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Mimikama-Kolumne: “Ich sitze hier am Kopfende meines Tisches”. Bei dieser Kolumne, werden Themen aus dem Netz mit einem Hauch Ironie beleuchtet. Von Jens H., mimikama.at

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Wieder einmal sitze ich hier am Kopfende meines Tisches, lasse die letzten Tage in meinem Kopf Revue tanzen, da war allerhand los, draußen tummeln sich derzeit keine Schmetterlinge, was, wie ich vermute an der fortgeschrittenen Tageszeit liegen mag, dafür werden sie von einem munteren Schwarm tanzender Mücken und einer Flugstaffel Nachtfalter vertreten. Wenn ich mir die stattliche Zahl von Mücken so anschaue, bin ich durchaus froh gestimmt, dass sie zwischen ihnen und mir die Fensterscheibe befindet. Diese kleinen Flugpiranhas schauen bestimmt schon nach Ritzen und Lücken, um durchzudringen und mich zu entbluten, dann liege ich hier am Kopfende meines Tisches, runzelig wie Dörrobst, Fliegen umsurren mich wie einen alten Apfel, das darf nicht sein panisch, suche ich mir mehrere Dosen Insektenspray, hoffentlich treffe ich die kleinen Biester.

Nur nicht müde werden, wenn doch nur jemand hier wäre, damit wir uns auf dem Wachposten abwechseln könnten, so muss ich mich selber wachhalten, na das kann ja was werden, ich alleine, nachts, immer müder werdend und dann auch noch wach bleiben. Ich könnte mir Geschichten erzählen, Rübezahl fand ich immer spannend, oder Tom Sawyer, lesen geht aber nicht, dann schleicht sich bestimmt eine Mück von hinten an und geht mir als Leben. Ich höre ein leises Summen, hinten links, nein rechts, ich drehe mich und sehe grade noch aus dem Augenwinkel wie das Handy sich leise surrend der Tischkante nähert und hinunterspringt, Notiz an mich, Vibrationsalarm auf glatter Oberfläche gehört nicht zu meinen brillantesten Ideen, hingegen die Idee eine stabilere Ausführung zu erwerben schon, denn das kleine tapfere Ding surrt und vibrationsalarmt da unten weiter, wenn ich da jetzt noch ran käme, könnte ich mich mit einem Anrufer gemeinsam wach halten.

Nachttarifmelancholie

Ach, was waren das noch für eine erbauliche Zeit, als nachts telefonieren billiger war, Nachttarif, da hat man einfach mal Nachts irgendjemand angerufen, weil es billiger war. Zugegeben nicht jeder war, ob der nächtlichen Störung hellauf begeistert, manche brüllten etwas von Frühschicht, aber dann hat man halt jemand anderen angerufen und jetzt will mich jemand erreichen und ich erreiche nicht das Telefon, Ironie des Schicksals. Surrt da nicht noch etwas? Höher, fiepiger, mückiger? Nein nicht wirklich, ich entspanne mich etwas und überlege, was ich noch anstellen könnte, um nicht einzuschlafen, oh ja, ich wollte mir ja eine Geschichte erzählen, da das Lesen von Klassikern aus gegebenem Anlass entfällt, werde ich mich wohl für eine der neueren entscheiden, hmmm, „Das Robbenmädchen“, „Piets Stand“ oder „Sola“?

Ich entscheide mich für „Sola“ und sinniere eine Weile über das Leben als Luftballon nach, bis mich von hinten, ganz leise ein Gedanke anspricht und fragt, ob wir nicht eine Weile zusammen abhängen wollen, ich will ihn schon unwirsch fortjagen, doch er sprach weiter „Können Mücken Luftballons durchstechen?“

Nur keinen Elefanten aus einer Mücke machen

Na toll, du blöder Gedanke, mir ist es fast gelungen die Mücke für einen Augenblick zu vergessen und dann kommst du, lass dich hier bloß nicht wieder blicken, ist ja eine Frechheit, störst mich hier in inneren hochgeistigen Selbstgesprächen, ich hätte ja vielleicht noch etwas lernen können, jetzt bin ich voll raus aus dem Thema, tolle Leistung. Also weiter Mücken beobachten, schlafen werden die wohl eher nicht, sonst würde man ja nicht abends ins Bett gehen und morgen nahezu blutleer aufwachen. Aber hieße die Angst vor Mücken, in diesem ausgelebten Maße, selbige zu einem Elefanten mutieren zu lassen? Das mag jetzt im ersten Moment unterhaltsam erscheinen, aber, wenn man dann weiterdenkt, dass das Vieh nur gewachsen ist, aber der Blutdurst weiterhin vorhanden, dann wird einem durchaus Angst und Bang. Eine Mücke saugt im Schnitt 0,005 ml Blut, ein erwachsener oder auch ausgewachsener Mensch enthält 5 bis 6 Liter des wertvollen Lebenssaftes, macht 6.000 ml, es braucht also nach Adam Riese und Eva Zwerg 120.000 Mücken auf einmal, um einen Menschen einzuschrumpeln. 120.000 Mücken? Weiah hören möchte ich das nicht, Horrorfilm Geräusch.

