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Die mysteriösen Nadelattacken in Spanien

In den letzten Wochen gab es immer wieder Berichte über Stiche in Nachtclubs und auf Partys in Spanien. Das Problem: Es gibt bisher nur Vermutungen über den Sinn, denn schädliche Stoffe konnten fast nie nachgewiesen werden.

Ralf Nowotny, 10. August 2022

Es ist eine unterschwellige Angst bei vielen Besuchern von Partys und Clubs, insbesondere bei Frauen: Jemand verabreicht unbemerkt eine Droge, beispielsweise ins Getränk. Diese Unsicherheit wird nun noch durch zahlreiche Berichte aus Spanien gesteigert, wonach Frauen auf Partys und Clubs von unbekannten Personen gestochen werden, denen dann oftmals kurze Zeit später unwohl ist.
Jedoch sind in den allermeisten Fällen keine giftigen Substanzen mehr nachweisbar. Was steckt also dahinter?

Stiche von Unbekannten

Eines der jüngsten Berichte über die Nadelattacken handelt von zwei Frauen, die in einem Club in Spanien von jemanden gestochen wurden (siehe HIER). Eine junge Frau namens Vicky erzählt, dass sie von einem Franzosen angesprochen wurde. Während der Unterhaltung sah sie, dass er eine Nadel verdeckt in der Hand hielt, woraufhin es zu einem Handgemenge kam.

Die zweite Frau namens Nicole erzählt, dass sie den Stich erst gar nicht bemerkte, ihr jedoch eine halbe Stunde später, als sie auf ein Taxi wartete, schwindlig wurde und ihr Arm taub war. Im Krankenhaus, in das sie sich begab, sollen noch fünf weitere Fälle von Nadelattacken gewesen sein.

Die Fälle seien zwar der Polizei gemeldet worden, doch viel schien in diesen Fällen nicht geschehen zu sein: Laut Vicky erörterten ihr die Polizisten, dass Discotheken in der Regel immer irgendwelche Ausreden haben, um keine Bilder von Überwachungskameras herauszugeben.

Mittlerweile liegen der Polizei in Spanien über 50 Fälle vor, in denen Frauen in Clubs oder auf Partys mit Nadeln gestochen werden, ein seltsamer Trend, der im Oktober 2021 in Schottland begann. Doch ein großes Rätsel gibt es:

Bisher nur ein einziger Fall einer Vergiftung bekannt

Katalonien und das Baskenland sind die Regionen, in denen bisher die meisten Fälle gemeldet wurden, und die Beschwerden sind bekannt: junge Frauen, die beim Tanzen oder beim Warten an der Bar in einer beengten Umgebung einen Stich oder einen stechenden Schmerz verspüren, sich dann schwindelig und desorientiert fühlen und eine Einstichstelle am Körper haben.

Doch so sehr sich die Berichte darüber auch häufen, fehlt doch immer noch ein Detail: Warum?
Denn so besorgniserregend die Angriffe auch sind, so ist doch anzumerken, dass Wissenschaftler nur einen einzigen Fall in Spanien (in der nördlichen Region Asturien) festgestellt haben, bei dem im Körper des Opfers eine giftige Substanz gefunden wurde.

Da es sich bei dem Opfer um eine Minderjährige handelte, ist unklar, ob sie sich zu diesem Zeitpunkt in einer Bar oder einem Nachtclub aufhielten. Das 13-jährige Mädchen berichtete über einen stechenden Schmerz in ihrem Bein und wurde später im Krankenhaus Cabueñes positiv auf Ecstasy getestet.

Soziale Panik?

Der oben genannte Fall stellt aber eher die Ausnahme dar, denn sämtliche Untersuchungen nach giftigen, chemischen Substanzen laufen ins Leere:

  • Bis Januar 2022 gab es in Großbritannien bereits 1.300 Beschwerden über Nadelstiche. Davon wurden null Fälle mit chemischen Spuren bestätigt.
  • In Frankreich wurde bei etwa 800 gemeldeten Fällen von Nadelstichverletzungen bei keinem der Opfer auch nur eine einzige chemische Spur gefunden.
  • Bei der medizinischen Analyse der spanischen Opfer wurden nach Angaben der Polizei abgesehen von dem einen Fall in Dijon keine Spuren von Giftstoffen gefunden.

In keinem einzigen Fall wurden Täter ermittelt, es wurden nie Nadeln in den Clubs gefunden – es fehlt also in sämtlichen Fällen die Tatwaffe. Auch wurde niemand nach einer Nadelattacke ein Opfer von sexuellen Übergriffen, Belästigung oder Diebstahl.

Dazu kommen anscheinend auch noch Falschmeldungen. So sollen am 3. August mehrere Frauen während eines Konzerts Opfer von Nadelattacken geworden sein, was in Spanien als WhatsApp-Nachricht und auf Twitter kursierte, jedoch hat der örtliche Notdienst keine einzige Meldung darüber bekommen.
Der galicische Gesundheitsdienst erklärte allerdings, dass am Abend des Konzerts drei Personen behandelt wurden und eine davon einen Nadelstich hatte, allerdings wurden keine Drogen oder andere Substanzen festgestellt.

Was sagen Experten?

Fakt ist aber, dass bei Opfern Nadelstiche festgestellt wurden, aber nur in einem einzigen Fall auch eine Droge. Sämtliche Opfer der Nadelattacken können sich nicht alle eingebildet haben, dass ihnen schwindelig oder schlecht wurde. Woran also könnte das liegen?

