PCR-Tests in Wien sind „echte“ PCR-Tests

Andre Wolf, 26. Januar 2022

In den letzten Wochen wurden in Wien täglich etwa 302.000 PCR-Tests durchgeführt. Das sorgt nicht nur für Aufsehen, sondern in Deutschland auch von oberer Stelle teilweise für Fehldarstellungen.

Übersicht Thema PCR-Tests in Wien

Fakten zu den PCR-Tests in Wien:

  • In Wien gab es seit dem 01.04.2020 über 41.700.000 (41,7 Millionen) gemeldete Antigen- und PCR-Tests (Stand 25.01.2022).
  • Laut Mario Dujakovic, Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats, werden täglich etwa 302.000 PCR-Tests durchgeführt
  • An Spitzentagen gab es allein in Wien über 500.000 PCR-Tests
  • Die Gratis-Gurgeltests von Lead Horizon in Verbindung mit dem Abgabenetzwerk stellen in Wien ein effizientes System dar

Problemstellung:

  • In deutschen Medien wird das System heruntergespielt und falsch wiedergegeben
  • Sprecher Ewald vom deutschen Gesundheitsministerium sprach von sogenannten „Lollitests“
  • Ebenso gibt es die Behauptung, die Ergebnisse seien unzuverlässig und würden nicht aus dem Labor stammen, sondern Tests vor Ort ausgewertet
  • Peter Tschentner (SPD) spricht davon, dass die Tests nicht über professionelle Labore angeboten werden

Story: Tests in Wien sind echte PCR-Tests

Deutschland kämpft mit Engpässen bei den PCR-Tests. PCR bedeutet Polymerase-Ketten-Reaktion. Einige Medien sprechen unter anderem davon, dass die Testkapazitäten in Deutschland knapp werden. Dieses Thema wird aktuell während der Omikron Hochphase sehr stark diskutiert. Als Vergleich wird dabei immer die österreichische Hauptstadt Wien angeführt, die wiederum in puncto PCR-Tests quantitativ sehr gut aufgestellt ist. In Wien werden täglich etwa 302.000 PCR-Test durchgeführt und ausgewertet. Diese Zahl nennt Mario Dujakovic, Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats, gegenüber ntv.de. Und dabei ist noch Luft nach oben, da 800.000 Proben gemäß der Angaben pro Tag in Wien ausgewertet werden könnten.
Entsprechend der täglich aktualisierten Statistiken gibt es in Wien seit dem 1. April 2020 über 41,7 Millionen gemeldete Antigen und PCR-Tests. Diese Statistik ist auf der Website des ORF öffentlich einsehbar und wird täglich aktualisiert. Aus diesen Statistiken heraus können wir auch erkennen, dass es an Spitzentagen bis zu über 500.000 durchgeführten und ausgewerteten Tests kommen kann. Wichtig hierzu ist dennoch zu wissen, dass seit 13.1.2021 das offizielle Dashboard die Summe aus PCR- und Antigentests übermittelt.
Dennoch wird die Zahl der über „Alles gurgelt“ PCR-Tests auf täglich etwa 300.000 im Mittel angegeben (vergleiche auch hier).
Aus Deutschland wird also nun auf diese hohen Zahlen der Testung geschaut und diese natürlich auch thematisiert. Leider werden diese Zahlen jedoch auch teilweise falsch interpretiert und somit von einigen Stellen falsch beschrieben. So sprach beispielsweise der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums Oliver Ewald in einer Pressekonferenz vom 24.01.2022 davon, dass in Wien die Testanzahl aufgrund der sogenannten Lollitests so hoch sei (ergo: keine PCR-Tests):


Auf dem Sender Phoenix wurde die Aussage verbreitet, dass es sich bei den Tests nicht um reine PCR-Tests, sondern um „Zwischenschritt“ handeln würde:

Das Beispiel, das immer angeführt wird an dieser Stelle […] ist die Stadt Wien, die angeblich mehr […] testet als die ganze Bundesrepublik zusammen. […] Nun muss man sagen, die Tests, die da in Wien ausgehändigt werden, die werden nicht in Labore dann untersucht, sondern die werden auf andere etwas einfachere Art und Weise überprüft. Was die Infektionsgefahr angeht […] man sagt, es ist so eine Mischung zwischen Schnelltest und PCR Test, also so ein Zwischenschritt