Nehmen wir jetzt jene Blutsaugerin, die wir vorhin zum Elefanten mutiert haben, sollte diese weiterhin ihren Blutdurst behalten haben, dann wird es ernst, sehr ernst, sogar sehr sehr ernst, denn ein ausgewachsener Elefant, wir haben uns ja nicht lumpen lassen und unsere Mücke zu einem wahren Prachtexemplar aufgelevelt, Pu-Lorn, der Schreckliche, ist ein Waisenknabe gegen unser Modell, weiß und riesig, gewaltig riesig, weiß, weil man dann das Blut besser sieht, macht mehr Eindruck. Also wenn dieser Prachtkerl seinen Rüssel ansetzt und saugt, dann sind ratzfatz 6, in Worten sechs, Liter aus dem Opfer im Rüssel und kurz danach im Elefanten. Also Leute, was immer ihr macht, macht niemals, aber auch wirklich niemals aus einer Mücke einen Elefanten, das ist ungesund. Warum macht eigentlich keiner einen Film über blutsaugende Elefanten? Filme über Wirbelstürme mit Haien gibt es ja auch, oh und beteiligt mich an den Einnahmen..

Doch lieber Fernsehen

Meine Gedanken bereiten mir dann doch etwas Sorgen, so entschließe ich mich spontan zu einem Abend am Fernseher, Puschenkino also Fernbedienung greifen und ab dafür, mal sehen was so läuft.

„Der weiße Hai“ leider auf einem Sender mit Werbeunterbrechung, was ja eventuell noch akzeptabel wäre, gäbe es nicht die letzte Unterbrechung kurz vor dem letzten Satz und dem Abspann, durch die vorherigen Unterbrechungen ist der Film dann bei mehrfacher Überlänge angekommen, hätte im Kino Überlängenaufschlag gekostet, aber mit Popcorn und ohne Unterbrechung, durch dieses gezielte Herauszögern des Endes aus rein monetären Gründen, bin ich mittlerweile bei dermaßen vielen Filmen kurz vor Ende eingeschlafen und habe somit selbiges verpasst, dass ich eine Bücherwand mit unvollendeten stehen hätte, wenn ich die Bücher zu den Filmen als reduzierte Mängelexemplare gekauft hätte bei denen immer, aber auch immer die letzten 3 Seiten fehlen.

Also weiter zappen, Sport, ach nein heute mal nicht, Dokumentationen über den Mord an JFK, aber da werden wieder nur einige wenige Verschwörungstheorien beleuchtet, nicht alle und nicht ausreichend, Schade eigentlich, die Theorien sind stets unterhaltsam, manche sogar bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehbar, sofern man innerlich immer genügend Abstand hält, dann kann man sie genießen wie eine spannende Variante einer bekannten Erzählung, aber auch nichts für mich in diesem Moment also zappe ich weiter.

Oh, das sieht interessant aus, Regionalprogramm, da werden junge Menschen interviewt, da bleib ich doch mal dran, geht um Flüchtlinge, na gut, dann halt das Thema, aber auf Panzer auf dem einen privaten Sender und zum xten Mal „Das Ende der DDR“ auf dem anderen habe ich auch keinen Bock.

Menschenfresser unter uns

WAS?! Was erzählt die da? Ein Flüchtling hat ein Kind gefressen? Ey, jetzt hör aber mal auf, das glaubt dir doch keiner? Ich hol mir mein Internet heran, das will ich jetzt aber mal genau wissen, also befrage ich die ortsansässige Suchmaschine in Neuland und finde nahezu sofort tatsächlich den Bericht, ich bin erschüttert, zittere am ganzen Körper, da hat doch tatsächlich in Heidenau ein syrischer Flüchtling ein kleines Kind gefressen. Mein Verstand schlägt Purzelbäume, nicht diese fröhlichen, mehr die blanke Panik, das kann doch nicht wahr sein? Ich will mehr wissen, ich blättere virtuell auf der Seite weiter, mal sehen was ich noch so finde, mir schnürt es schon mal vorsorglich die Kehle zu.

Da noch so ein aktuelles Thema, Polizeieinsätze gegen Demonstranten, bis wohin schützen sie uns ab wann werden sie willkürliche Polizeigewalt? In Köln haben Polizeibeamte, nach Angabe der Seite, eine Demonstration von rund 50 Minderjährigen, die mit Schlagstöcken und Pyrotechnik ausgerüstet waren und lautstark Parolen gebrüllt haben. Ist in diesem Fall das Eingreifen der Polizei nicht gerechtfertigt? Schlagstöcke, Pyrotechnik und Parolen, das klingt nach einer durchaus gewaltbereiten Demonstrationsgruppe und tatsächlich habe sie bei ihrer Festnahme, nach Angaben im Bericht, erheblichen Widerstand geleistet und mehrere Beamte fiese getreten. Einige Beamte wurden sogar krankgeschrieben. Die gewaltbereiten Knirpse sollen „Sankt Martin“ skandiert haben, wer ist dieser Martin, warum wird nach ihm gerufen und was sang er? Hier bin ich aber hin und her gerissen, einerseits finde ich einen Polizeieinsatz gegen Minderjährige fragwürdig, denn schließlich sollen die Knirpse ja Vertrauen zu unserem Freund und Helfer aufbauen, aber wenn die Widerstand leisten?

