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Pauli, oder ein Hund macht sich Luft

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Wieder einmal sitze ich hier am Kopfende meines Tisches, der Hausstaub des Umbaus nebelschwadet sanft durch die Räume könnte man meinen, dabei ist es bloß diese leichte Schicht, die sich auf die Brille gelegt hat und egal wohin man blickt, man erinnert sich an Diane Fosseys „Gorillas im Nebel“. Aber, so baue ich mich immer wieder auf, es ist auch irgendwann vorbei und dann ist es so, wie es gut ist und passt.

Weniger gut passt im Moment der Blick aus dem virtuellen Fenster, egal wo man da hinschaut, die Welt verkommt, verroht und verarmt, letzteres nicht nur monetär, nein auch in zunehmendem Maße seelisch, die Moral der Menschheit, so scheint es, geht langsam aber sicher vor die Hunde und augenscheinlich haben etliche daran Freude entwickelt.

Eigentlich könnte ich einfach hier sitzen und über den Niedergang von Ethik und Moral lamentieren, einen Vortrag über das Zwischenmenschliche und die in Europa angeblich so wichtigen christlichen Werte halten und weiß, bei vielen meiner Leser würde ich damit offene Türen einrennen und bei anderen nicht einmal den Ansatz des Nachdenken anregen. Denn für viele enden die zu verteidigenden christlichen Werte mit der Zahlung der Kirchensteuer, wenn sie nicht bereits aus Kostengründen aus eben dieser Kirche ausgetreten sind.

Würde es etwas nützen dazu etwas zu sagen, ja vielleicht, schließlich sind wir alle gefragt, aber es wird im Moment von vielen darüber geredet, leider auch sehr viel dummes, rassistisches Zeugs, deshalb mache ich etwas völlig anderes, ich erzähle eine Geschichte und zwar die Geschichte von Pauli. Pauli ist, um die Sachlage jedem näher zu bringen, ein Vierbeiner, genauer gesagt ein Hund mit vier Beinen, treuen Augen und einem lieben Charakter, eben genau so wie man sich einen treuen Begleiter für sich und die Familie vorstellt.

Es begab sich eines erbaulichen Tages, dass Pauli sein Herrchen nebst Tochter, die des Herrchens, nicht die von Pauli, in ein Fast Food Restaurant begleiten durfte, diese Restaurants heißen nicht etwa deshalb so, weil dort fast, also beinahe, so etwas wie Essen serviert wird, sondern weil es schnell im Sinne des englischen „fast“ auf den Tisch kommt. Ein Schnellrestaurant in dem beinahe so etwas wie Essen serviert wird, wäre demnach im allerbesten Denglisch ein „fast fast food Restaurant“, obwohl das auch wieder Verwirrung stiften könnte, es könnte ja auch bedeuten, dass es nur beinahe schnell geht, also ein langsames schnell Restaurant – jo mei ist das schwer.

Herrchen nahm also Pauli kurz an die Leine und gemeinsam mit der Tochter Platz an einem Tisch, Pauli hingegen als wohlerzogener Hund, der er nun einmal ist, machte es sich unter selbigem bequem, schließlich war das, was die da oben in sich hinein schieben würden nicht direkt das, was man unter gesunder Ernährung verstehen würde und für einen Hund eh abträglich.

Es versprach alles in allem ein ruhiger Moment zu werden, doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Wer die Schnellrestaurants dieser Welt kennt, weiß da gibt es mehr als einen Tisch, so auch in diesem, da unterschied es sich nicht weiter von den anderen. Es war ein lauschiger Tag, so trieb es bunt durchs Restaurant, Eltern mit Kindern, die Spaß hatten, meist die Kinder, die Eltern schauten schon mal etwas bedröppelt drein, vielleicht war es ihnen bis zu einem gewissen Punkt unangenehm, wenn die eigenen Kinder Spaß hatten und dies lautstark die Umwelt wissen ließen und so kam es wie es kommen musste.

In der Nähe drehte ein Junge auf einem Stuhl munter seine Runde, gluckste dabei immer mal wieder geräuschvoll aber glücklich vor sich ihn, doch dieser Frohsinn war einem älteren Herrn durchaus ein Dorn im Auge, griesgrämig zog er eine Augenbraue hoch und die eh schon runzelige Stirn in noch mehr Falten – ein Faltenmeer sozusagen, aber ein Sturm umtobtes und gar wenig freundlich erscheinend. Als sein finsterer Blick aber an der Mauer aus Glücksseeligkeit des Jungen zerbarst, wie ein auf den Boden aufschlagendes Glas, trieb ihn seine innere Unzufriedenheit soweit, sich direkt an die Mutter des Jungen zu wenden, sie möge doch auf ihn, also den Jungen, einwirken und ihn von weiteren Runden auf dem Drehstuhl abhalten, wer weiß vielleicht wurde dem armen Greis beim Zuschauen speiübel. Die Mutter hingegen sah keinerlei Anlass der Aufforderung in irgendeiner Form auch nur ansatzweise nachzukommen, auch eine angedeutete Veränderung des Sitzplatzes des Jungen unterlag keinerlei erkenntnisreicher Begründung und wurde von ihr mithin als unzureichend begründet zurückgewiesen. Der Greis ward ob dieser Zurückweisung noch faltiger, griesiger und grämiger, schalt sie gar finstere Namen und verwünschte sie ob ihrer fremdländischen Herkunft.

Paulis Herrchen merkte, wie sein Herz zu rasen begann und er wollte bereits zur Rettung der Mutter zur Tat schreiten, als diese ihm mit einem weisen Blick zu verstehen gab, dass sie dieses Ansinnen wohlwollend und anerkennend zur Kenntnis nahm, jedoch für weiteres Einschreiten keinerlei Anlass sah. Die Hand der Tochter lag leicht auf Herrchens Arm, als er sich entspannte, dabei entglitt ihm ein wenig mehr von Paulis Leine, dieser zog sich, durch die spürbare Anspannung seines Herrchens etwas weiter zurück, näherte sich dabei eher unabsichtlich dem Greis und legte sich dort, Herrchen sorgenvoll im Blick behaltend, nieder.

Jetzt hatte Pauli aber ein minimales Problem, die Anspannung sowie eine vorangegangene Umstellung des heimischen Futters haben seine inneren Organe allen voran den Magen und den angeschlossenen Verdauungstrakt etwas irritiert und diese Irritation machte sich auf natürlichem Wege Luft, was wiederum den Greis greislich in der Nase zwickte und ihn nun seinerseits verwirrte und er warf entsprechende Blicke über den Rand seiner Brille – vielleicht war sie aber auch beschlagen, denn was den hinteren Regionen eines Hundes zeitweilig entfleucht, das lässt schon mal die Augen tränen.

Ob dem Greis sein Essen noch weiterhin gemundet hat, ist nicht weiter überliefert.

Pauli jedoch hat sich Luft gemacht, schade, dass man das nicht duftend unter so manche der neuerlich immer öfter auftauchenden Kommentare setzen kann, die genauso stinken wie die Äußerungen des Greises im Schnellrestaurant.

Die Welt braucht mehr Paulis – gewaltfreier Widerstand.

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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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