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Ich sitze hier am Kopfende meines Tisches, blättere mich munter durch das mentale Fotoalbum meiner Erinnerungen, was hat sich nicht alles in den letzten Jahren verändert, der Hund ist alt, die Kinder groß, sind sie deshalb ordentlicher, die Kinder nicht der Hund, nein sind sie nicht, oder aber ich habe nur einfach aufgegeben ihre Zimmer heimzusuchen, bzw. heimsuchen zu lassen, nachdem eine wundervolle Haushaltshilfe erst mit der Bergrettung geborgen werden konnte – lange wusste ich nicht, ob ich darüber überhaupt mein Leid klagen sollte, ist es doch hinlänglich peinlich derartige Erziehungsfehlschläge einzugestehen, wie wohl meine Eltern damit umgegangen sind?

Wie dem auch sei, ich grübele noch darüber nach, ob und wie ich mich ausjammern sollte, da flattert mir der Tatsachenbericht einer guten Freundin auf den Tisch, den ich Euch einfach nicht vorenthalten kann, ich übernehme ihn im Wortlaut und weiterhin keine Haftung für irgendwelche Schäden:

Wochenende ..

Die allmorgendliche Katastrophe ist vorüber. Die Wohnung ist still. Auf der Suche nach Frühstück entdecke ich hinter einem halben Dutzend schimmeliger Milchtüten das Nutellaglas. Drin steckt ein Messer, das Glas ist leer, selbst für den allergrößten Optimisten und ohne Kaffee bin ich nicht optimistisch.

Auch die Butter fehlt. Genau wie die Zeitung. Mir ist der Appetit vergangen. Also erst Duschen. Es gibt nur kaltes Wasser, das dafür nicht abläuft.

In der Brühe treiben Fläschchen mit lustigen Häschenbildern. Sie sind leer, und ihre Deckel verstopfen den Abfluss, zusammen mit Haaren, die ich noch nie auf dem Kopf meiner Söhne gesehen habe. Das einzige Duschgel,das nicht nach Katzenpisse riecht, treibt in Richtung Schlafzimmer ab. Der Damm aus Textilien, den jemand umsichtig errichtet hat, bricht und erfasst alle sauberen Handtücher und meine frischen Kleidungsstücke. Ich brauche seelischen Beistand.

Auf der Suche nach dem Telefon stolpere ich über ein beeindruckendes Sortiment modernster Telekommunikationselektronik samt Originalverpackungen, die es teilweise an Volumen mit jeder Hundehütte aufnehmen könnten und vermutlich bis zum Tag des jüngsten Gerichts aufzubewahren sind. Vorzugsweise in engen, dunklen Fluren.

Ebenso ist das Mitführen von Smartphones scheinbar nur an Schultagen Pflicht; an Wochenenden haben massive Kästen mit allerlei absonderlichen Aufbauten eindeutig Vorrang. Weil „wir da ja Sport machen, Tennis und so“, vor dem Bildschirm, mit dem Aktionsradius eines Tischventilators. So habe ich Glück und finde im Gästeklo halsbrecherisch auf dem Spülkasten eiernd ein 700-Euro-Handy.

Ungeschickt tupfe ich unsere Festnetznummer in die winzigen Tasten. Ein schwaches Wimmern führt mich zu einer Zimmertür, die sich mit äußerster Anstrengung gegen einen offensichtlichen Lawinenabgang stemmt. Ein mitgerissener Stapel Comics hat einen winzigen Spalt offen gehalten, durch den Bettwäsche quillt. Ohne Frühstück passe ich mühelos durch und befinde mich jetzt mitten im Katastrophengebiet. Das Wimmern wiederholt sich, wird aber mit jedem Freizeichen schwächer und ist unmöglich zu orten. Als ich beherzt zu graben beginne, klirrt Geschirr.

Tapfer schaufele ich mich durch eine treibsandartige Mischung aus teils unidentifizierbarem Teenagerbedarf und Haushaltswaren zu den Verschütteten vor. Auf einem Teller liegt was von der Zeitung übrig ist, darunter  ein Brot mit Streichwurst.

Das fettige Papier ist fast durchsichtig und hat sich wie ein Leichentuch über die Brotscheiben gelegt. Die Todesanzeigen sind verblichen; ein paar Nullen erkennt man noch im Wirtschaftsteil. Und natürlich das „Vermischte“. Die Reiserubrik liegt ein ganzes Stück weiter weg.

Das schnurlose Telefon muss  unter den ersten Opfern gewesen sein. Ich finde es, gerade als mit einem letzten, herzzerreißendes Fiepen das Display erlischt. Behutsam berge ich es aus seinem müffelnden Grab. Es riecht nach alten Socken. Kann aber auch Popcorn sein, für mich riecht das absolut gleich. Ein Fass Rum um den Hals fände ich jetzt auch gut. Statt dessen erwartet mich ein Bad Hair Day ohne Frühstück und Bildung.

Als ich das Telefon in die Ladestations stecke, blinkt der Anrufbeantworter.  Meine beste Freundin, die als nächstes, jetzt aber echt,  die Polizei rufen wird, weil mich „schon seit Ewigkeiten“ keiner mehr gesehen hat.

Genau wie die Butter.

Ich beiße die Zähne zusammen, dusche mit kaltem Wasser und den Resten aus den Flaschen mit den Häschen drauf, und flüchte in Mantel und Schlafanzug zur Freundin. Die Idee mit der Polizei lässt mich nicht mehr los. Ich muss hier was richtig stellen.

Für meine detaillierte Beschreibung der Zustände vor Ort und der heißen Ware werde ich als aufmerksame und geistesgegenwärtige Zeugin gelobt. Sogar das Fehlen eines Ladekabels und mehrerer Paar Kopfhörer waren mir aufgefallen. (Genau genommen, seit zwei Wochen.)

Zitternd vor Dankbarkeit und Hunger diktiere ich dem Freund und Helfer am Telefon unsere Adresse. Nein, die Täter sind inzwischen sicher auf der Flucht. (Mein silbernes Sturmfeuerzeug, das Schlüsselmäppchen und der schwarze Kaschmirschal fehlen von der Kommode im Flur.)

Es wird wohl einige Zeit dauern,  Hard- und Software in allen Ausführungen, Größen und Preislagen zu bergen und zu katalogisieren. Zusammen mit den Peripheriegeräten könnte ich davon meine sämtlichen Schulden bezahlen und hätte trotzdem noch immer Butter und warmes Wasser.

Das vorsintflutliche IPhone in der Gameboyhülle mit den Lippenstiftspuren am Home-Button wird ihnen Rätsel aufgeben, und es wird mir fehlen. Es war ein Geschenk von einem meiner Söhne. Er hatte „eines übrig“. Hier werden bald ganz andere Zeiten anbrechen.

Nach mir die Sintflut. Und vielleicht finden sie ja die Butter.

 

 

 

 

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