My Corona-Story: „Die Situation hat sich für mich durch den Corona-Virus positiv verändert!“

Von | 27. März 2020, 11:57

Die Coronakrise! Kein Tag, keine Stunde, fast keine Minute vergeht, wo uns dieses Thema nicht beschäftigt. Nachrichten in den Medien, Nachrichten von Freunden, von der Familie. Das Thema ist allgegenwärtig. Doch was macht die Coronakrise mit uns? 

Menschen erzählen uns ihre Geschichte. Menschen senden uns ihre „My Corona-Story“ (sic!)

Ich bin 50 und seit einigen Jahren aufgrund einer schweren psychischen Krankheit (Posttraumatisches Belastungssyndrom mit den einhergehenden Folgeerkrankungen wie schwere Depressionen, heftige Panikattacken, Tinnitus uvm) in Berufsunfähigkeitspension. Ich kann nicht sehr gut mit anderen Menschen umgehen, fühle mich in Gesellschaft anderer nicht wohl.

Einkaufen zu gehen ist für mich eine enorme Belastung und Herausforderung, weil ich dabei sowohl auf der Straße als auch in den Geschäften selbst naturgemäß vielen Menschen begegne. Das löst bei mir Beklemmungsgefühle und Panikattacken (Atemnot, Herzrasen, Todesangst) aus und ich brauche mehrere Stunden oder sogar Tage und dabei absolute Stille, um mich davon wieder halbwegs zu erholen.

Viele Jahre war es mir gar nicht möglich, in einen Bus oder in eine Straßenbahn zu steigen; U-Bahn fahren ging überhaupt nicht (weil unterirdisch und eingesperrt in einem Waggon). Auch mich mit anderen Menschen gemeinsam in einem geschlossenen Raum aufzuhalten, war mir viele Jahre nicht möglich.

Diese Situation hat sich für mich durch den Corona-Virus bzw die Ausgangsbeschränkung positiv verändert: die Straßen sind fast menschenleer, mittlerweile auch die Geschäfte (von den anfänglichen Hamsterkäufen abgesehen, denen ich mich entschieden verweigerte). Endlich kann auch ich ganz entspannt auf die Straße gehen, in den (fast leeren) Bus steigen, um einkaufen fahren. Gemütlich schlendere ich zwischen den Regalen im Supermarkt, gustiere und genieße es, nicht dauernd von anderen angerempelt zu werden. Die Warteschlangen sind kurz, alle halten brav Abstand, es gibt daher auch keinen unerwünschten Körperkontakt – PARADISE NOW!

Im Februar habe ich einen Kurs auf der VHS begonnen, um Gebärdensprache zu lernen. Es gibt glücklicherweise nur wenige Teilnehmerinnen und mittlerweile kann ich es sogar aushalten, mit ein paar Menschen für eine begrenzte Zeit in einem Raum zu sitzen. Im Kurs ist es naturgemäß sehr still – Gebärdensprache macht schließlich keinen Lärm. Leider ist der Kurs aufgrund der Ausgangs- bzw Versammlungsbestimmungen durch den Corona-Virus gerade ausgesetzt.

Ich lebe also sehr zurückgezogen, bin viel zuhause und meide Menschen, soweit es mir nur irgendwie möglich ist. Social distancing seit vielen Jahren. Ich leide nicht darunter, im Gegenteil – mir geht es besser, wenn ich viel allein bin, die Stille genieße und fernab von Hektik und Stress meinen geliebten Tätigkeiten wie zB Kochen, Gemüse fermentieren, Joghurt machen, Brot backen, Essig brauen u.v.m. nachkommen kann. Das alles beruhigt mich, bringt meiner Seele Frieden und erfüllt mich mit Freude (ja, auch mit Stolz!).

Doch mein Zuhause, das ansonsten mein geliebter Hort der Stille und Ruhe ist, hat sich jetzt auch verändert. Das Geschäft, das sich unter meiner Wohnung befindet, wird grundsaniert– seit Tagen wütet der Pressluftbohrer in einer Heftigkeit, dass bei mir die Wände und Möbel vibrieren. Vom infernalischen Lärm mal ganz abgesehen. Warum eine Geschäftsrenovierung zu den lebensnotwendigen Arbeiten, die auch während der Corona-Krise absolut dringlich sind und daher unerlässlich zu erfolgen haben, mag sich mir nicht erschließen.

Und meine Liebste, die sonst tagsüber im Büro weilt, und mir sonst erst abends durch ihre Erzählungen die Welt von draußen hereinbringt, hat nun Home-Office. Sie hockt also den ganzen Tag daheim, tippt wie wild am Computer, hat ständig Videokonferenzen und führt stundenlang lautstarke Telefonate, während derer sie durch die Wohnung wetzt.

Also nix mit social distancing!

Ich bekomme von dieser ständigen Unruhe Kopfweh, mein Kopf dröhnt und ich habe das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können. Mein Tinnitus schreit. Der Presslufthammer auch. Die Liebste telefoniert schon wieder und das eine gefühlte Ewigkeit lang.

Wenn ich jetzt Ruhe und Stille haben will, muss ich meine Wohnung verlassen und hinaus gehen – auf die fast ausgestorbenen Straßen und in die beinahe menschenleeren Supermärkte. Viele Bäume und Sträucher blühen bereits, die Vögel zwitschern – der Frühling ist da und hält sich nicht an Corona-Virus-Ausgangssperren.

Da fällt mir ein: Ich brauche Klopapier. Echt. Es sind nämlich nur mehr zwei Rollen da. Und eine Packung Nudeln brauch ich auch. Heute mach ich uns Spaghetti mit meinem selbstgemachtem Bärlauchpesto. Die Liebste wird bald ihren heutigen Home-Office-Tag erfolgreich abgeschlossen haben und auch der Pressluftbohrer wird in Kürze schweigen.

Endlich wird wieder Ruhe einkehren. Zumindest für diesen Abend. Händewaschen inklusive.

Wenn auch du uns deine Corona-Story senden möchtest, dann kannst du dies gerne tun. Lass andere Menschen daran teilhaben. Sende uns dazu bitte eine E-Mail an [email protected]. Schreibe uns auch bitte, ob wir deinen Namen veröffentlichen sollen oder nicht.

Weitere Storys findet man hier vor: www.mimikama.at/mycoronastory/ 

- Werbung -
- Werbung -