Faktencheck

Mit einer „Glückshaube“ geboren

Das Phänomen der Geburt. Ein Wunder für sich, doch ganz selten ist sie noch beeindruckender und außergewöhnlicher als ohnedies. Dann, wenn das Baby mit einer „Glückshaube“ zur Welt kommt. Und tatsächlich sieht es so aus, als sei eine Art Haube oder Mütze über das Baby gestülpt. Keine Sorge: Es handelt sich dabei um einen Teil der Fruchtblase.

Nicole Mühl, 9. Juli 2022

Das Phänomen der „Glückshaube“ gibt es tatsächlich. Über die Häufigkeit kursieren unterschiedliche und nicht belegbare Zahlen. Das Magazin „Eltern“ schreibt, dass Hebammen schätzen, dass eine Glückshaube bei etwa einer von tausend Geburten vorkommt. Die Rede ist von einer „caul“ oder lateinisch „Caput galeatum“ Geburt.

Seltener passiert es aber, dass das Baby bei seiner Geburt in der gesamten Fruchtblase zur Welt kommt. Wie ein Ganzkörperanzug wirkt dies. Dann redet man von einer en-caul-Geburt. Genaue Zahlen über die Häufigkeit gibt es nicht, aber der Wahrscheinlichkeit nach kommt es bei einer von 80.000 Geburten zu einer en-caul-Geburt.

Was passiert hier also?

Kurz und schnell erklärt, setzen im Zuge der Geburt üblicherweise die Wehen ein, die Fruchtblase öffnet sich beim sogenannten Blasensprung und das Fruchtwasser läuft heraus. Das Baby schiebt sich aus der geöffneten Fruchtblase durch den Muttermund.

Und die Fruchtblase? Diese bleiben bis zur Nachgeburt in der Gebärmutter, bis sie sich mit der Plazenta ablöst. (HIER)

Doch die Natur hat immer wieder eigene Wunder parat. So kann es in seltenen Fällen vorkommen, dass der Blasensprung ausbleibt und das Baby in der Fruchtblase zur Welt kommt. Die Rede ist dann – wie eingangs beschrieben – von einer en-caul-Geburt. Das Phänomen lässt sich leicht erklären: Die Eihaut ist in diesem Fall sehr fest. Es kann aber auch sein, dass sich nur wenig Fruchtwasser zwischen kindlichem Kopf und Fruchtblase befindet. „Dann wird der Druck der Wehen abgefedert und die Fruchtblase bleibt lange oder komplett intakt“, heißt es im Magazin „Eltern“. Das Baby kommt mit einem „Ganzkörperanzug“ zur Welt.

Wie kommt es nun zur Glückshaube?

Wenn die Fruchtblase im Zuge der Geburt ein wenig später reißt, kann sich ein Teil der Membran über den Kopf des Neugeborenen legen – die Glückshaube eben.

Dem Aberglauben nach wurde hier dann ein echtes Glückskind geboren.

Gefährlich ist die Glückshaube für das Baby nicht. Aber damit die Atemwege frei sind, sollten die Reste der Fruchtblase sofort vom Gesicht des Babys entfernt werden. Außerdem kann die Fruchtblase so eng auf dem Gesicht liegen, dass sie wie eine über den Kopf gezogene Plastiktüte wirkt.

Und was hat es nun mit dem Glück auf sich?

Wir begeben uns weg von den Fakten und tauchen ein in die Welt der Mythen und Überlieferungen. Aber genau diese haben ja bei solchen Phänomenen ihren Reiz. Also riskieren wir kurz einen Blick ins Mittelalter.

Das Hauberl auf dem Kopf des Neugeborenen hatte schon damals spirituelle Bedeutung.

Alles, was außergewöhnlich war oder nicht der Norm entsprach, dem wurde früher eine tiefere Bedeutung zugeschrieben. So auch hier. Seefahrer sollen Hebammen Glückshauben als Talisman abgekauft haben, da der Besitzer einer Glückshaube angeblich nicht ertrinken konnte. Sie in die Kleidung einzunähen oder auch als Glücksbringer um den Hals zu tragen, war ebenfalls nicht unüblich.

In der Zeitschrift „familie.de“ heißt es, dass das Häutchen auch eine Zutat in Liebesgetränken war und man dachte, dass die Glückshaube dazu führt, dass sich jemand in den Träger oder die Trägerin verliebt. Grundsätzlich wurde eine Glückshaube als etwas Positives gesehen, denn gerade in Zeiten, als die Säuglingssterblichkeit noch sehr hoch war, bedeutete eine Geburt in intakter Fruchtblase ein nahezu ausgeschlossenes Infektionsrisiko. So die Überlieferung.

Natürlich soll es auch die andere Seite gegeben haben: Mit Glückshauben geborene Menschen wurden attackiert und getötet. Die römisch katholische Kirche soll sie im Mittelalter auch als Hexen oder Ketzer verbrannt haben.

Das alles war darauf zurückzuführen, dass man Kindern, die mit einer Glückshaube geboren wurden, übersinnliche Fähigkeiten zuschrieb.

Übrigens: Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse soll mit einer Glückshaube geborgen worden sein. Ebenso Alexander der Große und Khalil Gibran.

Auch in der Literatur kommt die Glückshaube immer wider vor. Neben dem Grimm-Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren weist familie.de auch auf „David Copperfield“ von Charles Dickens hin. Und in Stephen Kings „The Shinig“ wird der Sohn mit einer Haube über dem Kopf geboren und hat – wie gruselig – natürlich übersinnliche Fähigkeiten.

Einen Fakten-Check können wir bei all diesen Behauptungen nicht liefern. Aber sehen wir die Glückshaube als das, was sie mit Sicherheit ist: Ein unglaublicher Einblick in den Vorgang der Natur.

Der brasilianische Arzt Dr. Rodrigo Rosa hat eine solche „en caul“-Geburt auf Instagram veröffentlicht. Achtung: Dieses Video könnte auf einige Personen verstörend wirken.

Quelle: Eltern, Eltern, Familie, Geburtsreportage

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