„Stoppt den Krieg!“ Anti-Kriegs-Protest im russischen Staats-TV!

TV-Protest der Marina Ovsiannikova löst weltweite Welle der Anerkennung aus.

Susanne Breuer, 15. März 2022
Marina Owsjannikowa protestiert im Live-TV gegen den Ukraine-Krieg. Nun wird sie "Welt"-Korrespondentin
Marina Owsjannikowa protestiert im Live-TV gegen den Ukraine-Krieg. Nun wird sie "Welt"-Korrespondentin

Anti-Kriegs-Protest der Marina Ovsiannikova in Live-TV löst weltweite Welle der Anerkennung aus.

UPDATE: 15.3.2022 / 16.35 Uhr

Nach ihrem aufsehenerregenden Protest im russischen Staatsfernsehen gegen den Krieg in der Ukraine steht die Frau nun vor Gericht. Der prominente russische Journalist Alexej Wenediktow veröffentlicht in einem Telegram-Kanal ein Foto von Marina Owssjannikowa mit ihrem Anwalt Anton Gaschinski in einem Gerichtsgebäude. Zuvor hatte es stundenlang keine Spur von ihr gegeben.

Russische Medien berichteten, dass die TV-Mitarbeiterin wegen der Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion belangt werde. Ihr droht demnach eine Arreststrafe von zehn Tagen oder 30.000 Rubel (226 Euro) Ordnungsstrafe oder bis zu 50 Stunden gemeinnützige Arbeit. Zunächst war befürchtet worden, die Redakteurin könnte nach einem umstrittenen neuen Gesetz wegen Diffamierung der russische Armee verurteilt werden. Dabei drohen bis zu 15 Jahre Haft.


Gestern Abend trauten die russischen Fernsehzuschauer ihren Augen nicht. Hinter der Sprecherin der abendlichen Hauptnachrichten des Staatssenders PERWY KANAL, des ersten Kanals, sprang eine Frau mit einem Protestplakat gegen den russischen Angriffs-Krieg in der Ukraine ins Bild. Nach wenigen Sekunden schaltete die Regie auf ein anderes Bild um, doch diese wenigen Sekunden haben Marina Ovsiannikova weltweite Aufmerksamkeit, Anerkennung und schlimmstenfalls einige Jahre im russischen Strafvollzug beschert. 10 Stunden nach dieser Aktion war die Frau noch immer nicht auffindbar (HIER).

Protest in der Hauptnachrichtensendung

Während der Live-Übertragung der Nachrichtensendung Wremja des Staatssenders PERWY KANAL um 21 Uhr Moskauer Zeit (19 Uhr MEZ) erschien plötzlich eine Frau aus den Kulissen hinter die Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewna ins Bild und hielt ein großes handgeschriebenes Plakat in die Höhe. Die teils russische, teils englische Aufschrift lautete: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Sie lügen euch an“. Dazu rief sie mehrfach „Nein zum Krieg.“ Die Frau stand zunächst hinter der Nachrichtensprecherin, so dass das Schild nicht zu sehen war, positionierte sich dann aber rechts hinter ihr so, dass das Plakat in voller Größe mehrere Sekunden sehr gut zu lesen war, bevor die Regie die Live-Übertragung unterbrach und auf eine Szene mit einem Krankenhausflur umschaltete.

Die Szene dauerte gerade sechs Sekunden, doch das reichte einigen Zuschauern, Screenshots zu machen und diese via sozialer Netzwerke zu verbreiten. In sehr kurzer Zeit erreichte diese Nachricht die Welt und wurde DIE Nachricht des gestrigen Abends. Selbst ein Wikipedia-Artikel wurde noch am Abend erstellt (HIER).

Foto: Twitter

Protest im Herz der Propaganda

Der Erste Kanal, PERWY KANAL, ist einer der wichtigsten Sender des Landes und hat regelmäßig 250 Millionen Zuschauer. Das Programm wird weltweit übertragen und wird auch im deutschsprachigen Raum von Teilen der russischen Community per Satellit empfangen.

Der Vergleich mit der öffentlich-rechtlichen Tagesschau der ARD ist in Bezug auf ihre nationale Relevanz bis hierhin durchaus angemessen. Dann aber kommt der große Unterschied. Während die Tagesschau unabhängig arbeitet und ihre Inhalte nach journalistischen Kriterien selbst bestimmt, ist Wremja unmittelbares Sprachrohr der russischen Regierung und wird aktiv genutzt, um die Botschaften zu verbreiten, die der Kreml senden möchte. Gerade in der aktuellen Situation des selbst initiierten Krieges mit der Ukraine ist Wremja einer der Hauptkanäle für russische Propaganda. Hier mit einer solchen Aktion gegen den Ukraine- Krieg zu protestieren, der offiziell in Russland gar nicht so genannt werden darf, trifft die russische Propaganda ins Herz.

Videobotschaft aufgetaucht

Vor ihrer Aktion im russischen Fernsehen nahm Marina Ovsiannikova ein Video auf. Vermutlich in dem Wissen, dass sie später keine Gelegenheit mehr dazu haben würde, sich näher zu erklären. Auch dieses Video verteilte sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer.

