My point of view

MS DÖS. Über PS, parkende Flucht-SUV und die Seele

Die Zeiten sind turbulent, die Pandemie wütet ungebrochen, im Osten ist Krieg, aber wir Deutsche und Österreicher*innen finden schon langsam wieder zu unseren internen Themen zurück. Und die Seele sehnt sich nach Empörung.

Andre Wolf, 28. März 2022
MS DÖS Seele, Bild von jggrz Pixabay
MS DÖS Seele, Bild von jggrz Pixabay

Das Ding mit der Anteilnahme hat sich schon wieder etwas abgenutzt, man findet wieder Zeit, sich über die wahren Probleme zu echauffieren. Da in Deutschland und Österreich (in weiterer Folge kurz DÖS) die Pandemie kurzerhand politisch beendet wurde, können sich die großen Kämpfer*innen für Freiheit, Werte und Dings jetzt wieder ihren Kernthemen zuwenden: Empörung und PS der DÖS´schen Seele.

Dies ist ein Artikel aus der Kategorie „my point of view", verfasst von Severin Rosenberger. Es handelt sich hierbei um eine Kolumne und ist somit ein Meinungsartikel. Eine Kolumne spiegelt die subjektive Ansicht der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors wider und soll zur konstruktiven Diskussion anregen.

In Wien ärgert man sich jetzt, mit freundlicher Unterstützung einer Herausgeberin einer Gratis-Tageszeitung und der FPÖ, weil man großkalibrige Autos mit ukrainischem Kennzeichen kostenfrei parkend auf der Straße sieht (auch wenn bereits gelöscht, so vergisst das Internet nicht). Uns DÖS*innen stößt es einfach sauer auf, wenn Flüchtende nicht angemessen abgerissen auftreten, so wie wir uns das vorstellen. In Fetzen hängende Shirts, ein Plastiksackerl, das das gesamte Hab und Gut enthält, vielleicht sogar ein fehlendes Gliedmaß, damit wir uns mit ihrer Anwesenheit abfinden können.

Ein SUV passt da nun wirklich nicht in unserer Bild. Die DÖS*sche Missgunst hat endlich wieder Überhand gewonnen. Dass dicke Luxus-Schlitten trotz massiver Bauweise nur mäßig vor russischen Hyperschallraketen schützen, ist nebensächlich. Wichtig ist: Wer flüchtet, soll sich bitte auch angemessen in Lumpen hüllen. Wenn die Flüchtenden in Lumpen gehüllt sind, dann passen sie uns allerdings auch nicht so gut in den Kram, aber das steht nochmal auf einem anderen Blatt. Der Autor dieses Textes möchte die Lesenden keinesfalls darauf hinweisen, dass unsere angebliche Hilfsbereitschaft und Offenheit grob geschätzt 1mm unter die Oberfläche reicht und darunter unsere wahre Seele lauert.

Ach, du geschundene DÖS’sche Seele

Der nächste Punkt hat auch mit PS zu tun. In dem Fall mit PS, die nicht mehr ohne weiteres einsetzbar sind, weil diese frechen Menschen im sehr, sehr nahen Osten einfach keinerlei Rücksicht auf unseren liebgewonnenen Alltag nehmen. Die Treibstoffpreise sind wuchtiger explodiert als eine russische Cluster-Bombe und so sehr uns die Opfer in der Ukraine leidtun – wir tun uns doch ein bisschen mehr leid, wenn uns unsere Auto-Leidenschaft plötzlich Löcher ins Portemonnaie brennt. Wenn das so weiter geht, dann sehen wir bald so arm aus, wie wir gerne hätten, dass Flüchtende aussehen, was wir dann aber wiederum nicht so gerne hätten, weil … Ach, Sie wissen schon. Die DÖS’sche Seele.

Glücklicherweise haben wir einen ehemaligen Chefredakteur eines großen deutschen Boulevardblatts auf unserer Seite. Dem Rächer der Entnervten, dem Kämpfer für Gerechtigkeit und das, was ihm halt gerade in den Kram passt. Noch vor ein paar Monaten laminierte er liebevoll gefälschte Scheidungsurkunden in seinem Chefredaktionsbüro, um sich tröstende Streicheleinheiten von jungen Kolleginnen zu ergaunern, heute ist er wieder ein Mann des Volkes, der Seite an Seite mit erzürnten Petrolheads gegen kriminelle Preissteigerungen an der Tankstelle um die Ecke kämpft. Er weiß einfach, wie er seine neu gewonnene Tagesfreizeit für das Wohl der Menschheit einsetzt. Das Bild von ihm, das mich schon gut 2 Wochen begleitet, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Es ist meiner Meinung nach ein Zeitdokument, dass wie kaum ein Anderes ein Abbild der DÖS’schen Seele ist.

Das Abbild der DÖS’schen Seele

Mit von gerechtem Zorn verzerrtem Gesicht, die breite Brust nur spärlich mit Hemd, dafür mit maximal maskulinem Brusthaar bedeckt. Auch die Brille ist sicherlich mit Bedacht gewählt, suggeriert sie doch Durchblick und eine gewisse Intellektualität, erinnert sogar entfernt an Bert Brecht und wir wissen alle, dass bei Brecht die Sorgen der kleinen Leute im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Im Hintergrund, passenderweise flammend rot, der Grund für den Zorn des kleinen Mannes: Die Preistafel einer Tankstelle! So kämpft er mit seiner ganzen Person für die vorherrschende Mentalität in unseren Breiten. Empathie beginnt erst dort, wo die eigene Pfründe in Gefahr sind. Es letztlich immer nur die Empathie mit uns selbst – nur leider ist es dann eben keine mehr.

Aber das ist den Julians, Evas oder sonst wem an jener Stelle letztlich sowieso völlig egal. Wichtig ist Reichweite und die erreicht man offenbar besonders gut, wenn man möglichst laut rumpelnd und kreischend Themenfelder bespielt, die maximal polarisieren und provozieren. Wenn man sich nicht vor inhaltlichen Widersprüchen und Verkürzungen fürchtet, zynisch genug ist, auf dem Rücken echter Sorgen Aufmerksamkeit zu generieren, dann wird die DÖS’sche Seele es dankbar aufgreifen. Diejenigen, die das alles anwidert, die nimmt man auch noch mit. Es gibt keine schlechte Reichweite, es gibt nur Reichweite, egal zu welchem Preis. Dass es funktioniert, das sieht man an Zigtausenden Social Media Interaktionen unter jedem Beitrag solcher Menschen. Ich schreibe ja auch einen Text darüber, tanze also auch nach deren Pfeife.

Aktuell befindet sich der Ex-Chefredakteur der vier Buchstaben übrigens nicht mehr im Kampf gegen die Gewalt an der Tankstelle und dem Krieg in der Ukraine. Der neue Feldzug geht gegen die Sendung mit der Maus. Ja, wirklich. Mit Spannung erwarte ich das Ergebnis, ich werde dann an dieser Stelle über seine großen Erfolge berichten.

Und wenn Sie das lesen, liebe Lesende, dann fragen Sie sich, ob es wirklich die Julians und Evas sind, deren Meinung Sie Aufmerksamkeit schenken möchten. Wenn sie es tun wollen, dann ist das Ihr Recht. Aber mit der „Vernunft“ und dem „Hausverstand“ hat das dann wenig zu tun, denn diesen Menschen geht es nicht um Ihr Wohl. Dafür bräuchte es Empathie und die haben sie nur für sich selbst übrig. Sie sind eben ganz genauso wie wir.


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