Als nächstes fällt mein Blick auf eine Schlagzeile, wie mein bester Kumpel Harald bin auch ich in der glücklichen Lage mir anhand einer Schlagzeile sofort eine umfangreiche Meinung samt dem dazugehörenden Hintergrundwissen anzueignen, so auch bei dieser „Krankenwagen werden mit Pflug ausgestattet, um Rettungsgasse freiräumen zu können“. Mein erster Gedanke, na endlich, am besten auch die Besatzung mit Gotcha Pistolen gegen die Gaffer ausstatten, wer im Weg steht wird ermahnt, wer nicht Beiseite tritt bekommt eine Ladung auf die Kameralinse, mit etwas Glück trifft der Kollege sein Ziel, wenn nicht nunja er wurde ja ermahnt der Gaffer, wer nicht hören will, muss fühlen.

Engelchen und Teufelchen

Während ich mich so langsam in brass denke, mein Kreislauf durch den Raum joggt, das Teufelchen auf meiner Schulter einen astreinen Kasatschok hinlegt und meine Augenbrauen Wiedervereinigung feiern, kommt gemächlichen Schrittes, mit einem Zahnstocher im Mund rumpulend mein Schulterengelchen angeschländert und stellt die verhängnisvolle Frage „Hast du eigentlich mal die Quelle geprüft?“ Sag mal was bist denn jetzt du für ein Kasper? Mein Blick trifft ihn hart, er taumelt, aber er fällt nicht „“Ich bin der Gegenpart zu dem Klopskopp.“ Entgegnet er gelassen und zeigt auf den kasatschokierenden Schulterteufel. „Ja, der ist manchmal echt peinlich.“ Irgendwie komme ich mir seltsam vor, Selbstgespräche ja, aber mit zwei seltsamen Figuren? Ich dachte aus dem Alter mit den imaginären Freunden bin ich mittlerweile raus, scheinbar ja nicht, na toll, dann kommt bestimmt auch bald die Pubertät, das kann ja heiter werden. „Also Quelle geprüft?“ Der beflügelte Kamerad ist ganz schön penetran. „Nein“ knurr ich, „Steht im Internet also stimmt es, warum sollte ich da irgendwas prüfen?“ „Genau, es steht in der Zeitung also stimmt es.“ Der Flügelfuzzi lacht hämisch, „Nicht in der Zeitung, du Flattereumel, im INTERNET, das ist viel aktueller, schneller und man findet immer die Wahrheit.“ „Ja, wenn man sie richtig sucht, aber du hast ja nicht gesucht, du Noob.“

Hat der grade Noob gesagt? Ich hebe eine Augenbraue, funkel ihn erneut an, wieder wankt er, fällt aber nicht. Das Handy rettet diese surreale Situation und vibrationalarmt mich auf dem Boden rutschend, also das Handy rutscht nicht ich, in die Realität zurück, danke, aber ich komme immer noch nicht heran.

Quellencheck

Aber immerhin bin ich jetzt wieder in der Lage mit mir alleine zu reden ohne irgendwelche seltsamen Figuren auf meinen Schultern, hoffe ich.

Ich entscheide mich dann doch mal der Quelle nachzugehen, was ja bei schriftlichen Quellen einfacher ist, als bei Flussquellen, die sind zwar wie eine Internetquelle auch durchaus ein Ursprung, aber eben der einzig wahre, echte, da geht der Fluss los, der Quelle kann man nicht viel weiter nachgehen. Aber ich schweife entgegen meiner Gewohnheit völlig ab.

Ich eruiere also die Quelle, ich nehme erneut die Suchmaschine des Neulandes zu Hilfe und geben den Namen der Seite ein. Weiah, da habe ich mich aber ganz schön zum Obst gemacht, viel zu viel aufgeregt und echauffiert. Da steht der Postillon, also der Quell meiner mentalen Aufregung, sei eine Satire Seite. Das ist nicht lustig, naja doch ein bisschen, wenn ich an all meine Leidensgenossen da draußen denke, die Tag für Tag auf derlei Schlagzeilen hereinfallen.

Ach, einfach mal Danke

Mir bleibt nur eines zu tun, ich möchte mich an dieser Stelle bei all den gut gemachten Satireseiten drüben im Neuland bedanken, danke für die vielen Schmunzler und Lacher, die ihr uns schenkt, aber auch Danke an alle, die die Satire nicht durchschauen und uns dann mit ihren Reaktionen unterhalten, ohne euch wäre die virtuelle Welt um einigen Humor, gewollt oder nicht, ärmer.