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In dem Video erklärt Marina Ovsiannikova ihre Beweggründe für ihre aufsehenerregende Aktion. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, und der Krieg gegen das Nachbarland sei ein „Verbrechen“, für das allein Putin verantwortlich sei. „Leider habe ich mehrere Jahre beim Ersten Kanal gearbeitet und die Propaganda des Kreml verbreitet. Dafür schäme ich mich“, sagt Ovsiannikova in dem Video. Proteste hat es vom ersten Tag der Invasion an in vielen russischen Städten gegeben. Der Menschenrechtsorganisation OWD-Info zufolge sind seit dem 24. Februar mehr als 14 000 Demonstrierende von der Polizei festgenommen worden (HIER). Durch ein neues Mediengesetz wurde unter anderem bei hoher Strafandrohung verboten, den Krieg gegen die Ukraine als solchen zu bezeichnen. Offiziell ist von einer militärischen Spezialoperation die Rede (HIER). Ihre Videobotschaft wurde später von russischsprachigen Journalisten mit englischen Untertiteln versehen und so weltweit zugänglich gemacht.

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„What currently happening in the Ukraine is a crime. Russia is a country-aggressor. All the responsibility for this aggression lies on the conscience of one person: Vladimir Putin. My father is Ukrainian, my mother is Russian. They were never enemies. The necklace around my neck signifies that Russia should immediately stop this fratricidal war and our brotherly nations can make peace with each other. Unfortunately, for the last several years I worked at Channel One, promoting Kremlins propaganda and for that I am very ashamed right now. I a ashamed that I allowed lies to be told from TV screens, that I allowed Russian people to be zombified. We stayed quiet when all of this was just getting started in 2014. We didn`t come out to protest when the Kremlin poisoned Navalny. We continued to quietly watch this inhumane regime. Now the whole world has turned away from us. Teen generation of our descendants won’t be able to wash away the shame of this fratricidal war.

We, the Russian people, can think and are smart. It is only up to us to stop all this madness. Go demonstrate. Fear nothing. You can’t lock us all up.“

Zu Deutsch:

„Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen. Russland ist ein Land, das Aggressionen ausübt. Die ganze Verantwortung für diese Aggression liegt auf dem Gewissen einer Person: Wladimir Putin. Mein Vater ist Ukrainer, meine Mutter ist Russin. Sie waren nie Feinde. Die Kette, die ich um den Hals trage, bedeutet, dass Russland diesen Bruderkrieg sofort beenden sollte und dass unsere brüderlichen Nationen miteinander Frieden schließen können. Leider habe ich in den letzten Jahren bei Channel One gearbeitet und die Propaganda des Kremls verbreitet, wofür ich mich jetzt sehr schäme. Ich schäme mich dafür, dass ich zugelassen habe, dass von den Fernsehbildschirmen aus Lügen erzählt werden, dass ich zugelassen habe, dass das russische Volk zombifiziert wird. Wir haben geschwiegen, als das alles 2014 anfing. Wir sind nicht aufgestanden, um zu protestieren, als der Kreml Nawalny vergiftete. Wir haben diesem unmenschlichen Regime weiterhin stillschweigend zugesehen. Jetzt hat sich die ganze Welt von uns abgewandt. Die junge Generation unserer Nachkommen wird die Schande dieses Bruderkriegs nicht wegwaschen können.

Wir, das russische Volk, können denken und sind klug. Es liegt nur an uns, diesen ganzen Wahnsinn zu stoppen. Geht demonstrieren. Fürchtet euch vor nichts. Ihr könnt uns nicht alle einsperren.“
(übersetzt mit dem Online-Übersetzer Deepl)

Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Marina Ovsiannikova war sich völlig bewusst, dass die logische Konsequenz für ihren Protest das Gefängnis sein würde. Und sie fordert ihre Mitbürger auf, selbst die Initiative zu ergreifen und gegen das Regime zu protestieren.

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Die russische Zeitung Nowaja Gaseta, Neue Zeitung, bebildert den Vorfall auf kreative Weise. Gezeigt wird die spektakuläre Szene, allerdings sind die Inhalte des Plakates verpixelt. Und im Text wird klar adressiert, dass die Inhalte per Gesetz nicht gezeigt werden dürfen. Auch eine Art des stillen Protestes……

Ovsiannikova höchstwahrscheinlich in Haft

Es ist unklar, was mit der Frau geschehen ist. Bürgerrechtsorganisationen zufolge ist sie seit ihrer Aktion nicht mehr erreichbar. Die Nowaja Gaseta schreibt, sie sei in Haft. Die Tatsache, dass bereits Tausende von Russen, die sich öffentlich kritisch zum Krieg in der Ukraine geäußert haben, verhaftet wurden und die internationale Welle der Aufmerksamkeit, die Ovsiannikova ausgelöst hat, lassen dies extrem wahrscheinlich erscheinen. Eine offizielle Bestätigung liegt bislang nicht vor.

Es bleibt angesichts der medialen Bedeutung dieses Ereignisses zumindest im Westen spannend, welche Auswirkungen er in der russischen Bevölkerung tatsächlich haben wird. Wurde die Welt hier vielleicht Zeuge einer Initialzündung, die das aktuelle Regime möglicherweise wegfegen wird? Oder verpufft die Wirkung dieses persönlich hochriskanten Auftritts von Ovsiannikova unter dem Druck der massiv eingeschränkten Meinungsfreiheit des Putin-Regimes? Die Geschichte wird es zeigen.

Fazit

Die spektakuläre Protestaktion von Marina Ovsiannikova in den Hauptnachrichten des Staatssenders PERWY KANAL erregt weltweit enormes Aufsehen und Zustimmung. Ovsiannikova verurteilt den Krieg gegen die Ukraine, erklärt öffentlich, dass sie als Mitarbeiterin des Senders jahrelang aktiv und wissentlich an der Propaganda des Kremls und der Desinformation der Bevölkerung mitgewirkt habe. Sie ruft die Bevölkerung zu Protesten auf.  Ihre Beweggründe erklärt sie in einem Video. Ihr aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt. Sie wurde höchstwahrscheinlich verhaftet. Eine Bestätigung von offizieller Seite nicht vor.


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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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