Weniger N-Antikörper: Schädigen COVID-19 Impfstoffe das Immunsystem? Nein!

Ralf Nowotny, 28. Januar 2022
Faktencheck
Faktencheck

Angeblich habe die britische Regierung in einem Bericht zugegeben, dass die Impfstoffe das Immunsystem zerstören. Ein echtes Lehrstück über Halbwissen!

Es ist absolut nicht einfach, sich so manche Fachberichte durchzulesen und auch zu verstehen. Das ist keine Schande, sie wurden nämlich meistens von Fachleuten für Fachleute geschrieben, und diesen muss man kein Hintergrundwissen erklären.
So verhält es sich auch mit einem Satz aus dem Wochenbericht 42 des „COVID-19 vaccine surveillance report“ aus Großbritannien: Ein einziger Satz ist angeblich der Beweis, dass COVID-19 Impfstoffe das Immunsystem schädigen.
Doch mit dem richtigen Hintergrundwissen sagt der Satz sogar das Gegenteil aus: Die Impfstoffe verhindern schwere Erkrankungen!

Die Behauptung

Diese kursierte bereits seit Oktober 2021 und taucht immer wieder in sozialen Medien und in Blogs auf:

Die Impfungen zerstören angeblich das Immunsystem
Die Impfungen zerstören angeblich das Immunsystem

Hier die wichtigsten Punkte des verbreiteten Textes:

„Die britische Regierung gibt zu, dass die Impfstoffe das natürliche Immunsystem der doppelt Geimpften geschädigt haben.
[…]
In ihrem „COVID-19-Impfstoff-Überwachungsbericht“ der Woche 42 räumt die britische Gesundheitsbehörde auf Seite 23 ein, dass „die N-Antikörperspiegel bei Personen, die sich nach zwei Impfdosen infizieren, niedriger zu sein scheinen“. Weiter heißt es, dass dieser Antikörperabfall im Grunde dauerhaft ist.
[…]
Die Briten stellen nun fest, dass der Impfstoff die körpereigene Fähigkeit beeinträchtigt, nach der Infektion Antikörper nicht nur gegen das Spike-Protein, sondern auch gegen andere Teile des Virus zu bilden.
[…]
Langfristig sind die Geimpften weitaus anfälliger für eventuelle Mutationen des Spike-Proteins, selbst wenn sie bereits infiziert waren und einmal oder mehrmals geheilt wurden. Ungeimpfte hingegen werden eine dauerhafte, wenn nicht gar permanente Immunität gegen alle Stämme des angeblichen Virus erlangen, nachdem sie sich auf natürliche Weise auch nur einmal damit infiziert haben.“

Anständigerweise wird auch zu der Quelle der Behauptungen verlinkt: https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/1027511/Vaccine-surveillance-report-week-42.pdf

Was genau steht in dem Dokument?

In dem oben verlinkten Dokument steht auf Seite 23 (auf Deutsch übersetzt):

„[…]jüngste Beobachtungen aus Überwachungsdaten der UK Health Security Agency (UKHSA) zeigen, dass die N-Antikörperspiegel bei Personen, die sich nach zwei Impfdosen infizieren, offenbar niedriger sind.“

Der Satz auf Seite 23 des Dokuments
Der Satz auf Seite 23 des Dokuments (Quelle)

Was sind denn diese N-Antikörper?

Wenn man sich mit dem SARS-CoV-2 Virus infiziert, produziert das Immunsystem Antikörper gegen den Eindringling. Im Falle des Coronavirus werden sogenannte N-Antikörper produziert, die das Nukleokapsidprotein (N-Protein) im Kern des Virus angreifen.
Daneben produziert das Immunsystem noch etwas: die S-Antikörper. Diese greifen speziell die Spikes, also diese Stacheln auf dem Virus an und sorgen dafür, dass es sich nicht an eine Zelle andocken kann.

Warum weniger N-Antikörper die Wirksamkeit der Impfungen beweisen

Wird man geimpft, trainiert man das Immunsystem darauf, spezielle S-Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln, da man ja durch die Impfung dem Körper einen „Bauplan“ des Spike-Proteins gibt.
Dies ist dann auch wirkungsvoller als eine natürliche Infektion mit dem Virus, da dadurch das Immunsystem eingreift, bevor das Virus sich an eine Zelle andocken kann, während N-Antikörper es schwieriger haben: Das N-Protein liegt im Kern des Virus und ist für die Replikation verantwortlich.
Da durch die Impfungen also mehr S-Antikörper produziert werden, ist es für das Immunsystem gar nicht nötig, mehr N-Antikörper zu produzieren – demzufolge produziert es auch weniger davon, da ja schon genügend S-Antikörper da sind.
Auch die Behauptung, dass Ungeimpfte nach einer Infektion eine „dauerhafte, wenn nicht gar permanente“ Immunität haben, ist Unsinn. So zeigte eine Studie mit über 8.000 Teilnehmern, dass rund 80 Prozent N-Antikörper entwickelten – 20 Prozent jedoch nicht!
Interessant: Der Immunschutz nach einer Infektion dauerte bei Ungeimpften zwar länger (bis zu 9 Monate), ist aber weniger effektiv: Während eine doppelte Impfung mit dem Pfizer-Impfstoff + Infektion einen Schutz von 95 Prozent ergibt, sind Ungeimpfte nur zu 65 Prozent vor einer erneuten Infektion geschützt.

Fazit

Der Satz zeigt nicht etwa, dass die Impfungen das Immunsystem zerstören, sondern beweisen, dass sie funktionieren: Zwar weniger N-Antikörper, aber mehr durch die Impfung angeregte S-Antikörper, die das Ankoppeln des Virus an Zellen verhindern. Auch steht in dem Dokument mit keinem Wort, dass die Senkung des N-Antikörperspiegels dauerhaft sei.
Für Ungeimpfte ist es also ein Glücksspiel: Vielleicht produziert das Immunsystem von selbst genug N-Antikörper, vielleicht auch S-Antikörper, vielleicht aber auch gar nicht.
Bei Geimpften jedoch ist eine Produktion von S-Antikörpern garantiert: Zwar kann es dann trotzdem noch zu einer Infektion kommen (Impfdurchbruch), diese verlaufen dann aber zumeist sehr viel harmloser, während Neuinfektionen bei Ungeimpften ein erneutes Glücksspiel sind.
Zudem zeigte eine Studie, dass COVID-19 mRNA-Impfstoffe auch „etwa fünfmal wirksamer“ bei der Verhinderung von Krankenhausaufenthalten als eine frühere Infektion seien – man kann also keineswegs davon reden, dass eine Infektion bei Ungeimpften eine „natürliche Immunität“ erhöhe.


Weitere Quellen: Reuters, ZDF, Correctiv
Auch interessant:
Prof. Dr. Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel untersucht mit seiner Plattform Nextstrain, welche Varianten des SARS-CoV-2-Virus derzeit weltweit zirkulieren. Die Möglichkeiten für zukünftige Mutationen sind dabei äußert vielfältig. Allein von Omikron kursieren im Moment drei Varianten.

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