen untersuchte. Bei 11 von 13 geimpften Personen konnten Spike-Proteine nachgewiesen werden.

Allerdings ist die Stichprobengröße dieser Studie immens klein, auch wurden laut Ogata et al extrem niedrige Konzentrationen des Proteins im Vergleich zu schädlichen Konzentrationen gefunden. Im Blog Deplatform Disease wurde dazu errechnet, dass die Menge des Spike-Proteins, das die Studienautoren bei Geimpften gefunden hätten, etwa 100.000 Mal geringer sei als die Menge des viralen Spike-Proteins, die nachweislich Schäden verursacht.

Ein Teil des Impfstoffs könnte zwar in den Blutkreislauf gelangen, allerdings würde der Körper diesen abbauen. Die EMA erklärte dazu in einem Schreiben:

„Die Aufnahme der mRNA im Impfstoff erfolgt hauptsächlich in Makrophagen und dendritischen Zellen des Immunsystems an der Injektionsstelle und in den drainierenden Lymphknoten […] Es wurde festgestellt, dass die in Lipid-Nanopartikeln formulierte mRNA des Impfstoffs hauptsächlich an der Injektionsstelle verbleibt und nur geringe Mengen in andere Gewebe, wie die Leber, gelangen können.“

Beim Impfstoff COVID-19 von AstraZeneca wurde bei der Verabreichung desselben Vektors, der ein anderes Virusprotein trägt, festgestellt, dass der Großteil des injizierten viralen Vektors an der Injektionsstelle verbleibt und nur geringe Mengen in anderen Geweben nachgewiesen wurden.

Die nichtklinischen Studien, die mit den drei COVID-19-Impfstoffen durchgeführt wurden, ergaben keine Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit ihrer Gewebeverteilung im Tiermodell unter den verwendeten Versuchsbedingungen.“

Weitere Behauptungen von Bridle

Wie war das noch mit der Übertragung der mRNA und Spikes über die Muttermilch an Säuglinge? Bridle sagte hier, dass dies möglich wäre und dass dadurch Blutungen im Magen-Darm-Trakt der Babys ausgelöscht werden könnten. Er führt dazu keine Quellen an.

Experten sind sich jedoch einig, dass dies nicht möglich ist, finde ich in einem Faktencheck von AFP. Weder gelangt die mRNA aus Impfungen in die Muttermilch und somit schon gar nicht in den Körper des Babys. Eine Gefahr für Säuglinge, die gestillt werden, ist damit nicht bewiesen oder plausibel. Schon allein aus dem Grund, dass Spike-Proteine eben nicht in großer Menge durch den Körper wandern.

Blutverklumpung, da war doch etwas mit Blutverklumpung. Ich möchte nicht, dass mein Blut zu Klumpen wird und meine Blutgefäße verstopft. Doch auch dazu finde ich etwas bei AFP. Und zwar die Erklärungen von Annette Beck-Sickinger, Leiterin der Forschungsgruppe Biochemie und Bioorganische Chemie an der Uni Leipzig. Sie erklärt, dass auf die Corona-Impfung hin drei Reaktionen passieren können:

  1. Die durch die Impfung produzierten Proteine befinden sich in einer Hülle von Muskelzellen und begegnen so dem Immunsystem. „Dann kann dies nicht zur Verklumpung führen, da die ‘Klebestellen’ nicht frei beweglich sind.“
  2. Auch, wenn Zellen die Proteine freisetzen können, gäbe es zu wenig „Klebepunkte“, die für eine Verklumpung allerdings in großer Anzahl vorhanden sein müssen. Diese Klebepunkte müssten dann wiederum fest miteinander verbunden werden, „damit die Zellen untereinander verklumpt werden können.“
  3. Oder eben die dritte Möglichkeit, bei der die Verklebung gar keine Rolle spielt. Hier werden die Proteine kleingeschnitten, diese kleinen Stückchen davon werden durch „Präsentatoren“ dem Immunsystem gezeigt.

Ergebnisse einiger Studien ergaben, dass das Spike-Protein bei einer COVID-19 Erkrankung kardiovaskuläre Toxizität verursacht. Doch auch hier muss wieder unterschieden werden, dass es sich dabei um die Spike-Proteine bei einer Erkrankung und nicht um die durch eine Impfung produzierten handelt.

Die Studien weisen damit sogar nach, dass die Impfung ggf. nicht nur vor COVID-19 schützt, sondern auch vor Endothelschädigungen, die das Spike-Protein verursachen könne. Somit weisen sie sogar das Gegenteil von dem nach, was Bridle behauptet!

Doch Bridles Behauptungen beruhen jedoch auf der Annahme, dass, wenn das Spike-Protein bei COVID-19-Patienten kardiovaskuläre Toxizität verursacht, auch das Spike-Protein geimpfter Personen toxisch sein soll.

Fazit

Byram Bridle hat mit diesen Behauptungen zahlreiche Menschen verunsichert. Auch ich war irritiert von den Aussagen, möchte ich doch nicht aufgrund meiner Corona-Impfung vergiftet werden.

Doch keine der Behauptungen lässt sich wissenschaftlich belegen. Bridle führt auch keine expliziten Quellen an. Dass er diese nachreichen wird, ist bis dato nicht geschehen. Wir wissen also gar nicht, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kommt.

Entgegen dem Spike-Protein, das ein Bestandteil des Coronavirus ist, funktioniert das durch eine Impfung produzierte Spike-Protein anders, sodass man vorliegende Erkenntnisse hier nicht 1:1 übernehmen kann.

Das durch eine Impfung produzierte Spike-Protein ist laut Experten an Zellen gebunden und eben nicht löslich, daher ist es ungefährlich. Wenn es sich überhaupt im Körper verteilt, dann nur in geringen Mengen, die keine Schäden hervorrufen. Auch wird die mRNA vom Körper „nach Erledigung ihres Dienstes“ abgebaut.

Wir werden also durch eine mRNA-Corona-Impfung nicht gefährdet und schon gar nicht vergiftet.

Wir haben keinen Fehler gemacht. Die Impfstoffe sind sicher.

Leider kann ich das dem Mann aus dem Bus nicht mehr sagen. Er ist zwei Stationen später ausgestiegen. Das Problem liegt nun mal in der Natur der Behauptungen: Steile Thesen lassen sich immer sehr leicht verbreiten. Eine nüchterne Betrachtung und die Auseinandersetzung mit einem Thema kostet Zeit. Zeit, die viele Menschen nicht haben, sich nicht nehmen und manchmal auch gar nicht nehmen wollen.


Quellen: MDR, Health Feedback, AFP, ZDF, Correctiv, byrambridle.com

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