Not allein macht noch keine Betrüger

Kathrin Helmreich, 5. August 2019
Würfeln: Menschen sind konstant gleich unehrlich

Vetternwirtschaft lässt sich auch unabhängig von wirtschaflichen Umständen feststellen

Menschen betrügen in Zeiten des Mangels nicht mehr, um sich finanzielle Vorteile zu schaffen, als in Zeiten des Überflusses. Das legt eine Studie unter Leitung des Human Behavior Lab (HBL) der Texas A&M University nahe.

Die Forscher haben dafür Experimente dazu durchgeführt, unter welchen Umständen Kaffeebauern in einer entlegenen Gemeinde Guatemalas schummeln. Auch für Familie und Freunde betrügen Menschen demnach in der Not nicht mehr – für Fremde allerdings überraschenderweise schon.

Schummeln ist ganz normal

Es wird gängig angenommen, dass Kriminelle aufgrund widriger Umstände betrügen, so der HBL-Leiter und Professor für Agrarökonomie, Marco A Palma. Um zu testen, ob Not wirklich Betrüger hervorbringt, haben die Forscher das Experiment in Guatemala durchgeführt. Für die Menschen dort herrschen nämlich in den rund fünf Monaten wöchentlicher Kaffeeernte Überfluss, die restlichen sieben Monate des Jahres aufgrund des fehlenden Einkommens schwerer Mangel. Im Experiment haben die Teilnehmer erwürfelt, wieviel Geld sie für eine einfache Aufgabe wie das Ausfüllen eines Fragebogens bekommen.

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Die Teilnehmer haben dazu einen Würfelbecher geschüttelt, das Ergebnis bekannt gegeben und den Becher nochmals geschüttelt, sodass niemand sonst sehen konnte, welche Zahl sie tatsächlich erwürfelt hatten. Rein statistisch sollte die Hälfte der Würfe viel Geld bringen, die andere Hälfte wenig. Die Teilnehmer haben aber zu 90 Prozent vorteilhafte Würfe angegeben – egal, ob in der Überfluss- oder der Mangelperiode.

„Das zeigt uns, dass es keine Veränderung beim Schummeln zwischen den Perioden gibt“,

sagt Palma. Ob jemand zum eigenen Vorteil betrügt, hängt also offenbar nicht von widrigen Umständen ab, sondern von seiner Persönlichkeit.

Nepotismus und Altruismus

Die Probanden bekamen im Experiment auch die Chance, zugunsten von Freunden und Familie zu schummeln. Das haben sie zwar nicht so oft getan wie für den eigenen Profit, aber doch schon.

„Auch das hat sich über Überfluss- und Mangelperiode nicht wirklich verändert“,

betont Palma. Einen Unterschied gab es nur im Betrügen zugunsten Fremder. Darauf haben die Teilnehmer in Zeiten des Überflusses komplett verzichtet. Während der Mangelperiode jedoch wurde zugunsten Fremder ebenso viel geschummelt wie zugunsten von Freunden und Verwandten – ein für die Forscher überraschendes altruistisches Ergebnis.

„In unserem Experiment haben wir keinen signifikanten Einfluss von Mangel auf betrügerisches Verhalten zum eigenen Vorteil beobachtet“,

hält Studien-Mitautorin Billur Aksoy, Ökonomieprofessorin am Rensselaer Polytechnic Institute, fest. Eine andere, bislang unveröffentlichte Studie mit Reisbauern in Thailand sei zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen.

Wenngleich ergänzende Forschungsarbeit nötig sei, um das Phänomen genauer zu verstehen, geht sie davon aus, dass Ähnliches für Menschen allgemein gilt.

Quelle: pressetext
Artikelbild: Shutterstock / Olga Popova


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