Die spanische Seite VerificaRTVE befragte einige Experten zu der Thematik:

Bernardo Herradón, Forscher am Institut für organische Chemie des CSIC, erklärt, dass in einer Injektion eine beträchtliche Menge einer Droge sein muss, damit eine chemische Submission vorliegt. „Ich glaube nicht, dass das Opfer das nicht gemerkt hat„, erläutert er.

José Antonio López Guerrero, Wissenschaftspopulärwissenschaftler und Leiter der Abteilung für Wissenschaftskultur am Severo Ochoa Zentrum für Molekularbiologie, stimmt dem zu: „Ein Stich könnte eine Wirkung haben, aber der Täter müsste sich des Opfers bewusst sein und ihm folgen, es ist nicht etwas Unmittelbares“.

David Callejo, Assistenzarzt für Anästhesiologie am Krankenhaus Gregorio Marañón, erklärt, dass „es sich um sehr feine Nadeln handelt, die man vielleicht gar nicht bemerkt„. „Aber„, fügt er hinzu, „sobald wir ein Medikament einimpfen, würde es sich bemerkbar machen, weil es sich um einen Stich handelt, ähnlich wie bei einem Wespen- oder Bienenstich„.

Laut Mireia Ventura, Leiterin des Analysedienstes von Energy Control, wären für eine chemische Submission „20 Sekunden Injektion erforderlich, und wir wissen, dass dies nicht der Fall ist. Ich kenne keine Substanz, die in dieser kurzen Zeit verabreicht werden kann und die gewünschte Wirkung hat“.

José Antonio Lorente, Professor für Rechtsmedizin an der Universität Granada, ist anderer Meinung, was die Dauer der Punktion angeht. Er erklärte, dass die Dauer der Punktion „eine oder zwei Sekunden“ betrage und betonte, dass „wenn die Substanz in den Körper eindringt, man es spürt und es weh tut„.

Dr. Rosa Izquierdo, Fachärztin für Anästhesie am Krankenhaus von La Fe, betont, dass „viele Nadelstiche keine Symptome einer Vergiftung hervorrufen, sondern eher nervöse Zustände, deren Anzeichen eher mit Angstkrisen übereinstimmen„.

Übereinstimmend wird aber von den Experten gesagt, die größte Gefahr bestehe darin, dass Krankheiten übertragen werden können, wenn mehrere Personen mit derselben Nadel gestochen werden, beispielsweise HIV oder Hepatitis.

Kurzlebige Drogen?

Trotz der Einwände ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Opfer der Nadelattacken schläfrig fühlten oder sie benommen waren. Also ist die Frage, welche Substanzen sich möglicherweise in den Injektionen befanden, bei denen nur geringe Mengen genügen und die nicht einfach nachweisbar sind, da sie beispielsweise schnell vom Körper abgebaut werden.

Die oben genannten Experten können dies auf drei Stoffe eingrenzen: Liquid Ecstasy, Benzodiazepin und Ketamin.
Diese Stoffe können in geringen Mengen einen Zustand von Benommenheit und Schläfrigkeit hervorrufen, der insbesondere in Verbindung mit Alkohol verstärkt wird.

Auf Liquid Ecstasy treffen auch die meisten Beschreibungen der Opfer zu: Die Wirkung tritt bereits nach 10 bis 20 Minuten ein und hält zwischen 30 und 60 Minuten an. Dabei können unter anderem geistige Verwirrung, Enthemmung, Halluzinationen und Schwindelgefühle auftreten, teilweise auch Gedächtnisverlust.

Alle drei vermuteten Stoffe sind zudem nur schwer im Körper nachweisbar: Liquid Ecstasy ist bereits nach vier vis fünf Stunden nur noch sehr schwer nachweisbar, nach 12 Stunden gar nicht mehr. Die Halbwertszeit von Benzodiazepinen und Ketamin kann mehrere Stunden betragen, aber es ist oft schwierig, sie bei Untersuchungen zu erkennen.

Wenn die Injektion zudem intramuskulär erfolgt, kann die Wirkung dieser Substanzen sogar noch geringer sein, als wenn sie getrunken oder in das Blut gespritzt werden, was eine viel schnellere Wirkung hätte, so der Anästhesist David Callejo.

Fazit

Die Meldungen über Nadelattacken in Clubs oder auf Partys sind keine Einbildung, jedoch gibt es auch Fälle von Falschmeldungen und Panikmache, was dann eher kontraproduktiv ist.

Solltet ihr jedoch im Urlaub in Spanien oder einem anderen, europäischen Land mit einer Nadel gestochen werden, solltet ihr sofort (!) einen Arzt aufsuchen bzw. euch ins Krankenhaus begeben und euch auf Drogen wie Liquid Ecstasy, Benzodiazepin und Ketamin untersuchen lassen, da dies laut den Experten die wahrscheinlichsten Drogen sind, die verabreicht werden.

Korrektur 11.08.2022:
In der vorherigen Version des Artikels wurde von flüssigem Ecstasy geschrieben, als wörtliche Übersetzung von Liquid Ecstasy.
Dr. med. Jürgen Hinrichs machte uns darauf aufmerksam, dass dies nicht dasselbe ist. Bei „Liquid Ecstasy“ handelt es sich eben nicht um flüssiges Ecstasy (MDMA, also Methylendioxymethylamphetamin und manchmal auch ähnliche Amphetaminderivate, somit ein Stimulans), sondern um Gammahydroxybuttersäure, eine Substanz, die im Hirn ähnlich wie Benzodiazepine GABAerg wirkt, also in niedriger Sedierung eine enthemmende und angstfrei machende Wirkung hat, in höherer Dosierung dann aber als KO-Tropfen wirkt. Ecstasy macht also wach, Liquid Ecstasy das Gegenteil.

Vielen Dank für den Hinweis!

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