Mimikama-Kolumne: “Ich sitze hier am Kopfende meines Tisches”. Von Jens H., mimikama.at

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Ich sitze hier am Kopfende meines Tisches…

und eigentlich wollte ich hier einfach nur so sitzen, doch eines geht mir einfach nicht aus dem Sinn, dabei ist der Gedanke hinter der Bitte gar nicht so abwegig, aber es beschäftigt mich seit einiger Zeit und deshalb sitze ich eben jetzt hier nicht einfach nur so, sondern lasse meine Gedanken um dieses eine Wort kreisen und schweben – behindert.

Bereits letztes Jahr habe ich mir auf meinem privaten Profil Gedanken dazu gemacht und die Welt dazu genötigt daran teilzuhaben, aber die Diskussion ist immer noch aktuell, also denke ich mir warum eigentlich nicht, schau ich eben noch einmal drauf, vielleicht fällt mir ja was aufregendes Neues ein, oder kann meine Leser inspirieren sich selber einmal Gedanken zu machen und in ihrem persönlichen Umfeld einmal darauf zu achten, wie es dort gehandhabt wird.

Dazu sollte ich für all diejenigen, denen es bislang nicht so recht aufgefallen ist, erwähnen, ich habe eine Körperbehinderung, genauer eine spinale Muskelatrophie und muss mir nie Sorgen machen ich bekäme keinen Sitzplatz, den habe ich immer dabei.

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Was ist in den letzten 25 bis 30 Jahren in unserem Sprachgebrauch schiefgegangen?

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, so war es für mich selbstverständlich und normal meine Behinderung als eben jene auch direkt zu kommunizieren.

Ich habe da letztes Jahr den ersten Schultag am Gymnasium als Beispiel angeführt. Ich weiß noch es waren 14 Stufen bis ins „Erdgeschoss“ ich rumpelte mich, damals noch als Fussgänger, die Stufen hinauf, oben saß unser Hausmeister in seinem Glaskasten und wollte besorgt wissen, ob ich vor der Tür gestürzt sei.

Offen gab ich ihm Auskunft, das sei bei mir immer so, ich könne wegen meiner Behinderung nicht so gut Treppen steigen, oder schnell rennen, körperliche Anstrengungen und ich wären nicht die besten Freunde.

Ihm genügte die Auskunft völlig und ohne meine Wissen oder Wollen, sorgte er für mich und damit auch für meine Klasse für eine gehörige Portion „Marscherleichterung“, Stellungswechsel in entferntere Räume wurden nur in den „großen“ Pausen unternommen, ich bekam die Erlaubnis, genau wie die Sek. 2, mich in den großen Pausen in der Schule, in meiner Klasse aufzuhalten, während alle anderen runter in den Hof mussten.

Aber weiter mit den Ereignissen des ersten gymnasialen Schultages, ich wanderte also weiter die Treppe hinauf, wurde von einem etwas stabiler gebauten Jungen ein- und überholt, er bremste leicht ab und lief neben mir her, musterte mich von der Seite und stellte die fatale Frage, warum ich so renne.

Ich sah ihn an und gab ihm dieselbe Antwort wie dem Hausmeister

„Ich habe eine Behinderung, kann schlecht Treppensteigen, rennen, naja alles halt.“

Er zuckte die Schultern „Na, dann gib mal deinen Ranzen her.“

Damals auf der Treppe entstand eine Freundschaft, die Jahre, Entfernung, Trennung überdauert hatte – letztes Jahr verstarb mein Freund und verdammt ich vermisse ihn.

Aber zurück zum Anfangsgedanken was genau ist schiefgelaufen?

Schleichender sprachlicher Verfall würde ich es nennen, das Wort „behindert“ wurde immer negativer besetzt.

Vermutlich – wie es bei der Umgangssprache immer ist – haben einige Jugendliche mit sparsam ausgebauten Obergeschoss in einer Bierlaune, die letzte geistige Glanzleistung eines Bekannten, vielleicht ist er bei einer Klettereinlage vom Zug gefallen, mit den launigen Worten „Würde ich nie machen ich bin doch nicht behindert“ kommentiert.

Liebe Leute lasst Euch sagen – nahezu 100% aller Behinderten würden es ebenfalls nicht machen, der eine Teil ist körperlich dazu nicht in der Lage oder schlichtweg nicht so strunzdoof wie euer vom Zug gefallener Kollege.

Nützt aber nichts, denn eine Situation, eine Aktion, einen Film, ein Buch etc. als behindert zu bezeichnen wurde salonfähig. Zumindest weitestgehend.

Nicht im direkten sozialen Umfeld von Behinderten, aber drum herum.

Meine Freunde würden vermutlich niemals auf die Idee kommen eines der oben genannten Ereignisse als behindert zu bezeichnen, sie assoziieren behindert mit mir und sie würden mich vermutlich eher selten gedanklich mit einem schlechten Buch, oder einem vom Zug gefallenen Surfer in Verbindung bringen.

Aber eine ganze Generation hat es geschafft, behindert ist schlichtweg etwas schlechtes unausprechliches, sozusagen der Lord Voldemort der köperlichen oder geistigen Einschränkungen, jeder kennt es aber keiner will es aussprechen.