Die Annahme, dass es sich um „Zwischenschritte“ handeln würde, könnte aus einem anderen Interview fälschlich gezogen worden sein. Die folgende Aussage wurde am 13.01.2022 von Andreas Bobrowski, dem Vorsitzenden des Berufsverbands Deutscher Laborärzte, gegenüber dem Tagesspiegel (Paywall-Inhalt) geäußert und im Tagesspiegel am 24.01.2022 nochmals wiederholt:

Die damit erzielten Ergebnisse seien deutlich unzuverlässiger, ihre Genauigkeit irgendwo zwischen Schnelltests und echten PCR-Tests.

Er spricht hier von sogenannten Point-of-Care Tests, die nicht in Laboren, sondern vor Ort ausgewertet werden würden. Also den klassischen Antigen-Tests. Nur: In Wien werden am Tag nach offiziellen Angaben (ich wiederhole) 300.000 PCR-Tests im Schnitt ausgeführt.
Eine andere Version von Fehldarstellung liefert der SPD-Politiker und Bürgermeister von Hamburg Peter Tschentscher in einem Interview mit dem NDR. Der Molekularbiologe und Laborarzt stellt die Wiener PCR-Testungen als eine Art „Supermarkttest“ dar, der wenig Aussagekraft hätte:


Diese Aussagen könnten zu der Annahme verleiten, dass es sich bei den PCR-Tests in Wien nicht um echte PCR-Tests handeln könnte und die Aussagekraft der Testzertifikate nur gering seien. Starten wir hier den Faktencheck!

Was steckt denn nun hinter der Teststrategie in Wien?

Es hat jedoch einen Grund, warum es so viele Tests in Wien gibt. Dieser Grund sind die sogenannten Gurgel-Tests der Stadt Wien. Diese Tests machen den großen Anteil an den Gesamtzahlen der Tests aus. Die Stadt Wien beschreibt diese Tests wie folgt:

Wienerinnen und Wiener sowie Menschen, die in Wien arbeiten und Menschen, die nach Wien reisen, haben die Möglichkeit, sich regelmäßig mittels eines PCR-Gurgeltests kostenlos auf das Corona-Virus testen zu lassen. Das Ergebnis erhältst du bei Abgabe vor 9 Uhr innerhalb von 24 Stunden.

Das Testzertifikat gilt entsprechend offiziell als Nachweis eines PCR-Tests im Rahmen der 3G, 2,5G und Teil der 2G Plus-Regel. Dementsprechend gilt ein negatives Testergebnis als Eintritts-Test gemäß der jeweiligen G-Regeln.
Hinter dem „Alles Gurgelt“ System stehen einerseits die Firma Lead Horizon, andererseits auch das Vertriebs- und Abholnetzwerk, welches über den Einzelhandel (REWE angeschlossene Märkte), sowie den Tankstellen der BP, JET, Shell, OMV, ENI und den Bahnhöfen Meidling und Hauptbahnhof in den ÖBB Reisezentren und ÖBB Reisebüros innerhalb Wiens abläuft.
Einfach erklärt: den Menschen in Wien stehen gratis Selbsttest-Kits zur Verfügung (das „Mouthwash sampling Kit“). Nun, ganz „gratis“ sind diese Testkits nicht, da sie natürlich durch Steuergelder finanziert werden. Die Stadt Wien zahlt nach jüngsten Medienangaben in etwa 6 Euro pro Test. Die Finanzierung an sich von österreichweiten Tests wurde am 5.10.2021 bis Ende März 2022 verlängert (siehe hier)
Die Testkits können in den teilnehmenden Geschäften abgeholt werden. Diese gratis Testkits (hier die Bestandteile) können von jedem ausgeführt werden. Die Authentifizierung verläuft über das eigene Smartphone, das während der Ausführung des Tests die Testperson filmen sollte. Dies ist nicht zwingend verpflichtend, jedoch dann verpflichtend, wenn ich ein gültiges Zertifikat am Ende bekommen möchte.

Einmal abgeschlossen, wird der Test wieder verpackt und online vollendet. Anschließend wird die Verpackung in einem der teilnehmenden Einzelhandelsmärkte, bzw. Tankstellen oder den Reisezentren abgegeben. Zweimal am Tag werden in der Regel die Tests abgeholt und in die Labore gebracht (Sonntage und Feiertage bilden Ausnahmen, hier gibt es nur eine Abholung). Doch was passiert dann? Wir haben mit Lead Horizon direkt gesprochen!

Labore, echte PCR-Tests, gültige Zertifikate

Konkret auf die Vorwürfe, ob es sich um Zwischenschritte oder Mischartige Tests handelt, hat uns die Lead Horizon Sprecherin Elisabeth Pelzer deutlich antworten können: Nein, hierbei handelt es sich nicht um Zwischenschritte oder irgendwelche anderen Formate. Die Gurgeltests sind auch keine Point-of-Care Tests, sondern hier wird eine Speichelprobe eingesendet und anschließend untersucht. Es handelt sich um die ganz normale PCR-Testung.
Auf die Frage nach einem Labor konnte uns Sprecherin Pelzer an das Lifebrain Labor verweisen. LeadHorizon und Lifebrain sind Partner im Projekt, aber nicht verbundene Unternehmen. Der Betreiber Lifebrain betreibt mehrere Labore, unter anderem jüngst auch in der Klinik Penzing (ehemals Otto-Wagner-Spital). Das geht aus der Berichterstattung des Kuriers hervor. Den genauen Ablauf hat die ORF-Nachrichtensendung ZIB 2 auf ihrem TikTok-Kanal wie folgt dargestellt:


Bei den „Alles gurgelt“ PCR-Tests in Wien handelt es sich also um echte und EU-zertifizierte Tests, die auch internationale Gültigkeit haben. Hierzu liegt uns auch eine Studie (HIER) über die Zuverlässigkeit des PCR-Tests vor. Zusammengefasst steht darin, dass die Eignung und Zuverlässigkeit des Mundspülungs-Sampling-Kits gegeben ist und mit 99,2 % Prozent der Vergleichsergebnisse aus der Studie übereinstimmt.

Das „Pooling“ als möglicher Kritikansatz

Ein Kritikpunkt hierbei kann, wenn gewollt, im sogenannten „Pooling“ im Ablauf des PCR-Tests angesiedelt werden. Grundsätzlich (wie im Video zu sehen) werden die Tests gepoolt. Beim Poolen wird zunächst die einzelne Gurgelflüssigkeit auf zumindest zwei Fläschchen aufgeteilt. Die eine Teilprobe wird dann in einen Pool mit anderen Teilproben gegeben. So muss nicht jede Probe einzeln getestet werden. Sollte ein Pool dann positiv sein, müssen alle Proben des Pools einzeln überprüft werden. Dabei wird dann auf den Rest der Gurgelflüssigkeit zurückgegriffen.
Bei diesem Vorgang wird die Einzelprobe leicht verdünnt. Das kann letztendlich zur Folge haben, dass sehr schwach positive Proben am Ende so verdünnt sind, dass sie nicht wahrgenommen werden. Das ist nicht zwingend so, sondern lediglich möglich. Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH, kurz AGES, schreibt zu Pooling-Tests:

Ein potenzieller Nachteil des Pooling ist, dass infizierte Personen mit sehr niedrigen Viruslasten aufgrund der Verdünnung des Analyten übersehen werden könnten.

Fazit

Die Aussagen über die in Wien angewendeten PCR-Tests als „Lollitests“ oder Tests mit unzulässiger Genauigkeit sind falsch. Hier führten die Aussagen des Sprechers des deutschen Gesundheitsministeriums in die Irre.
Auch die irritierende Aussage über eine Art Mischung von verschiedenen Testmethoden, wie sie in dem Phoenix-Beitrag zu hören ist, ist Unsinn. Die Proben werden auch nicht vor Ort (Point-of-Care Tests) ausgewertet, sondern es handelt sich um echte PCR-Tests, durchgeführt in Laboren. Die Tests sind anerkannt und als PCR-Test gültig.
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