Aber, ein aber gibt es ja immer, aber keine Generation ist davor (zumindest nach dem heutigen Stand der Medizin) gefeit, dass es Eltern gibt, deren Kind oder Kinder behindert zur Welt kommen. So bekommt jetzt die Generation, die eben noch behindert als negativ besetzt salonfähig gemacht hat, teilweise behinderte Kinder.

Nun ist doch aber behindert das böse b-Wort. Was tun sprach Zeus?

Teile dieser Eltern, also aus der Generation, die behindert mit als böse und schlecht etabliert haben, verfallen auf einen Trick – sie greifen sich ein Adverb um die Situation und ihr Kind zu beschreiben – besonders.

Nicht, das etwa grob geschätzt 100% aller Eltern ihr Kind für etwas ganz Besonderes halten, besonders wohl geraten, besonders niedlich, besonders süß, man kann diese Aufzählung nahezu endlos fortsetzen. Zumindest ist mir kein Fall bekannt in dem es auf der Neugeborenen Station zu folgender Aussage kam

Vater zur Mutter: „Glückwunsch zur Geburt mein Schatz, noch zwei davon und wir können uns mit einer Geisterbahn selbstständig machen!“

Nein alle Kinder sind etwas Besonderes.

Für das Kind ändert es zunächst einmal gar nichts, ob ich jetzt nicht auf den Baum klettern kann, weil ich behindert bin oder weil ich besonders bin. Bin ich behindert und komm deshalb nicht auf den Baum, so ist behindert sein gelinde gesagt Scheisse und wenn ich nicht auf den Baum kann, weil ich besonders bin, dann ist besonders sein Scheisse.

Später wird es schon schwieriger, nehmen wir mal meine Geschichte von vorhin, die aus den späten 70er Jahren, ich möchte nicht wissen, was mir der Hausmeister oder mein Freund auf der Treppe erzählt hätten, wenn ich ihnen gesagt hätte „Ich bin so langsam weil ich besonders bin.“

Wohlgemerkt besonders ist ein Adverb – da wird im Sprachgebrauch sehr flott ein „er hält sich für etwas besonderes“ draus. Einem behinderten Mitschüler springt in jeder Altersstufe ein/e Mitschüler/in helfend zur Seite, wenn die „Halbstarken“ es mal wieder übertreiben, bei einem „besonderen“ ich weiss nicht. Dafür wird besonders noch nicht stark genug mit behindert in Verbindung gebracht.

Wie schaffen diese Eltern eigentlich den geistigen Spagat?

Zum einen ist das Kind nicht behindert, sondern besonders, zum anderen gibt es entsprechende Hilfe und Vergünstigungen aber nicht für besonders sondern für Behinderungen.

Die Merkzeigen „G“ und „aG“ im Ausweis für SchwerBEHINDERTE (nicht SchwerBESONDERE) stehen für „G“=Gehbehindert und „aG“`=außergewöhnlich Gehbehindert (und nicht Gehbesonders), obwohl eine Bezeichnung wie schwer mehrfach besonders einen gewissen morbiden Charme hat.

Wie also schaffen das diese Eltern?
Wie gehen sie sprachlich mit ihrem behinderten Kind um?
Schafft es die Treppe nicht, weil es behindert ist, oder weil es besonders ist?

Ein Freund von mir sagt, anders sein ist toll, sicherlich ist behindert sein nicht das was er meint und so richtig toll ist es auch nicht, aber es ist auch nicht so schlimm wie es durch den allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile gemacht wird.

Es heisst so schön die Behinderung beginnt im Kopf, aber muss es im Kopf der Eltern sein?
Liebe Eltern warum gebt ihr dem Druck von aussen nach warum macht ihr es für Euch und Eure Kinder so schwer?

Natürlich ist es für Eltern nicht prickelnd, wenn das Kind behindert ist, zumal der Mensch dazu neigt zu vergleichen und wenn das eigene Kind mit 8 immer noch nicht richtig laufen kann ist es schwer zu verdauen.

Da müsst ihr dran wachsen, verleugnen über „mein Kind ist eben besonders“ hilft da wenig, mit der Zeit werdet ihr an diesem Spagat zerbrechen. Ich würde auch gerne noch laufen und Autofahren – aber lasst Euch eins sagen um die Welt und das Leben zu geniessen, muss man nicht laufen, oder Autofahren – die Welt nimmt man mit seinen zur Verfügung stehenden Sinnen wahr – Autofahren und laufen sind nur Ergänzungen oder Erleichterungen, aber nicht explizit notwendig zum Erleben der Welt.

Natürlich sollte der Mensch immer im Mittelpunkt stehen, aber wir reden ja auch von Blondinen, Brünetten etc. und nicht von Frauen mit blonden Haaren.

Weshalb es meines Erachtens auch nicht schlimm ist, wenn wir, abhängig von der Situation und dem Kontext auch einfach mal von dem, oder der, Behinderten sprechen. Solange es in einem respektvollen Zusammenhang formuliert ist.

Niemand braucht sich zu schämen!

Wenn wir alle jedes Mal wenn in einem Gespräch, einem Thread, Blog etc etwas als behindert bezeichnet wird aktiv werden und hinterfragen warum ist er/sie es als behindert bezeichnet und was an einer Behinderung vergleichbar schlecht ist, dann sollte es uns mit der nötigen Geduld gelingen „behindert“ und „Behinderung“ wieder als das zu etablieren was es eigentlich ist, etwas womit man umgehen kann und wofür sich niemand zu schämen braucht.

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